1. Mai 2014

Ovid - Amores (Liebesgedichte)

Produktinfos:

Ausgabe: 1997
Seiten: 271 (Lateinisch-Deutsch)
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Der Autor:

Publius Ovidius Naso, geboren 43 v. Chr. und gestorben vermutlich 17 n. Chr., stammte aus einer angesehen Ritterfamilie. Auf Wunsch des Vaters schlug er zunächst eine politische Ämterlaufbahn ein, doch schon früh zeigte sich sein literarisches Talent, sodass er sich ganz dem Dichten widmete. Die Amores sind sein erstes Werk und brachten ihm rasch große Popularität ein. Sehr bekannt sind weiterhin die "Ars amatoria" (Liebeskunst) sowie sein Hauptwerk, das Epos "Metamorphosen", in dem er 250 mythologische Verwandlungssagen präsentiert. Im Jahr 8 n. Chr. wurde er von Kaiser Augustus ans Schwarze Meer verbannt. Der offizielle Grund war die Frivolität der "Ars amatoria", wahrscheinlicher sind jedoch politische Verwicklungen. Bis zu seinem Tod bemühte sich Ovid vergeblich durch seine klagevolle Exildichtung, von Augustus und später von dessen Nachfolger Tiberius begnadigt zu werden und nach Rom zurückkehren zu dürfen.

Inhalt:

In knapp 50 Gedichten, verteilt auf drei Bücher, erzählt ein Dichter aus der Zeit des Kaisers Augustus über Freude und vor allem Leid der Liebe. Der junge Römer aus gutem Hause fühlt sich eigentlich dazu geboren, um große Dichtkunst zu schaffen - doch der freche Liebesgott Amor macht ihn zum Dichter von Liebeselegien. So also besingt der Dichter zunächst die schöne Corinna und bald auch andere Damen, deren Reizen er erliegt.

Die Liebe zu seinen Frauen ist jedoch nicht nur von glücklichen Momenten geprägt. Corinna hat noch weitere Liebhaber und der junge Dichter muss einen ständigen Kampf um ihre Gunst ausfechten. Dabei agiert er stets eloquent und ist bei allen Rückschlägen meist unverdrossen und stolz auf sein dichterisches Können, das ihm und seiner Corinna zu Ruhm und Ehre verhelfen soll.

Das erste Buch widmet sich ausschließlich Corinna und zeigt das Auf und Ab ihres Liebesverhältnisses. Im zweiten Buch treten weitere Liebschaften hinzu, das Thema Seitensprung nimmt immer wieder einen zentralen Fokus ein. Im dritten Buch dominieren längere narrative Passagen und immer deutlicher werden sowohl die Abkehr von der Elegie als auch die Hinwendung zu anderen dichterischen Stoffen und Gattungen. Eingeflochten werden in diese Elegien zahlreiche Anspielungen, die Liebesglück und Liebesleid der römischen Götter-und Mythenwelt vor Augen führen, bis es denn schließlich heißt: "Lebt wohl, friedfertige Elegien ..."

Bewertung:

Die römische Liebeselegie erlebte eine kurze aber intensive Blüte zur Zeit des Kaisers Augustus. Wie so oft in der lateinischen Literatur ging auch hier eine griechische Tradition voraus, vor allem Elegien von Antimachos von Kolophon aus dem 4. Jh. v. Chr. und dem großen Hellenisten Kallimachos aus dem 3. Jh. v. Chr. haben den römischen Elegikern Gallus (quasi nichts erhalten), Tibull, Properz und Ovid Themen und Motive geliefert - doch ist die römische Liebeselegie eine eigenständige Schöpfung, die in ihrer konkreten Form kein griechisches Äquivalent kennt. Die Elegie versteht sich als nicht allzu kurzes Gedicht im Versmaß des elegischen Distichons, das sich aus einem Hexameter und einem Pentameter zusammensetzt.

Während die griechische Elegie eine bunte Themenvielfalt von Mahnung und Tröstung über Reflexion bis hin zu Erotik und Politik kannte, konzentriert sich die subjektive römische Liebeselegie auf eine feste Grundkonstellation: Ein junger Mann aus gutem Haus ist als Dichter, aber nicht als Liebhaber erfolgreich; er wirbt um eine schöne junge Frau mit zweifelhaftem Ruf, die ihm immer wieder untreu wird. Die Liebeselegie entwirft eine eigene, in sich geschlossene Welt, die in Kontrast zur realen Welt steht und die sich vor allem in drei Grundmotiven manifestiert:

1. Liebe wird als Dauerzustand gesehen (foedus aeternum). Analog zur Ehe will das elegische Ich eine dauerhafte Beziehung zu seiner Geliebten eingehen und verspricht ihr idealerweise Liebe bis zum Tod.
2. Liebe tritt als Lebensform in Konkurrenz zur normalen römischen Lebensform und wird geradezu als Kriegsdienst gesehen (militia amoris). Der elegische Liebende findet keine Erfüllung in den üblichen Tätigkeiten, denen ein junger Mann aus der Oberschicht nachgehen sollte, etwa einem Leben als Soldat oder Kaufmann. Mit gleichem Eifer wie sich ein Militarist den kriegerischen Dingen widmet, verfolgt er seine Karriere als Liebender.
3. Liebe wird als Sklavendienst verstanden (servitium amoris). Das elegische Ich ordnet sich wie ein Sklave seiner Geliebten unter und ist zu allerlei Mühen bereit, um das Herz (und den Körper) seiner puella zu gewinnen.

Das elegische System ist als eine Art Provokation zur zeitgenössischen Wirklichkeit zu lesen; sicher nicht zufällig fallen die Anfänge der Liebeselegie in die Übergangszeit von der Republik zum Prinzipat: Wichtige Ämter wurden nunmehr zunehmend willkürlich durch einige große Heerführer wie Pompeius, Cäsar oder Octavian (der spätere Augustus) vergeben, zudem herrschte in den letzten Jahren der Bürgerkriege ein moralischer Verfall, in dem soldatische Tugenden und Treue gegenüber der Ehefrau missachtet wurden.

Das neue Wertesystem der Elegiker kann durchaus als Reaktion auf diese misslichen Umstände gedeutet werden, indem es die römische Gesellschaftsordnung auf den Kopf stellte. Doch während Tibull und Properz überwiegend ernst und pathetisch dieses System vertreten, kann der jüngere Ovid mit dieser literarischen Tradition sein charmantes Spiel treiben. Ovid erlebte die Umbruchszeiten nicht mehr bewusst mit, da er damals noch ein Kind war, sodass der augusteische Frieden für ihn eine Selbstverständlichkeit darstellte und nicht ausgiebig thematisiert werden musste. Entsprechend kann sich seine Dichtung dem Spiel mit den Motiven der Vorgängern widmen.

Auch der Sprecher bei Ovid (man darf trotz gewisser Parallelen nicht von autobiographischen Situationen ausgehen) erscheint in vielerlei Hinsicht zumindest auf den ersten Blick durchaus wie ein typischer Elegiker: Das elegische Ich klagt vor der verschlossenen Tür seiner Geliebten, wird mit ihren Seitensprüngen konfrontiert, huldigt ihrer Schönheit mit mythologischen Vergleichen und kritisiert sich selbst heftig für Fehlverhalten in Bezug auf seine Geliebte.

Bei näherem Hinsehen offenbart sich jedoch oft Ovids "neues Kunstwollen" (Erich Reitzenstein), das sich bewusst vom feierlichen Pathos der Vorgänger abhebt. Die elegische Klage etwa schlägt bei Ovid allzu rasch in schmeichelnden, wütenden oder drohenden Tonfall um. Ob nun der Sklave hinter der Tür, mit dem er sich - quasi von (Liebes-)Sklave zu Sklave - zu solidarisieren versucht, der Wächter, der die Geliebte nicht aus dem Auge verliert oder auch die Morgenröte, die das romantische Stelldichein mit ihrem Heraufdämmern unbarmherzig zu beenden droht - der ovidische Liebhaber nimmt es dank seiner Eloquenz mit jedem auf und reagiert ungleich selbstbewusster auf Hindernisse und Rückschläge, als man es von seinen Vorgängern kennt.

Ovids Elegien sind ein Feuerwerk an witzigen Einfällen, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würden. Mal beschwört er einen Wildbach, ihm doch den Weg zu seiner Geliebten zu räumen, nur um frustriert zu bemerken, dass alle Ansprache nichts genutzt hat und das Wasser unterdessen nur noch höher gestiegen ist. Ein anderes Mal gibt er der Geliebten geschickte Anweisungen, wie sie sich im Beisein ihres Mannes auf einem gemeinsamen Gastmahl vergnügen können (nur um später feststellen zu müssen, dass die clevere Corinna genau jene Taktik gegen ihn mit einem anderen Liebhaber anwendet). Selbst ein prekäres Thema wie Impotenz fehlt nicht und es ist ausgesprochen amüsant, zu lesen, wie der einst so selbstbewusste Liebhaber, der seiner Corinna nicht weniger als neun Mal selige Wonnen in einer Nacht beschert haben will, nun mit dieser frustrierenden Situation umgeht.

Gewiss ist es hilfreich, sich ein wenig mit der antiken Mythologie auszukennen, da sich auf dieser Folie viele Scherze erst in Gänze entfalten. Wenn der elegische Dichter beispielsweise seinem Mädchen andeutet, seine Lieder würden sie so berühmt wie Leda, Europa oder Io machen und ihr dabei ewige Liebe gelobt, dann ist dies nur auf den ersten Blick schmeichelhaft - waren diese drei schönen Damen doch nur flüchtige Liebchen des Göttervaters Jupiters und somit nicht gerade geeignete Exempel, um ein Treueversprechen zu untermauern. Dass Ovid auch tiefgründige Momente schaffen kann, beweisen die ernsteren Elegien, die sich etwa mit einer lebensgefährlichen Abtreibung Corinnas oder mit der Totenklage auf den verehrten Tibull befassen. Ovid ist unbestreitbar einer der amüsantesten römischen Dichter, zugleich ist er aber auch ein poeta doctus, der in hellenistischer Tradition seinem Publikum, der belesenen römischen Oberschicht, eine Fülle an Anspielungen auf mythologische Sagen oder die Werke seiner Vorgänger Tibull und Properz präsentiert. Diese Doppelbödigkeit und Liebe zur Intertextualität laden dazu ein, sich ausgiebig mit Kommentaren und Erläuterungen zum Werk zu befassen, doch auch textimmanent versprechen Ovids Elegien geistreiche Unterhaltung.

Jede Elegie ist ein Kunstwerk für sich, doch bestehen auch zwischen den einzelnen Gedichten oft Bezüge und Anspielungen, gerne kreiert Ovid auch Gedichtpaare, die sich des gleichen Themas annehmen. Grundsätzlich empfiehlt sich eine lineare Lektüre, in der sich wunderbar die zunehmend problematische Entwicklung des Liebeslebens und die allmähliche Abkehr des elegischen Ichs von der Gattung verfolgen lässt.

Fazit:

Ein Klassiker der römischen Literatur, der nichts von seiner Aktualität und seinem Reiz verloren hat. Ovids Elegien sind auch in der deutschen Übersetzung amüsante und kurzweilige und bisweilen auch durchaus berührende poetische Meisterwerke, die es sich zu entdecken lohnt, auch wenn man sich sonst nicht viel mit antiker Literatur beschäftigt.