24. Mai 2017

Into the Water - Paula Hawkins

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Blanvalet
Seiten: 480
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Die Autorin:

Paula Hawkins wuchs in Simbabwe auf und zog 1989 nach Großbritannien, wo sie heimisch blieb. Sie arbeitete zunächst als Journalistin, ehe ihr mit ihrem ersten Spannungsroman "Girl on the Train" gleich der Durchbruch als Autorin gelang. Der Roman wurde ein internationaler Bestseller inklusive Verfilmung.

Inhalt:

Die Schwestern Julia "Jules" Abbott und Danielle "Nel" Abbott sind seit seit Langem entzweit, Jules hat den Kontakt abgebrochen. Fünfzehn Jahre lang haben sie sich nicht mehr gesehen. Dann erreicht Jules eine verzweifelte Mailboxnachricht von Nel mit dringender Bitte um Rückruf. Jules ignoriert die Nachricht - und wenige Tage später ist Nel tot.

Den ersten Ermittlungen nach soll Nel unter Alkoholeinfluss in den Fluss gestürzt oder gesprungen sein, der direkt an ihrem Haus in Beckford vorbeifließt. Nel arbeitete gerade als Journalistin an einem Buch über die zahlreichen Mädchen und Frauen, die seit Jahrhunderten in dem Fluss ertrinken. Zuletzt starb vor ein paar Monaten die jugendliche Katie.

Als Jules anreist, trifft sie zum ersten Mal auf Nels fünfzehnjährige Tochter Lena, die sich abweisend verhält. Während Lena an einen Suizid ihrer Mutter glaubt, ist Jules davon nicht überzeugt. Sie will herausfinden, was Nel kurz vor ihrem Tod so geängstigt hat. Die Nachforschungen konfrontieren sie auch schmerzhaft mit ihren eigenen schlechten Erinnerungen an ihren Heimatort ...

Bewertung:

Nach ihrem Erfolgsdebüt "Girl on the Train" legt Paula Hawkins mit "Into the Water" erneut einen gelungenen Thriller vor.

Dabei ist die Struktur des Romans zu Beginn gewöhnungsbedürftig, denn sie setzt sich aus einer Vielzahl an Erzählperspektiven zusammen. Viele Kapitel werden natürlich aus Jules' Sicht erzählt, allerdings richtet sich der Fokus auch auf Nels Tochter Lena, auf Lenas Lehrer Mark, auf Louise - die Mutter der verstorbenen Katie -, auf Katies Bruder Josh, auf die Ermittler Sean und Erin, auf Seans Vater Patrick sowie Seans Ehefrau Helen und auf die esoterische Nickie. All diese Personen bilden ein buntes Kaleidoskop aus Dorfbewohnern, die alle in irgendeiner Form mit Nel und dem Fluss verbunden sind. Zudem gibt es noch vereinzelt Auszüge aus Nels unveröffentlichtem Buchprojekt "Der Drowning Pool", und manche Kapitel spielen gut zwanzig Jahre in der Vergangenheit. Es braucht eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hat, dass alle paar Seiten eine andere Figur im Zentrum steht, manchmal als Ich-Erzähler, manchmal durch einen personalen Erzähler beleuchtet.

Hat man den Einstieg bewältigt, taucht man ein in eine spannende und komplexe Handlung. Im Mittelpunkt stehen zunächst die Fragen, was es mit Nels Tod und ihrer letzten Nachricht an Jules auf sich hat. Suizid, Unfall oder gar Mord, alles scheint möglich. Im weiteren Verlauf kommt zunehmend auch die Vergangenheit der Schwestern ins Spiel. Es gibt interessante und bewegende Enthüllungen dazu, warum sich die beiden entzweit haben und was Jules so Schreckliches in ihrem Heimatort widerfahren ist. Man fühlt mit Jules, die damit leben muss, Nels Hilferuf ignoriert zu haben, mal wieder an eine ihrer typischen Übertreibungen glaubte - und die jetzt mit dem Tod der Schwester konfrontiert wird. Dazu kommt das schwierige Verhältnis zwischen Jules und ihrer Nichte, die sie bislang nicht persönlich kannte. Niemand weiß, wer Lenas Vater ist, sodass Jules als Tante die Verantwortung für den klapperdürren, zornigen Teenager übernimmt, der seiner verstorbenen Mutter so ähnlich ist.

Spannend ist auch zu verfolgen, welche Geheimnisse die anderen Dorfbewohner verbergen, in welchem Verhältnis sie zu Nel standen und wem letztlich zu trauen ist. Louise beispielsweise ist nicht traurig über Nels Tod. Sie gibt ihr die Schuld dafür, dass sich ihre Tochter Katie - Lenas beste Freundin - im Fluss das Leben nahm. Ihrer Meinung nach hat Nels intensive öffentliche Auseinandersetzung mit der Flussgeschichte und ihre Verklärung und Mythifizierung der verstorbenen Frauen dazu beigetragen, dass Katie sich in seine Fluten stürzte.

Über der Handlung liegt eine melancholische Atmosphäre; "Into the Water" legt vor allem im ersten Drittel kein rasantes Tempo vor, sondern zieht den Leser eher behutsam immer tiefer hinein in einen düsteren Strudel der Ereignisse und Enthüllungen. Auf seine Kosten kommen vor allem diejenigen, die gern dunkle Geheimnisse hinter scheinbar glatten Fassaden aufspüren. Die Stärken des Romans liegen in seiner unterschwelligen Spannung, dem ganz allmählichen Zusammensetzen der vielen Puzzleteile, die um Nels Tod verstreut liegen. Und immer wieder kommt der Fluss ins Spiel, ob in wörtlichem oder übertragenem Sinn. Louise glaubt in Schuldgefühlen zu ertrinken, Mark fühlt sich, als greife er nach Schlingpflanzen, Erin nimmt das Wasserglucksen als Lachen wahr. Und was hat es mit all den Frauen auf sich, die im Laufe der Jahrhunderte hier ertranken? Das Ende ist zufriedenstellend, beantwortet alle wichtigen Fragen und bringt die intensive und bewegende Handlung zu einem würdigen Abschluss.

Schwieriger wird es für Leser, die gern den Fokus auf einer Figur haben, mit der sie sich von Anfang an identifizieren können. Es braucht seine Zeit, bis man Jules nahegekommen ist und genug über sie weiß, um sich mit ihr zu solidarisieren.

Fazit:

"Into the Water" von Paula Hawkins ist ein reizvoller Thriller der langsamen Art, der auf behutsame Weise eine Spannung und dichte Atmosphäre aufbaut, die den Leser immer stärker in den Bann zieht. Gewöhnungsbedürftig sind allerdings die zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven.

18. Mai 2017

Hochland - Steinar Bragi

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei DVA
Seiten: 304
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Der Autor:

Steinar Bragi aus Island, Jahrgang 1975, verfasste mit Frauen" einen sehr erfolgreichen Roman, der für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert wurde.

Inhalt:

Vier junge Leute aus Reykjavík - die Paare Hrafn und Vigdis sowie Egill und Anna - fahren mit ihrem Jeep in die raue, einsame Gegend des isländischen Hochlands. Aufgrund von Nebel kommen sie vom Weg ab und stranden mitten in der Einöde.

Sie finden Zuflucht im einzigen Haus weit und breit, bei einem alten Ehepaar. Schon bald merken die vier, dass die alten Leute sich seltsam verhalten und sehr verschroben sind. Sie verbarrikadieren nachts ihr Haus, und sie zeigen sich distanziert zu ihren Übernachtungsgästen.

Die Freunde wollen möglichst schnell wieder in die Zivilisation zurückkehren. Das Auto fährt aber keinen Meter mehr, es kommt zu Streit, und irgendetwas scheint draußen in der Sandwüste zu lauern ...

Bewertung:

Eine raue Einöde in der isländischen Wildnis, ein seltsames Ehepaar, eine noch unbekannte Bedrohung aus der Dunkelheit - das sind verheißungsvolle Zutaten in Steinar Bragis "Hochland", die auf einen spannenden Horrorthriller hoffen lassen - doch tatsächlich kann das Ergebnis in keiner Hinsicht überzeugen. Umso erstaunlicher sind die von Kritikern getroffenen Vergleiche mit Stephen King, deren Erwartungen das Werk absolut nicht gerecht wird.

Erstes großes Manko sind die Charaktere der vier Hauptfiguren, die durchweg blass bleiben. Auch am Ende des Romans ist keiner der Protagonisten dem Leser wirklich ans Herz gewachsen, sodass man um ihn bangen würde. Ob jetzt Hrafn, Vigdis, Egill oder Anna im Handlungsverlauf etwas zustößt oder nicht, ist beinah belanglos, man fiebert nicht mit ihnen, sie bleiben austauschbar und kaum mehr als bloße Namen. Es ist zwar ganz reizvoll, dass sich schnell Konflikte in der kleinen Gruppe aufbauen, und man möchte schon erfahren, ob sie alle diesen Trip überleben oder nicht. Doch letztlich entsteht kein klares Bild von den Figuren, und ihr Schicksal kümmert daher nicht wirklich; daran ändern auch die kleinen eingeflochtenen Rückblenden in ihr Leben vor diesem Ausflug nichts.

Das gilt auch für das verschrobene Ehepaar, bei dem die Clique unterkommt. In Ansätzen ist zwar spannend, was die alten Leute wohl zu verbergen haben und ob sie ihren Besuchern gut oder schlecht gesonnen sind. Aber obwohl diese Ausgangslage so viel Potenzial bietet, sind auch dieses rätselhafte alte Ehepaar keine interessanten Figuren; es fehlt ihnen an Charisma.

Hin und wieder gibt es ein paar gruselige Momente und am Ende erwarten den Leser grausame Szenen. Das alles genügt aber nicht, um nachhaltig zu fesseln. Der Schluss ist zumindest konsequent und kann ein wenig schockieren, aber auch das genügt nicht, um das Buch Horrorfans ans Herz zu legen. Im Gedächtnis bleiben hier allenfalls teils atmosphärische Landschaftsschilderungen und eine gute Grundidee, die nicht überzeugend umgesetzt wurde.

Fazit:

"Hochland" von Steinar Bragi ist ein sehr mäßiger Horrorthriller, dessen verheißungsvolle Grundidee schwach umgesetzt wurde. Vor allem die Charaktere bleiben allesamt blass und wirken beliebig, sodass man trotz der Gefahrensituation nicht um sie bangt.

Der Psychologe - Gabriel Rolón

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei btb
Seiten: 384
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Der Autor:

Gabriel Rolón, Jahrgang 1961, gehört zu den bekanntesten Psychoanalytikern Argentiniens. Mit "Auf der Couch" und "Trauer, Panik, Leidenschaft" veröffentlichte er zwei Sammlungen über wahre Fälle aus seiner Praxis.

Inhalt:

Pablo Rouviot ist ein renommierter Psychologe aus Buenos Aires. Eines Tages bittet ihn die attraktive Paula Vanussi um Hilfe. Ihr Vater, ein reicher Geschäftsmann, wurde ermordet, und Hauptverdächtiger ist ihr Bruder Javier. Seit seiner Kindheit leidet Javier unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Pablo soll Javier untersuchen und seine Unzurechnungsfähigkeit zum Mordzeitpunkt bescheinigen.

Pablo, fasziniert von der schönen und intelligenten Klientin, nimmt den Auftrag an. Doch schon bald erhält er Warnungen aus seinem Umfeld, besser die Finger von diesem Fall zu lassen - der ermordete Vanussi war äußerst einflussreich und in fragwürdige Geschäfte verstrickt.

Javier behauptet auch gegenüber Pablo, der Mörder zu sein. Pablo allerdings ist im Zweifel, ob er tatsächlich der Täter ist - oder ob er sich das nur aufgrund seiner Wahnvorstellungen einbildet. Nach und nach gerät er immer tiefer in ein gefährliches Spiel mit dubiosen Hintergründen ...

Bewertung:

Gabriel Rolón weiß, wovon er in "Der Psychologe" spricht, schließlich ist er selbst ein sehr erfolgreicher Vertreter dieses Berufstandes. Das kommt dem Roman zugute, denn wie der Titel schon andeutet, spielt Psychologie hier in der Tat eine zentrale Rolle.

Das erste Drittel gestaltet sich trotz des recht reizvollen Themas zäh, und der Leser muss ein wenig Geduld aufbringen, um dranzubleiben. Spätestens in der zweiten Hälfte nimmt das Werk dann an Fahrt auf. Es entwickelt sich ein komplexes Handlungsgeflecht aus Lügen, Manipulation und Rache, in das Pablo tiefer hineingezogen wird, als ihm lieb ist. Für Spannung sorgt die Frage, ob Javier wirklich den Mord begangen hat oder ob seine Krankheit vielleicht dazu genutzt wird, jemand anders zu decken. Des Weiteren ist unklar, wie sehr Pablo in Gefahr gerät und ob womöglich noch weitere Morde geschehen. Zudem ist Pablos Auftraggeberin, die schöne Paula Vanussi, eine rätselhafte Person, undurchschaubar sowohl für den Protagonistin als auch für den Leser. Generell weiß Pablo im weiteren Verlauf nicht mehr, wem er noch trauen darf - ganz offensichtlich sind auch höchste Kreise auf irgendeine Art in den Fall involviert. Das Ende ist sehr überzeugend und führt alles Vorherige in einer gelungenen Auflösung zusammen.

Der gelungenste Charakter, der leider nur eine recht kleine Rolle erhält, ist die dreizehnjährige Camila, die kleine Schwester von Paula und Javier. Camila ist hochbegabt und eine geniale Geigenvirtuosin. Pablo wird zwar auf ihre erwachsene Art vorbereitet und ist dennoch verblüfft über die Reife und Weisheit des Mädchens. Ihre Dialoge über Musik bilden die schönsten Momenten des Romans.

Aber auch wenn das Werk in der zweiten Hälfte und vor allem im letzten Drittel zunehmend dynamischer wird, ist es zu keiner Zeit ein typischer Pageturner. Vielmehr behält der Roman stets eine gewisse Ruhe, passend zu seinem analytischen Protagonisten. Psychoanalyse spielt eine recht wichtige Rolle im Geschehen. Vorkenntnisse benötigt der Leser nicht; Pablos Gedankengänge werden ausgiebig erläutert und anschaulich dargestellt. Allerdings ist es hilfreich, der Psychoanalyse gegenüber aufgeschlossen zu sein und sich allgemein für psychologische Aspekte zu interessieren. Anderenfalls kann es leicht passieren, dass einen die ausgiebigen Erklärungen bisweilen langweilen.

Fazit:

"Der Psychologe" von Gabriel Rolón ist ein anspruchsvoller und ruhiger Kriminalroman, der anfangs etwas behäbig ist, sich dann aber zunehmend interessant entwickelt. Wer sich zumindest ein wenig für Psychoanalyse interessiert und ruhigere Töne in Spannungsromane mag, den erwartet eine reizvolle Lektüre.

17. Mai 2017

Dear Amy - Helen Callaghan

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Knaur
Seiten: 400
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Die Autorin:

Helen Callaghan, geboren in Kalifornien und derzeit wohnhaft in England, arbeitete in Buchhandlungen, studierte Archäologie und lehrt als Dozentin in Cambridge. "Dear Amy" ist ihr erster Roman, der gleich ein internationaler Erfolg wurde.

Inhalt:

Margot Lewis ist Lehrerin in Cambridge und betreibt nebenbei beim "Examiner" die Ratgeber-Kolumne "Dear Amy". Als ihre fünfzehnjährige Schülerin Katie verschwindet, ist sie sehr besorgt. Die Polizei hält Katie allerdings schon bald für eine Ausreißerin und unternimmt keine besonderen Aktionen mehr.

Kurz darauf erhält Margot einen mysteriösen Brief und bald darauf noch weitere. Darin fleht eine Bethan Avery um Hilfe, da sie entführt worden sei und in einem Keller gefangen gehalten werde. Tatsächlich verschwand vor siebzehn Jahre ein Teenager namens Bethan Avery in der Gegend; die Ermittler halten sie für tot, doch es tauchte nie mehr als ihre blutbefleckte Kleidung auf. Allerdings wirken die Briefe wie neu geschrieben, und es gibt keine Erklärung, wie die angeblich entführte Schreiberin sie abschicken konnte.

Margot wendet sich mit den Briefen an die Polizei, die von einem schlechten Scherz ausgeht. Nur Martin Forrester, der gemeinsam mit seinem Expertenteam den Fall Bethan Avery wieder aufrollt, scheint auf ihrer Seite. Es gibt Hinweise, dass hinter den Entführungen von Bethan und Katie der selbe Entführer steckt. Margot soll helfen, die Opfer zu finden - doch sie hat selbst einiges zu verbergen ...

Bewertung:

Helen Callaghans "Dear Amy" beginnt sehr reizvoll mit der Entführung einer Schülerin und sehr merkwürdigen Briefen, die offenbar von einem zweiten Entführungsopfer stammen. Das ist umso rätselhafter, als die Briefeschreiberin schon vor über zwanzig Jahren verschwand; zudem kann man sich kaum erklären, wie sie die Briefe verschicken konnte. Ein schlechter Scherz? Das glaubt die Polizei, aber Margot Lewis kann die Briefe nicht so leicht abhaken. Auch der Leser möchte wissen, was hinter den Briefen steckt und wie der Zusammenhang zur verschwundene Katie ist. Mit Dr. Martin Forrester kommt zudem eine interessante Figur ins Spiel. Margot ist froh, dass ihr endlich jemand Glauben schenkt, doch wie vertrauenswürdig Forrester tatsächlich ist, lässt sich zu Beginn noch nicht sagen. Für solide Spannung ist folglich zunächst gesorgt.

Allerdings kommen dann auch mehr und mehr Margots persönliche Probleme ins Spiel. Sie steckt mitten in einer hässlichen Scheidung, und ihr Nochehemann Eddy scheint es nicht auf eine gütliche Einigung abzusehen. Nicht nur, dass er sie für eine andere Frau verlassen hat, er will offenbar auch ihr geliebtes Haus zugesprochen bekommen. Zudem erfährt man, dass Margot unter psychischen Problemen leidet. Ihre Schule kennt nicht das ganze Ausmaß und soll es auch niemals erfahren; doch Eddy droht ihr damit, ihre Vorgesetzten zu informieren. Für Margot eine Katastrophe, sie liebt ihre Arbeit als Lehrerin. Und schließlich fühlt sich Margot bedroht und verfolgt, womöglich von dem Entführer - aber man kann nie sicher sein, wie viel von ihrer Wahrnehmung vielleicht ihrer Labilität geschuldet ist.

Margots Ängste sind gut nachvollziehbar, man leidet durchaus mit ihr. Allerdings nehmen ihre Vergangenheit und ihre Probleme so viel Raum ein, dass sie die Entführungsgeschichte beinah in den Schatten stellen. Die Auflösung ist raffiniert, allerdings auch ein bisschen konstruiert und kann von erfahrenen Thrillerlesern schon vorher erahnt werden. Das Finale der Entführungsgeschichte ist auch nicht in allen Belangen überzeugend.

Fazit:

"Dear Amy" von Helen Callaghan ist ein solider psychologischer Thriller, dessen Klasse nach gutem Beginn etwas abflacht. Grundsätzlich durchaus lesenswert, allerdings gibt es bessere Spannungsromane, was die Entführungsthematik betrifft.

Das Scherbenhaus - Susanne Kliem

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei carl's books
Seiten: 336
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Die Autorin:

Susanne Kliem, Jahrgang 1965, arbeitete vor ihrer Autoren-Karriere als Pressereferentin für ARD und ZDF, als Journalistin und als Regisseurin am Theater. 2009 erschien ihr Debütkrimi "Theaterblut". Weitere werke sind: "Die kalte Zeit"und "Die Beschützerin".

Inhalt:

Bis vor Kurzem führte Clara Brendel ein sehr zufriedenes Leben im idyllischen Stade, wo sie als Köchin im gut besuchtem Restaurant ihres Schwagers arbeitet. Doch seit einigen Wochen erhält sie immer wieder bedrohliche Mails und Briefe von einem unbekannten Stalker. Er schickt ihr Fotos von blutigen Wunden und Messern, die Polizei kann allerdings nichts unternehmen. Clara wird immer besorgter und verlässt ungern das Haus.

In dieser Zeit erreicht sie überraschend ein Anruf ihrer Halbschwester Ellen. Ellen bittet sie dringend um ein Treffen. Verwundert fährt Clara nach Berlin und trifft Ellen in deren luxuriöser Wohnanlage "Safe Haven", von ihr selbst entworfen und mit modernsten Sicherheitssystemen ausgestattet.

Ellen erzählt, dass sie in Gefahr schwebt. Aber bevor Clara Näheres erfährt, verschwindet Ellen. Tage später wird ihre Leiche in der Spree gefunden. War es tatsächlich ein Unfall? Aber was ist mit der Bedrohung, die sie ansprach? Zudem hat Clara mehr und mehr das Gefühl, dass die anderen Bewohner von "Safe Haven" etwas zu verbergen haben ...

Bewertung:

"Das Scherbenhaus" von Susanne Kliem kombiniert zwei Gefahrensituationen für die Protagonistin, bei denen man gespannt sein darf, ob und inwieweit sie miteinander in Verbindung stehen. Da ist zunächst einmal der unbekannte Stalker, der Carla bedroht. Alles beginnt als harmloser Facebookkontakt, doch dann kommt die erste verstörende Mail. Später erreichen Carla Briefe an ihre Adresse, und schließlich lässt ein mysteriöser Restaurantgast, offenbar der Stalker, ihr persönlich eine Nachricht übermitteln. Kein Wunder, dass Carla immer panischer wird. Der Polizei sind jedoch die Hände gebunden, auch wenn sie Carlas Sorge durchaus ernst nehmen.

Und dann ist da Ellens mysteriöser Tod. Die Berliner Polizei geht schnell von einem Unfall unter Alkoholeinfluss aus. Carla aber ist überzeugt davon, dass irgendjemand seine Hände mit ihm Spiel hatte, zumal Ellen sich bedroht fühlte. Da Carla das eindrucksvolle Haus erbt und ohnehin vor ihrem Stalker flüchten will, zieht sie bis auf Weiteres dort ein. Die Nachbarn sind ein buntes Potpourri: Milan ist ein charmanter älterer Mann mit eindrucksvoller Ausstrahlung und offenbar so etwas wie der heimliche Anführer der Hausbewohner. Der stille, attraktive Künstler Christian lebt mit dem schönen Model Eva zusammen; allerdings ist Eva oft auf Reisen. Carla fühlt sich rasch zu Christian hingezogen, wenngleich sie das wegen Eva zu verdrängen versucht. Und dann gibt es noch das Ehepaar Verena und Gisbert samt der fünfzehnjährigen Tochter Sarah. Gisbert ist oft beruflich unterwegs; Sarah erscheint Carla recht unnahbar und verstockt. Bald kommt Carla der Verdacht, dass einem ihrer Nachbarn nicht zu trauen ist, dass jemand mehr weiß über Ellens Tod - doch es ist schwer herauszufinden, wer von ihnen das sein könnte.

Für den Leser ist es gleichermaßen nicht so leicht, die Zusammenhänge zu erschließen, es gibt falsche Fährten, und jeder ist verdächtig. Gespannt verfolgt man, was Carlas Ermittlungen ergeben und was aus ihrem Stalker wird. Das elektronisch gesteuerte Safe Haven ist überdies ein reizvoller Schauplatz. Zunächst fühlt sich Carla hier bedeutend sicherer als in Stade, wo der Stalker lauert. Das ändert sich aber, als sich andeutet, dass einer ihrer Nachbarn in Ellens Tod verwickelt ist. Auch die elektronische Steuerung der Wohnung zeigt ihre Tücken; Musikanlage und Heizung spielen plötzlich verrückt, obwohl Carla sicher ist, dass sie selbst nichts verstellte.

Etwas schwach ist die detaillierte Offenbarung des Täters. Gerade in Zeiten, wo man problemlos heimlich Sprach- und Videoaufzeichnungen machen kann, ist es nicht glaubwürdig, dass jemand bereitwillig von seinen kriminellen Taten erzählt. Damit ist der Täter zwar noch nicht offiziell überführt, trotzdem ist dieses Geständnis enttäuschend für den Leser, weil es die Dinge etwas zu einfach macht. Weiterhin ist Carla als Protagonistin etwas blass geraten, auch die anderen Hausbewohner - mit einer Ausnahme - hätten ruhig noch charismatischer dargestellt werden können. Überdies hat sich eine Szene zweimal in die Handlung geschlichen: Clara erfährt vormittags telefonisch, dass Ellens Tod als Unfall zu den Akten gelegt wird, und berichtet dies Jule direkt im Anschluss. Am Nachmittag erzählt sie Jule allerdings das Gleiche, und Jule wirkt überrascht, als hätte sie zuvor nichts davon erfahren; keine von beiden scheint sich an das vorherige Gespräch zu erinnern.

Fazit:

"Das Scherbenhaus" von Susanne Kliem ist ein unterhaltsamer und reht spannender Thriller um einen unbekannten Stalker und (mindestens) einen rätselhaften Tod. Es gibt zwar auch kleine Schwächen, insgesamt aber wird man hier solide unterhalten.