29. Oktober 2012

Verlorene Spuren - Danielle Steel

Produktinfos:

Ausgabe: 1994
Seiten: 400
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Die Autorin:

Danielle Steel, Jahrgang 1947, wuchs in New York auf und studierte dort. Gleich ihr erster Roman im Jahr 1977 machte sie zu einer erfolgreichen Autorin. Bekannt ist sie vor allem für dramatische Liebesromane. Einige ihrer Werke: Die Schneetänzerin, Schicksalstage, Traumvogel und Abschied von St. Petersburg.

Inhalt:


New York, Ende der 1930er Jahre: Die junge Marielle Patterson scheint nach außen hin ein glückliches Leben zu führen: Sie ist mit dem reichen, wenn auch weitaus älteren Malcom Patterson verheiratet und hat mit dem vierjährigen Teddy einen Sohn, den sie über alles liebt. An einem Wintertag begegnet ihr jedoch in der Kirche jemand, der sie an die schlimmste Zeit ihres Lebens erinnert: Ihr Ex-Mann Charles Delauney.

Charles und Marielle brannten vor Jahren als blutjunges Paar durch und heirateten, ihr Glück wurde durch ihren Sohn André gekrönt. Mit sechs Jahren aber verstarb André bei einem Unfall - Charles gab Marielle die Schuld daran, die Ehe zerbrach und Marielle erlitt einen Nervenzusammenbruch. Anschließend verstarben ihre Eltern und sie blieb mittellos zurück, die Ehe mit Malcolm Patterson war lediglich eine Vernunftehe.

Charles liebt Marielle immer noch und sie hat Mühe, ihn abzuwehren. Als er tags darauf jedoch ihren Sohn sieht, eskaliert die Situation: Er gerät außer sich vor Wut und kann nicht akzeptieren, dass Marielle jetzt einen neuen Sohn hat, nachdem ihr gemeinsames Kind starb. Betrunken droht er ihr, Teddy wegzunehmen. Am nächsten Tag ist Teddy tatsächlich aus seinem Schlafzimmer verschwunden - und für Marielle beginnt ein Alptraum. Hat Charles etwas mit der Entführung zu tun und lebt Teddy noch? Zu allem Überfluss gibt ihr Malcolm die Schuld an den Ereignissen ...

Lindbergh-Entführung reloaded

Danielle Steel ist seit vielen Jahren als Autorin von Liebesromanen bekannt und erfolgreich und das lässt sich auch in diesem Werk nicht ganz verleugnen - doch in erster Linie ist es vor allem ein Thriller, der sich um eine Kindesentführung dreht. Es ist das New York der späten Dreißigerjahre. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die ein schweres Schicksal hinter sich hat, obwohl sie ursprünglich aus gutem Haus stammt. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie den windigen Charles Delauney, zog mit ihm nach Paris und wurde schnell schwanger - doch der geliebte Sohn stirbt mit sechs Jahren bei einem schrecklichen Unfall, als Marielle gerade wieder schwanger war. Marielles vergeblicher Versuch ihn zu retten löst bei ihr eine Fehlgeburt aus und ihr Mann machte sie für den Tod beider Kinder verantwortlich. Die Ehe mit dem deutlich älteren Malcolm Patterson gab ihr nun zwar materielle Sicherheit und ein weiteres Kind, doch glücklich ist Marielle dennoch nicht. Ihr Mann und sie lieben sich nicht, das Hauspersonal scheint sie zu verachten und hört nur auf Malcolms Anweisungen und eine energische Gouvernante sorgt zudem dafür, dass Marielle ihren Sohn nicht so oft sieht. Zudem leidet Marielle ständig unter der Angst, auch dieses Kind zu verlieren - und dann sind da noch ihre regelmäßigen Migräneanfälle, die sie schwächen. Dieses Schicksal macht es nicht schwer, den Leser für Marielle einzunehmen, zumal sie nicht übermäßig selbstmitleidig ist, sondern immer versucht, Haltung zu bewahren.

Die Entführung Teddys macht Marielles schlimmste Alpträume wahr. Wieder wird sie beschuldigt, dafür verantwortlich zu sein - als Malcolm von seiner Geschäftsreise heimkehrt, zeigt er zunächst noch einen Hauch Vernunft und entschuldigt sich für seine ersten Ausbrüche. Kaum erfährt er jedoch von der Begegnung mit Charles und dessen Drohungen, wirft er seiner Frau vor, Teddy dem Täter gewissermaßen ausgeliefert zu haben, sich vielleicht schon früher regelmäßig mit Charles getroffen zu haben. Marielle kämpft gegen einen erneuten Zusammenbruch an und weiß nicht, ob sie Charles wirklich für den Täter halten soll. Charles beteuert seine Unschuld und hat ein Alibi für den Abend, doch die Polizei vermutet, dass er jemanden für die Entführung angeheuert hat. Ob Charles wirklich schuldig ist oder nicht, bleibt lange Zeit unklar, wie Marielle schwankt auch der Leser in seiner Beurteilung. Die Handlung fesselt durchaus, denn Marielles Schicksal geht zu Herzen und die ungerechtfertigten und immer schlimmeren Vorwürfe ihres Mannes verstärken diese Spannung noch. Mehrmals wird der Fall Lindbergh erwähnt, der ein paar Jahre zurückliegt und der immer noch in den Köpfen der Menschen fest verankert ist - und Marielle hofft verzweifelt, dass Teddys Schicksal anders endet als das des kleinen Charles Lindbergh junior.

"Verlorene Spuren" ist ohne Frage ein kurzweiliger, unterhaltsamer Roman, der sich zudem dank des einfachen Stils auch im Original gut lesen lässt, ohne lange verschlungene Sätze und mit einem eher unkomplizierten Wortschatz, auch was die gerichtlichen Szenen betrifft. Schwächen hat er allerdings auch. Stilistisch fällt beispielsweise auf, dass die Autorin die Aktionen ihrer Charaktere zu häufig unnötigerweise erklärt. Das zeigt sich vor allem während des Prozesses gegen Charles: Die Anwälte und andere Personen sagen etwas, das ihre Abneigung und Häme deutlich macht und anschließend folgt nochmals eine Erläuterung des Erzählers, was mit dieser Aussage bei den Zuhörern bezweckt wird, obwohl es völlig offensichtlich ist. Etwas unausgewogen sind zudem die Details, die vom Prozess erzählt werden: Manchmal gibt es seitenlange Darstellungen eines Verhörs, in dem Charles' oder Marielles Aussagen sowie die des Anwalts Wort für Wort dargelegt werden und andere Verhöre werden nur in wenigen Sätzen zusammengefasst, obwohl sie nicht weniger interessant wären. Das Ende ist dann schließlich eine Spur zu kitschig geraten, da kommt dann doch die Liebesromanautorin zu deutlich durch. Manchmal fällt auch störend auf, dass mit gewissen Andeutungen etwas zu sehr übertrieben wird. Bestimmte Ereignisse erahnt der Leser recht früh und dennoch folgen weitere Andeutungen, bis das Offensichtliche endlich angesprochen wird.

Fazit:


Ein insgesamt durchaus lesenswerter Roman, wenn man leichte, kurzweilige Lektüre sucht. Deutlich weniger liebeslastig als andere Werke der Autorin, allerdings nichts Besonderes im Thrillergenre.

27. Oktober 2012

Lippels Traum - Paul Maar

Produktinfos:

Ausgabe: 1984
Seiten: 232
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Der Autor:

Paul Maar, Jahrgang 1937, ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautoren. Neben Kinder- und Jugendbüchern schrieb er auch Theaterstücke und war, wie bei "Lippels Traum", als Illustrator tätig. Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet. Von Paul Maar stammt unter anderem die Reihe um das "Sams". www.dassams.de

Inhalt:

Der zehnjährige Phillipp, von allen "Lippel" genannt, liebt vor allem Sammelbilder und Bücher und besucht gern seine Freundin Frau Jeschke, eine ältere Frau aus der Nachbarschaft. Eines Tages kommen zwei neue Mitschüler in Lippels Klasse. Das Mädchen Hamide und Bruder Arslan stammen aus der Türkei. Im Gegensatz zu Hamide kann Arslan nicht viel deutsch, weshalb er nur wenig spricht. Kurz darauf müssen Lippels Eltern zu einem Kongress nach Wien verreisen. Damit Lippel in der Zeit nicht alleine bleibt, stellen sie die pingelige Frau Jakob, die Bekannte einer Freundin, als Babysitterin ein.

Als Trost schenkt Lippels Mutter ihm ein Buch mit den Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht". Die erste Geschichte dreht sich um einen Prinzen, dem großes Unglück prophezeit wird, wenn er in den nächsten sieben Tagen auch nur ein einziges Wort spricht. Lippel liest heimlich abends im Bett, doch bevor er erfährt, was mit dem Prinzen geschieht, nimmt ihm Frau Jakob das Buch weg. Lippel jedoch träumt die Geschichte weiter - und plötzlich beginnen sich Traum und Wirklichkeit miteinander zu vermischen. Der Prinz und die Prinzessin aus dem Traum sehen aus wie seine neuen Mitschüler. Die Tante des Prinzen sieht der strengen Frau Jakob täuschend ähnlich und sie ist es auch, die eine Intrige gegen den Prinzen startet, der daraufhin gemeinsam mit seiner Schwester vom Königshof verbannt wird.

Während Lippel nachts gemeinsam mit den Königskindern durch das Morgenland flüchtet, immer verfolgt von den Häschern des Königs, die sie irrtümlich für Verräter halten, freundet er sich tagsüber mit Arslan und Hamide an und besucht Frau Jeschke. Mit Frau Jakob dagegen wird das Zusammenleben immer schwieriger. Die Streitereien häufen sich und Lippel kann es kaum noch erwarten, bis seine Eltern wiederkommen. Außerdem macht er sich immer größere Sorgen um die Traumkinder Asslam und Hamide - was geschieht, wenn es ihm nicht gelingt, die Geschichte zu Ende zu träumen und sie zu retten ...?

Träume sind Schäume, oder doch nicht?

"Lippels Traum,", der auch als Neuverfilmung in die Kinos kam, ist sicher eines von Paul Maars schönsten Kinderbüchern. Das Besondere an dem Buch ist, dass es zwei Geschichten parallel erzählt. Beide sind für sich genommen lehrreich und spannend zugleich. Der Teil, den Lippel in der Realität erlebt, enthält Punkte, die Kinder seines Alters gut nachvollziehen können:

Lippel muss lernen, eine Woche ohne seine Eltern auszukommen, er muss sich mit einer verständnislosen Erziehungsperson herumschlagen, er schließt Freundschaft mit zwei ausländischen Kindern und er gewinnt Einblicke in eine für ihn fremde Kultur. Anhand von Arslan und Hamide bekommt der Leser auf subtile Weise die Probleme ausländischer Kinder in unserer Gesellschaft aufgezeigt. So verbietet die misstrauische Frau Jakob Lippel den Umgang mit ihnen, während Lippel dieser neuen Welt aufgeschlossen gegenübersteht. Arslan ist ein typisches Beispiel für Kinder, die sich aufgrund von Sprachproblemen schwer damit tun, Freundschaften zu schließen. Zum Glück hat der kleine Türke seine Schwester Hamide - aber viele ausländische Kinder müssen ohne einen Geschwisterteil in einem fremden Land zurechtkommen. Das Buch hilft, diese Problematik Kindern klar zu machen und Vorurteile abzubauen - ohne dabei den erhobenen Zeigefinger zu benutzen. Dazu kommt mit Frau Jeschke eine sehr liebenswerte Gestalt, eine lustige ältere Frau, die zusammen mit Lippen ein auf den ersten Blick sehr ungleiches Paar bildet - aber die beiden verstehen sich einfach gut und Frau Jeschke ist ein bisschen wie ein Oma-Ersatz für den Jungen.

Der Teil, den Lippel im Traum erlebt, ist ein klassisches Abenteuer im 1001-Nacht-Stil, das Kinder wegen seiner Aufregung lieben werden. Lippel und die Königskinder müssen um ihr Leben fürchten und schlagen sich gemeinsam im alten Orient durch. Hier finden sich alle Motive, die es für ein spannendes Märchen braucht: Ein prächtiger Palast mit einer Königsfamilie, eine Intrige gegen zwei Kinder und eine rasante Flucht vor exotischer Kulisse durch die Wüste. Auch der Humor kommt natürlich nicht zu kurz: Lustig wird das Buch vor allem dann, wenn Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen und Lippel diese Bereiche nicht mehr richtig trennen kann. Denn Arslan und Hamide wissen nichts von ihrer Rolle in seinen Träumen und finden manche seiner Aussagen daher ausgesprochen verwirrend ...

Die zwei parallelen Handlungsstränge sind so geschickt miteinander verwoben, dass man nie durcheinander gerät. Selbst junge Leser im Grundschulalter werden damit keine Probleme haben, sondern vielmehr immer den weiteren Ereignissen entgegenfiebern. Werden die bösen Intrigen der Tante entlarvt werden? Können die beiden Königskinder an den Hof zurückkehren? Und wie geht es mit Lippels Freundschaft zu Arslan und Hamide aus und was geschieht mit der strengen Frau Jakob? Zu guter Letzt lädt auch die Hauptfigur Lippel zum Identifizieren ein. Zum Einen ist er ein ganz gewöhnlicher Junge und kein Superheld, zum Anderen hat er Probleme, die die meisten Kinder so oder so ähnlich von sich selber kennen.

Der Stil ist sehr einfach und kindgerecht gehalten, dabei aber nie langweilig. Er ist für Kinder wie für Erwachsene gleichermaßen geeignet und lässt das Buch in kürzester Zeit durchlesen. Zu bemängeln gibt es kaum etwas - nur eine kleine Unlogik: Es ist nicht nachvollziehbar, warum Lippels Eltern ihm eine wildfremde Frau, die von Kindern offensichtlich nicht viel versteht, als Babysitterin vorsetzen, anstatt dafür direkt Frau Jeschke zu nehmen, bei der Lippel sowieso regelmäßig vorbeischaut, zumindest hätte Lippel diesen Vorschlag machen können.

Fazit:

Ein sehr lesenswertes Kinder-Buch ab dem Grundschulalter mit viel Spannung; lehrreich für kleine Leser auf eine angenehm unaufdringliche Art und mit viel abenteuerlichem Flair vor exotischer Kulisse.

Echo einer Winternacht - Val McDermid

Produktdetails:

Ausgabe: 2004
Seiten: 550
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Die Autorin:

Val McDermid wurde 1955 geboren und wuchs in einer schottischen Bergarbeiterstadt auf. Sie studierte in Oxford und arbeitete als Dozentin für Englische Literatur und als Journalistin. Ihr Spezialgebiet als Autorin sind Thriller und Kriminalromane. Ihre Bücher werden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Für den Roman "Das Lied der Sirenen" wurde sie 1995 mit dem Gold Dagger der britischen Crime Writers' Association ausgezeichnet. Weitere Werke von ihr sind unter anderem: "Ein Ort für die Ewigkeit", "Die Erfinder des Todes", "Schlussblende", "Ein kalter Strom", "Abgekupfert", Skrupellos" und "Das Kuckucksei".

Inhalt:


Dezember 1978: Die vier Studenten Alex, Ziggy, Mondo und Weird, Freunde seit Jugendtagen trotz unterschiedlichster Charaktere, kommen von einer Party und streifen durch die verschneite Nacht der schottischen Universitätsstadt St. Andrews. Da passiert etwas, das ihr aller Leben für immer verändern wird: Alex stolpert auf dem keltischen Friedhof über den Körper einer schwerverletzten jungen Frau. Während Medizinstudent Ziggy ihr erste Hilfe leistet, holt Alex den Streifenpolizisten Lawson herbei. Doch sie kommen zu spät - die junge Frau ist tot. Verblutet, offenbar erstochen.

Für die vier Jungen beginnt ein Albtraum. Die Polizei lässt keinen Zweifel daran, dass sie sie für die Täter halten. Es existieren keine Zeugen und keine weiteren Verdächtigen, alle vier haben in der Nacht Alkohol getrunken und jeder war zu einem Zeitpunkt auf der Party unbeobachtet. Zu allem Überfluss kannten die Jungs die tote Rosie Duff als Kellnerin in einem Pub, Alex war sogar verliebt in sie.
Die Ermittlungen verlaufen erfolglos, trotz mehrmaliger Verhöre wird keiner der Vier verhaftet. Doch sowohl für Rosies Familie als auch für viele ihrer Studienkollegen und der Leute im Dorf bleiben die Freunde auch ohne Verurteilung die Hauptverdächtigen.

Fünfundzwanzig Jahre später: Neben einer Reihe anderer Morde wird auch der ungeklärte Fall Rosie Duff wieder aufgerollt. Mit Hilfe neuer DNA-Untersuchungsmethoden will man einen erneuten Anlauf wagen. Die vier Freunde sind inzwischen unterschiedliche Wege gegangen, haben dabei aber stets den Kontakt gehalten. Alex ist glücklich mit Mondos jüngerer Schwester Lynn verheiratet. Die beiden erwarten das erste Kind. Ziggy ist ein berühmter Kinderarzt, Weird ist ein leicht überkandidelter Gemeindepriester geworden und Mondo hat eine akademische Laufbahn eingeschlagen. Doch die Vergangenheit holt sie erbarmungslos wieder ein, als zwei von ihnen kurz nacheinander ermordet werden, pünktlich zu Rosie Duffs 25. Todestag. Alex ahnt, dass hier jemand seine späte Rache nimmt. Der Polizei allerdings genügen die Beweise nicht, auch die erneuten Ermittlungen verlaufen schleppend. Um sein Leben zu retten, bleibt Alex nur eine Möglichkeit - er selbst muss den wahren Täter finden ...

Bewertung:


Das "Echo einer Winternacht" hallte nicht nur an den rauen Klippen der schottischen Küste, sondern auch in den Bestsellerlisten nach. Zu Recht, denn hinter dem dicken Schmöker mit dem stimmungsvollen Titelbild steckt ein spannender Krimi, der alle Leseratten in den Bann zieht - wenn auch nicht ohne Einschränkungen.

Dabei ist die Grundkonstellation des Romans zunächst alles andere als neu: Eine Handvoll Freunde, die zufällig in einen Mordfall verwickelt werden und von da an als Hauptverdächtige gelten, bis einer von ihnen den Mörder auf eigene Faust sucht - das hat man so oder so ähnlich bereits häufig in der Kriminalliteratur gelesen. Val McDermid gelingt es dennoch, diesen altbekannten Plot so solide zu präsentieren, dass man schnell von der Geschichte gefesselt wird. Auch der lockere, flüssig zu lesende Stil trägt dazu bei, dass man sich in wenigen Tagen/Nächten durch die knapp 550 Seiten liest. Die Dialoge der jungen Studenten wirken authentisch und ungekünstelt, die Sätze sind einfach und übersichtlich gehalten.

Das Hauptaugenmerk der Autorin liegt dabei sichtlich auf den Charakteren der Freunde, die trotz ihrer Unterschiedlichkeiten so eng miteinander verbunden sind. Da wäre zunächst Alex, der die Hauptfigur des Romans ist. Sein Leben und seine Gedanken nehmen den größten Teil des Werkes ein. Gleichzeitig ist er der geradlinigste Charakter der Vier, der sich auch nach fünfundzwanzig Jahren kaum verändert hat. Er ist derjenige, der die arme Rosie Duff auf dem Friedhof findet und damit derjenige, der den Stein ins Rollen bringt. Dem Leser fällt es leicht, sich mit ihm zu identifizieren - von Anfang an sieht man in ihm den zuverlässigen Hauptcharakter, der zu seinen Schwächen und Ängsten steht und in dem man sich wohl am ehesten von den Vieren wiedererkennt. Einerseits fehlen ihm gewisse markante Züge der anderen drei, andererseits trägt genau diese Durchschnittlichkeit zur Identifizierung bei.

Ziggy, eigentlich Sigmund Malkiewicz, steht Alex am nächsten. Sein bester Freund ist auch der einzige Mensch, der um Ziggys Homosexualität weiß. Ziggy erscheint als ruhiger, stets gefestigter Charakter, hinter dessen Oberfläche man jedoch eine vielschichtige Tiefgründigkeit spürt. Tom Mackie ist Weird (engl. für "seltsam"), der komische Kauz, der sich gerne mit Drogen vollpumpt und auch Mondo alias David Kerr macht seinem Spitznamen - abgeleitet von "Crazy Diamond" - alle Ehre.

Leider stecken in den Charakteren der beiden letztgenannten Figuren einige Schwächen: Weird macht im Verlauf des Buches eine erstaunliche und viel zu abrupte Wandlung durch. Als junger Student ist er der verrückteste der vier, der gerne zu Drogen greift und immer nur knapp mit einem blauen Auge davonkommt. Nach dem Mord entdeckt er urplötzlich seinen Sinn im Glauben und wird von heute auf morgen zum ultrareligiösen Christen. Im zweiten Teil des Buches, der 25 Jahre später spielt, wird sein Charakter wiederum gut dargestellt, eine amüsante Mischung aus dem schlagfertigen Frechdachs, der er früher einmal war und dem ernsthaften Gehabe eines religiösen Fundamentalisten. Nicht nur Alex, auch der Leser muss an manchen Stellen grinsen, wenn der ehemalige Wirrkopf sowohl in passenden als auch unpassenden Momenten feierlich den Glauben predigt.

Aber es fällt ausgesprochen schwer, diese Karikatur eines Geistlichen mit dem unberechenbaren Jungspund von 1978 in Einklang zu bringen. Weirds Wandlung vom Saulus zum Paulus kommt erst kurz vor Schluss des ersten Teils, der kurz danach abrupt abbricht. Der Leser wird dann im zweiten, 25 Jahre später spielenden Teil, fast unvermittelt mit dem "neuen Weird" konfrontiert, während die anderen drei ihr Grundwesen beibehalten haben. Dadurch, dass man von Weird nicht so viel mitbekommt wie vom Hauptcharakter Alex, erscheint seine Wandlung sehr überraschend und willkürlich, gerade so, als wolle die Autorin mit diesem originellen Charakter die Leser unterhalten ohne sein Verhalten begründen zu können.

Mondo ist insgesamt zu blass geraten für die wichtige Rolle, die er im Buch trägt. Er ist der labilste der vier Freunde, aber das Potential seines zerrissenen Charakters wird nicht voll ausgeschöpft. Am Ende des ersten Teils kommt ihm eine wichtige Rolle zu, als er bei einem missglückten Versuch, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, eine Tragödie auslöst. Leider endet genau an der Stelle der Teil aus dem Jahr 1978 und es erfolgt der nahtlose Sprung zu 2003. Im Rückblick wird mehrmals auf die Vergangenheit und die Entwicklung Mondos nach diesem Vorfall eingegangen, aber immer nur flüchtig, so dass das Bild des schwachen und schwierigen Mondos im Verhältnis zu den anderen Figuren verschwommen bleibt. Sein Charakter besitzt weder die sympathische Art von Alex und Ziggy, noch die schillernde Persönlichkeit des älteren Weird.

Etwas schade ist auch, dass der Täter relativ leicht zu erraten ist. Es kommen nur wenige Figuren in Betracht und bei den meisten Verdächtigen ahnt der Leser, dass man bei ihnen auf eine künstliche falsche Fährte geschickt werden soll. Das Buch ist keiner der typischen Thriller, bei denen man atemlos durch die Seiten hetzt und immer wieder mit den Verdächtigen als mögliche Täter umher jongliert. Die größte Spannung liegt zunächst in der Frage, welche der beiden Freunde ermordet werden und ob dieser Täter mit Rosie Duffs Mörder identisch ist. Beide Fragen werden relativ früh beantwortet, so dass der weitere Verlauf eher einem Drama ähnelt, bei dem man um Alex und seine kleine Familie bangt.

Überhaupt liegt der Schwerpunkt des Werkes auf gesellschaftskritischen Aspekten. In einem Interview mit der Zeitschrift "Brigitte" sagte Val McDermid, die Idee zu dem Roman sei ihr durch einen Fall in der Bekanntschaft gekommen. Eine Gruppe Studenten eilte dem Opfer einer Schlägerei zu Hilfe und wurde von der Polizei zunächst irrtümlich für die Täter gehalten.

Im "Echo einer Winternacht" ist das Opfer tot und kann nicht mehr für die Zeugen aussagen. Eine Nacht genügt, um vier junge Männer in einen Strudel aus Gewalt, Hass und Rache hineinzuziehen. Was nützt alle Unschuld, wenn man sie nicht beweisen kann? Alex und seine Freunde werden zwar von keinem Gericht, dafür aber von den Einwohnern St. Andrews verurteilt. Jeder der vier versucht, auch nach dem Vorfall sein Leben so gut wie möglich zu meistern. Doch die menschliche Natur braucht immer einen Schuldigen. Für die Hinterbliebenen von Rosie Duff sind das die vier Studenten, die für ihre schicksalhafte Begegnung büßen müssen. Einer von ihnen wird in einer Höhle eingesperrt, ein anderer brutal zusammengeschlagen, ihr aller Leben wird zu einem Spießrutenlaufen und am Ende werden zwei von ihnen sterben. Die Ereignisse jener Winternacht werfen einen Schatten auf das Leben der Männer, der auch nach 25 Jahren noch nicht erloschen ist.

Fazit:

"Echo einer Winternacht" ist unterm Strich ein dichter und über weite Strecken auch sehr spannender Krimi, der sich schnell und leicht herunter liest. Der Leser identifiziert sich rasch mit der Hauptperson und verfolgt gebannt seine Ermittlungen auf eigene Faust, um nach über zwanzig Jahren einen Mörder dingfest zu machen. Kein überragender, aber auf alle Fälle überdurchschnittlicher Roman um Rache, Schuld und die Flucht aus einer Vergangenheit, die einen immer wieder einholt.

Lollipop - Christine Nöstlinger

Produktdetails:

Ausgabe: 1977
Seiten: 120
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Die Autorin:

Christine Nöstlinger wurde 1936 in Wien geboren. Zunächst arbeitete sie einige Jahre als Grafikerin, bis sie in den Journalismus einstieg und für diverse Zeitschriften und Fernsehsender schrieb. Mit der "feuerroten Frederike" erschien 1970 ihr erstes Kinderbuch. Seitdem hat sie zahlreiche Bilder-, Kinder-, und Jugendbücher verfasst. Viele davon hat sie selber illustriert, manche auch ihre Tochter Christine. Christine Nöstlinger gilt als eine der bekanntesten und erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen unserer Zeit. Sie wurde u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Österreichischen Staatspreis und der Hans-Christian-Andersen-Medaille ausgezeichnet. Weitere Werke von ihr sind unter anderem: "Geschichten vom Franz", "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", "Am Montag ist alles ganz anders" und "Man nennt mich Ameisenbär". www.christine-noestlinger.de

Inhalt:

Lollipop ist ein achtjähriger Junge, der eigentlich Viktor Emmanuel heißt. Den Spitznamen hat er wegen seiner Leidenschaft für grüne Lutscher. Allerdings hat es für Lollipop mit diesen Lutschern eine besondere Bewandtnis: Wenn er sie ganz hauchdünn und durchsichtig geschleckt hat und sie vors Auge hält, während er jemanden ansieht, dann tut derjenige genau das, was Lollipop will. Meistens jedenfalls. Oder ist es nur Zufall?

Lollipop kauft seine Lutscher beim "gemischten Otto", einem Gemischtwarenhändler, der gleichzeitig sein Freund ist. Er hat eine ältere Schwester, mit der er sich oft streitet, eine Oma, die für ihn kocht und eine berufstätige Mutter. Bis auf die Sache mit den Lutschern ist Lollipop ein ganz normaler Junge mit ganz normalen Problemen: Da ist dieser fremde Junge, den Lollipop immer nur hinter dem Fenster sieht und mit dem er gerne Freundschaft schließen würde. Aber wie stellt man so etwas an? Ein anderes Mal fühlt sich Lollipop vernachlässigt, weil seine Großmutter arbeiten geht. Wer soll ihm denn jetzt das Essen kochen und bei den Hausaufgaben helfen? Ein Problem ist auch seine Hundeangst. Normalerweise macht Lollipop um jeden Hund einen Riesenbogen. Was aber tun, wenn plötzlich die Freundin der Mutter ihren "Lehmann" zu jedem Besuch mitbringt?

Lollipop lernt auch die erste Liebe kennen. Ausgerechnet in die schöne Evelin verguckt er sich - und die will jeden Tag aufs Neue eingeladen werden, bis Lollipop eines Tages kein Geld mehr hat. In seiner Not begeht er einen schlimmen Fehler, der ihm nur noch größere Probleme bereitet ... Seine neue Freundin Heidegunde ist viel netter als die dumme Evelin. Aber Heidegunde und ihre Familie mögen keine Putzfrauen. Und genau als das arbeitet Lollipops Großmutter. Also erfindet er spontan eine neue Großmutter, die im Krankenhaus arbeitet. Zu dumm, dass Heidegundes Familie sie unbedingt kennenlernen will ... Lollipops Leben ist gar nicht so einfach - aber zum Glück helfen die grünen Schlecker in jeder Lage. Oder zumindest in fast jeder ...

Die Welt durch einen grünen Lutscher betrachtet

Lollipop ist eine ideale Identifikationsfigur für Kinder im Grundschulalter. Fast jedes seiner Probleme dürfte ihnen bekannt vorkommen. Es geht um alltägliche Probleme wie erste Liebe und neue Freundschaften, Streit mit der Familie und Geldsorgen, diverse Ängste sowie Lügen und die schlimmen Folgen daraus.

Lollipop ist kein Musterschüler und er ist auch nicht immer brav. Stattdessen ist er dickköpfig und ärgert seine Schwester, er ist leicht beleidigt und manchmal greift er auch auf die eine oder andere Notlüge zurück. Dennoch ist er ein liebenswerter Junge, der letztlich seine Fehler immer einsieht und aus ihnen eine Lehre zieht.

Lollipop unterscheidet sich nur durch seine Lutscher von anderen Kindern. Aber halt - stimmt das wirklich? Viele Kinder entwickeln zeitweise eine Strategie, um mit ihren Ängsten umzugehen. Manche suchen sich einen unsichtbaren Freund, mit dem sie reden können oder sie vertrauen sich einem Tier oder einer Puppe an. Andere flüchten sich in Tagträume, in denen sie größer und stärker sind als in Wirklichkeit. Bei Lollipop sind es eben die Lutscher, mit deren Hilfe er seine Probleme angeht.

Das Schöne am Buch ist, dass diese Lutscher nie explizit als Zauberlutscher hingestellt werden. Helfen sie Lollipop wirklich oder sind es bloß Zufälle, die ihn daran glauben lassen? Was es auch immer es ist - am Ende kommt Lollipop zu dem Schluss, dass er seine Lutscher nicht mehr braucht. Denn alles, was er erreichen will, kann er auch ohne sie schaffen. Kleinen Lesern kann das Mut machen, dass auch sie ihre Probleme ohne Hilfsmittel lösen können.

Das Buch besticht durch eine einfache Sprache mit kurzen Sätzen. Grundschüler werden keine Verständnisprobleme beim Lesen bekommen. Deutsche Kinder irritieren vielleicht der Gebrauch von Schilling anstatt Pfennig und D-Mark bzw heute Euro. Hier sollte ein Erwachsener hilfreich zur Seite stehen. Davon abgesehen ist die Erzählung für Leser ab etwa acht Jahren sehr gut geeignet. Die einzelnen Episoden lassen sich auch unabhängig voneinander lesen, da sie mehr oder weniger in sich abgeschlossen sind. Auszüge des Buchs lassen sich prima als Unterrichtslektüre verwenden. Die Kapitel sind nicht nur kurz und überschaubar, sondern handeln auch noch von Themen die Kinder interessieren und über die man mit ihnen diskutieren kann.

Fazit:

Ein sympathisches Buch über den Alltag eines Jungen, der sich mit Mut und Phantasie seinen Problemen zu stellen weiß. Die Autorin unterhält die kleinen Leser mit kindgerechter Sprache und Erlebnissen, die an ihren eigenen Alltag erinnern. Darüber hinaus regt die Erzählung zum Nachdenken und zur Eigeninitiative an. Aber Vorsicht: Nicht wundern, wenn das Kind plötzlich mit einem Lutscher vor dem Auge durch die Welt rennt.

23. Oktober 2012

Der Hahn ist tot - Ingrid Noll

Produktdetails:

Ausgabe: 1993
Seiten: 266
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Die Autorin:

Ingrid Noll wurde 1935 als Tochter eines Arztes in Shanghai geboren. Mit 14 Jahren siedelte ihre Familie nach Deutschland über, wo sie in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren begann. Erst im Alter von 55 Jahren veröffentlichte sie mit "Der Hahn ist tot" ihren ersten Roman, der sofort die Bestsellerlisten stürmte. Es folgten weitere Werke, allesamt humorvolle Krimis, die sich meist um mordende Alltagsfrauen drehen, u.a.: "Die Apothekerin", "Die Häupter meiner Lieben", "Selige Witwen", "Röslein rot". Mehrere ihrer Bücher wurden bereits verfilmt.

Inhalt:


Rosemarie Hirte lebt ein recht ereignisloses Leben. Unverheiratet und kinderlos, mit biederem Aussehen, wenigen Bekannten und ohne besondere Hobbies kommt sie der Bezeichnung "alte Jungfer" recht nah. Das ändert sich schlagartig, als sie sich mit 52 Jahren zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Der Auserwählte ist Rainer Witold Engstern, Lehrer und Sachbuchautor, dem sie auf einer Lesung begegnet. Rosemarie ist wild entschlossen: Diesen Mann muss sie haben!

Regelmäßig schleicht sie sich in seinen Vorgarten, um ihn heimlich zu beobachten. Eines Abends wird sie zufällig Zeugin einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner alkoholkranken Ehefrau. Im Affekt kommt es zu einer Schießerei, bei der Witolds Frau getroffen wird. Während der geschockte Witold einen Krankenwagen rufen will, kommen Rosemarie Schreckensvisionen von ihrem Angebeteten im Gefängnis. Das muss sie verhindern!

Kurzerhand stürmt sie auf die Bildfläche, erschießt die Verletzte und lässt alles wie einen Überfall aussehen. Der verstörte Witold ist seiner Retterin zwar dankbar, doch in Liebe will er nicht so recht entflammen. Aber Rosi gibt nicht auf. Die einstige alte Jungfer kennt nur noch ein Ziel und dafür geht sie über Leichen - im wahrsten Sinn des Wortes ...

Wenn alte Scheunen brennen ...

Der Clou bei "Der Hahn ist tot" liegt in der Hauptperson, die den Leser sofort auf ihrer Seite hat. Rosemarie Hirte ist keine kaltblütige Mörderin. Sie ist lediglich eine einsame Frau, die urplötzlich eine Chance auf das langersehnte Glück wittert - und jenseits aller Vernunft darum zu kämpfen beginnt.

Das Buch ist rückblickend aus der Ich-Perspektive geschrieben. In lakonischem Tonfall erzählt Rosemarie die Ereignisse, die sie von einer harmlosen Versicherungsangestellten zur mehrfachen Mörderin werden ließen. Das Absurd-Witzige an der Handlung ist, dass Rosemarie nur durch unglückliche Umstände in diese mörderische Lage gerät. Sie ist eine Durchschnittsfrau, die an sich niemals jemandem etwas Böses wollte. Doch das jahrzehntelange Entbehren jeglicher glücklicher Beziehungen lässt sie mit einem Mal die Kontrolle verlieren, als sie ihre Chance zum Greifen nah sieht.

Man muss weder in Rosemaries Alter sein noch ihre Erfahrungen erlebt haben, um sich rasch mit ihr zu identifizieren oder doch zumindest Sympathie für diese Frau zu entwickeln, die sich von Herzen ihren Witold und nichts anderes wünscht. Doch jedes Mal, wenn sich ihre Chancen verbessert haben, wird ihr Glück vereitelt, meist in Gestalt einer Rivalin. Für Rosemarie gibt es da natürlich kein Pardon - denn sie weiß genau, dass dies wahrscheinlich ihre letzte Gelegenheit sein wird, jene heiß ersehnte Zweisamkeit zu erleben ...

Neben der resoluten Rosemarie weiß Ingrid Noll auch einprägsame Nebenfiguren zu kreieren, die dem Leser sofort lebendig vor Augen werden. Da ist die lebenslustige Beate, Rosis ungleiche und einzige Freundin, die zur vermeintlichen Rivalin um den geliebten Witold wird. Da ist die feurige Pamela Schröder alias "Scarlett", die mit roter Mähne und rauchigem Gesang den schmucken Lehrer zu umgarnen weiß. Da ist die liebenswert-natürliche Schulkollegin Kitty mit der Pfadfinderinnenaura, der Rosi um ein Haar den Kampf um Witold gönnen würde und Witolds kumpelhafter Freund Ernst Schröder. Nicht zu vergessen die alte Frau Römer, die ihre Rosi für eine herzensgute Kollegin hält und deren Hund Dieskau (sic!), den Rosi kurzzeitig in Pflege nimmt, nicht ganz unschuldig am weiteren Verlauf der Dinge ist.

Und zu guter Letzt natürlich das Objekt der Begierde selbst, Rainer Witold Engstern mit dem jungenhaften Charme und dem schlagfertigen Wortwitz, um den sich die Frauen scharen. Mit der Zeit erkennt auch die zunächst verblendete Rosemarie, dass an ihrem Adonis nicht alles Gold ist, was glänzt. Ein ums andere Mal gerät sie ins Wanken, ob dieser sprunghafte Narziss tatsächlich all die Mühe und Morde wert ist - aber da ist es bereits zu spät ...

Ingrid Noll weicht ab vom gängigen Krimi-Schema des bösen Mörders, der in typischer "Who-dunnit"-Manier vom Leser und Ermittler gleichermaßen erraten werden muss. Stattdessen konzentriert sie sich vollkommen auf die Täterin selbst. Die Morde stehen nicht im Vordergrund, sie sind nur logische Konsequenz im Leben der Protagonistin. Rosemarie ist nicht gerne eine Mörderin, aber das Schicksal scheint ihr keine andere Möglichkeit zu geben. Ihr schnodderiger Tonfall und ihre selbstironischen Kommentare über ihre missglückte Liebeswerbung geben dem Roman den richtigen Pfiff.

Rosemarie Hirte ist die Antwort auf all die frustrierten, einsamen Frauen, die das große Glück in ihrem Leben verpasst haben und sich vor einem letzten Versuch, darum zu kämpfen, scheuen. Natürlich schießt Rosi auf ihrem Weg ein wenig übers Ziel hinaus - aber das Ergebnis ist ein wunderbar leicht geschriebener Roman, der auch beim wiederholten Lesen nichts von seinem Charme einbüßt. Es ist ein gänzlich ungewöhnlicher Krimi, der trotz seiner amüsanten Note auch nicht der Spannung entbehrt - denn was könnte aufregender sein als die Frage, wie es mit Rosi und Witold enden mag ...?

Fazit:


Humorvoller Krimi voll bissiger Ironie um eine Frau, die für die Liebe ihres Lebens buchstäblich über Leichen geht. Rasant und flüssig geschrieben mit einer sympathischen und durchweg authentischen Hauptfigur, die zur Mörderin wider Willen wird. Klare Empfehlung für alle Freunde amüsanter und fesselnder Unterhaltung.

Das Mädchen im Schnee - Maureen Jennings

Produktinfos:

Ausgabe: 2000
Seiten: 316
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Die Autorin:

Maureen Jennings wurde in Birmingham geboren und zog mit 17 mit ihrer Mutter nach Kanada. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literatur. 1997 erschien der erste Roman der Detective-Murdoch-Serie, von der inzwischen mehr als ein halbes Dutzend Bände existieren.

Inhalt:

Toronto im Winter 1895: Am frühen Morgen wird in einem ärmlichen Viertel im Schnee die Leiche einer nackten, jungen Frau gefunden. Detective William Murdoch übernimmt die Ermittlungen. Bald steht fest: Die Tote war ein sechzehnjähriges Dienstmädchen namens Theresa Laporte, das im Haushalt des angesehen Dr. Rhodes und seiner Familie arbeitete. Tags zuvor war Theresa weggelaufen und hinterließ eine Notiz, wonach sie offenbar aus Heimweh zurück zu ihrer Familie aufs Land wollte.

Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass Theresa schwanger war und erfroren ist - nachdem ihr jemand anscheinend gewaltsam eine Opiumspritze gegeben hat. Die Kleider wurden vermutlich nach ihrem Tod entfernt. Detective Murdoch befragt die Anwohner, vor allem die beiden Prostituierten Ettie und Alice, deren Haus am nächsten liegt. Die beiden streiten ab, etwas über den Fall zu wissen, aber Murdoch ahnt, dass sie etwas verbergen und möglicherweise wichtige Zeugen sind.

Murdoch sieht sich schwierigen Ermittlungen gegenüber: Niemand weiß, wer für Theresas Schwangerschaft verantwortlich sein könnte. Murdoch befragt die Männer in Dr. Rhodes Haushalt und schließt nicht aus, dass jemand aus der Familie für die Tat verantwortlich ist - sein Vorgesetzter allerdings wehrt sich gegen diesen Gedanken. Kurz darauf geschieht ein zweiter Mord und die Hinweise verdichten sich, dass der Täter aus höhergestellten Kreisen kommt - und dass er weiter morden wird ...

Schneeflöckchen, Weißröckchen ...


Maureen Jennings Debütroman ist zugleich der Start ihrer historischen Krimireihe um Detective William Murdoch, einen sympathischen Ermittler in Toronto, Ende des 19. Jahrhunderts. Der erste Band der Reihe liest sich bereits sehr routiniert geschrieben, wenngleich er noch nicht hochklassig zu nennen ist.

Der Fall ist recht undurchsichtig und schnell gibt es mindestens zwei Hauptverdächtige: Einmal Dr. Rhodes, der offenbar regelmäßig nachts außer Haus ist und einmal sein Sohn Owen, der für den Tatabend ein falsches Alibi angibt. Da die Tote schwanger war und niemand etwas von einem Geliebten bemerkte, liegt der Verdacht nah, dass ein Mitglied des Rhodes'schen Haushalts für die Schwangerschaft verantwortlich ist, ebenso die Opiumspritze als Tatwaffe - doch in diesen Kreisen ist es für Detective Murdoch alles als leicht zu ermitteln. Vor allem sein Vorgesetzter, mit dem ihn eine erwiderte Abneigung verbindet, sieht es äußerst ungern, dass Murdoch einer angesehenen Familie unangenehme Fragen stellt und ihre Alibis anzweifelt.

Murdoch selbst eine gelungene Ermittlerfigur, bei der schon im ersten Band klar wird, dass sie viel Potential für weitere Bände in sich birgt. Murdochs Privatleben wird zwar nicht zu ausgiebig thematisiert, aber es gibt doch einige interessante Anhaltspunkte - etwa der frühe Tod seiner Frau und sein Wunsch, sich nach der Zeit der Trauer erneut zu binden.

Während der Kriminalfall solide, aber nicht überragend ist, überzeugt der Roman vor allem in den Milieuschilderungen. Der Leser erhält ein detailgenaues Bild vom Toronto des ausgehenden 19. Jahrhunderts, insbesondere was die Armenviertel angeht. Auch in die zeitgenössische Ermittlungsarbeit gibt es interessante Einblicke. Obwohl das Dienstmädchen Theresa kurz nach Beginn der Handlung bereits tot ist, bekommt man durch kleine Rückblicke ein Bild von ihr - das Schicksal der jungen ermordeten Frau bewegt und auch einige der Nebencharaktere prägen sich dem Leser ein. Das gilt beispielsweise für den scheuen Stalljungen Joe, der in Theresa verliebt war und für den Bäcker Mr. Quinn, der immer wieder neue Hunde aller Größen in seiner kleinen Wohnung hält. Sehr sympathisch ist das auch das alte Ehepaar Kitchen, Murdochs Hauswirte, denen er regelmäßig Gesellschaft leistet. Die mütterliche Mrs. Kitchen und ihr schwindsuchtkranker Gatte unterhalten sich nicht nur gern mit dem Detective über seine Fälle, sondern geben auch den einen oder anderen scharfsinnigen Tipp.

Bei der Konstruktion des Kriminalfalls wäre sicherlich noch Luft nach oben gewesen. Zwar fügen sich am Schluss alle Fäden zusammen und der Täter ist auch nicht zu offensichtlich - doch der Zufall hilft am Ende ein bisschen zu sehr mit, das Finale verläuft erwartungsgemäß und mindestens einen verdächtigen kann man sehr schnell eliminieren, da er beinah schon zu gut ins Schema passt, um wirklich der Täter zu sein.

Fazit:

Gelungener Auftakt einer historischen Krimireihe, die noch Luft nach oben hat. Vor allem der Ermittler ist sympathisch und überzeugend, ebenso diverse Nebenfiguren, der Kriminalfall selbst ist solide, aber nicht höchstklassig.

21. Oktober 2012

Bibi und Tina - Konkurrenz für Alex

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* * * * *
Inhalt:

Bibi, Tina und Alex machen ein Wettreiten, das fröhlich beginnt - doch danach hat Alex eine unangenehme Nachricht für Tina: Eigentlich waren die beiden heute verabredet, um nach Rotenbrunn zu reiten und sich ein Konzert anzuhören. Doch Alex muss die Verabredung absagen. Seine Tante Adelheid ist zu Besuch und geht mit ihrer Katze zu einem Katzen-Schönheitswettbewerb -. und Alex soll sie begleiten.

Tina ist außer sich, denn sie hat sich nicht nur auf den Tag gefreut, sondern auch all ihre Pläne darauf ausgerichtet und ist zwei Stunden eher aufgestanden. Besonders wütend ist sie, weil Alex schon am Abend von der Absage wusste und sie trotzdem erst heute informierte. Tina ist so sauer, dass sie erst einmal von Alex die Nase voll hat.

Da passt es gut, dass zur gleichen Zeit ein neuer Feriengast eintrifft - der charmante Pierre aus Frankreich. Pierre kann fantastisch reiten, und Tina unternimmt mit ihm zur Ablenkung Ausritte. Da Tina keine Zeit für ihn hat, lädt Alex wiederum Bibi ins Schloss ein. Als Pierre mit Tina zu flirten beginnt, kommt es aber zu einem Eifersuchtsszenario ...

Französische Flirtereien in Falkenstein

Streitereien zwischen Tina und Alex sowie Eifersucht ist ein häufiges Thema bei "Bibi und Tina" und so auch hier. Das Thema ist inzwischen bereits ziemlich durchgekaut, weshalb die Folge nicht an andere Geschichten der Reihe heranreicht. Positiv ist aber, dass zumindest diesmal nicht Tina die Eifersüchtige ist. Ein wenig verstehen kann man ihre Reaktion durchaus, denn Alex ist schon öfter durch Unzuverlässigkeit aufgefallen. Kleine Hörer lernen aus dieser Geschichte, dass man durch bessere Kommunikation Probleme vermeiden kann - denn Alex verschlimmert die Lage nur noch dadurch, dass er erst im allerletzten Moment absagt. Tina verhält sich allerdings auch nicht ideal, denn sie ist sehr nachtragend und lässt ihren Ärger schließlich auch noch an Bibi aus.

Der Feriengast Pierre ist ein recht sympathischer Charakter. Er flirtet bereitwillig mit Tina, denn er ahnt nicht, dass sie vergeben ist. Und erst recht ahnt er nicht, dass ihr Freund Alex ist, den er wiederum bei einem alleinigen Ausritt zufällig kennenlernt. So schließt er also Freundschaft mit Alex, ohne zu wissen, dass er gleichzeitig mit dessen Freundin flirtet - das Chaos ist natürlich vorprogrammiert, und es kommt zu einigen Missverständnissen, die nicht mit Hexerei gelöst werden können. Gelungener als Pierre ist Alex' Tante Adelheid, genannt "Heidchen". Sie ist eine liebenswerte ältere Dame, die viel Sinn für Humor hat. Bibi erlebt einige spaßige Stunden mit ihr, Alex und dem Grafen in dieser Folge. Überhaupt ist auch Graf von Falkenstein ungewohnt gut gelaunt in dieser Geschichte und hat Spaß an Bibis Hexereien. Er ist es auch, der Tinas Mutter besänftigt und meint, dass solche Streitereien wie zwischen Tina und Alex ganz normal in Beziehungen sind und sich die beiden schon wieder zusammenraufen werden. Auch das ist für Kinder gut zu wissen und durchaus beruhigend, zumal es auch auf Freundschaften übertragbar ist.

Im Gegensatz zu anderen Folgen ist diese Geschichte eher weniger spannend. Die Handlung ist recht vorhersehbar, denn es zeichnet sich früh ab, dass es irgendwann zum Aufeinandertreffen aller Beteiligten und damit zur großen Aussprache kommt. Dennoch ist die Geschichte recht kurzweilig, auch durch die aufgelockerten Szenen mit Tante Heidchen. Ein negativer Punkt ist der stark aufgesetzte französische Akzent von Pierres Sprecher, der den Hörspaß etwas schmälert. Umso gelungener ist dafür Christel Merian als Tante Heidchen, die sehr liebenswert klingt.

Fazit:


Eine recht gute Folge aus der Reihe, die kindgerechte Lehren bereithält und kurzweilig ist. Es gibt durchaus bessere Episoden, und für die jüngsten Hörer ist das Thema weniger interessant, aber alles in allem ein unterhaltsames Hörspiel.

Sprechernamen:

Bibi Blocksberg: S. Bonasewicz
Tina Martin: D. Hugo
Alexander v. Falkenstein: S. Hasper
Frau Martin: E. Meyka
Graf v. Falkenstein: E. Prüter
Pierre: M. Collé
Tante Adelheid: C. Merian
Erzähler: G. Schoß

20. Oktober 2012

Bibi Blocksberg - Die kleine Spürnase

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* * * * *
Inhalt:

Bei Blocksbergs wird heute gegrillt, und vor allem Bernhard freut sich schon auf die Würstchen. Doch plötzlich taucht ein kleiner Hund im Garten auf, schnappt sich die Würstchen und läuft davon. Bibi verfolgt den kleinen Dieb und trifft dabei auf Marita. Die beiden finden den Hund bei Frau Fröhlich in der Nachbarschaft.

Der Hund namens Oscar gehört Frau Fröhlichs Schwester und wird von ihr für eine Weile betreut. Allerdings hat sich Frau Fröhlich ein Bein gebrochen und kann sich daher nicht wirklich um den Hund kümmern. Bibi und Marita schlagen sofort vor, sich solange um Oscar zu kümmern. Sie wollen ihn täglich ausführen, mit ihm spielen, ihn füttern und pflegen und abends wieder zu Frau Fröhlich bringen - die ist natürlich begeistert von der Unterstützung.

Schon beim ersten Spaziergang mit Oscar finden die Mädchen heraus, dass der Hund ein besonderes Talent hat - er hat eine ausgesprochen gute Spürnase und kann verlorene Dinge auffinden. Auf Bibi und Marita warten noch einige Abenteuer mit Oscar ...

Viel Hundelärm um nichts

Tierfolgen bei Bibi Blocksberg und auch bei Benjamin Blümchen sind eine recht heikle Sache - zu oft schon wurde dabei der Fokus nur auf die allerjüngste Zielgruppe gelegt, zu häufig wird "Süß!" gerufen, und zu unrealistisch sind die dargestellten Tiere; bei Bibi waren beispielsweise "Das Schmusekätzchen" und "Die Hundebabys" weniger gelungene Folgen mit diesem Thema. Viel besser ist "Die kleine Spürnase" leider auch nicht geworden. Dabei ist der Anfang noch recht lustig und vielversprechend: Es ist durchaus witzig, wie der arme Bernhard um seine Grillfreude beraubt wird und wie er generell der Einzige ist, der das Hündchen alles andere als süß findet und ihm die diebische Aktion nicht wirklich verzeihen kann. Auch die Grundidee, dass sich Bibi und Marita als Hundesitter betätigen, ist nicht schlecht: Einerseits wird hier für Hilfsbereitschaft plädiert, andererseits lernen Kinder ein bisschen über die Verantwortung für Haustiere - gerade ein Hund, und mag er auch noch so klein sein, hat viele Bedürfnisse, und es kann stressig sein, sich um ihn zu kümmern.

Dieser gute Ansatz wird dann aber durch das Spürnasentalent des Hundes eher zunichte gemacht. Anstatt den Hund realistisch zu gestalten, wird er natürlich wieder einmal von einem menschlichen Sprecher gesprochen bzw gebellt. Dass Oscar fast ununterbrochen vor sich hin bellt, soll wohl seine Präsenz in der Folge untermauern, ist aber reichlich übertrieben und schon nach ein paar Minuten ziemlich nervtötend - den Machern sollte eigentlich klar sein, dass man den Hund als Hörer schon nicht vergisst, nur weil er mal ein paar Minuten nicht bellt. Auf das "Wie süß"!-Geschreie der Mädchen hätte man ruhig verzichten dürfen - der Hörer ist da ganz bei Bernhard Blocksberg, dem das alles merklich auf die Nerven geht.

Eine tolle Handlung könnte vielleicht ein bisschen darüber hinwegtrösten, aber auch die findet man nicht wirklich. Ein roter Faden fehlt, es wirkt, als habe man sich nicht recht entscheiden können, auf was die Geschichte den Fokus legen soll - auf die Komplikationen bei der Hundehaltung, auf witzige Zwischenfälle oder auf einen dramatischen Zwischenfall, der ganz kurz eingeschoben wird. Die Geschichte ist halbherzig, weder gibt es wirklich spannende Szenen noch viele witzige Momente, ausgenommen einzig Bernhards Kommentare. Die Sprecher sind unterschiedlich zu bewerten - Bodo Wolf macht seine Sache als "neuer" Bernhard Blocksberg sehr gut, er klingt fast wie sein langjähriger Vorgänger Guido Weber. Gabriele Streichhahn bleibt hier weit hinter Hallgard Bruckhaus zurück, ist aber nicht schlecht. Uschi Hugo, die seit einigen Jahren statt Tatjana Gessner Bibis Freundin Marita spricht, hat leider keine so ausdrucksstarke Stimme wie ihre Schwester Dorette, die seinerzeit Arielle die Meerjungfrau sprach und nach wie vor als Tina in "Bibi und Tina" aktiv ist. Gerrit Schmidt-Foß ist nach wie vor eine unpassende Neubesetzung für Flori, seine Stimme ist merklich auf kindlich verstellt und klingt unecht - schade, denn als Derek Ashby in "Point Whitmark" klingt er viel authentischer, obwohl er dort ja ebenfalls einen Jugendlichen spricht - lieber ein bisschen älter als die dargestellte Figur klingen und dafür angenehm, und überzeugend.

Fazit:

Eine unterdurchschnittliche Folge, die ziemlich albern ist und überwiegend nur die allerjüngsten Hörer anspricht. Der Hund nervt ziemlich, die Sprecher sind nicht alle überzeugend, die Handlung ist belanglos und kaum spannend. Ein paar wenige lustige Szenen machen das Hören erträglich, aber es ist dennoch eine der schlechtesten Folgen der Serie.

Sprechernamen:


Bibi Blocksberg: S. Bonasewicz
Barbara Blocksberg: G. Streichhahn
Bernhard Blocksberg: B. Wolf
Marita: U. Hugo
Florian: G. Schmidt-Foß
Erzähler: G. Schoß

9. Oktober 2012

Auf höchsten Befehl - Joseph Finder

Produktdetails:

Ausgabe: 1999
Seiten: 361
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Der Autor:

Joseph Finder wurde 1958 in Chicago geboren und lebte mehrere Jahre in Afghanistan und auf den Philippinen. Nach seinem Studium an Harvard und Yale dozierte er am Russian Research Center von Harvard. Als Journalist schrieb er für die großen amerikanischen Zeitungen. Seine Spezialgebiete sind russische und internationale Politik und Geheimdienste. Heute lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter in Boston. Weitere Werke sind u.a.: "Goldjunge", "Die Moskau-Connection" und "Die Stunde des Zorns".

Inhalt:


Claire, eine erfolgreiche Anwältin, unterrichtet an Harvard, ist seit drei Jahren glücklich mit Tom Chapmann in zweiter Ehe verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter. Eines Tages bricht ihr idyllisches Leben jäh auseinander: Bei einem gemeinsamen Einkaufsbummel verhaften FBI-Agenten ihren Ehemann Tom. Nach kurzer, dramatischer Flucht wird er erneut gefasst und inhaftiert. Claire erfährt, dass sein richtiger Name Ronald Kubik lautet. Vor mehr als dreizehn Jahren soll er als Mitglied einer militärischen Spezialeinheit ohne Einsatzbefehl ein Massaker in einem mittelamerikanischen Dorf angerichtet haben. Dank einer neuen Identität und mehreren Gesichtsoperationen gelang ihm die Flucht, bis er jetzt durch einen Zufall überführt werden konnte.

Tom bestätigt Claire seine Vergangenheit als militärischer Undercover-Agent. Er beteuert jedoch, an dem Massaker unschuldig zu sein. Stattdessen nutze die Army ihn als Sündenbock, um einen Schuldigen für das grausame Verbrechen zu haben und seinen damaligen Vorgesetzten zu schützen.

Claire weiß nicht, was sie glauben soll. Ist ihr Mann, der ihr sein früheres Leben bis eben verschwiegen hat, tatsächlich ein kaltblütiger Killer? Oder hat er Recht und Tom ist Opfer einer perfiden Intrige, in die höchste Militärkreise verwickelt sind? Trotz ihrer Zweifel übernimmt Claire Toms Verteidigung. Gemeinsam mit dem Ex-Militäranwalt Grimes und dem unerfahrenen, aber engagierten Pflichtverteidiger der Army Terry Embry versucht sie alles, um die Unschuld ihres Mannes zu beweisen. Dabei scheint ein Sieg fast aussichtslos: Alle möglichen Zeugen für Toms Version sind untergetaucht oder verstorben, Claires Haus wird von Wanzen überwacht und sogar vor einem Mordanschlag schrecken ihre Gegner nicht zurück ...

Wahrheit oder Intrige?


Unschuld oder Verschwörung, was steckt wirklich hinter Toms Vergangenheit? Nicht nur seine Ehefrau Claire wird auf eine rasante Jagd nach der Wahrheit geschickt, auch der Leser muss sich immer wieder fragen, wessen Seite er Glauben schenkt ...

Gefühlsmäßige Achterbahnfahrt


Da ist zum einen der sympathische Tom, mit dem Claire bis vor kurzem eine unbeschwerte und glückliche Ehe führte und der sich rührend um seine Stieftochter Annie kümmerte. Und zum anderen gibt es die ungeheuerlichen Vorwürfe, die aus Tom einen abgebrühten Mörder machen. Claire scheint es unglaublich, dass der liebevolle Mann an ihrer Seite zu so einer Tat fähig sein sollte. Andererseits hat er jahrelang seine wahre Identität verschwiegen - warum sollte sie ihm jetzt glauben können? Es scheint keine Möglichkeit zu geben, sich endgültig Klarheit zu verschaffen. So wird beispielsweise ein Lügendetektortest zu Hilfe gezogen. Doch kaum ist das Ergebnis da, hat die Gegenseite einen Sachverständigen parat, der bestätigt, dass Tom alias Ronald im Verlauf seiner Ausbildung auf das Manipulieren eines solchen Testes trainiert wurde.

So hin- und hergerissen wie sich die Hauptfigur präsentiert empfindet auch der Leser. Dadurch wird unweigerlich eine hohe Spannung aufgebaut, denn jedes Ende scheint denkbar. Der Autor geizt auch nicht mit überraschenden Wendungen, die den Prozess immer wieder in verschiedenen Richtungen kippen lassen.
Allerdings übertreibt Finder es vor allem gegen Ende ein wenig mit dieser Wechselhaftigkeit. Es hat den Anschein, als habe er sich immer wieder selber übertrumpfen wollen mit einer noch spektakuläreren Enthüllung. Mal sind es neue Details aus Toms Vergangenheit und mal schmutzige Lügen von der Gegnerseite. Unverhoffte Zeugen tauchen auf, andere ebenso unverhofft unter und auch das Gericht spart nicht an unberechenbaren Bestimmungen. Und natürlich fehlt auch nicht der unvermeidliche anonyme Informant, der Claire mit nächtlichen Anrufen aus dem Schlaf reißt. Auf den letzten Seiten überschlagen sich die Ereignisse dann wie erwartet mit einer derartigen Heftigkeit, dass hier die Geduld des Lesers arg auf die Probe gestellt wird. Versöhnlich ist dafür, dass der Schluss ins Gesamtkonzept passt und nicht mit einem ärgerlichen Deus ex machina, sprich einem völlig aus der Luft gegriffenen Lösung, aufwartet. Im Gegenteil: Trotz aller Wendungen tritt am Ende doch die Pointe ein, die dem Leser insgesamt am wahrscheinlichsten erscheint und immer schon erschien.

Stärken und Schwächen bei den Figuren

Die Stärken in den Charakterisierungen der Hauptfiguren liegt eindeutig in der Sympathie, die der Leser für sie empfindet. Claire erscheint als starke Persönlichkeit, deren Leben von einer Sekunde auf die anderen aus den Fugen gerissen wird. Verzweifelt muss sie mitansehen, wie ihrem Mann entweder eine lebenslange Haft oder sogar die Todesstrafe drohen, wenn es ihr nicht gelingt, seine Unschuld zu beweisen. Allein ihr zuliebe wünscht man dem Roman einen guten Ausgang und einen Beweis für Toms Unschuld. Allerdings geht ihre Stärke auch mit mangelndem Realismus einher. Trotz dieser Katastrophe gestattet sich Claire keinen Zusammenbruch, wie es wohl bei so ziemlich jeder anderen Frau der Fall wäre. Das gilt vor allem für den Anfang der Geschichte, als Tom noch vor dem FBI auf der Flucht ist und Claire trotz ihrer Unsicherheit, ob er überhaupt noch lebt, ihr normales Leben so gut es geht aufrecht erhält.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Humorvolle Dialoge sind normalerweise ein Gewinn für jeden Roman. Angesichts der dramatischen Lage der Figuren ist es hier jedoch eher unangebracht, dass sie sich trotz allem immer wieder ironische Bemerkungen erlauben. Spitzenreiter in dieser Beziehung ist Claires Co-Anwalt Charles Grimes, der den Zynismus für sich gepachtet hat. Sein Gerechtigkeitssinn und sein Sarkasmus machen ihn zwar einerseits zu einem sympathischen Charakter. Andererseits erscheint es doch unrealistisch, wenn er sich sogar unmittelbar nach dem Lügendetektortest seines Mandanten zu einem witzig gemeinten "Nun? Ist er ein verlogener Schweinehund?" gegenüber dem Gutachter hinreißen lässt. Egal wie ernst die Lage gerade ist, Grimes lässt keine Gelegenheit zu einem schlechten Scherz aus und stellt damit manchmal nicht nur die Geduld seiner Kollegen, sondern auch die des Lesers auf die Probe.

Nicht nur für Experten


Sehr angenehm bei diesem Roman ist, dass man keine besonderen Vorkenntnisse in Sachen Justiz oder Army benötigt, um der Handlung folgen zu können. Die nicht übermäßig zahlreichen Fachausdrücke werden erklärt. Claire ist zwar eine brillante Anwältin, aber kein Spezialist auf militärischem Gebiet, so dass ihr Co-Anwalt ihr mit Hinweisen und Erklärungen zur Seite stehen muss. Geschickterweise werden dadurch sowohl Claire als auch dem Leser die nötigen Informationen über das System vermittelt.

Auch die Sprache ist einfach zu lesen und stellt keine besonderen Anforderungen an den Leser. Trotz gewisser Mängel ergibt sich unterm Strich eine unterhaltsame Lektüre für Fans von Justiz- und Militärthrillern. Wer sich bei Filmen wie "Im Namen der Ehre" und Autoren wie John Grisham und David Baldacci gut aufgehoben fühlt, der wird auch mit "Auf höchsten Befehl" gut bedient sein.

Fazit:

Unterhaltsamer und vor allem im Mittelteil fesselnder Thriller über Wahrheit und Verschwörungen in der Army. Der Gesamteindruck wird durch ein paar übertriebene Wendungen, vor allem gegen Schluss, ein wenig getrübt. Dennoch empfiehlt sich dieser leicht zu lesende Roman vor allem für Freunde von Spannungsliteratur à la Grisham oder Baldacci.

Die Lüge - Petra Hammesfahr

Produktdetails:

Ausgabe: 2003
Seiten: 448
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Die Autorin:

Petra Hammesfahr wurde 1951 geboren. Bereits mit 17 Jahren begann sie zu schreiben, doch anstatt zu veröffentlichen arbeitete sie zunächst als Einzelhandelskauffrau. 1991 erschien ihr erster Roman, weitere Kriminalromane folgten. Ab Mitte der Neunziger schrieb sie u.a. auch Drehbücher fürs Fernsehen. Heute landen ihre Bücher regelmäßig in den Bestsellerlisten. Petra Hammesfahr lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Kerpen. Weitere Werke sind u.a.: "Das Geheimnis der Puppe"(1991), Merkels Tochter(1993), "Die Sünderin"(1999), "Der Puppengräber"(1999), "Die Mutter"(2000), "Lukkas Erbe"(2000), "Meineid"(2001) und "Das letzte Opfer"(2002).

Inhalt:


Susanne Lasko ist eine einsame Frau Mitte Dreißig. Seit drei Jahren ist sie geschieden, ihre blinde Mutter lebt in einem Pflegeheim. Nach zwei miterlebten Überfällen ist Susanne für ihren Beruf als Bankangestellte nicht mehr geeignet, findet jedoch auch keine neue Arbeit und lebt in einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung. Um vor allem gegenüber ihrer Mutter den Schein zu bewahren, verzichtet sie auf Sozialhilfe und bedient sich stattdessen heimlich an der anvertrauten Reserve ihrer Mutter, in der Hoffnung, das Geld eines Tages zurückzahlen zu können.

In dieser aussichtslosen Lage trifft sie eines Tages im Aufzug ihre Doppelgängerin. Nadia Trenkler ist von kleinen Abweichungen abgesehen ihr genaues Ebenbild. Ihr Leben könnte allerdings nicht verschiedener sein: Nadia ist finanziell unabhängig und seit sieben Jahren mit Michael verheiratet. Susannes Entbehrungen und Unsicherheiten kennt die selbstbewusste Frau nicht. Auf ihr Drängen hin lernen sich die beiden Frauen besser kennen. Nadia erkennt Susannes missliche Lage und bietet ihr Unterstützung an. Bald stellt sich heraus, dass ihre Handlung nicht uneigennützig war, denn für Nadia ist dieser Zufall ein Glücksgriff. Sie macht Susanne ein Angebot: Jedes zweite Wochenende soll Nadia in ihre Rolle schlüpfen und sie zuhause vertreten, damit sich Nadia ungestört mit ihrem Liebhaber treffen kann. Zunächst hält Susanne diesen Vorschlag für undurchführbar, doch kleine Tests mit Bekannten beweisen, dass die Täuschung perfekt ist. Die Versuchung ist groß und Susanne willigt ein.

Wider Erwarten geht der Plan auf. Von kleinen Pannen abgesehen, wird Susanne immer sicherer in ihrer neuen Rolle. Für Nadias Ehemann Michael empfindet sie sogar ehrliche Gefühle und wünscht sich manchmal, sie könnte für immer in dieser Rolle bleiben. Doch nach kurzer Zeit kommt Misstrauen auf. Es häufen sich die Anzeichen dafür, dass Nadia ein böses Spiel mit ihr treibt und Susannes Identität für dunkle Geschäfte missbraucht ...

Du bist ich und ich bin du

Petra Hammesfahr ist eine Autorin, die für zerrissene Frauencharaktere, das Spiel zwischen Schein und Sein sowie überraschende Wendungen bis hin zur Undurchsichtigkeit steht. Alle drei Komponenten finden sich auch in diesem Roman wieder, der sowohl Stärken als auch Schwächen ihrer vorangegangenen Werke in sich vereint.

Altbewährtes Motiv


Dass Bild des Doppelgänger ist eines der ältesten Motive in der Literaturgeschichte überhaupt und taucht im Laufe der Jahrhunderte in den unterschiedlichsten Varianten auf. Sei es bei im gleichnamigen Werk von Dostojewski, bei "Prinz und Bettelknabe" von Mark Twain, in E.T.A. Hoffmanns "Sandmann" oder in seinen "Elixiere(n) des Teufels", in Stevensons "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" oder in Poes "William Wilson". Nicht umsonst ist es ein so beliebtes Motiv, denn bei seiner Verwendung sind Verwirrspiele und Spannung vorprogrammiert. Wie so häufig haben denn auch in diesem Fall die beiden Charaktere außer ihrem identischen Aussehen nichts miteinander gemeinsam und ihre Leben sind so verschieden wie Tag und Nacht. Das erhöht für beide Frauen den Reiz, die Rollen für kurze Zeit zu tauschen - und dem Leser ist klar, dass diese Aktion folgenschwere Konsequenzen nach sich ziehen wird. Deutlich wird das schon im Prolog, in dem ein Junge die Leiche einer Frau in einem Müllcontainer findet. Schon auf den ersten Seiten ist also offensichtlich, dass dieses perfide Spiel für mindestens eine der beiden Frauen tödlich endet ...

Identifikation mit Protagonistin


Der Leser fühlt sich schnell zu Susanne Lasko hingezogen, obwohl oder gerade weil es sich bei ihr eher um eine Anti-Heldin handelt. Susanne Lasko ist eine gescheiterte Existenz, die sich mühevoll über Wasser hält. Ihrer Mutter fühlt sie sich moralisch verpflichtet und bringt es daher nicht über das Herz, ihr von ihrer Armut zu erzählen. Soziale Kontakte beschränken sich auf Gespräche mit der Nachbarin, ein neuer Job ist nicht in Sicht, der Ex-Ehemann neu verheiratet.

Nadia Trenkler ist auf den ersten Blick ein Gewinnertyp. Finanziell unabhängig mit sicherem Job, Luxushaus und großem Freundeskreis. Ihr Leben besteht aus Börsengeschäften, Partys und Vergnügungen. Dennoch gehören nicht ihr, sondern der gebeutelten Susanne die Sympathien. Ihr Leben ist eine Verkettung von ungünstigen Umständen. Sogar für das heimliche Geldabheben bei ihrer Mutter hat der Leser Verständnis, denn Susanne leistet sich davon nur das Nötigste, verzichtet unter anderem auf eine Krankenversicherung und ernährt sich wochenlang nur von Nudeln, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. Niemand kann es ihr verdenken, dass sie sich auf den gewagten Rollentausch, der ihr immerhin mehrere tausend Euro einbringt, einlässt. Und obwohl man nicht alle ihre Handlungsweisen gutheißen kann, fiebert man mit ihr und hofft, dass ihr Leben eine positive Wendung erhält.

Abstriche durch Verwirrung und Unglaubwürdigkeit


Leider gibt es gleich zwei Punkte, die den Lesegenuss schmälern. Der eine ist die offensichtliche Unglaubwürdigkeit, ausgelöst ausgerechnet durch den eigentlichen Aufhänger, durch das Doppelgängermotiv. So faszinierend der Gedanke auch ist, dass man seinen genauen Ebenbild gegenübersteht, so unrealistisch erscheint es auch. Sicher gibt es Menschen, die einander verblüffend ähneln, aber Susanne und Nadia sehen sich, ohne dass sie miteinander verwandt wären, offenbar so ähnlich wie ein eineiiges Zwillingspaar. Auf die Täuschung fallen nicht nur flüchtige Bekannte wie Nadias Hausarzt herein, sondern sogar die engsten Freunde und schließlich auch ihr Ehemann. Susanne verbringt ganze Tage mit Michael Trenkler, an denen die beiden letztlich auch miteinander schlafen. Es ist schwer vorzustellen, dass selbst in dieser Intimität Susanne ihre wahre Identität verbergen kann.

Dazu kommt, dass Susanne nicht viel Zeit hat, sich auf ihre neue Rolle vorzubereiten und mit vielen Gesichtern, Namen und Anekdoten, die ihr als Nadia Trenkler präsentiert werden, nichts anfangen kann. Immer wieder tritt sie ins Fettnäpfchen, immer wieder kommt sie mit Mühe davon - so oft, dass man ins Zweifeln gerät, ob das noch wahrscheinlich ist oder ob ihr Umfeld einfach nur verblendet und begriffsstutzig ist. Auf der anderen Seite muss man zugute halten, dass man wohl kaum zuverlässig einschätzen kann, wie man selbst auf einen Doppelgänger reagieren würde und ob man tatsächlich in der Lage wäre, ihn zu enttarnen.

Der andere Schwachpunkt des Romans ist die starke Zeitraffung im letzten Drittel und das rasch abgehandelte Ende. Immer mehr Personen treten auf, die Schauplätze scheinen auf jeder Seite zu wechseln und die Ereignisse überstürzen sich. Nicht nur Susanne Lasko, auch der Leser fühlt sich anhand der Entwicklung auf den letzten 100 Seiten hin und wieder überfordert. Fast automatisch baut sich angesichts der vielen undurchsichtigen Charaktere eine Distanz zum Roman auf, weil man nie sicher sein kann, wer auf welcher Seite steht und welche Enthüllungen als nächstes folgen mögen. Erschwerend kommt hinzu, dass die erste Hälfte des Roman deutlich ausführlicher erzählt wird, während man im zweiten Teil sich dahingehend umgewöhnen muss, dass alles mit erhöhter Geschwindigkeit und mit damit einhergehender Oberflächlichkeit geschildert wird. Zeitweise wirkt es so, als habe die Autorin einfach versucht, möglichst viele Ereignisse auf möglichst engem Raum abzuhandeln - was leider auf Lasten der Aufmerksamkeit des Lesers geht.

Unterm Strich fällt auf, dass die Autorin wieder einmal nicht darauf verzichten kann, es mit Doppelbödigkeiten und überraschenden Wendungen zu übertreiben. "Die Lüge" liest sich dabei jedoch gefälliger als manch anderer ihrer Romane. Der Leser verfolgt nicht nur das Schicksal der Protagonistin, sondern stellt sich automatisch selbst die Frage, wie er angesichts eines Doppelgängers und eines Rollentausches reagieren würde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen lässt sich das Werk flüssig lesen, ohne größere Ansprüche zu stellen. Hin und wieder fallen ein paar abgehackte Sätze, die auf Vollständigkeit verzichten oder unorthodoxen Satzbau mit sich bringen. Dabei gerät man aber nie aus dem Lesefluss, so dass der Stil insgesamt gut zu konsumieren ist.

Fazit:


"Die Lüge" ist ein Psychothriller über Versuchungen und Intrigen mit einer interessanten Grundidee und einer angenehm unperfekten Protagonistin, die zur Identifizierung einlädt. Nach einer starken, spannenden ersten Hälfte sorgen die sich häufenden Unglaubwürdigkeiten und die sich überschlagenden Ereignisse für eine zunehmende Verflachung bis hin zum allzu abrupt endenden Schluss. Trotz dieser Mankos bleibt ein unterhaltsamer und über weite Strecken fesselnder Roman.

Gefährliche Begierde - Tess Gerritsen

Produktdetails:

Ausgabe: 2005
Seiten: 364
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Die Autorin:

Tess Gerritsen praktizierte mehrere Jahre lang als Ärztin, ehe sie sich nebenbei dem Schreiben widmete und 1987 ihren ersten Roman veröffentlichte, dem bald weitere folgen sollten. Ihre Arbeit inspirierte sie zu ihrem ersten Medizin-Thriller "Kalte Herzen", mit dem ihr der internationale Durchbruch begann. Ihr größter Erfolg ist die Maura Isles & Jane Rizzoli-Reihe, in der z. B. die Romane "Die Chirurgin", "Der Meister", "Todsünde" und "Schwesternmord" erschienen.

Inhalt:

Die junge Journalistin Miranda Wood beendet ihr Verhältnis mit ihrem verheirateten Chef Richard Tremain und beschließt, ein neues Leben anzufangen. Dann erreicht sie eines Abends ein Anruf ihres ehemaligen Geliebten, der seinen Besuch ankündigt. Miranda verlässt in aller Eile ihre Wohnung, um einer Begegnung auszuweichen. Als sie später zurückkehrt, findet sie Richard erstochen in ihrem Bett vor. Obwohl sie ihre Unschuld beteuert, ist sie die Hauptverdächtige - erst recht aus der Sicht von Richards Familie, den schwerreichen Tremains.

Auch Chase Tremain, der Bruder des Verstorbenen, der nach vielen Jahren wieder in die Stadt reist, glaubt zunächst an ihre Schuld. Das verstärkt sich noch, als Miranda zur Überraschung aller, ihre eigene eingeschlossen, Richards Cottage vermacht bekommt. Damit steht scheinbar auch ihr Motiv fest. Doch je näher Chase Miranda kennenlernt, desto sympathischer wird sie ihm und er glaubt immer weniger an ihre Schuld. Miranda geht es umgekehrt nicht anders. Schon bald merkt sie, dass Chase ganz anders als sein skrupelloser Bruder ist und er ihr helfen möchte.

Miranda steht vor einer Menge Fragen: Wer ist der Unbekannte, der ihr anonym die Kaution zur vorläufigen Freilassung bezahlt hat? Wer steckt in Wirklichkeit hinter dem Mord? Und wer versucht Miranda nach dem Leben zu trachten? Chase und Miranda suchen fieberhaft nach dem wahren Mörder, denn sie wissen: Nur so kann Miranda ihre Unschuld beweisen ...

Eifersucht, die Leiden-schafft


2004 gelang Tess Gerritsen auch in Deutschland der Durchbruch mit ihrem Medizinthriller "Die Chirurgin". Der Spannungsroman über einen perfiden Serienkiller eroberte die Bestsellerlisten und bildete den Auftakt zu weiteren Folgebänden, die in der Popularität wenig nachstanden. Dieser Erfolg war wohl ausschlaggebend, um das vorliegende Werk mehr als zehn Jahre nach seinem US-Erscheinen ins Deutsche zu übersetzen - doch ob man der Autorin damit einen Gefallen getan hat, sei dahingestellt, denn einem Vergleich mit ihren aktuellen Werken hält dieser Thriller in keiner Hinsicht stand.

Dabei ist die gewählte Ausgangssituation nicht die schlechteste: Ein Mord und eine ehemalige Geliebte, ein Bruder, der sich in die Tatverdächtige verliebt, ein überraschendes Testament und Bedrohungen durch einen Unbekannten - aus den Zutaten lässt sich vielleicht nicht unbedingt Hochliteratur, aber doch sicher ein unterhaltsamer und fesselnder Spannungsroman basteln.

~ Spannungsarmut ~

Gerade in Sachen Spannung lässt der Roman allerdings zu wünschen übrig. Der Hauptgrund dafür liegt in der verschenkten Möglichkeit, Mirandas Rolle zwielichtiger zu gestalten und nicht nur für Chase, sondern auch für den Leser zunächst offen zu lassen, ob sie eine Mörderin ist oder nicht. Genau dieses Szenario suggeriert nämlich auch der Klappentext, in dem vor allem auf Chases Unsicherheit, ob er Miranda glauben darf oder nicht, in den Vordergrund gestellt wird. Doch anstatt dass der Leser sich diese Frage gleichfalls stellen darf, erlebt er mit, wie Miranda den toten Richard in ihrer Wohnung findet - und weiß somit von Anfang an, dass sie unschuldig ist. Damit beruht die Spannung des Romans hauptsächlich aus der Frage nach dem wahren Täter und seinem Motiv. Aber auch hier gibt es Mängel, denn allzu groß ist der Kreis der in Frage kommenden Kandidaten nicht. So ahnt man denn auch sehr frühzeitig, wer der Mörder sein könnte. Im letzten Viertel des Romans fällt eine scheinbar harmlose Bedeutung, bei der man bereits vermutet, dass sie später noch eine Rolle spielen wird, was sich letztlich auch bestätigt. So wird man zum Schluss nicht mal mit der Entschädigung einer überraschenden Wendung konfrontiert.

~ Blasse Charaktere ~

Schwächen zeigen sich auch in den Charakteren. Miranda Wood ist dem Leser zwar nicht unsympathisch und man wünscht ihr durchaus, dass alles für sie ein gutes Ende nimmt. Aber wirklich bewegt wird man von ihrem Schicksal nicht. Bereits beim Lesen ahnt man, dass ein Happy End nur ein "Na fein" auslösen wird und entsprechend ein negativer Schluss nicht viel mehr als ein kurzes "Schade". Von Mitfiebern kann hier nicht die Rede sein, denn dafür fehlt es der Protagonistin einfach zu sehr an markanten Charakterzügen, die sie vor dem geistigen Auge lebendig zaubern würden.

Ähnliches gilt für die zweite Hauptfigur Chase Tremain. Sein innerer Kampf mit der aufkeimenden Sympathie für Miranda und seinem Bestreben, sich von ihr fernzuhalten, könnte interessant sein, bleibt dafür aber zu sehr an der Oberfläche. Das gilt ebenso für die Liebesbeziehung der beiden, bei der der Funke zum Leser nicht überspringen will. Auch für die Darstellung der Figur Chose wäre es von Vorteil gewesen, wenn Mirandas Schuld oder Nichtschuld für den Leser ungewiss wäre, denn dadurch würde man stärker mit ihm leiden und sein Problem besser nachvollziehen können. Nur am Rande sei erwähnt, dass auch weder Richards Witwe Evelyn noch ihre beiden Kinder in irgendeiner Weise als charismatisch auffielen und dem Leser im Gedächtnis bleiben würden.

~ Fehler über Fehler ~

Auf den knapp 350 Seiten finden sich in der Mira-Ausgabe mindestens 30 Fehler was Zeichensetzung, Wortauslassungen und Groß- und Kleinschreibung betrifft. Ungefähr zehnmal wird die förmliche Anrede "Sie" kleingeschrieben, an anderen Stellen Worte wie "ihn" fälschlicherweise groß. Mehrfalls steht dort ein Komma, wo ein Punkt hingehört und umgekehrt, andere Male fehlen die Leerzeichen. Bei Sätzen wie "Philip immer noch auf den Tasten des Klaviers herum" wurde sogar das Verb vergessen, bei "Nachtmittag" hat sich ein "t" zu viel eingeschlichen, an anderer Stelle finden sich Buchstabendreher. Irritierend ist außerdem, dass für die Übersetzung grundsätzlich die neue Rechtschreibung verwendet wurde, sich die Kommasetzung bei der wörtlichen Rede aber inkonsequenterweise an der alten orientiert - es erfolgen also keine Kommata nach Ausrufe- oder Fragezeichen am Ende der wörtlichen Rede. Natürlich kommt kaum ein längeres Buch ohne einen einzigen Fehler aus, aber in dem Fall ist das Maß des Akzeptablen weit überschritten. Beim Lesen drängt sich der Verdacht auf, dass nach dem Übersetzen kein einziges Mal Korrektur gelesen wurde.

~ Wenig Positives ~

Unterm Strich bleibt leider ein deutlich negatives Bild, das nur wenige Lichtblicke aufweist. Immerhin will man letztlich doch erfahren, wer der Täter ist und welches Motiv ihn bewegte. Trotz der vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler ist das Buch stilistisch zwar - zumindest in der deutschen Übersetzung - anspruchslos, aber weitestgehend flüssig geschrieben. Zum Schmunzeln regen ein paar Szenen mit Homer Sulaway und Miss St. John an: Dem alten Homer Sulaway hat Chase vor 25 Jahren das Fenster mit einem Baseball eingeworfen, woran sich der cholerische Mann noch bestens erinnern kann. Miss St. John ist eine würdige alte Lady, deren kalbsgroße Seele von einem Hund namens Ozzie ihren Besuchern mit nervtötender Zärtlichkeit begegnet, so dass man als Leser gar nicht anders kann, als dieses lammfromme Riesentier von Beginn an liebzugewinnen. Dass Ozzie insgesamt einer der interessantesten Charaktere des Buches ist, was kaum so beabsichtigt ist, spricht allerdings wiederum für die mangelnde Qualität.

Fazit:

Das Frühwerk der heutigen Bestsellerautorin entpuppt sich leider in allen Belangen als unterdurchschnittlicher Thriller. Sowohl Spannung als auch farbige Charaktere sind hier Mangelware, auch den wahren Mörder errät der Leser früher als geplant, so dass überraschende Wendungen ausbleiben. Für zusätzlichen Ärger sorgt das sehr mangelhafte Lektorat der deutschen Übersetzung, das Dutzende Fehler übersehen hat. Insgesamt nur für eingefleischte Tess Gerritsen-Fans zu empfehlen, die ihre Sammlung komplettieren wollen.

Im Angesicht der Schuld - Sabine Kornbichler

Produktinfos:

Ausgabe: 2006
Seiten: 380
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* * * * *

Die Autorin:

Sabine Kornbichler wurde 1957 in Wiesbaden geboren. Sie studierte zunächst VWL und arbeitete als Texterin und PR-Beraterin. Seit 1998 lebt sie als freie Autorin in Düsseldorf. Ihr Werk umfasst Romane und Kurzgeschichten. Weitere Bücher von ihr sind: "Majas Buch", "Klaras Haus", "Steine und Rosen", "Vergleichsweise wundervoll", "Nur ein Gerücht" und "Annas Entscheidung".

Inhalt:

Helen Gaspary führt ein glückliches Leben: Die Ehe mit ihrem Mann Gregor, einem erfolgreichen Anwalt, ist harmonisch, die einjährige Tochter Jana ist ihr Sonnenschein, sie besitzt gute Freunde und geht einem interessanten Job nach. Eines Tages bricht ihr Leben von einer Minute auf die andere zusammen, als Gregor bei einem Sturz vom Balkon seiner Kanzlei ums Leben kommt. Die Polizei geht zunächst von Selbstmord aus, doch auch ein Fremdverschulden kann nicht völlig ausgeschlossen werden. Nichts deutete im Vorfeld darauf hin, dass Gregor sich umbringen wollte. Wie jeden Morgen hat er das Haus verlassen, ging seiner Arbeit nach, machte einen unauffälligen Eindruck, schien keine Sorgen zu haben. Da ein Unfall ausgeschlossen wird, ist Helen fest davon überzeugt, dass es sich um Mord handeln muss.

Kurz darauf erfährt die junge Witwe, dass Gregor ein großes Geheimnis vor ihr verbarg. Vor einem Jahr war er in einen Autounfall verwickelt, bei dem ein kleines Kind ums Leben kam. Gregor wurde zwar von jeder Schuld freigesprochen, doch er hat den Vorfall seiner Frau nie erzählt. Für die Polizei und Freunde kommen Schuldgefühle als mögliches Suizid-Motiv in Frage. Helen wird immer unsicherer, wie gut sie ihren Mann tatsächlich gekannt hat. Es stellt sich heraus, dass sowohl seine Familie als auch ihre gemeinsamen Freunde Annette und Joost über den Unfall Bescheid wusste. Helen sollte wegen früherer Depressionen geschont werden.

Immer weitere Rätsel um Gregors Tod tauchen auf und Helen weiß bald nicht mehr, wem sie glauben soll: Wer war der letzte Anrufer, mit dem sich Gregor kurz vor seinem Tod treffen wollte? Warum verschwieg Annette ihrer Freundin ein Telefonat mit ihm? Was verband Gregor mit Franka Thelen, der Freundin der Mutter des verstorbenen Kindes, die er regelmäßig traf? Selbstmord oder Mord, wie kam er ums Leben? Entgegen dem Rat ihrer Angehörigen überlässt Helen die Ermittlungen nicht allein der Polizei, sondern forscht in Gregors Vergangenheit nach Hinweisen, was zu seinem Tod geführt haben könnte ...

Bewertung:


Sabine Kornbichler steht im Ruf, eine reine Frauenromanautorin zu sein. Sicher steht auch in diesem Werk eine weibliche Protagonistin im Mittelpunkt, doch im Gegensatz zu anderen Büchern wie "Annas Entscheidung" geht es hier nicht nur um den Alltag einer Frau, sondern um die Einbettung in eine Kriminalhandlung - eine Tendenz, die insgesamt sehr gut gelungen ist.

~ Glaubwürdige Protagonistin ~

Hauptanteil an der positiven Umsetzung hat die Darstellung der Ich-Erzählerin, deren Schicksal den Leser mitzureißen und zu berühren vermag. Helen Gaspary ist zu Beginn des Romans eine glückliche junge Frau, die kein außergewöhnliches, aber ein harmonisches Leben führt. Von einer Sekunde auf die andere bricht die heile Welt zusammen, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt. Vorbei ist das Ehe- und Familienglück, zurück bleibt ein Scherbenhaufen, unter dem sich die geschockte Frau am liebsten begraben würde. Als wäre der Tod nicht schon hart genug zu ertragen, muss Helen nun auch noch auf dunkle Geheimnisse ihres Mannes stoßen, auf einen tödlichen Unfall, auf fremde Namen, auf eine verborgene Vergangenheit. Auch im befreundeten Ehepaar Annette und Joost findet Helen keinen Halt, vielmehr offenbaren sich auch hier verheimlichte Verstrickungen, die die junge Witwe zunächst nicht einordnen kann.

In letzter Not klammert sie sich an ihre Tochter, für die sie stark sein muss, und an den unbändigen Willen, das Rätsel um Gregors Tod zu klären. Dieser Spagat zwischen Drama und Krimi ist erfreulich gut gelungen. Die trauernde Helen ist eine durch und durch glaubwürdige Figur, die sich der Situation angemessene Schwächen erlaubt. Tagelang verweigert sie das Essen, weint sich in den Schlaf, führt im Geiste Gespräche mit ihrem verstorbenen Mann, lässt stundenlang die Vergangenheit Revue passieren. Als zaghafte Lichtblicke erweisen sich die Nachbarin, die das Witwenschicksal mit Helen teilt und natürlich ihre kleine Tochter, die ihrer Mutter immer wieder ein Lächeln abringt.

Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass Helen nicht, wie es sicher nahe gelegen hätte, zur Privatdetektivin in eigener Sache mutiert. Hauptsächlich ist und bleibt sie die verzweifelte Witwe, die sich nicht mit einem Selbstmord ihres Mannes abfinden will. Sie liefert der Polizei Hinweise und geht diversen Spuren nach, wird aber stets von Zweifeln und Unsicherheiten geplagt. Ebenso kommt die finale Aufklärung von professioneller Seite, wenn auch mit Helens Unterstützung.

~ Breite Auswahl an Verdächtigen ~

Krimifreunde kommen beim Lesen auf ihre Kosten, denn bis kurz vor Schluss scheint völlig offen zu sein, warum Gregor gestorben ist. Es mangelt nicht an Verdächtigen, sowohl im Freundeskreis als auch bei völlig Fremden. Da sind die Unklarheiten, was Annette und Joost kurz vor seinem Tod mit ihm zu klären hatten, was sie Helen offenbar verschweigen wollen. Da ist Franka Thelen, die unvermittelt auftaucht und sich als nähere Bekanntschaft des Verstorbenen entpuppt. Da ist die Mutter des Unfall-Kindes, die Gregor seine Beteiligung daran nie verziehen hat. Und da sind drei Namen, auf die Helen während ihrer Nachforschungen stößt, mit denen sich Gregor unmittelbar vor seinem Tod befasst haben muss. Die Verdachtsmomente schwanken, sowohl bei Helen als auch beim Leser. Immer undurchsichtiger wird das Netz aus Verstrickungen und Verwicklungen, aus Motiven und Entlastungen, so dass Helen bald kaum mehr weiß, wem sie trauen darf und wem nicht. Allein schon die Frage, ob es nun Suizid oder Mord war, steht lange Zeit unbeantwortet im Raum.

~ Kleine Mankos ~

Eine leichte Schwäche steckt in der Nebenfigur Nelli, einer jungen, bildhübschen Frau mit Sangestalent, die bei des Gasparys als Putzhilfe arbeitet und mit den Jahren ein fast freundschaftliches Verhältnis zu ihnen aufgebaut hat. Durch die Handlung zieht sich, beinah wie ein "Running Gag", Helens beständige Ermahnung, dass Nelli ihre Intelligenz für eine brauchbare Ausbildung verwenden solle, was nach einiger Zeit nicht nur Nelli, sondern auch den Leser nervt. Dazu kommt, dass Nellis Charakter von frechen Bemerkungen und einer eher tendenziell burschikosen Freundlichkeit geprägt ist, was wohl für Auflockerungen sorgen soll - tatsächlich aber wirkt angesichts der dramatisch-spannenden Ereignisse Nellis Art eher wie ein ernüchternder Holzhammer, einfach fehl am Platz.

Ein weiteres, wenn auch nicht gravierendes Manko liegt in den Rückblicken, der Übersichtlichkeit halber kursiv gestaltet. Helens schweift in den Wochen nach Gregors Tod immer wieder in die Vergangenheit und erinnert sich an ihr Kennenlernen. Die ersten Jahre ihrer Bekanntschaft sind zwar aufschlussreich, aber doch zu verkitscht und klischeehaft geraten, da Gregor bereits jahrelang in Helen verliebt war, ohne dass sie seine Gefühle auch nur ahnte und er geduldig sogar ihre erste Heirat miterlebte, um auf seine eigene Chance zu warten. Dieses Verhältnis vom treu wartenden Gregor und der naiven Helen, die fünf Jahre lang seine Liebe nicht bemerkte, erinnert zu sehr an übertriebene Schnulzen, um realistisch zu wirken. Auch sind die Rückblicke, die sich oft über mehrere Seiten ziehen, zu lang geraten, um sich ideal in die Handlung zu integrieren, zumal sie nicht viel zu deren Fortschreiten beitragen.

Der letzte Kritikpunkt betrifft das Ende, wo sich das Rätsel um Gregors Tod endlich löst. Leider spielt dabei der Zufall eine große Rolle. Unbeabsichtigt macht Helen mit Nellis Hilfe einen Fund, der sich als heiße Spur entpuppt, die in kürzester Zeit eine Reihe offener Fragen beantwortet. Der Leser wie auch Helen werden anschließend vor vollendetet Tatsachen gestellt, ohne selber die Möglichkeit zu haben, die Hintergründe durch Knobeln zu erschließen. Das enttäuscht vor allem deshalb, weil der Roman bis dato durch Spannung und immer neue Entwicklungen geprägt ist, die man in ihrem Entstehungsstadium mitverfolgen konnte. Der Schluss bringt daher einen Verpuffungseffekt mit sich, trotz der enthaltenen überraschenden Wende.

Positiv ist wiederum der sehr angenehme Stil, der ohne große Schnörkel, immer leicht verständlich und übersichtlich dafür sorgt, dass sich die knapp 400 Seiten in einem Rutsch weglesen lassen. Abgesehen von den Rückblenden in Helens und Gregors Vergangenheit lässt die Autorin keine Abschweifungen zu.

Fazit:


Ein sehr lesenswerter Roman über einen ungeklärten Todesfall und die Suche nach der Wahrheit. Sabine Kornbichler gelingt hiermit eine überzeugende Mischung aus Familiendrama und Krimi mit einer sympathischen Protagonistin, vielen Verdächtigen und spannenden Entwicklungen, verpackt in einen flüssigen Stil. Nur kleine Schwächen schmälern das Gesamtbild, unter anderem die kitschigen Rückblenden und eine Zufallsentdeckung am Schluss.

5. Oktober 2012

Der Schlaf der Toten - Andrew Taylor

Produktinfos:

Ausgabe: 2005
Seiten: 570
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Der Autor:

Andrew Taylor wurde 1951 in England geboren und studierte in Cambridge. Seit 1981 widmet er sich hauptberuflich dem Schreiben. Sein Spezialgebiet sind Kriminalromane. Zu seinen weiteren Werken zählen unter anderem die Lydmouth-Serie und die Roth-Trilogie.

Inhalt:

London, 1819. Der mittellose Lehrer Thomas Shield erhält eine Stelle in einem Internat außerhalb der Stadt. Für den jungen Mann, der immer noch unter den traumatischen Folgen seines Kriegseinsatzes leidet, ist diese Arbeit ein großer Glücksfall. Zu seinen Schülern gehören auch die beiden zehnjährigen Jungen Edgar Allan und Charlie Frant, die sich wie Brüder ähneln und vom ersten Tag an die besten Freunde sind. Edgar ist ein kleiner Amerikaner, der von den Allans adoptiert wurde. Charlie ist der Sohn von Henry Frant, einem wohlhabenden Bankier, dem Teilhaber der berühmten Wavenhoe-Bank.

Nachdem Thomas Shield die Jungen einmal auf der Straße vor den Nachstellungen eines verwahrlosten Mannes bewahrte, kommt er in Kontakt mit der Familie Frant. Vor allem zu Charlies Mutter, Sophie Frant, fühlt er sich auf unerklärliche Weise hingezogen, aber auch Charlies Cousine, die kokette Flora Carswell, verwirrt seine Sinne. Hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen nutzt er bald jede Gelegenheit, um den Frants einen Besuch abzustatten.

Nach dem Tod des Gründers George Wavenhoe gerät die Bank in den Ruin. Als sich herausstellt, dass Henry Frant seine Kunden betrogen hat, steht die Familie Frant vor dem Bankrott. Kurz darauf wird die bis ins Unkenntliche zugerichtete Leiche eines Mannes gefunden, der als Henry Frant identifiziert wird. Die Witwe und der kleine Charlie werden von ihren Verwandten, den Carswells, aufgenommen und ziehen auf ihren Landsitz. Thomas Shield befürchtet, die verehrte Sophie Frant nie wieder zu sehen - doch stattdessen engagiert ihn die Familie als Hauslehrer. In der Zeit auf dem Anwesen der Carswells gerät Thomas in ein Netz aus Intrigen und weiß schon bald nicht mehr, wem er trauen darf. Was hat es mit dem geheimnisvollen David Poe auf sich, der behauptet, er sei Edgar Allans Vater? Handelt es sich bei dem Ermordeten wirklich um den verschwundenen Henry Frant? In einer verschneiten Winternacht kommt es schließlich zu einem weiteren mysteriösen Todesfall ...

Bewertung:


Neblige Nächte, dunkle Gassen, verwinkelte Herrenhäuser und weite Wälder - "Der Schlaf der Toten" besitzt alle Elemente, die man von einem Schauerkrimi erwartet. In gekonnter Manier zieht Taylor seinen Leser hinein ins viktorianische England, lässt ihn teilhaben an den Aufzeichnungen des jungen Thomas Shield und konfrontiert ihn mit einer Reihe von seltsamen Vorgängen, die sich immer weiter zu einem undurchdringbaren Geflecht aus Lügen und Intrigen zu verstricken scheinen. Von kleinen Einschränkungen abgesehen liegt hier ein überzeugender und fesselnder Historienkrimi vor, der nicht zu Unrecht mit dem "Historical Dagger" ausgezeichnet wurde.

~ Überzeugende Charaktere ~

Ein großer Verdienst des Romans ist zweifelsohne die Identifizierung des Lesers mit der Hauptfigur, dem Ich-Erzähler Thomas Shield. Schnell zu Beginn wird klar, dass es sich hier um keinen strahlenden Helden handelt, sondern um einen Charakter mit Hang zur Labilität. Aufgewachsen ohne Mutter, verstarb sein Vater vor Beendigung des Studiums, so dass Thomas aus Geldmangel die Universität vorzeitig verlassen musste. Die traumatische Kriegserfahrung erforderte ärztlichen Beistand und ein unbeherrschter Gefühlsausbruch ließ ihn seine Stelle verlieren. Trotz des unerwartet großzügigen Erbes seiner Tante ist Thomas Shield kein Gewinner, sondern ein einsamer und verletzlicher junger Mann, für den man sich gerne ein bisschen Glück erhofft, mit dem man leidet, mit dem man hofft und dessen Schicksal einen spätestens in der zweiten Hälfte des Buches vollends in den Bann zieht.

Längst nicht so intensiv, aber doch lebendig und anschaulich empfindet man die restlichen Charaktere, allen voran die Mitglieder der Familie Frant und ihr Umfeld: Die zarte Sophie, die ihre eigenen Gefühle hinter das Glück ihres Sohnes stellt und deren zurückhaltende, undurchschaubare Art auf den Leser ähnlich faszinierend wirkt wie auf Thomas Shield; der kleine Charlie mit dem sensiblen Gemüt, der sich im Internat zunächst so verloren fühlt und durch mit Hilfe seines Freundes Edgar die schwere Zeit übersteht; der undurchsichtige Henry Frant, der noch nach seinem Tod seine Familie ins Verderben reißt und die reizvolle Miss Carswell, die es liebt, Thomas Shield in Verlegenheit zu bringen und immer wieder neue Verwirrungen provoziert. In dieser Charakterfülle liegt womöglich auch eine kleine Schwäche des Romans, da viele Figuren Erwartungen wecken, die sie unterm Strich nicht unbedingt halten können. Von manch einer Person erhofft man sich während des Lesens noch eine größere Beteiligung an der Handlung oder gar eine Schlüsselrolle, muss am Ende jedoch feststellen, dass es wirklich bei einem Nebencharakter geblieben ist, der für die Handlung keine überraschende Bedeutung mehr beiträgt.

~ Hommage an Poe ~


Versierte Leser werden bereits bei der Erwähnung des kleinen "Edgar Allan" aufmerken, offensichtlich wird es spätestens dann, wenn ein gewisser David Poe ins Spiel kommt: Der zehnjährige Schüler von Thomas Shield, dessen Rolle einiges zu den Rätseln im Verlauf der Handlung beiträgt, ist niemand anderes als Edgar Allan Poe, der berühmte Schriftsteller, der später mit seinen detektivischen und unheimlichen Kurzgeschichten in die Weltliteratur eingehen sollte. Im Anhang an den Roman finden sich dementsprechende biographische Anmerkungen des Autors zu Poes Leben und Werk. In behutsamer Manier wird hier versucht, die dunklen Jahre von Poes Schulzeit in Einklang mit der Romanhandlung zu bringen. Hier ist die Ähnlichkeit mit Charlie Frant eine Inspiration für Poe beliebtes Doppelgängermotiv; hier erinnert der Rabe aus dem gleichnamigen Gedicht bewusst an den sprechenden Papagei, der zwar nicht "Nevermore", dafür aber "Ayez peur" vor sich hin krächzt und hier gelten die überlieferten Worte auf dem Sterbebett dem ehemaligen Lehrer.

Andrew Taylor kombiniert mit viel Geschick eine fiktive Handlung um das düstere Leben des großen Schriftstellers, ohne dabei je zu weit zu gehen und den Namen Poe als bloßen Aufhänger für seine Geschichte zu benutzen. Erfreulicherweise ist genau das Gegenteil der Fall: Trotz seiner Bedeutung für den Verlauf der Handlung drängt sich Edgar Allans Gestalt nie in den Vordergrund. Die Hauptfigur ist und war, auch trotz des Originaltitels "The American Boy", Thomas Shield und dem kleinen Edgar bleibt die Rolle des ungezähmten Schülers, der wie nebenbei durch scheinbare Nebensächlichkeiten den Geschehnissen immer wieder neuen Auftrieb verleiht.

~ Zwischen Schauerkrimi und Sittenbild ~


Mit knapp 570 Seiten kommt der Roman recht umfassend daher, was vor allem im Vergleich mit der tatsächlich geschilderten Handlung auffällt. Oftmals muss der Leser seine Geduld unter Beweis stellen, wenn es wieder einmal an ausufernde Passagen geht, in denen nicht wirklich viel passiert, sondern das Geschehen ruhig vor sich hin plätschert. Kleidungen und Örtlichkeiten werden ebenso ausführlich beschrieben wie belanglose Gespräche und gesellschaftliche Etikette. Hin und wieder ertappt man sich dabei, dass man geradezu auf das nächste bemerkenswerte Ereignis lauert. Andre Taylors Schilderungen geraten nie langweilig, so dass man etwa Gefahr liefe, das Buch vorzeitig aus der Hand zu legen - doch er bewegt sich unzweifelhaft hart an der Grenze und reizt die Ausdauer seiner Leser gehörig aus. "Der Schlaf der Toten" ist kein Thriller im modernen Sinne, der dem Leser atemlose Spannung von der ersten bis zur letzten Seite verspricht und der alle seitenlang mit neuen Enthüllungen aufwartet.

Stattdessen lullen einen die atmosphärischen Beschreibungen ein, ziehen einen mit hinein die Welt des Thomas Shield, die nach außen hin so malerisch wirkt und hinter deren Fassade düstere Abgründe lauern. Das Werk ist nicht nur ein Historienkrimi mit Anleihen an den Schauerroman, sondern auch ein Sittengemälde der viktorianischen Zeit. An der Person des mittellosen Thomas Shield, der sich auf dem Parkett der gehobenen Kreisen bewegt, wird die Zwiespältigkeit dieser Gesellschaft deutlich. Shield wird nie als ihresgleichen angesehen, obwohl er im Gegenzug über den gewöhnlichen Bediensteten steht.

Dem modernen Leser mögen die häufigen Verbeugungen und Ehrerbietungen, die Gedanken über Schicklichkeit und Contenance zunächst befremdlich vorkommen und doch versetzt man sich rasch hinein in diese Welt der großen Bälle, der Herrenhäuser, der Droschken und der knicksenden Dienstmädchen. Diese Welt, die sich par excellence als Folie für mysteriöse Vorkommnisse eignet, beispielsweise in einer verschneiten Winternacht, in der Thomas über den Landsitz der Carswells irrt und die verschwundenen Jungen sucht, während in der Ferne der Wälder eine tödliche Wilderer-Falle zuschnappt ...

Fazit:


Ein faszinierender Schauerkrimi aus dem viktorianischen England, der geschickt eine fiktive Handlung mit Todesfällen in der gehobenen Gesellschaft mit der Biographie des Schriftstellers Edgar Allan Poe verbindet. Die ausschmückende Sprache und die detailreichen Schilderungen von Nebensächlichkeiten sorgen für die eine oder andere Länge, doch insgesamt bietet sich ein spannender Roman voller Rätsel und lebensechten Charakteren, allen voran der Ich-Erzähler Thomas Shield, die ein unterhaltsames und fesselndes Lese-Erlebnis vermitteln.