23. Juli 2017

Tausend kleine Lügen - Liane Moriarty

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Lübbe
Seiten: 496
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Die Autorin:

Liane Moriarty, Jahrgang 1966, stammt aus Australien und schrieb schon als Kind gern Geschichten. Sie arbeitete zunächst u. a. im Marketingbereich, ehe sie 2004 ihren ersten Roman "Drei Wünsche frei" veröffentlichte. Weitere Werke sind "Das Geheimnis meines Mannes", "Ein Geschenk des Himmels" und "Alles aus Liebe".

Inhalt:

Madeline, Celeste und Jane sind Freundinnen aus einem beschaulichen Vorort von Sydney, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Madeline ist offen, temperamentvoll, spontan und trägt ihr Herz auf der Zunge. Sie ist glücklich in ihrer zweiten Ehe, nur die Differenzen mit ihrem Exmann und ihrer Teenagertochter trüben manchmal das Familienglück. Die bildschöne Celeste ist deutlich ruhiger und scheint oft in Träumereien zu versinken. Jane ist sehr jung, alleinerziehend und auffallend unsicher.

Ihre Kinder Chloe, Josh und Max sowie Ziggy werden gemeinsam in der Pirriwee Public School eingeschult. Gleich am ersten Tag kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Mädchen beschuldigt Ziggy, sie angegriffen zu haben, Ziggy wiederum streitet es ab. Jane hält zu ihrem Sohn und zieht sich damit den Ärger einiger Mütter zu.

Die Vorwürfe wiederholen sich in den kommenden Wochen. Die Elternschaft spaltet sich in zwei Lager, schließlich wird sogar eine Unterschriftenaktion für Ziggys Schulausschluss gestartet. Madeline und Celeste bemühen sich nach Kräften, ihre Freundin zu unterstützen, doch die bösen Gerüchte und Intrigen wollen nicht gesponnen. In dieser angespannten Atmosphäre findet eine Quizveranstaltung für Eltern statt, die mit dem Tod eines der Väter endet ...

Bewertung:


Vielleicht nicht tausend, aber zahlreiche kleinere und größere Lügen sind es, die in Liane Moriartys großartigem Roman - der gerade von HBO mit ein paar Abweichungen als Miniserie verfilmt wurde - eine Katastrophe heraufbeschwören. Es ist kein Thriller, obwohl alles auf den gewaltsamen Tod eines Menschen hinausläuft, sondern eher ein mit Spannungselementen gespickter Roman über Freundschaft, Gesellschaft und Beziehungen.

Die Handlung spielt in den Monaten, Wochen und Tagen vor jenem verhängnisvollen Quizabend. In jedem Kapitel stehen zu Beginn oder am Ende eine oder mehrere Aussagen von Mütter, Vätern, Schulbediensteten und Ermittlern, die das Geschehen zwar bereits andeuten, aber nichts Genaues verraten. So weiß man während des Lesens nur, dass eben am Quizabend einer der Väter bei einem Balkonsturz stirbt - aber erst ganz zum Schluss erfährt man, wen es trifft, wer darin verwickelt ist, ob es ein Unfall oder Vorsatz war und vor allem, warum es geschieht. Aus diesen Andeutungen entwickelt sich eine knisternde Spannung mit dichter Atmosphäre, die immer unheilvoller wird und sich schließlich im dramatischen Finale entlädt.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen drei unterschiedliche Frauen und ihre Freundschaft zueinander sowie die kleineren und größeren Intrigen hinter einer scheinbar makellosen Vorstadtidylle. Madeline und Celeste sind schon seit Langem Freundinnen, Jane stößt hinzu, als sie der verunfallten Madeline zufällig begegnet und zu Hilfe ein. Alle drei Frauen sind sympathische Charaktere, mit denen sich der Leser schnell solidarisiert, so verschieden sie auch sein mögen. Madeline sorgt mit ihrer liebenswert-vorlauten Art für viele humorvolle Szenen. Sie und ihr zweiter Ehemann Ed führen eine liebevolle Ehe mit zärtlichen Neckereien, Tochter Chloe ist ein süßes, altkluges und selbstbewusstes Ding, während die vierzehnjährige Abigail sich immer stärker ihrem leiblichen Vater Nathan und der spirituell angehauchten Stiefmutter Bonny zuwendet. Celeste gibt sich zurückhaltend, fällt aber aufgrund ihrer Schönheit zwangsläufig immer auf. Zusammen mit ihrem sehr wohlhabenden Ehemann Perry und den Zwillingsjungs Josh und Max entsteht der Eindruck einer Bilderbuchfamilie - doch langsam kristallisiert sich heraus, dass Celeste ein düsteres Geheimnis verbirgt, das nicht einmal ihre Freundinnen erahnen.

Jane schließlich scheint als junges, alleinerziehendes und bescheiden lebendes Ding von Mitte zwanzig gar nicht in die Welt der anderen Schulmütter zu passen; sie wird zunächst gar für ein Aupairmädchen gehalten. In Madeline und Celeste findet sie jedoch zwei Vertraute, die ihr beistehen, auch als die bösen Gerüchte überhandnehmen. Das Geschehen dreht sich um die Fragen, ob Ziggy wirklich hinter den Drangsalierungen steckt oder nicht, wie weit das Thema noch eskaliert und wie alles mit dem tödlichen Ausgang am Quizabend zusammenhängt. Des Weiteren darf man gespannt verfolgen, wie sich Celestes Geheimnis entwickelt und was genau Jane in ihrer Vergangenheit verbirgt - es scheint mit Ziggys unbekanntem Vater zusammenzuhängen, dessen Namen sie niemandem verrät.

Es gelingt Liane Moriarty hervorragend, die Handlung sowohl spannend und bewegend als auch humorvoll zu gestalten. Vor allem Madelines erfrischende Art sorgt immer wieder für witzige Momente, ebenso ihre Dialoge mit Ehemann Ed. Zudem werden auf amüsante Weise die affektierten, überbesorgten und eingebildeten Mütter karikiert, die versuchen, in der Pirriwee Public School die Herrschaft an sich zu reißen. Und zugleich ist "Tausend kleine Lügen" bei allem Humor aber auch ein Roman, der nachdenklich stimmt, der einige melancholische Momente hat und der gelungene Charaktere präsentiert, deren Schicksal bewegt.

Fazit:

"Tausend kleine Lügen" von Liane Moriarty ist ein sehr spannender und zugleich humorvoller Roman mit Thrillerelementen über eine Dreier-Frauenfreundschaft, über Intrigen und über deren dramatische Folgen.

19. Juli 2017

Blutsommer - Rainer Löffler

Produktinfos:

Ausgabe: 2012 bei Rowohlt
Seiten: 493
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Der Autor:

Rainer Löffler, Jahrgang 1961, arbeitete schon in vielen Berufen, u. a. als Filialleiter eines Supermarktes, Tankstellenchef, Industriemechaniker und Einkäufer beim weltweit größten Lackieranlagenhersteller. In den achtziger Jahren schrieb er für das MAD-Magazin, des Weiteren verfasste er Kurzgeschichten und SF-Heftromane. Nach seinem Debütthriller "Blutsommer" folgten die Werke "Blutdämmerung" und "Der Näher".

Inhalt:

Hochsommer in Köln: Seit Wochen wird die Stadt von einer erdrückenden Hitzewelle beherrscht. Für eine Familie nimmt ein Picknickausflug ein plötzliches Ende, als sie über die grausig zugerichteten Überreste eines Mannes stoßen.

Für die Kölner Kriminalpolizei steht bald fest: Es handelt sich um das fünfte Opfer des "Metzgers", der in den letzten sechs Monaten immer wieder zugeschlagen hat. Sie fordern zur Unterstützung Martin Abel an, den besten Fallanalytiker des Stuttgarter LKA. Abel kann sich außergewöhnlich gut in die Gedankenwelt der Täter versetzen, ist allerdings auch ein schwieriger Einzelgänger.

Als Kollegin wird Abel die junge Kommissarin Hannah Christ zugeteilt, mit der Abel widerwillig zusammenarbeitet. Sie stehen unter Hochdruck, denn der "Metzger" kann jederzeit wieder zuschlagen ...

Bewertung:

"Blutsommer" ist der erste Band der Thrillerserie um den eigenwilligen Fallanalytiker Martin Abel und seine Kollegin Hannah Christ. Rainer Löffler konnte mit dem Werk einen erfolgreichen Einstand als Spannungsautor feiern; trotzdem ist "Blutsommer" unterm Strich ein sehr durchschnittlicher Thriller, der nur in Ansätzen überzeugt.

Die grundlegende Handlung ist recht reizvoll, gerade wenn man eine Vorliebe für besonders grausame Serienmörder hegt. Der "Metzger" macht seinem Spitznamen alle Ehre, denn er geht extrem grausam vor. Er tötet seine Opfer nicht sofort, sondern hält sie noch eine Weile gefangen, um sie tagelang zu quälen. Nach ihrem Tod zerstückelt er sie und entnimmt ihnen diverse Organe; sowohl Männer als auch Frauen zählen zu seinen Opfern, ein konkretes Schema ist nicht zu erkennen. Er kann jederzeit wieder zuschlagen, die Abstände zwischen den Taten werden geringer, und die Ermittler haben kaum nennenswerte Anhaltspunkte. Gelungen ist auch das unauffällige Einfügen des Lokalkolorits; wer sich im Kölner Raum auskennt, wird einigen vertrauten Orten begegnen. Grundsätzlich auch die Figur Martin Abel nicht uninteressant. Er ist ein schwieriger Charakter, dabei aber nicht unsympathisch. Der Stil ist zudem solide, liest sich flüssig und vor allem schnell.

Dazu gesellen sich allerdings auch einige Schwächen. Zum einen ist die Konstellation aus einem eigenbrötlerischem Ermittler mit einem gegensätzlichen neuen Partner nicht gerade originell - und hier nicht einmal besonders reizvoll umgesetzt. Die Kabbeleien zwischen den beiden sind kaum witzig wie bei anderen Duos dieser Art, die Verschiedenheiten und die daraus resultierenden Konflikte sind klischeehaft und vorhersehbar; darüber hinaus ist Hannah Christ keine sonderlich sympathische Figur. Zumindest anfangs nicht, da erhält man in erster Linie das sterile Bild einer überehrgeizigen Polizisten, die sich ihrem Vater beweisen will. Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Abel und Christ ist auch eher überflüssig und kommt zu gezwungen daher.

Über die Arbeit eines Fallanalytikers erhält man ein paar interessante Informationen. Trotzdem fällt störend auf, dass Abels Rückschlüsse auf das Täterprofil nicht immer nachvollziehbar sind. Der Täter selbst wie auch seine Gedanken sind klischeehaft gestaltet. Und zu guter Letzt gibt es eine merkwürdige Szene zwischen dem Täter und Abel, die inhaltlich etwas widersprüchlich zu einer anderen Szene steht.

Fazit:

"Blutsommer" von Rainer Löffler ist der mäßige Auftakt der Thrillerreihe um den Fallanalytiker Martin Abel. Kann man lesen, wenn man sich sehr für Geschichten um Serienmörder interessiert, es gibt aber viele bessere Werke zu diesem Thema.

15. Juli 2017

Entführt (The Cage 1) - Megan Shepherd

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne fliegt
Seiten: 464
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Die Autorin:

Megan Shepherd stammt aus North Carolina, studierte Kulturwissenschaften und Sprachen und arbeitete zwei Jahre lang im Senegal als Lehrerin. Die The-Cage-Trilogie (Entführt, Gejagt, Zerstört) sind ihre ersten Romane.

Inhalt:

Die sechzehnjährige Cora erwacht in einer Wüste, ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt ist. Da ihr Vater Gouverneur ist, denkt sie zunächst an eine Entführung mit Lösegeldabsicht. Sie bemerkt allerdings bald, dass sie in keiner normalen Wüste gelandet ist - an die Wüste grenzen sowohl die arktische Tundra als auch das Meer, und dahinter liegt eine filmkulissenartige Stadt.

Im Meer entdeckt sie schließlich zu ihrem Entsetzen ein totes Mädchen. Bald darauf trifft sie vier weitere Jugendliche, die alle ahnungslos sind wie sie selbst: der rüpelhafte und rebellische Leon, der mathematisch hochgebabte Rolf, das thailändische Modell Nok aus London und der niedliche Lucky, der aus Coras Gegend stammt.

Und dann erscheint ein soldatenhafter, außergewöhnlich großer und schöner junger Mann, der sich ihnen als Cassian vorstellt. Er sei ihr Wächter, die fünf Jugendliche Gefangene in einem Zoo, Millionen Kilometer von Zuhause entfernt. Eine Flucht scheint aussichtslos, doch Cora will die Hoffnung nicht aufgeben. Während sich unter den Jugendlichen zunehmend Spannungen entwickeln, fühlt sich Cora zu Cassian hingezogen und er sich offenbar auch zu ihr. Doch kann sie ihrem "Wächter" wirklich trauen ...?

Bewertung:

Mit "Entführt" legt Megan Shepherd den ersten Band der Dystopie-Reihe "The Cage" vor. Der Auftakt entpuppt sich als recht unterhaltsame Jugendlektüre, die aber nicht über Mittelmaß hinausreicht.

In Sachen Spannung kann das Werk zumindest über weite Strecken überzeugen. Anfangs ist absolut unklar, was mit Cora geschehen ist; der Leser ist genauso ahnungslos wie sie. Man erforscht gemeinsam mit ihr die Umgebung, und man weiß vor allem oft nicht, wem zu trauen ist. Zunächst sind die anderen Jugendlichen Coras Verbündete, und die Rasse der Kindred, die sie gefangen halten, sind ihre Feinde. Dann aber gibt es ein paar vertrauliche Momente zwischen Cora und dem Wächter Cassian; und auf der anderen Seite entstehen Spannungen und Konflikte zwischen den Jugendlichen. Rolf und Nok finden sich erstaunlich schnell mit der Situation ab, ja scheinen ihre Heimat kaum noch zu vermissen. Cora ist für die auf einmal ein Störenfried, der ihr neues Glück bedroht.

Zudem ist recht reizvoll, dass es eine prekäre Vorgeschichte zwischen Cora und Lucky gibt. Cora ahnt davon nichts, aber Lucky weiß sehr wohl, wer sie ist, und ist in ein wichtiges Lebensereignis von Cora verwickelt. Vor allem da Cora und Lucky sich schnell näherkommen, ist man gespannt, wie Cora reagieren wird, wenn sie die Wahrheit erfährt. Da es sich um den ersten von drei Teilen handelt, ist klar, dass es am Ende keine endgültige Flucht geben wird. Doch es ist unvorhersehbar, wie weit Cora in ihrer Rebellion gehen wird, wie sich ihr Verhältnis zu Cassian entwickelt und was den Jugendlichen in ihrer Gefangenschaft womöglich noch zustoßen wird.

Das Potenzial der Geschichte wird allerdings bei Weitem nicht voll ausgeschöpft. Zum einen sind die fünf Jugendlichen zwar allesamt sehr unterschiedlich, aber keiner sticht als wirklich interessanter Charakter heraus. Ebenfalls stört ihr teils doch zu laxer Umgang mit der Situation. Mehrmals geben sie flapsige Kommentare ab, die nicht zum Ernst der Lage passen; sie reagieren zwar genervt oder betroffen, aber es wirkt nicht glaubwürdig angesichts der Dinge, die sie gerade erst erfahren haben. Das verhindert ein intensives Einfühlen in die Figuren, es bleibt eine deutliche Distanz zum Leser. Des Weiteren bleibt die Spezies der Kindred recht blass, wird nicht wirklich interessant dargestellt.

Fazit:

"The Cage - Entführt" von Megan Shepherd ist der durchschnittliche Auftakt zu einer dystopischen Trilogie für jugendliche Leser. Der Roman ist durchaus ganz unterhaltsam und animiert zum Lesen der nächsten Bände, kann aber nicht in allen Belangen überzeugen.

7. Juli 2017

Hölle auf Erden - Steve Mosby

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Droemer
Seiten: 432
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Der Autor:

Steve Mosby wurde 1976 in Leeds/England geboren, ging dort zur Universität und schreibt bereits seit seiner Kindheit. Nach "Spur ins Dunkel" gelang ihm mit "Der 50/50-Killer" der Durchbruch als Schriftsteller. Weitere Werke: "Der Kreis des Todes", "Tote Stimmen", "Schwarze Bumen" und "Kind des Bösen".

Inhalt:

Vor zwei Jahren starb Charlotte Matheson bei einem Autounfall. Doch plötzlich taucht eine verwirrte Frau auf, die behauptet, Charlotte Matheson zu sein, auferstanden von den Toten. Detektive Mark Nelson übernimmt den rätselhaften Fall. Ganz offenbar ist die Frau keine Lügnerin, sondern wurde zwei Jahre lang gefangen gehalten - und sie sieht der verstorbenen Charlotte Matheson sehr ähnlich.

Detektive David Groves hat vor Jahren seinen kleinen Sohn Jamie verloren, er wurde entführt und ermordet; der Täter nie gefasst. Jedes Jahr zum Geburtstag seines Sohnes erhält er eine Glückwunschkarte. Dieses Jahr jedoch bekommt er stattdessen eine Nachricht: "Ich weiß, wer es getan hat."

Während Groves herausfinden will, was hinter der verstörenden Botschaft steckt, und neue Hinweise zum Mord an seinem Sohn erhält, versucht Mark Nelson, das Rätsel um die angebliche Charlotte Matheson zu klären. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass beide Fälle eng zusammengehören ...

Bewertung:

Steve Mosby hat bislang eigenständige Thriller verfasst, die unabhängig voneinander zu lesen sind. "Hölle auf Erden" knüpft jedoch zehn Jahre nach Erscheinen an den "50/50-Killer" an. Es gibt ein Wiedersehen mit dem damaligen Ermittler John Mercer, wenngleich er hier nicht im Mittelpunkt steht, und es wird immer wieder Bezug zu jenem Fall genommen. Man kann "Hölle auf Erden" ohne Kenntnis des früheren Buches genießen, allerdings werden dann entscheidende Ereignisse aus "Der 50/50-Killer" verraten.

Die Handlungsstränge um die Detektives Mark Nelson und David Groves laufen lange Zeit getrennt voneinander, und jeder fesselt auf seine Weise. Da ist zum einen die rätselhafte Charlotte Matheson, die eigentlich vor zwei Jahren verstorben sein soll. Ihr Gesicht ist durch gerade kunstvoll angeordnete Narben gezeichnet, ihre Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahre sind mehr als verschwommen. Sie besteht darauf, dass sie verstorben und in der Hölle gewesen sei, und Detektive Mark Nelson hat Mitgefühl für die Frau, was auch immer sie erlebt haben mag. Noch bewegender ist der Strang um David Groves, der den Mord an seinem kleinen Sohn Jamie nicht verarbeitet hat. Seine Ehe ist daran gescheitert; zudem gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Jamies Entführung und Mord ein Racheakt dafür war, dass Groves zuvor ein entführtes Mädchen befreien konnte. So lebt Groves mit der schmerzhaften Vermutung, seine Rettung eines Kindes habe den Tod seines eigenen ausgelöst. Die Geburtstagskarte ist nur der erste einer Reihe von Hinweisen, die Groves Hoffnung machen, auf die Spur der Täter zu gelangen. Doch Groves begibt sich bei seinen Nachforschungen auf ein gefährliches Terrain, und es ist nicht absehbar, ob ihm jemand wirklich helfen oder eher eine Falle stellen will.

Beide Fälle sind sehr spannend und undurchschaubar; der Zusammenhang ergibt sich spät, ist aber dann sehr plausibel. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto komplexer und verwinkelter erscheint sie, inklusive mindestens einer überraschenden Wendung. Die Auflösung mag etwas übertrieben anmuten, der Hintergrund ist zugegeben nicht gerade ein Alltagsszenario, und man muss empfänglich für ein etwas abgehobene Motivation für die Verbrechen sein; manch einem Leser wird es sicherlich ein bisschen zu unrealistisch erscheinen.

Sieht man davon ab, ist Steve Mosby mit "Hölle auf Erden" ein sehr unterhaltsamer und reizvoller Thriller geglückt, der von Anfang bis Ende fesselt. Das Ende ist in den meisten Punkten sehr befriedigend, hinterlässt aber auch einen melancholischen Nachhall, der zur düsteren Grundatmosphäre des Romans passt. Die Geschehnisse berühren, das Buch bleibt auch nach Ende der Lektüre durchaus ein bisschen im Gedächtnis haften, und vielleicht gibt es ja irgendwann einen weiteren Band, der an die Ereignisse anknüpft.

Fazit:


"Hölle auf Erden" von Steve Mosby ist eine lose Fortsetzung des "50/50-Killers" und entpuppt sich als sehr spannender und komplexer Thriller, der auf fast allen Ebenen sehr überzeugt.

30. Juni 2017

Wer zuletzt stirbt (The Amateurs Band 1) - Sara Shepard

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei cbt
Seiten: 384
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Die Autorin:

Sara Shepard, Jahrgang 1977, studierte Kreatives Schreiben und arbeitete zunächst als Journalistin. 2006 erschien der erste Band der Reihe "Pretty Little Liars", der inzwischen mehr als 15 Bände umfasst. Eine weitere Buchreihe ist "The Lying Game", die gleichfalls erfolgreich verfilmt wurde.

Inhalt:

Aerin ist elf Jahre alt, als ihre ältere Schwester Helena spurlos verschwindet. Fünf Jahre später wird ihre Leiche gefunden, Helena wurde ermordet. Noch ein knappes weiteres Jahr vergeht, ohne dass es einen Hinweis auf den Täter geben hätte. Die Polizei legt den Fall nun zu den Akten.

Die mittlerweile siebzehnjährige Aerin sucht aber immer noch nach Antworten. Sie wendet sich an die Website "Offener Fall", in der Amateurdetektive sich mit ungelösten Kriminalfällen befassen. Über dieses Forum lernen sich auch Seneca und Maddox kennen, die schließlich gemeinsam Aerin aufsuchen und ihre Hilfe anbieten.

Aerin ist zunächst wenig überzeugt, da Seneca und Maddox kaum älter sind als sie selbst. Doch schließlich gibt sie nach und recherchiert zusammen mit Seneca, Maddox, Maddox' Foren-Freund Brett und seiner Stiefschwester Madison in Helenas Vergangenheit. Und tatsächlich finden die fünf ein paar Hinweise, die den Ermittlern verborgen blieben. Dabei geraten sie auch selbst immer weiter in Gefahr ...

Bewertung:

"Wer zuletzt stirbt" ist der Auftakt der Reihe "The Amateurs", eine Jugendthrillerreihe ganz in der Tradition Sara Shepards bisheriger Serien wie das erfolgreich verfilmte "Pretty Little Liars" und der Zweiteiler "The Perfectionists". Im Mittelpunkt stehen fünf Jugendliche, die einen Mordfall klären wollen und dabei selbst Gefahr laufen, ins Visier des Täters zu geraten.

Grundsätzlich ist der Auftakt durchaus recht unterhaltsam und teilweise auch spannend. Die "Amateurs" stoßen auf mehrere Verdächtige, die ein Motiv für Helenas Tod gehabt hätten, vor allem aber finden sie heraus, dass Helena ein Doppelleben führte. Sie finden sowohl heraus, dass es Unstimmigkeiten bei bereits bekannten Verdächtigen gibt, als auch, dass es neue Verdächtige gibt, die die Ermittler bisher nicht in Betracht gezogen haben. Es ist reizvoll zu verfolgen, was sich bei Nachforschungen zu Helenas Leben kurz vor ihrem Tod ergibt, und es kommt mehrfach zu sehr brisanten Situationen, in denen die Freunde große Risiken eingehen. Es hat auch seinen Reiz, dass die fünf eben nicht von vornherein eine Clique bilden, sondern sich erst zusammenfinden müssen - das läuft nicht ohne gewisse Streitigkeiten ab. Interessant ist außerdem, dass Aerin nicht die Einzige in der Runde ist, der ein Angehöriger ermordet wurde. Senecas Mutter wurde zuvor ebenfalls ermordet; ihr Fall ging allerdings im Medientrubel um die verschwundene Helena seinerzeit unter. Brett wiederum hat seine Großmutter durch einen Mord verloren. Die ähnlichen Erfahrungen sorgen für eine verstärkte Vertrautheit zwischen den bis dahin Fremden Aerin, Seneca und Brett.

"Wer zuletzt stirbt" hat letztlich leider auch einige Mängel, weshalb zumindest dieser Auftaktband qualitativ nicht an Sara Shepards beste Werke heranreicht. Zum einen vergehen rund hundert Seiten, ehe die "Amateurs" richtig mit ihren Ermittlungen beginnen. Bis dahin verläuft die Handlung teils recht zäh und hält sich zu lange mit den Querelen der Hobbyermittler auf. Aerin ist zunächst frustriert, dass ihre Helfer Seneca und Maddox nicht älter sind als sie selbst; Seneca muss ihrem Vater ein Lügenmärchen auftischen, um für ein paar Tage zu verreisen. Zudem ergeben sich flirtige Situationen zwischen Aerin und Brett einerseits und Seneca und Maddox andererseits, die die Beteiligten verwirren. Das ist alles nicht uninteressant, aber der kriminalistische Teil lässt sich zu langsam an.

Störend, weil sehr unrealistisch ist außerdem, wie schnell die "Amateurs" auf Hinweise stoßen, die den Ermittlern in knapp sechs Jahren entgangen sind. Da finden sie in Helenas Zimmer ein wichtiges Indiz, das auf eine heimliche Liebschaft hindeutet, das den Polizisten bei der Hausdurchsuchung nicht aufgefallen ist. Später stoßen sie auf Nachrichten an Helena, die bisher niemand entdeckt hat, und sie kommen durch simple Bluffs an pikante Informationen. Am Ende gibt es eine recht spektakuläre Wendung, die allerdings schon einige Seiten zuvor alles andere als dezent vorbereitet wird. Der Überraschungseffekt hält sich daher sehr in Grenzen, auch wenn man nach der Lektüre auch den zweiten Band lesen möchte.

Fazit:

"Wer zuletzt stirbt" von Sara Shepard ist der Auftakt einer Jugendthrillerreihe für Leser ab etwa vierzehn Jahren, ganz in der Tradition ihrer bisherin Bücher. Man bekommt recht solide Unterhaltung geboten, aber die Handlung verläuft an einigen Stellen zu konstruiert, sodass das Werk nicht zu den besten Romanen der Autorin zählt.