8. November 2017

Housesitter - Andreas Winkelmann

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Wunderlich
Seiten: 496
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Der Autor:

Andreas Winkelmann, Jahrgang 1968, arbeitete unter anderem als Sportlehrer, Ausbilder bei der Armee und Taxifahrer, interessierte sich aber bereits als Jugendlicher fürs Schreiben und besonders für unheimliche Literatur. Seine Werke sind u. a. Hänschen klein, Tief im Wald und unter der Erde, Blinder Instinkt und Wassermanns Zorn.

Inhalt:

Thomas und seine schwangere Freundin Saskia kommen aus dem Urlaub zurück. In ihrer Wohnung merken sie gleich, dass irgendetwas nicht stimmt: Es riecht muffig, Gegenstände stehen anders, die Küche wurde benutzt. Doch bevor sie reagieren können, werden sie überfallen und niedergeschlagen.

Fünf Wochen später wacht Thomas aus der Langzeitnarkose im Krankenhaus auf. Er hat den Angriff des Täters nur mit großem Glück überlebt. Saskia dagegen ist seit dem Überfall spurlos verschwunden, die Ermittlungen haben bislang nichts ergeben. Thomas ist verzweifelt und hofft durch eine groß angelegte Plakataktion, Hinweise zu bekommen.

Zur gleichen Zeit untersucht die Kommissarin Priska Wagner den Mord an einer alleinstehenden Frau. Als sie von Thomas' Fall hört, erkennt sie Parallelen. Gemeinsam versuchen Thomas und Priska, Saskia noch lebend zu finden und den Mörder zu stoppen ...

Bewertung:

Mit "Housitter" hat Andreas Winkelmann als der mittlerweile erfahrene Thrillerautor, der er ist, einen weitgehend soliden, aber nicht überdurchschnittlichen Spannungsroman abgeliefert.

Die Grundidee ist reizvoll und verspricht einiges an Spannung und Nervenkitzel. Man weiß zunächst nicht, was der Täter genau mit Saskia vorhat, und man verfolgt interessiert Thomas' Suche nach ihr. Vielleicht lebt sie noch und kann rechtzeitig gefunden werden; vielleicht aber kann wenigstens eine andere Frau davor bewahrt werden, ebenfalls zum Opfer zu werden. Natürlich sorgt Saskias Schwangerschaft, die sie Thomas gerade erst auf der Heimreise mitteilte, für eine zusätzliche Brisanz.

Gut gelungen sind überdies die Rückblicke in die Kindheit des Täters. Seine Vergangenheit ist zwar recht klischeehaft, aber dennoch auch anrührend. Der Mörder wird zwar beileibe kein Sympathieträger dadurch, aber man fühlt zumindest mit dem kleinen Jungen, der er mal war und dessen Leben so früh auf die falsche Bahn gelenkt wurde. Die Einblicke in seine Vergangenheit machen neugierig, und man ist stets gespannt darauf, weitere Rückblicke zu lesen. Eine recht gelungene Figur ist überdies Kommissarin Priska Wagner. Der Fall von Thomas und Saskia fällt eigentlich gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich, und es gibt keine offensichtlichen Parallelen. Die eigenwillige Priska vertraut aber ihrem Instinkt, auch wenn sie bei Kollegen und Vorgesetzten dadurch aneckt.

Blasser kommt dagegen Thomas daher. Gewiss lässt einen sein Schicksal nicht kalt, aber darüber hinaus kommt keine enge Bindung zu ihm auf. Der Täter ist auch nur in seinen Rückblicken interessant; als Erwachsener ist er ein sehr beliebiger Serienmörder, der sich durch nichts abhebt. Überhaupt wird die gesamte Handlung recht schematisch - dazu gehört sowohl, dass Priska anfangs erhebliche Probleme mit ihrem Kollegen hat, als auch das Ende, das sich recht konventionell und vorhersehbar abspielt. Unterm Strich gibt es bessere Thriller des Autors, dieser hier wirkt eher wie ein Schnellschuss.

Fazit:

"Housesitter" von Andreas Winkelmann ist ein durchschnittlicher Thriller, für Zwischendurch ganz unterhaltsam, aber in keiner Hinsicht etwas Besonderes.

23. Oktober 2017

Drei Tage und ein Leben - Pierre Lemaitre

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Klett-Cotta
Seiten: 270
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Der Autor:

Pierre Lemaitre aus Frankreich, Jahrgang 1951, verfasst sowohl Romane als auch Drehbücher. Für sein Buch "Wir sehen uns dort oben" erhielt er 2013 den "Prix Goncourt", den bedeutendsten französischen Literaturpreis. Weitere Werke sind "Der kalte Hauch der Angst" und "Ich will dich sterben sehen".

Inhalt:

1999 im französischen Dorf Beauval: Nachdem der Vater die Familie verlassen hat, lebt der zwölfjährige Antoine allein mit seiner Mutter. Trotz des Verlustes seines Vaters führt der Junge ein recht ausgeglichenes und zufriedenes Leben. Das ändert sich, als seine Freunde sich alle regelmäßig zum Playstationspielen treffen, was Antoines konservative Mutter verbietet.

Antoine wird dadurch immer einsamer. Die meiste Zeit verbringt er mit dem Nachbarshund Odysseus im Wald von Saint-Eustache, wo er ein Baumhaus baut. Antoine steckt alle Energie in dieses Baumhaus; der erhoffte Eindruck bei seinem Schwarm Emilie bleibt jedoch aus. Als der Nachbar auch noch den verletzten Hund erschießt, anstatt ihn zum Tierarzt zu bringen, verzweifelt der Junge völlig. Als der sechsjährige Nachbarssohn Rémi ihn im Wald aufsucht, verliert Antoine die Kontrolle und schlägt Rémi mit einem Stock an den Kopf - und verletzt ihn dabei tödlich.

In seiner Furcht vor den Folgen lässt Antoine den kleinen Körper im Wald verschwinden. Wenige Stunden später beginnt die Suche nach Rémi. Antoine schwankt zwischen Panik und Schuldgefühlen: Wird man Rémis Leiche finden? Wird der Verdacht auf Antoine fallen? Soll er leugnen oder gestehen ...?

Bewertung:

Pierre Lemaitres "Drei Tage und ein Leben" erzählt in meisterlicher Eindringlichkeit von einem fatalen Moment, der das Leben eines bis dahin unauffälligen Jungen für immer verändert - ebenso wie das Leben der Menschen um ihn herum.

Bis zu jenem dramatischen Vorfall im Dezember 1999 führt Antoine ein weitgehend ganz normales Leben. Er hat Freunde und ist nicht unbeliebt, ist intelligent; seine Mutter mag manchmal etwas streng und konservativ sein, aber sie liebt ihren Jungen und möchte ihn vor allem Bösen in der Welt beschützen. Zwar ist er ein Scheidungskind, und ihm fehlt eine Vaterfigur, aber davon abgesehen verläuft sein Leben so weit glücklich. Die plötzliche Einsamkeit, der Frust über den misslungenen Hüttenbau und der Verlust des treuen Nachbarhundes zerstören im Nu diese solide Zufriedenheit, und im Affekt kommt es zur ungewollten Tötung des kleinen Rémi.

Der Leser erhält ein detailliertes und tiefgründiges Porträt eines unglücklichen Jungen, der große Schuld auf sich geladen hat. Antoine ist nicht immer sympathisch, aber gewiss auch kein böser Mensch; eine Verkettung unglückseliger Umstände mündet in einer unbeabsichtigten Tötung, und man fühlt mit dem verzweifelten Antoine. Einerseits drängt es ihn immer wieder, seine Schuld zu gestehen, vor allem, wenn er die hilflose Mutter Rémis sieht. Andererseits hat er Angst vor der Bestrafung; hauptsächlich aber will er seine Mutter schützen, die über diesem Wissen wohl zugrunde gehen würde. Antoines Gefühlswelt fesselt und ist gut nachvollziehbar; er ist intelligent, hat aber zugleich auch immer wieder wirre und undurchdachte Gedanken, die der Situation und seinem Alter angemessen sind.

"Drei Tage und ein Leben" ist kein klassischer Krimi oder Thriller, da man erstens den Täter kennt und vor allem zweitens dessen Gefühlsdilemma im Vordergrund steht. Dennoch ist die Handlung sehr spannend, da man nicht weiß, auf was sie hinausläuft: Wird sich Antoine freiwillig stellen, werden ihm die Ermittler auf die Spur kommen, oder ahnt vielleicht jemand aus dem Dorf etwas von seiner Tat? Auf der einen Seite wünscht man Antoine und seiner Mutter, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt, auf der anderen Seite sehnt man sich auch nach Gerechtigkeit für Rémi. Antoines seelisches Leiden und seine Zerrissenheit machen den Roman zu einem bewegenden Zeugnis von Schuld und Sühne, das der Leser nicht so schnell vergisst. Darüber hinaus ist das Werk auch eine reizvolle Demonstration, wie ein Dorf mit dem Fall eins verschwundenen Kindes umgeht, inklusive falscher Verdächtigungen und böser Gerüchte.

Das Ende wird gewiss manchen Lesern etwas zu offen sein. Das Buch endet sehr plötzlich und lässt Raum für gewisse Spekulationen, was aber wiederum zum Tenor der Geschichte passt.

Fazit:


"Drei Tage und ein Leben" von Pierre Lemaitre ist ein eindrucksvoller und ergreifender Schuld-und-Sühne-Roman, der eine intensive Lektüre garantiert.

17. Oktober 2017

Aquila - Ursula Poznanski

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Loewe
Seiten: 432
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Die Autorin:

Ursula Poznanski wurde 1968 in Wien geboren. Sie begann verschiedenste Studiengänge zu belegen, ehe sie sich für einen Werdegang als Medizinjournalistin entschied. Seit 2003 schreibt sie Jugend- und Erwachsenenbücher, insbesondere Thriller. Werke von ihr sind beispielsweise "Erebos", "Saeculum", "Fünf", "Blinde Vögel" und gemeinsam mit Arno Strobel "Fremd" und "Anonym".

Inhalt:

Die neunzehnjährige Kunstgeschichtsstudentin Nika lebt seit ein paar Wochen zwecks Auslandssemester in Siena, wo sie sich mit ihrer Kommilitonin Jenny eine WG teilt. Nach einer Partynacht wacht Nika dienstags in der Wohnung auf - und merkt entsetzt, dass ihr die Erinnerung an die letzten beiden Tage fehlt.

Sie erinnert sich nur noch, Samstagnacht mit Jenny unterwegs gewesen zu sein. Von Jenny gibt es aber keine Spur, zudem sind Nikas Handy, ihr Pass und der Wohnungsschlüssel verschwunden. Dafür findet sie einen Zettel in ihrer Hosentasche, auf den sie selbst einige kryptische Sätze mit Warnungen und Botschaften geschrieben hat, die ihr aber nichts sagen.

Zusammen mit ihrem Bekannten Stefano versucht Nika herauszufinden, was seit Samstagnacht geschehen ist und wo Jenny ist. Doch jede neue Erkenntnis beunruhigt Nika nur noch mehr. Und was hat es mit dem Mann auf sich, der sie immer wieder zu verfolgen scheint ...?

Bewertung:

Das Blut ist nicht deines.
Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist.
Halte dich fern von Adler und Einhorn ...

"Aquila" demonstriert wieder einmal, dass Ursula Poznanski gleichermaßen im Jugend- wie im Erwachsenenbereich zu Hause ist. Das Cover mit dem stilisierten Flügel, ledergenarbter Oberfläche und Goldprägung ist ein wunderbarer Blickfang, hat nur einen eventuellen Makel: Zusammen mit dem zunächst rätselhaften Titel denkt man schnell an ein Fantasywerk; tatsächlich ist "Aquila" jedoch ein Thriller ab etwa vierzehn Jahren ohne jedes übernatürliches Element.

Der Leser weiß nicht mehr als Hauptfigur Nika und verbündet sich schnell mit ihr. Die Ausgangslage ist spannend und sehr rätselhaft: Wo ist Nikas Mitbewohnerin Jenny? Was ist seit der Nacht von Samstag zu Sonntag geschehen, warum hat Nika ihre Erinnerung verloren? Was haben die seltsamen verschlüsselten Notizen zu bedeuten? Und warum sind Nikas Handy, Portemonnaie und Haustürschlüssel verschwunden, die Haustür zudem abgeschlossen? Klar ist nur, dass Nika in jener Nacht etwas Schreckliches erlebt haben muss. Ganz diffus blitzen ab und zu beunruhigende Erinnerungsfetzen auf, die Nika aber nicht helfen, sondern sie nur noch mehr verwirren. So verspürt sie beispielsweise Panik und Übelkeit, sobald der Nirvana-Song "Smells Like Teen Spirit" erklingt - was ist ihr wohl beim Hören dieses Liedes widerfahren? Angeblich soll sie zudem heftig mit Jennys Freund geflirtet und sich mit Jenny gestritten haben. Nika versteht die Welt nicht mehr, weiß nicht, wem und wessen Aussagen sie noch trauen kann, ja nicht einmal sich selbst mag sie noch trauen. Als Jenny schließlich offiziell als vermisst gilt, gerät Nika auch noch ins Visier der Ermittler; ihr Gedächtnisverlust wird infrage gestellt.

Verbunden wird die aufregende Rätselsuche mit viel Lokalkolorit. Der Leser erhält ein detailliertes und sehr farbenfrohes Bild von Siena. Vor allem die verwinkelten Gassen und die unterirdischen Wasserstraßen, die eine wichtige Rolle spielen, sorgen für eine prickelnde Atmosphäre. Auch ein paar Infos zu Sehenswürdigkeiten, Geschichte und Lebensart werden souverän eingeflochten, genug, um neugierig auf die toskanische Stadt zu werden.

Nikas Verzweiflung ist sehr gut nachzuvollziehen, überhaupt ist sie ein gelungener Charakter mit ein paar Ecken und Kanten. Ihr Verhältnis zu ihrem Stiefvater ist nicht besonders gut, daher mag sie ihre Eltern nicht in ihre Probleme involvieren. Ihr Leben war bislang etwas unstet; ihr ist noch nicht wirklich klar, wo ihre beruflichen Interessen und Talente liegen. Sie lebt erst seit ein paar Wochen in Siena und ist dort noch nicht heimisch. Sie hat bislang keine engen Freundschaften geschlossen, selbst mit Jenny bildete sie lediglich eine Zweckgemeinschaft. Nika spricht auch nicht sehr gut Italienisch, was ihre Nachforschungen noch komplizierter macht. Der nette Stefano steht ihr in diesen Tagen bei - aber ob sie ihm hundertprozentig trauen darf, vermag Nika nicht zu sagen. Nika verhält sich grundsätzlich realistisch, trifft ab und zu auch mal falsche und riskante Entscheidungen, was aber zu ihrer überforderten Lage passt.

Die Auflösung ein wenig dadurch getrübt, dass hier das Verhalten vor allem einer Person nicht so ganz nachvollziehbar erscheint - vielmehr wirkt es ein wenig konstruiert, um den Verlauf des Ausgangs zu ermöglichen. Auch das Verhalten einer weiteren Figur ist recht überzogen und nicht ganz glaubwürdig. Generell ist das Ende nicht ganz so stark wie erhofft, verhältnismäßig unspektakulär und zahm im Vergleich zur spannenden und atmosphärischen Handlung zuvor.

Fazit:

"Aquila" von Ursula Poznanski ist ein souveräner Thriller für junge und erwachsene Leser, der gut unterhält und im reizvollen Siena spielt. Es handelt sich zwar nicht um das beste Werk der Autorin, aber es schenkt sehr solide und kurzweilige Lektürestunden.

7. Oktober 2017

Mein Wille geschehe - Jennifer Benkau

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Bastei Lübbe
Seiten: 334
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Die Autorin:

Jennifer Benkau, Jahrgang 1980, verfasst vor allem Fantasy und Spannungsromane. Weitere Werke sind u. a. die Nybbas-Trilogie, "Dark Canopy" und "Dark Destiny".

Inhalt:

Nach vierzehn Jahren hat Derya sich endlich von ihrem dominanten Ehemann Robert getrennt und bemüht sich, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Vor ein paar Jahren hat sie einen Bestseller veröffentlicht, doch bislang konnte sie nicht mehr an den Erfolg anknüpfen. Sie arbeitet abwechselnd in einem Café als Kellnerin und bei REWE als Verkäuferin, hat außer ihrer Nachbarin Sonne keine enge Freundin und lebt sehr zurückgezogen.

Seit jeher trauert sie ihrer Jugendliche Jakob nach. Die beiden waren zu Schulzeiten eine Weile zusammen, ehe er sie verließ und in die USA ging. Und plötzlich steht Jakob zufällig vor ihr. Auch nach all den Jahren wirkt er noch genauso anziehend auf Derya wie früher, und er scheint gleichfalls Interesse an ihr zu haben.

Zur gleichen Zeit fühlt sich Derya immer stärker von einem Unbekannten gestalkt. Nachts folgt ihr ein Mann auf der Straße, es verschwinden Dinge aus ihrer Wohnung, schließlich findet sie ihr Zuhause durchwühlt vor. Für Derya steht fest: Ihr Exmann Robert muss der Täter sein. Oder irrt sie sich? Und auch mit Jakob scheint etwas nicht zu stimmen ...

Bewertung:

Wenn man regelmäßig Thriller liest, wird man durchaus erahnen können, auf was "Mein Wille geschehen" von Jennifer Benkau hinausläuft. Aber selbst dann ist die Lektüre unterhaltsam, da der genaue Ausgang ungewiss ist. Fast von Beginn an liegt eine unheilvolle Stimmung über der Handlung, die sich subtil immer weiter steigert. Es passiert lange Zeit eher wenig, und doch nimmt einen die beklemmende Atmosphäre zunehmend gefangen; man spürt, dass sich etwas Schlimmes anbahnt, ohne dass man es konkret benennen könnte.

Derya führt ein einsames und trostloses Leben. Ihre beiden Jobs sind stressig, Freunde hat sie kaum, ihr Verlag drängt nach einem neuen Buch, für das ihr die Kreativität fehlt. Ihre einzigen Gesprächspartner sind ihre Freundin Sonne und ihre Psychotherapeutin Hannah. Zu ihren schönsten Momenten gehören die Unternehmungen mit ihrem Neffen, doch der Kontakt zur Familie ihres Exmannes bringt immer mehr Spannungen mit sich. Es ist nicht schwer, Mitleid für Derya zu empfinden, dafür muss sie einem nicht einmal außergewöhnlich sympathisch sein. Eine reizvolle Nebenfigur ist die junge Obdachlose "Kiwi", mit der sich Derya anfreundet. Derya möchte der gerade mal volljährigen Frau helfen, Kiwi hingegen ist vorsichtig und misstrauisch; dennoch kommt es allmählich zu Annäherungen zwischen den beiden.

Spannung bezieht die Geschichte hauptsächlich aus den Fragen, was es mit den Stalkingvorfällen zu tun hat, warum Jakob - angeblich zufällig - so plötzlich wieder in ihr Leben tritt und was er zu verbergen hat. Da Derya ganz offensichtlich labil ist, ist zunächst nicht ersichtlich, welche Vorfälle tatsächlich bedrohlich sind. Sie fühlt sich beispielsweise im Dunkeln von einem Mann verfolgt und fürchtet um ihr Leben - und man darf anschließend darüber spekulieren, ob es nur ein harmloser Passant war oder tatsächlich ein Stalker, dem sie in letzter Sekunde entkommen ist.

Das langsame Handlungstempo ist etwas gewöhnungsbedürftig, harmoniert aber gut mit der bedrückenden Stimmung, die über Deryas Leben schwebt. Geduld ist allerdings angebracht, denn es dauert eine ganze Weile, bis der Thrill Einzug hält. Der Fokus liegt mehr auf melancholisch-düsterer Atmosphäre, die sich ganz subtil immer weiter steigert und dramatisiert. Wer rasante Thriller bevorzugt, bei denen sich die Situation schnell zuspitzt, muss hier Abstriche machen. Die Pointe ist nicht komplett überraschend, aber raffiniert inszeniert und daher auch dann befriedigend, wenn man sie etwas vorzeitig erahnt - zudem ist auch wenn man die Pointe erahnt der genaue Ausgang noch ungewiss.

Fazit:

Alles in allem ist "Mein Wille geschehe" von Jennifer Benkau ein ruhiger, sehr atmosphärischer Thriller mit düsterer, melancholischer Grundstimmung. Die Pointe überrascht nicht unbedingt, wird aber zumindest sehr geschickt vorbereitet. Unterhaltsame Lektüre, sofern einen das gemächliche Handlungstempo nicht stört.

22. September 2017

Monteperdido - Agustín Martínez

Poduktinfos:

Ausgabe: 2017 bei FISCHER
Seiten: 496
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Der Autor:

Agustín Martínez, Jahrgang 1975, studierte in Madrid audiovisuelle Kommunikation und gehört zu Spaniens erfolgreichsten Drehbuchautoren. Ein Kriminalfall zu einem vermissten Mädchen inspirierte ihn auf einer Fahrt durch die Pyrenäen zu seinem ersten Roman.

Inhalt:

Im abgelegenen Pyrenäendorf Monteperdido verschwinden die beiden elfjährigen Freundinnen Ana und Lucia. Trotz aller Suchmaßnahmen und Ermittlungen gibt es keine Spur von ihnen. Der Verdacht fällt zeitweise auf Anas Vater, erhärtet sich jedoch nicht. Die Ermittlungen geraten ins Stocken; die meisten Einwohner gehen davon aus, dass die Mädchen tot sind.

Fünf Jahre später verunglückt ein Auto, der Fahrer ist sofort tot, die sechzehnjährige Beifahrerin wird verletzt geborgen. Zur Überraschung aller handelt es sich um die vermisste Ana. Sie leidet allerdings unter Erinnerungslücken und kann keine detaillierten Aussagen zu ihrem Entführer oder dem Ort der Gefangenschaft geben.

Kommissarin Sara Campos von der Bundespolizei unterstützt die einheimischen Ermittler. Es beginnt eine verzweifelte Suche nach Lucia, in der Hoffnung, sie noch lebend zu finden. Sara Campos stößt bei den Dorfbewohnern auf Misstrauen und Schweigen. Es verdichten sich jedoch die Hinweise, dass der Täter aus ihrer Gemeinschaft kommt ...

Bewertung:

Wie ein Debütroman wirkt der atmosphärische und spannende Roman "Monteperdido" gewiss nicht, und man merkt, dass Autor Agustín Martínez zumindest im Drehbuchschreiben sehr erfahren ist.

Das Buch entführt seine Leser in ein einsam gelegenes Pyrenäendorf, das einige düstere Geheimnisse in sich birgt. Gemeinsam mit den Ermittlern darf man rätseln, wer die beiden Mädchen damals entführt hat, warum er sie am Leben gelassen hat, was es mit Anas Flucht auf sich hat - und wo sich Lucia befindet. Ana ist nur bedingt eine Hilfe, zu unspezifisch sind ihre Angaben. Sie behauptet, ihr Entführer habe stets einen Helm getragen, zudem habe sie das Gefängnis nie verlassen. Allmählich keimt bei den Ermittlern aber der Verdacht auf, dass Ana womöglich jemanden deckt - kann oder will sie sich nicht genau erinnern? Im Verlauf der Handlung ergeben sich Verdachtsmomente, doch wer tatsächlich hinter der Entführung steckt, wird erst sehr spät verraten.

Interessant ist überdies das Zusammenspiel zwischen den Ermittlern. Der einheimische Polizist Victor Gamero und die Bundeskommissarin Sara Campos haben anfangs Mühe, harmonisch zusammenzuarbeiten. Zudem steht Victor zwischen den Stühlen, will einerseits natürlich den Fall aufklären, sich von der Bundespolizei aber auch nicht belehren lassen und seine bekannten und Freunde im Dorf nicht verärgern.

"Monteperdido" bedient sich eines langsamen Tempos. Zwar geht es natürlich um die Suche nach dem Täter, aber mindestens ebenso viel Raum wie die Ermittlungsarbeit nimmt das Schicksal der betroffenen Familien ein. Eindringlich bekommt man vor Augen geführt, wie sehr Anas und Lucias Angehörige seit Jahren leiden. Die Ehe von Anas Eltern Raquel und Álvaro ist gescheitert; Álvaro war zudem der einzige Verdächtige bisher, und viele Dorfbewohner sind nach wie vor von seiner Schuld überzeugt. Zu den vehementesten Vertretern dieser Theorie gehört ausgerechnet Lucias Vater Joaquín. Er ist besessen vom Gedanken, seine Tochter zu rächen, und vernachlässigt darüber seinen Sohn Quim. Lucias Mutter Montserrat wiederum sehnt sich nach einem Baby und möchte trotz des Verlustes ihrer Tochter wieder glücklich sein. Trauer, Verzweiflung und Wut hüllen die beiden Familien ein. Anas plötzliche Rückkehr löst bei aller Freude auch gewisse Probleme aus - Raquel ist unsicher, wie sie mit ihrer Tochter umgehen soll, die sie noch als Kind in Erinnerung hat. Zudem bemühen sich Anas Eltern, ihre Trennung vor ihrer Tochter zu verheimlichen. Beständig liegt eine melancholische Stimmung über dem Geschehen

"Monteperdido" ist ein ergreifender und berührender Spannungsroman für sensible Leser, die eine gewisse Geduld mitbringen. Bei Sara Campos dauert es ein wenig, bis man ein klares Bild von ihr hat und mit ihr warmgeworden ist. Abgesehen davon und von der etwas gemächlichen Gangart des Romans ist das Werk aber rundum gelungen bis zum bittersüßen Ende.

Fazit:

"Monteperdido" von Agustín Martínez ist ein sehr atmosphärischer Thriller, dazu auch nicht zu vorhersehbar und bis zum Ende grundsätzlich spannend. Die Handlung verläuft aber gemächlich und erfordert eine gewisse Geduld.