14. September 2014

Deathbook - Andreas Winkelmann

Produktinfos:

Ausgabe: 2013
Seiten: 448
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Der Autor:

Andreas Winkelmann, Jahrgang 1968, arbeitete unter anderem als Sportlehrer, Ausbilder bei der Armee und Taxifahrer, interessierte sich aber bereits als Jugendlicher fürs Schreiben und besonders für unheimliche Literatur. Seine Werke sind u. a. Hänschen klein, Tief im Wald und unter der Erde, Blinder Instinkt und Wassermanns Zorn. Mehr über den Autor auf seiner Homepage www.andreaswinkelmann.com.

Inhalt:

Kati Winkelmann, die fünfzehnjährige Nichte des Thrillerautors Andreas Winkelmann, wird von einem Zug überfahren. Für die Polizei ist der Fall klar: Das Mädchen hat offenbar Selbstmord begangen. Ihr Onkel kann dies nicht glauben. Er stand Kati nah und ist sicher, dass sie nicht selbstmordgefährdet war.

Andreas recherchiert in Katis Umfeld. Dabei erfährt er, dass sich das Mädchen tatsächlich in den letzten Wochen und Monaten zuvor intensiv mit dem Sterben auseinander setzte, nachdem Kati ein Schulprojekt mit dem Thema Tod bearbeitete. Andreas entdeckt auf Katis PC jedoch auch Videos, die sie zeigen - offenbar wurde sie heimlich gefilmt und bekam die Videos zugeschickt. Freunde berichten, dass sie sich kurz vor ihrem Tod verfolgt fühlte.

Schließlich stößt Andreas auf die mysteriöse Internetseite "Deathbook". Offenbar erhalten Mitglieder der Seite Zugang zu authentischen Snuff-Videos. Doch der Preis ist hoch: Als Gegenleistung müssen sie zeitnah selbst den Tod eines Menschen filmen. Wer sich weigert, wird zum nächsten Opfer ...

Ich bin der Tod 3.0

Schon bei der Inhaltsangabe fällt der durchaus originelle Schachzug auf, den der Autor mit diesem Weg begeht: Andreas Winkelmann machte sich kurzerhand selbst zum Protagonisten seines Thrillers und vermischt somit Fiktion und Realität. Winkelmann gibt seinem Ich-Erzähler nicht nur seinen Namen und seine Profession, sondern baut auch weitere reale Details in die Handlung ein. Wie der wirkliche Andreas Winkelmann lebt der Protagonist in einem Haus am Waldrand, betreibt zur Kommunikation mit den Fans eine Facebookseite und geht ähnlich beim Verfassen seiner Werke vor, indem er eher spontan und dynamisch agiert, statt vor dem Schreiben Handlung und Charaktere ausgiebig zu planen.

Unterschiede zur Realität gibt es andererseits auch (abgesehen davon, dass natürlich die Grundhandlung ohnehin fiktiv ist). So ist der Andreas Winkelmann aus "Deathbook" offenbar Single und wohnt allein, während der reale Autor mit Ehefrau, Tochter und Berner Sennenhündin lebt. Definitiv hat es seinen Reiz, dass sich der Autor zur Hauptfigur macht und gerade für Kenner des Autors dürfte es interessant sein, nach Parallelen und Unterschieden zu suchen. Noch raffinierter ist die E-Book-Variante, die Videosequenzen einstreut und den Leser über Internet interaktiv einbindet.

Auf die Spitze getrieben wird das Spiel mit der Fiktion bei der Figur der Ermittlerin Manuela Sperling - sie ist in diesem Werk eine mit Winkelmann befreundete Polizistin in Ausbildung, die ihm bei der Suche nach Katis Mörder hilft. Sie ist allerdings auch die Hauptfigur in dem älteren Thriller "Wassermanns Zorn" und ebenjenes Buch nimmt sie in diesem Roman selbst in die Hand; sie ist also sowohl eine bereits bekannte Romanfigur Winkelmanns als auch eine pseudo-reale Bekannte und wird in "Deathbook" quasi indirekt mit der eigenen Identität als Romanfigur konfrontiert.

Der Roman spielt nicht nur mit Realität und Fiktion, sondern auch mit den Gefahren der neuen Medien und warnt indirekt vor einem leichtsinnigen Umgang mit dem Internet. Ein perfider Serienkiller nutzt Facebook und QR-Codes, um seine Opfer in die Fänge zu bekommen, gepaart mit menschlicher Sensationslüsternheit. Gewiss stecken einige wahre Körnchen in diesem Szenario: So haben Schockseiten wie ogrish.com oder Videos wie das legendäre "2 Girls 1 Cup" (besser nicht googeln, wenn man keinen Fäkal- oder Vomit-Fetisch besitzt) seinerzeit unzählige Klicks erhalten; das Überangebot an Gewalt und Pornographie ist selbst für Teenager oder gar Kinder zugänglich und kann emotionale Abstumpfung hervorrufen. Der Mörder aus "Deathbook" richtet sich an jene Internetuser, denen Bilder von Unfall- oder Mordopfern nicht mehr reichen, sondern die auf der Suche nach echten Snuff-Filmen sind - nach Videos, in denen ein Mensch gezielt zu Unterhaltungszwecken ermordet wird.

Die Handlung ist grundsätzlich sehr spannend und garantiert eine kurzweilige Lektüre. Während für Andreas rasch feststeht, dass seine Nichte ermordet wurde, genügen der Polizei die Indizien zunächst nicht. Andreas sucht auf eigene Faust weiter, findet Beweise für seine Mordtheorie - und gerät nun prompt selbst unter Mordverdacht. Zwischendrin gibt es immer mal wieder Kapitel, die von der Ich-Perspektive zur personalen Erzählsituation wechseln. In diesen Kapiteln werden entweder die Gedanken des Mörders präsentiert - der dabei freilich anonym bleibt - oder es wird zu den potentiellen Opfern geschaltet. Es stets ein ähnliches Bild: Die Jugendlichen sind zunächst neugierig auf die Todesvideos, sind dann irritiert über die Aufforderung, nun als Bezahlung ihren "Beitrag" zu leisten - und merken allmählich, dass diese Aufforderung kein Scherz war, sondern jemand in ihr Leben eindringt.

Der Roman bezieht seine Spannung aus mehreren Punkten: Man fragt sich natürlich, wer der Mörder ist, wie ihm Andreas auf die Spur kommt, wer von den Deathbook-Mitgliedern alles noch sterben muss und wer vielleicht doch noch gerettet werden kann. Positiv fällt überdies auf, dass der Protagonist durchaus öfter mal falsch liegt mit seinen Vermutungen und nicht immer zielsicher die richtigen Schlüsse zieht.

Zu den negativen Aspekten zählt ein gewisses Selbstlob des Autors, das mitunter ein bisschen irritiert. Seine zuvor veröffentlichten Werke werden in "Deathbook" mehrmals erwähnt und die befreundete Ermittlerin Manuela Sperling hat sie mit Begeisterung gelesen. Zudem wird von einer Lesung Winkelmanns berichtet mit der Betonung, wie sehr sich die Gäste unterhalten gefühlt haben und wie intensiv der Autor auf sie einging, anstatt nur vorzulesen. Die kleine Hommage an den Autor aus den Gedanken einer seiner Romanfiguren kann natürlich auch als augenzwinkernde Spielerei verstanden werden. Liest man allerdings seine Kommentare über den internationalen Erfolg seiner Bücher, etwa dass es ihm als erster deutscher Thrillerautor gelang, in Korea auf Anhieb den dritten Platz der Bestsellerliste einzunehmen, kommt man ins Zweifeln, ob diese lobenden Selbstbezüge in "Deathbook" ironisch gemeint sind. Ohne Frage ist Andreas Winkelmann ein sehr erfolgreicher Thrillerautor; umso unnötiger sollte es allerdings sein, das so herauszukehren.

Störend fällt zudem auf, dass sich gleich zwei Charaktere wider besseren Wissens ins Gefahr begeben. Der Plot wird dadurch zwar am Laufen gehalten, das Verhalten wirkt aber in beiden Fällen recht konstruiert. Auch der Protagonist selbst verhält sich manchmal zu wagemutig und begibt sich zu leichtfertig in gefährliche Situationen. Zwar ergeben sich dadurch aufregende Situationen, der Handlungsweise der Figur mangelt es jedoch etwas an Glaubwürdigkeit. Nicht ganz realistisch wirken auch die Reaktionen der Clique, die Mitglied bei Deathbook wird. Der Anführer geht übertrieben gleichgültig mit dem Gedanken um, dass sie einen Menschen beim Sterben filmen sollen, schließlich seien sie nicht die Mörder, sondern sollen nur die Kamera bedienen. Auch der Plan, den Mörder hereinzulegen und sich darauf zu verlassen, dass sie ihm zu viert überlegen sind, ist sehr naiv und erscheint reichlich überzogen.

Fazit:

Trotz kleiner Schwächen ein unterhaltsamer Thriller ohne Längen, der sich schnell lesen lässt und der Spannung verspricht. Die Grundidee ist interessant, der Kniff mit der Mischung aus Fiktion und Realität originell. Ein absolutes Highlight ist der Roman nicht, aber für Thrillerfans lesenswert.

13. September 2014

Benjamin Blümchen - Ottos neue Freundin - Teil 2

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Inhalt:

Ottos neue Klassenkameradin Stella hat eine Mandelentzündung. Am Tag zuvor haben Benjamin, Otto und Karla Kolumna sie durch das Erzählen von Benjamins Abenteuern abgelenkt, und heute geht es ihr schon viel besser. Die drei kommen erneut zu Besuch und erzählen weitere Geschichten.

Den Anfang macht Benjamins Zeit als Lehrer. Stella möchte unbedingt hören, wie es dazu kam, dass Benjamin mal an ihrer Schule Unterricht erteilte. Gerne erzählt Benjamin von seinen unkonventionellen Unterrichtsmethoden, die zunächst auf Ablehnung stießen.

Im Anschluss möchte Stella unbedingt eine besonders aufregende Geschichte erzählen. Dafür eignet sich prima das Abenteuer mit der Tempelkatze, das Benjamin, Otto und Karla Kolumna einst in Ägypten erlebten ...

Bewertung:

Der zweite Teil der Jubiläumsfolge führt den ersten nahtlos fort, kann aber notfalls auch solo gehört werden. Immer noch ist Stella krank, doch es geht ihr im Gegensatz zum Vortag schon deutlich besser.

Das Konzept ist identisch mit dem ersten Teil der Doppelfolge: Es werden Ausschnitte aus alten Benjamin-Folgen präsentiert, und dazwischen ergänzen Kommentare von Benjamin, Otto und Karla Kolumna die Handlung. Die betreffenden Szenen wurden komplett neu eingesprochen mit neuen Sprechern. Dies stellt ein durchaus interessantes Experiment dar, doch reichen die Neubesetzungen grundsätzlich nicht an die Originalsprecher heran, keine der Szenen erscheint in der neuen Version überzeugender. Wer die beiden Folgen "Benjamin und die Schule" und "Das Geheimnis der Tempelkatze" bereits kennt, auf den wartet hier kaum etwas Neues, und wer die beiden Episoden noch nicht kannte, erfährt hier schon alle relevanten Details und wird sie sich nicht unbedingt zulegen.

Inwiefern die beiden ausgewählten Folgen nun die besten für einen solchen Rückblick sind, mag Geschmackssache sein. Allerdings sind sie zweifellos sehr repräsentativ für die gesamte Reihe: "Benjamin und die Schule" ist eine jener typischen Folgen, in denen Benjamin einen neuen Beruf ausprobiert, während "Das Geheimnis der Tempelkatze" für jene Benjamin-Geschichten steht, in denen es besonders abenteuerlich zugeht und die gerne auch mal in exotischen Gefilden spielen.

Darüber hinaus erscheint Stella nach wie vor nicht sonderlich sympathisch. Als Karla ihr das Wort "Emir" in Zusammenhang mit der Tempelkatzenfolge erklärt, antwortet Stella leicht entrüstet, dass sie weiß, was das bedeutet. Diese Szene ist symptomatisch, neigt Stella doch insgesamt sehr zur Besserwisserei. Im Gegenzug wirkt Benjamin dümmlicher als in früheren Folgen und stolpert beispielsweise über das Wort "hypnotisieren". Schade ist auch, dass Benjamin wie selbstverständlich auf dem Sofa der Stellinis Platz nehmen kann - dies geht einher mit seiner zunehmend menschlichen Darstellung, während es früher ein Running Gag der Serie war, dass Benjamin seine Größe und Kraft vergaß und immer wieder Türen zum Einstürzen brachte.

Am Ende der Folge wird ein geplanter Fotoabend angesprochen, an dem Benjamin, Otto und Karla ihrer neuen Freundin gemeinsam mit Herrn Tierlieb, Wärter Karl und dem Bürgermeister zahlreiche Bilder aus den vergangenen Abenteuern präsentieren wollen. Eine solche Handlung wäre vielleicht die bessere Alternative gewesen - man hätte mehr Charaktere auftreten lassen können, eine fröhliche Runde der wichtigsten Charaktere im Zoo wäre sicher angemessener für eine Jubiläumsfolge als das Setting bei Stella zuhause.

Fazit:

Unterdurchschnittliche Folge, die kaum besser als der erste Teil der Jubiläumsfolge ist. Die neue Hauptfigur Stella erscheint nur bedingt sympathisch, die Handlung ist recht belanglos. Im Grunde nur interessant, wenn man wissen möchte, wie Stella Benjamin und Otto näher kennenlernte.

Sprechernamen:

Benjamin Blümchen: J. Kluckert
Otto: K. Primel
Karla Kolumna: G. Fritsch
Stella: M. Bierstedt
Frau Stellini: M. Pukaß
Herr Tierlieb: E. Vaessen
Wärter Karl: T. Hagen
Dr. Wunderlich: W. Völz
Erzähler: G. Schoß

11. September 2014

Nixenjagd - Susanne Mischke

Produktinfos:

Ausgabe: 2007
Seiten: 194
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Die Autorin:

Susanne Mischke, Jahrgang 1960, studierte zunächst BWL und arbeitete u.a. als Journalistin und Schauspielerin, ehe sie 1994 ihren ersten Krimi "Stadtluft" veröffentlichte. Seitdem lebt sie als freie Autorin und hat bislang über ein Dutzend Romane herausgebracht. Weitere bekannte Werke sind "Mordskind", "Die Eisheilige", "Das dunkle Haus am Meer" und "Wölfe und Lämmer".

Inhalt:


Die sechzehnjährige Franziska schwärmt für ihren neuen Mitschüler Paul, der vor vier Wochen mit ihr die elfte Stufe besucht. Paul sieht gut aus, wirkt aber auch etwas unnahbar. Umso glücklicher ist Franziska, als sich mit ihm ein Gespräch ergibt. Sie erfährt, dass Paul in seiner Freizeit gerne auf einen Hochsitz im Wald geht und dort Tiere beobachtet. Freudig nimmt sie das Angebot an, ihn zu begleiten.

Kurz darauf findet das alljährliche Zeltwochenende der Oberstufenschüler statt. Franziska hofft, dass sie ihm dort endlich näher kommt. Doch alles läuft anders, als gedacht: Ausgerechnet Franziskas Freundin Katrin zeigt reges Interesse an Paul und die beiden verschwinden zusammen im Zelt. Verletzt zieht sich Franziska zurück.

Wenig später ist Katrin plötzlich verschwunden. Wie viele andere Schüler ist sie zum nächtlichen Schwimmen in den See gegangen. Stunden später wird ihre Leiche gefunden - Katrin, die beste Schwimmerin der Stufe, ist ertrunken. Die Polizei beginnt zu ermitteln und es ergeben sich Hinweise, dass Katrin ertränkt wurde. Paul gerät in Verdacht, aber Franziska will nicht an seine Schuld glauben. Schließlich erhält sie bedrohliche Mails und irgendjemand scheint sie auf Schritt und Tritt zu beobachten ...

Bewertung:

Wie in den Arena-Thrillern üblich, steht im Handlungsmittelpunkt ein Teenager, in dessen Umfeld plötzlich ein Mord geschieht und der allmählich selbst in Gefahr gerät.

Hier ist die Hauptfigur die sechzehnjährige Franziska, ein typischer Teenager und damit wohl als Identifikationsfigur durchaus geeignet. Franziska fühlt sich als Außenseiterin - sie ist ein Bücherwurm, der anders als ihre Klassenkameradin gerne mal Hesse liest; sie ist eher burschikos und findet ihre mausbraunen Haare langweilig. Vor allem ihre Unsicherheit in Bezug auf Jungs ist gut nachzuempfinden. Franziska möchte Paul gerne beeindrucken, allein ihr fehlt die zündende Idee. Dementsprechend gestalten sich die ersten Gespräche recht holprig und Franziskas verwirrte Gedanken und Sorgen wirken authentisch.

Die Handlung bietet eine gewisse Spannung, die sich um zwei grundlegende Fragen rankt: Wer hat Katrin ermordet und wer stalkt Franziska? Franziska erhält anfangs beleidigende Mails und Sms, doch eines Tages liegt auch eine tote Ratte vor ihrer Tür und schließlich deutet alles darauf hin, dass sich jemand Zutritt zu ihrem Zimmer verschafft hat. Es ist ungewiss, wie weit Franziskas Stalker gehen wird und ob es vielleicht sogar zu einem weiteren Mord kommt. Des Weiteren wird Franziskas Konflikt bezüglich Pauls möglicher Involvierung gut dargestellt. Es ist verständlich, dass sie trotz gewisser Indizien an seine Unschuld glaubt und ihn etwa gegenüber ihren besorgten Eltern verteidigt. Andererseits ist sie aber auch nicht gänzlich naiv und erwägt, ob er nicht doch zumindest für das Stalking verantwortlich sein könnte.

Leider mischen sich in diese grundlegend positiven Aspekte auch einige Mängel hinein. Auffallend ist etwa, dass dem psychologischen Konflikt Franziskas nach Katrins Tod zu wenig Raum gegeben wird. Katrin war zwar in Hinblick auf Paul ihre Konkurrentin, aber dennoch ihre engste Freundin. Was ihr plötzlicher Tod in Franziska auslöst, wird kaum thematisiert. Nach Katrins Beerdigung wird ihr Tod fast nur noch in Bezug auf den Mörder aufgegriffen; Franziskas Selbstvorwürfe und ihre Verlustgefühle bleiben zu sehr außen vor.

Handlungstechnisch stören zwei naive Verhaltensweisen von Franziska sowie von ihrem Stalker. Als Franziska die Droh-E-Mails erhält, verdächtigt sie Paul, da sie ihm kurz zuvor ihre Mailadresse gab. Sie kommt nicht auf die naheliegende Idee, ihn zu überprüfen, indem sie ihm eine neue Mailadresse gibt - würde der Stalker nun diese neue Adresse benutzen, die sonst keiner kennt (was er nicht ahnt), würde er sich damit als Paul verraten. Der Stalker wiederum verrät sich schließlich durch einen äußerst dummen Leichtsinnsfehler, was angesichts seines sonst perfiden Vorgehens unglaubwürdig wirkt. Dazu kommt, dass die Motivation des Mörders sehr durchsichtig ist und vom Leser deutlich schneller erkannt wird als von den Figuren.

Fragen wirft die Sms auf, die Franziska von ihrem Stalker erhält. Die Absendernummer "war unterdrückt worden" heißt es, was allerdings technisch nicht möglich ist (im Gegensatz zur unterdrückten Rufnummer). Per Internet ist eine anonyme Sms dagegen möglich - allerdings ermittelt die Polizei später die betroffene Handy-Nummer (eines nicht zuordbaren Prepaidhandys), woraus zu schließen ist, dass die Sms offenbar nicht mit per Internet geschickt wurde - wie es dann möglich war, die Absendernummer auszublenden, bleibt also offen.

Fazit:


Ein durchschnittlicher Jugendthriller, der ganz gut unterhält, allerdings auch nicht in allen Belangen überzeugt. Geht in Ordnung, wenn man keine hohen Erwartungen hat, prägt sich aber nicht ein; es gibt viele bessere Werke in diesem Genre.

3. September 2014

Das Gruselbuch - Ilse Strasmann (Hrsg.)

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Produktinfos:

Ausgabe: 1987
Seiten: 128

Inhalt:

Die dreizehnte Kugel (Keigo Seki):

In dem ruhigen Dorf Owari verschwindet nach und nach immer mehr Vieh, schließlich gibt es auch Todesfälle unter den Bewohnern. Die Leichen werden schlimm zugerichtet gefunden - offenbar fallen sie einem Raubtier aus dem Wald zum Opfer. Der Jäger Gompei will dem Schrecken ein Ende bereiten und macht sich auf die Suche nach dem Untier ...

Jerry Bundlers letzter Trick (William Wymark Jacobs):

Eine Gruppe von Geschäftsleuten erzählt sich im Hotel Spukgeschichten. Schließlich kommen sie auf eine Geistergeschichte, die unmittelbar mit dem Hotel selbst zusammenhängt. Angeblich soll sich der berüchtigte Ganove Jerry Bundler kurz vor seiner Festnahme in einem der Zimmer erhängt haben. Noch heute soll sein Geist in diesem Zimmer umgehen ...

Rundherum Abgrund (Karl Springenschmid):

Eine Gruppe von Bergsteigern unterhält sich über ihre aufregendsten Erlebnisse. Nach den ersten drei gibt der vierte seine Geschichte zum Besten: An einem nasskalten Tag gerät er mitten auf einer Bergwanderung in einen Schneesturm, bis es Nacht wurde und er nichts mehr sehen kann. Beim Vorwärtstasten wird ihm plötzlich klar, dass er sich gefährlich nah an einem Abgrund befinden muss, während er keinen rettenden Rückweg findet ...

Augusthitze (William Fryer Harvey):

Ein beinah unerträglich heißer Tag im August. Der Künstler James Clarence Withencroft zeichnet spontan eine Skizze, die einen schwer übergewichtigen Mann im Gerichtssaal zeigt. Der Gesichtsausdruck des Mannes lässt darauf schließen, dass er gerade ein dramatisches Urteil erfahren hat. Kurz darauf macht er einen Spaziergang und trifft den Steinmetz Charles Atkinson. Atkinson entspricht dem gezeichneten Mann bis ins Detail, obgleich Withencroft ihn nie zuvor bewusst sah. Der Steinmetz wiederum fertigt gerade aus spontaner Eingebung einen Grabstein mit Withencrofts Daten an - mit dem heutigen Datum als Todestag ...

Der Schulmeister und die Gebeine (Kurt Benesch):

Der alte Dorfschulmeister Matthias Redlich hätte zu gern ein echtes Skelett in der Schule, um seinen Schülern die Anatomie zu erklären. Leider sind Skelette zu teuer. So entschließt er sich, heimlich aus dem Beinhaus die Gebeine eines Soldaten zu nehmen und mit Draht zusammenzufügen. Das Skelett lässt sich wunderbar im Unterricht einsetzen. Doch nach und nach häufen sich die Zwischenfälle mit dem Skelett, das auch mal zu beißen scheint ...

Die Satansschüler (Manly Wade Wellman):

Jim Setwick soll die nächste Zeit im Internat von Carrington verbringen. Am Bahnhof wird er von dem älteren Schüler Hoag abgeholt, der ihm gleich unsympathisch ist. Ebenso ergeht es Jim mit Hoags drei Freunden, die alle zwielichtig wirken. Seltsamerweise scheint das Internat sonst unbewohnt- und die vier Schüler beginnen plötzlich von Satansverehrung zu reden ...

Die offene Tür (Saki):

Der nervlich angegriffene Framton Nuttel will sich zur Erholung für eine Weile aufs Land zurückziehen. Da seine Schwester den Ort kennt, gibt sie ihm einige Briefe für alte Bekannte mit. Im Haus von Mrs. Sappleton wird sie von deren junger Nichte empfangen, die eine unheimliche Geschichte über den Mann und die Brüder der Tante erzählt. Vor genau drei Jahren verschwanden die drei im Moor ...

Louis in der Pendeluhr (Kurt Benesch):

Chantal hat von ihrer Tante eine alte Pendeluhr geerbt, die noch aus den Zeiten der Französischen Revolution stammt. Ein Familienfluch soll dafür verantwortlich sein, dass kein männlicher Nachkomme seit dieser Zeit älter als sieben Jahre wird. Chantal glaubt eigentlich nicht an den Fluch, doch als ihr Sohn Gilbert in das Alter kommt, macht sie sich dennoch Sorgen. Schließlich behauptet Gilbert sogar, er habe einen Freund, der in der Pendeluhr wohnt ...

Das Schloss der Vampire (Kurt Benesch):

Der russische Diener Rupertus sucht auf dem Rückweg in seine Heimat eine Unterkunft in den Karpaten. Eine alte Frau schickt ihn in ein Schloss, doch deren Tochter warnt ihn eindringlich - das Schloss sei von Vampiren bewohnt. Rupertus schenkt ihr keinen Glauben, nimmt aber dennoch den angebotenen Knoblauchkranz mit sich. Auf dem Schloss wird er von einem eleganten Herrn empfangen ...

Der Fremde (Ambrose Bierce):

Eine Gruppe von Abenteurern sitzt in Arizona am Lagerfeuer. Ein Fremder tritt hinzu und erzählt von einer Expedition, die vier Männer vor dreißig Jahren in der Gegend unternahmen. Sie werden von Apachen überfallen, können fliehen und verstecken sich in einer Berghöhle. Sie haben entweder die Wahl, langsam zu verdursten oder den lauernden Indianern erneut in die Hände zu fallen ...

Kjartans Gesicht (Jón Svensson):

Ein Knecht bringt den kleinen Kjartan auf einen großen isländischen Bauernhof, da Kjartans Vater krank geworden sei. Der Junge lebt sich rasch ein, spielt mit den anderen Kindern und scheint kein Heimweh zu verspüren. Eines Abends jedoch erleidet Kjartan einen Zusammenbruch und behauptet, etwas Entsetzliches gesehen zu haben ...

Der beleidigte Vater (Kurt Benesch):

Seit Jahren redet man in einem vornehmen Badeort von dem Bürgersohn, der seinen alten Vater erst beraubte und dann davon lief. Der Sohn wurde Gaukler und führte sprechende, mechanische Puppen vor, doch trotz seines Erfolges ließ sich sein Vater nicht erweichen und hinterließ sein Vermögen der Gemeinde. Jetzt ist der Sohn wieder da und kämpft um das verlorene Erbe. Ein Schlossbesitzer bittet den Gaukler um eine Privatvorstellung, die anders verläuft als gedacht ...

Die Scheune der Toten (Eric Ambrose):

Esor ist während seiner Internatszeit mit dem naturwissenschaftlich begabten John Carlton befreundet. John spricht immer wieder bewundernd von seinem Vater, einem offenbar genialen Forscher, doch zu Esors Enttäuschung wird er nie zu John nach Hause eingeladen. Viele Jahre später trifft Esor, inzwischen als Bauinspektor tätig, seinen einstigen Freund wieder. Esor muss die Gebäude auf Johns Grundstück auf Baufälligkeit überprüfen. Dabei wittert er die Chance, endlich Johns Vater kennenzulernen. Doch aus unerfindlichem Grund sperrt sich John dagegen, dass er die Scheune betritt ...

Alles, nur kein Gespenst (Hellmut Holthaus):

Gespenster haben es nicht leicht - das dachte sich der Ich-Erzähler schon immer. Eines Nachts begegnet er um Mitternacht selbst einem Gespenst, das in seinem Haus spukt. Zwischen dem Erzähler und dem Gespenst namens Herr Mertens entwickelt sich ein Gespräch über das Leid des Gespensterdaseins ...

Wenn du dich gruseln willst ...


Zeit für ein bisschen Nostalgie ... Dieses Büchlein schenkte mir mein Bruder zu meinem elften Geburtstag. Ich war klein, süß, trug meist zwei Zöpfe und hatte ein Faible für alles Gruselige - bei Licht betrachtet hat sich nichts davon geändert. Die Geschichten sind teilweise gehörig unheimlich (und für Kinder nicht unbedingt geeignet), teils aber auch schwarzhumorig und leicht verdaulich.

Die dreizehnte Kugel
ist etwas unglücklich gewählt als Auftaktgeschichte, da sie zu den schwächeren Beiträgen des Bandes gehört. Keigo Seki war ein japanischer Folkloreschriftsteller und dementsprechend präsentiert er hier eine sagenhaft anmutende Erzählung. Der Grusel hält sich freilich in Grenzen, zu märchenhaft und zu behäbig sind Handlung und Erzählweise. Das Geschehen ist sehr vorhersehbar, der Schlusssatz alles andere als überraschend. Insgesamt eine Geschichte, die man lesen kann, die man anschließend aber nicht weiter im Gedächtnis behält.

In Rundherum Abgrund benötigt Karl Springenschmid keine vier Seiten, um eine gelungene kleine Geschichte mit amüsanter Pointe zu erzählen, die durchaus ihren lakonischen Charme besitzt und die bei aller Kürze doch auch die beklemmende Situation überzeugend transportiert. Ein Geschmäckle erhält die Erzählung allerdings, wenn man weiß, dass Springenschmid ein überzeugter österreichischer Nationalsozialist war, der wichtige Positionen in der NSDAP bekleidete. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Springenschmid der völkischen Literatur treu und dem rechtsextremen Gedankengut verbunden. In "Rundherum Abgrund" ist freilich nichts von dieser Gesinnung zu spüren, lediglich das alpine Setting geht mit seinen grundsätzlich die Heimatverbundenheit betonenden Werken konform. Von der Qualität her gibt es keine Einwände gegen die Aufnahme der Geschichte in diesen Band; indessen darf man es aufgrund der Hintergründe des Autors dennoch kritisch sehen.

Von William Wymark Jacobs kennt man in erster Linie die legendäre Gruselgeschichte "Die Affenpfote". Jerry Bundlers letzter Trick kann diese Klasse zwar nicht erreichen, ist aber dennoch eine überzeugende Gruselgeschichte mit einem wahrlich schauerlichen Ende, das gleich in doppelter Hinsicht verstört. Der Plot ist alles andere als originell und wurde in ähnlicher Form schon häufig umgesetzt, und doch versteht es die Geschichte zu fesseln und sich dem Leser nachhaltig einzuprägen.

W. F. Harvey ist vor allem für seine (mit dem wunderbaren Peter Lorre verfilmte) Erzählung "Die Bestie mit den fünf Fingern" bekannt, aber auch Augusthitze zählt zu seinen populäreren Werken. Auf wenigen Seiten gelingt es ihm, eine beklemmende Atmosphäre zu kreieren. Man erfährt nur das Nötigste über die Charaktere und doch genügt dies, um sich in die Lage des Protagonisten und Ich-Erzählers einzufühlen. Was anfangs wie ein sehr merkwürdiger Zufall wirkt, erscheint nach und nach immer bedrohlicher und das Ende sagt bei aller Offenheit doch genug.

Kurt Benesch scheint es der Herausgeberin angetan zu haben, ist er doch gleich mit vier Geschichten in diesem Buch vertreten. Der Schulmeister und die Gebeine gehört dabei definitiv zu den Highlights, obwohl oder gerade weil die Erzählung humorvoll statt unheimlich angelegt ist. Die Geschichte wird in einem augenzwinkernden Tonfall wiedergegeben und präsentiert etliche Jahre vor dem zauberkundigen Gerippe und Held einer Jugendbuchreihe Skulduggery Pleasent ein charmantes Skelett nebst weiteren gelungenen Charakteren. Kurzzeitig kommt tatsächlich leichter Grusel auf, aber der Fokus liegt eindeutig auf makaberem Witz.

Die Satansschüler zählt zu den unheimlichsten Werken des Bandes. Von Beginn an werden Hoag und dessen Freunde als gefährliche und unangenehme Gestalten empfunden, wobei sich diese Empfindungen erst allmählich an konkreten Punkten festmachen lassen. Die bedrohliche Stimmung spitzt sich zu und erreicht einen effektvollen Höhepunkt. Die letzten Sätze sind vielleicht ein bisschen zu sehr explizit erklärend, der Inhalt hätte sicher auch etwas dezenter angebracht werden können - doch dem Lesespaß tut dies keinen großen Abbruch.

Die offene Tür ist eine sehr gute Pointengeschichte, die einen sehr vergnüglichen Beitrag innerhalb dieses Bandes darstellt. Hinter dem Pseudonym Saki verbirgt sich der englische Autor Hector Hugh Munro, der für seine makaberen Werke bekannt ist. In diese Riege reiht sich auch die vorliegende Geschichte ein, die einfach und geistreich zugleich ist. Die Erzählung spielt gekonnt mit den Erwartungen des Lesers und mündet in einen überzeugenden Schluss.

Louis in der Pendeluhr beginnt als zunächst vielversprechende Geschichte, wenngleich das Thema recht traditionell ist. Eine gewisse Spannung kommt auf, das Szenario wird zunehmend unheilvoller - doch dann löst sich die Geschichte auf enttäuschende Weise auf. Vor allem die letzten beiden Sätze wirken arg phantasielos und nehmen der Erzählung viel von ihrem Reiz.

Das Schloss der Vampire ist eine Vampirgeschichte, in der kaum ein Klischee über die untoten Blutsauger ausgelassen wird. Vom düsteren Karpatenschloss über den eleganten Schlossherrn, die verführerischen weiblichen Vampire, den Knoblauch, die Särge und die Holzpflöcke, jedes altbekannte Motiv wird aufgegriffen und in gänzlich unorigineller Weise eingesetzt. Auch das Ende ist uninspiriert, die Charaktere bleiben recht blass - unterm Strich ein sehr belangloser Beitrag, bei dem auch kaum wirklicher Grusel aufkommt.

Ambrose Bierce zählt zweifellos zu den großen amerikanischen Kurzgeschichtenautoren. Ich werde mit ihm ja nicht wirklich warm, trotz mehrerer wohlwollender Versuche (und obwohl er viel über mein geliebtes Thema "amerikanischer Civil War" geschrieben hat), aber das liegt an mir und nicht an ihm. Der Fremde ist wie viele seiner Erzählungen eine knappe, aber durchaus intensive Pointengeschichte mit subtilem Grusel. Die Pointe ist alles andere als neu, aber Bierce versteht es, sie gekonnt zu präsentieren. Dies wird eingebunden in eine düstere Atmosphäre, die das Flair am Lagerfeuer gut wiedergibt.

Kjartans Gesicht ist rundherum solide, doch wartet man immer darauf, dass die Geschichte nun doch einen zumindest etwas überraschenden Verlauf nimmt - tatsächlich aber entwickeln sich die Dinge absolut vorhersehbar. Lesenswert ist die Geschichte allemal, vor allem der Kummer Kjartans nimmt den Rezipienten durchaus gefangen. Trotzdem insgesamt ein eher durchschnittlicher Beitrag, dem etwas mehr Innovation gut getan hätte.

Der beleidigte Vater
erweckt zunächst den Eindruck, dass sich die Geschichte in die unheimliche Richtung entwickelt. Gegen Ende jedoch dominieren vor allem die humorvollen Züge, die allerdings nicht so überzeugend gelingen wie in Beneschs Geschichte "Der Schulmeister und die Gebeine". Stattdessen entsteht der Eindruck, die Erzählung könne sich nicht entscheiden zwischen gruseliger und amüsanter Stimmung. Alles in allem ist die Handlung sehr zahm und lässt die Möglichkeit aus, das Geschehen etwas makaberer zu gestalten.

Die Scheune der Toten zählt zu den unumstrittenen Höhepunkten des Bandes. Die Geschichte baut sukzessive eine unheilvolle Atmosphäre auf, die sich um eine faszinierende Grundidee rankt. Nicht nur Ich-Erzähler Esor McKenzie, auch der Leser wird immer neugieriger auf den mysteriösen Vater und es ist gewiss nicht vorhersehbar, warum sich John Carlton so vehement gegen ein Treffen sträubt. Allerdings: Dem Übersetzer gilt für den deutschen Titel gehörig der Hintern versohlt; wer die Erzählung gelesen hat, wird das verstehen.

Den Abschluss bildet mit Alles, nur kein Gespenst eine sehr amüsante Geschichte, die dem Leser die Nachteile des Gespensterlebens vor Augen führt. Der spöttisch-heitere Tonfall des Erzählers sorgt für einen überzeugenden Ausklang der Sammlung. Der humoristische Blick auf das Gespensterleben fällt zwar recht knapp aus und reizt nicht alle Möglichkeiten aus, ist aber definitiv sehr unterhaltsam.

Fazit:


"Das Gruselbuch" präsentiert eine Sammlung von vierzehn überwiegend gelungenen unheimlichen Geschichten. Manche legen ihren Fokus auf den schauerlichen Charakter, manche dagegen sind schwarzhumorig angelegt. Nicht alle Beiträge können durchweg überzeugen, doch insgesamt ist der Band auf jeden Fall lesenswert.