8. November 2017

Housesitter - Andreas Winkelmann

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Wunderlich
Seiten: 496
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Der Autor:

Andreas Winkelmann, Jahrgang 1968, arbeitete unter anderem als Sportlehrer, Ausbilder bei der Armee und Taxifahrer, interessierte sich aber bereits als Jugendlicher fürs Schreiben und besonders für unheimliche Literatur. Seine Werke sind u. a. Hänschen klein, Tief im Wald und unter der Erde, Blinder Instinkt und Wassermanns Zorn.

Inhalt:

Thomas und seine schwangere Freundin Saskia kommen aus dem Urlaub zurück. In ihrer Wohnung merken sie gleich, dass irgendetwas nicht stimmt: Es riecht muffig, Gegenstände stehen anders, die Küche wurde benutzt. Doch bevor sie reagieren können, werden sie überfallen und niedergeschlagen.

Fünf Wochen später wacht Thomas aus der Langzeitnarkose im Krankenhaus auf. Er hat den Angriff des Täters nur mit großem Glück überlebt. Saskia dagegen ist seit dem Überfall spurlos verschwunden, die Ermittlungen haben bislang nichts ergeben. Thomas ist verzweifelt und hofft durch eine groß angelegte Plakataktion, Hinweise zu bekommen.

Zur gleichen Zeit untersucht die Kommissarin Priska Wagner den Mord an einer alleinstehenden Frau. Als sie von Thomas' Fall hört, erkennt sie Parallelen. Gemeinsam versuchen Thomas und Priska, Saskia noch lebend zu finden und den Mörder zu stoppen ...

Bewertung:

Mit "Housitter" hat Andreas Winkelmann als der mittlerweile erfahrene Thrillerautor, der er ist, einen weitgehend soliden, aber nicht überdurchschnittlichen Spannungsroman abgeliefert.

Die Grundidee ist reizvoll und verspricht einiges an Spannung und Nervenkitzel. Man weiß zunächst nicht, was der Täter genau mit Saskia vorhat, und man verfolgt interessiert Thomas' Suche nach ihr. Vielleicht lebt sie noch und kann rechtzeitig gefunden werden; vielleicht aber kann wenigstens eine andere Frau davor bewahrt werden, ebenfalls zum Opfer zu werden. Natürlich sorgt Saskias Schwangerschaft, die sie Thomas gerade erst auf der Heimreise mitteilte, für eine zusätzliche Brisanz.

Gut gelungen sind überdies die Rückblicke in die Kindheit des Täters. Seine Vergangenheit ist zwar recht klischeehaft, aber dennoch auch anrührend. Der Mörder wird zwar beileibe kein Sympathieträger dadurch, aber man fühlt zumindest mit dem kleinen Jungen, der er mal war und dessen Leben so früh auf die falsche Bahn gelenkt wurde. Die Einblicke in seine Vergangenheit machen neugierig, und man ist stets gespannt darauf, weitere Rückblicke zu lesen. Eine recht gelungene Figur ist überdies Kommissarin Priska Wagner. Der Fall von Thomas und Saskia fällt eigentlich gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich, und es gibt keine offensichtlichen Parallelen. Die eigenwillige Priska vertraut aber ihrem Instinkt, auch wenn sie bei Kollegen und Vorgesetzten dadurch aneckt.

Blasser kommt dagegen Thomas daher. Gewiss lässt einen sein Schicksal nicht kalt, aber darüber hinaus kommt keine enge Bindung zu ihm auf. Der Täter ist auch nur in seinen Rückblicken interessant; als Erwachsener ist er ein sehr beliebiger Serienmörder, der sich durch nichts abhebt. Überhaupt wird die gesamte Handlung recht schematisch - dazu gehört sowohl, dass Priska anfangs erhebliche Probleme mit ihrem Kollegen hat, als auch das Ende, das sich recht konventionell und vorhersehbar abspielt. Unterm Strich gibt es bessere Thriller des Autors, dieser hier wirkt eher wie ein Schnellschuss.

Fazit:

"Housesitter" von Andreas Winkelmann ist ein durchschnittlicher Thriller, für Zwischendurch ganz unterhaltsam, aber in keiner Hinsicht etwas Besonderes.

23. Oktober 2017

Drei Tage und ein Leben - Pierre Lemaitre

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Klett-Cotta
Seiten: 270
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Der Autor:

Pierre Lemaitre aus Frankreich, Jahrgang 1951, verfasst sowohl Romane als auch Drehbücher. Für sein Buch "Wir sehen uns dort oben" erhielt er 2013 den "Prix Goncourt", den bedeutendsten französischen Literaturpreis. Weitere Werke sind "Der kalte Hauch der Angst" und "Ich will dich sterben sehen".

Inhalt:

1999 im französischen Dorf Beauval: Nachdem der Vater die Familie verlassen hat, lebt der zwölfjährige Antoine allein mit seiner Mutter. Trotz des Verlustes seines Vaters führt der Junge ein recht ausgeglichenes und zufriedenes Leben. Das ändert sich, als seine Freunde sich alle regelmäßig zum Playstationspielen treffen, was Antoines konservative Mutter verbietet.

Antoine wird dadurch immer einsamer. Die meiste Zeit verbringt er mit dem Nachbarshund Odysseus im Wald von Saint-Eustache, wo er ein Baumhaus baut. Antoine steckt alle Energie in dieses Baumhaus; der erhoffte Eindruck bei seinem Schwarm Emilie bleibt jedoch aus. Als der Nachbar auch noch den verletzten Hund erschießt, anstatt ihn zum Tierarzt zu bringen, verzweifelt der Junge völlig. Als der sechsjährige Nachbarssohn Rémi ihn im Wald aufsucht, verliert Antoine die Kontrolle und schlägt Rémi mit einem Stock an den Kopf - und verletzt ihn dabei tödlich.

In seiner Furcht vor den Folgen lässt Antoine den kleinen Körper im Wald verschwinden. Wenige Stunden später beginnt die Suche nach Rémi. Antoine schwankt zwischen Panik und Schuldgefühlen: Wird man Rémis Leiche finden? Wird der Verdacht auf Antoine fallen? Soll er leugnen oder gestehen ...?

Bewertung:

Pierre Lemaitres "Drei Tage und ein Leben" erzählt in meisterlicher Eindringlichkeit von einem fatalen Moment, der das Leben eines bis dahin unauffälligen Jungen für immer verändert - ebenso wie das Leben der Menschen um ihn herum.

Bis zu jenem dramatischen Vorfall im Dezember 1999 führt Antoine ein weitgehend ganz normales Leben. Er hat Freunde und ist nicht unbeliebt, ist intelligent; seine Mutter mag manchmal etwas streng und konservativ sein, aber sie liebt ihren Jungen und möchte ihn vor allem Bösen in der Welt beschützen. Zwar ist er ein Scheidungskind, und ihm fehlt eine Vaterfigur, aber davon abgesehen verläuft sein Leben so weit glücklich. Die plötzliche Einsamkeit, der Frust über den misslungenen Hüttenbau und der Verlust des treuen Nachbarhundes zerstören im Nu diese solide Zufriedenheit, und im Affekt kommt es zur ungewollten Tötung des kleinen Rémi.

Der Leser erhält ein detailliertes und tiefgründiges Porträt eines unglücklichen Jungen, der große Schuld auf sich geladen hat. Antoine ist nicht immer sympathisch, aber gewiss auch kein böser Mensch; eine Verkettung unglückseliger Umstände mündet in einer unbeabsichtigten Tötung, und man fühlt mit dem verzweifelten Antoine. Einerseits drängt es ihn immer wieder, seine Schuld zu gestehen, vor allem, wenn er die hilflose Mutter Rémis sieht. Andererseits hat er Angst vor der Bestrafung; hauptsächlich aber will er seine Mutter schützen, die über diesem Wissen wohl zugrunde gehen würde. Antoines Gefühlswelt fesselt und ist gut nachvollziehbar; er ist intelligent, hat aber zugleich auch immer wieder wirre und undurchdachte Gedanken, die der Situation und seinem Alter angemessen sind.

"Drei Tage und ein Leben" ist kein klassischer Krimi oder Thriller, da man erstens den Täter kennt und vor allem zweitens dessen Gefühlsdilemma im Vordergrund steht. Dennoch ist die Handlung sehr spannend, da man nicht weiß, auf was sie hinausläuft: Wird sich Antoine freiwillig stellen, werden ihm die Ermittler auf die Spur kommen, oder ahnt vielleicht jemand aus dem Dorf etwas von seiner Tat? Auf der einen Seite wünscht man Antoine und seiner Mutter, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt, auf der anderen Seite sehnt man sich auch nach Gerechtigkeit für Rémi. Antoines seelisches Leiden und seine Zerrissenheit machen den Roman zu einem bewegenden Zeugnis von Schuld und Sühne, das der Leser nicht so schnell vergisst. Darüber hinaus ist das Werk auch eine reizvolle Demonstration, wie ein Dorf mit dem Fall eins verschwundenen Kindes umgeht, inklusive falscher Verdächtigungen und böser Gerüchte.

Das Ende wird gewiss manchen Lesern etwas zu offen sein. Das Buch endet sehr plötzlich und lässt Raum für gewisse Spekulationen, was aber wiederum zum Tenor der Geschichte passt.

Fazit:


"Drei Tage und ein Leben" von Pierre Lemaitre ist ein eindrucksvoller und ergreifender Schuld-und-Sühne-Roman, der eine intensive Lektüre garantiert.

17. Oktober 2017

Aquila - Ursula Poznanski

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Loewe
Seiten: 432
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Die Autorin:

Ursula Poznanski wurde 1968 in Wien geboren. Sie begann verschiedenste Studiengänge zu belegen, ehe sie sich für einen Werdegang als Medizinjournalistin entschied. Seit 2003 schreibt sie Jugend- und Erwachsenenbücher, insbesondere Thriller. Werke von ihr sind beispielsweise "Erebos", "Saeculum", "Fünf", "Blinde Vögel" und gemeinsam mit Arno Strobel "Fremd" und "Anonym".

Inhalt:

Die neunzehnjährige Kunstgeschichtsstudentin Nika lebt seit ein paar Wochen zwecks Auslandssemester in Siena, wo sie sich mit ihrer Kommilitonin Jenny eine WG teilt. Nach einer Partynacht wacht Nika dienstags in der Wohnung auf - und merkt entsetzt, dass ihr die Erinnerung an die letzten beiden Tage fehlt.

Sie erinnert sich nur noch, Samstagnacht mit Jenny unterwegs gewesen zu sein. Von Jenny gibt es aber keine Spur, zudem sind Nikas Handy, ihr Pass und der Wohnungsschlüssel verschwunden. Dafür findet sie einen Zettel in ihrer Hosentasche, auf den sie selbst einige kryptische Sätze mit Warnungen und Botschaften geschrieben hat, die ihr aber nichts sagen.

Zusammen mit ihrem Bekannten Stefano versucht Nika herauszufinden, was seit Samstagnacht geschehen ist und wo Jenny ist. Doch jede neue Erkenntnis beunruhigt Nika nur noch mehr. Und was hat es mit dem Mann auf sich, der sie immer wieder zu verfolgen scheint ...?

Bewertung:

Das Blut ist nicht deines.
Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist.
Halte dich fern von Adler und Einhorn ...

"Aquila" demonstriert wieder einmal, dass Ursula Poznanski gleichermaßen im Jugend- wie im Erwachsenenbereich zu Hause ist. Das Cover mit dem stilisierten Flügel, ledergenarbter Oberfläche und Goldprägung ist ein wunderbarer Blickfang, hat nur einen eventuellen Makel: Zusammen mit dem zunächst rätselhaften Titel denkt man schnell an ein Fantasywerk; tatsächlich ist "Aquila" jedoch ein Thriller ab etwa vierzehn Jahren ohne jedes übernatürliches Element.

Der Leser weiß nicht mehr als Hauptfigur Nika und verbündet sich schnell mit ihr. Die Ausgangslage ist spannend und sehr rätselhaft: Wo ist Nikas Mitbewohnerin Jenny? Was ist seit der Nacht von Samstag zu Sonntag geschehen, warum hat Nika ihre Erinnerung verloren? Was haben die seltsamen verschlüsselten Notizen zu bedeuten? Und warum sind Nikas Handy, Portemonnaie und Haustürschlüssel verschwunden, die Haustür zudem abgeschlossen? Klar ist nur, dass Nika in jener Nacht etwas Schreckliches erlebt haben muss. Ganz diffus blitzen ab und zu beunruhigende Erinnerungsfetzen auf, die Nika aber nicht helfen, sondern sie nur noch mehr verwirren. So verspürt sie beispielsweise Panik und Übelkeit, sobald der Nirvana-Song "Smells Like Teen Spirit" erklingt - was ist ihr wohl beim Hören dieses Liedes widerfahren? Angeblich soll sie zudem heftig mit Jennys Freund geflirtet und sich mit Jenny gestritten haben. Nika versteht die Welt nicht mehr, weiß nicht, wem und wessen Aussagen sie noch trauen kann, ja nicht einmal sich selbst mag sie noch trauen. Als Jenny schließlich offiziell als vermisst gilt, gerät Nika auch noch ins Visier der Ermittler; ihr Gedächtnisverlust wird infrage gestellt.

Verbunden wird die aufregende Rätselsuche mit viel Lokalkolorit. Der Leser erhält ein detailliertes und sehr farbenfrohes Bild von Siena. Vor allem die verwinkelten Gassen und die unterirdischen Wasserstraßen, die eine wichtige Rolle spielen, sorgen für eine prickelnde Atmosphäre. Auch ein paar Infos zu Sehenswürdigkeiten, Geschichte und Lebensart werden souverän eingeflochten, genug, um neugierig auf die toskanische Stadt zu werden.

Nikas Verzweiflung ist sehr gut nachzuvollziehen, überhaupt ist sie ein gelungener Charakter mit ein paar Ecken und Kanten. Ihr Verhältnis zu ihrem Stiefvater ist nicht besonders gut, daher mag sie ihre Eltern nicht in ihre Probleme involvieren. Ihr Leben war bislang etwas unstet; ihr ist noch nicht wirklich klar, wo ihre beruflichen Interessen und Talente liegen. Sie lebt erst seit ein paar Wochen in Siena und ist dort noch nicht heimisch. Sie hat bislang keine engen Freundschaften geschlossen, selbst mit Jenny bildete sie lediglich eine Zweckgemeinschaft. Nika spricht auch nicht sehr gut Italienisch, was ihre Nachforschungen noch komplizierter macht. Der nette Stefano steht ihr in diesen Tagen bei - aber ob sie ihm hundertprozentig trauen darf, vermag Nika nicht zu sagen. Nika verhält sich grundsätzlich realistisch, trifft ab und zu auch mal falsche und riskante Entscheidungen, was aber zu ihrer überforderten Lage passt.

Die Auflösung ein wenig dadurch getrübt, dass hier das Verhalten vor allem einer Person nicht so ganz nachvollziehbar erscheint - vielmehr wirkt es ein wenig konstruiert, um den Verlauf des Ausgangs zu ermöglichen. Auch das Verhalten einer weiteren Figur ist recht überzogen und nicht ganz glaubwürdig. Generell ist das Ende nicht ganz so stark wie erhofft, verhältnismäßig unspektakulär und zahm im Vergleich zur spannenden und atmosphärischen Handlung zuvor.

Fazit:

"Aquila" von Ursula Poznanski ist ein souveräner Thriller für junge und erwachsene Leser, der gut unterhält und im reizvollen Siena spielt. Es handelt sich zwar nicht um das beste Werk der Autorin, aber es schenkt sehr solide und kurzweilige Lektürestunden.

7. Oktober 2017

Mein Wille geschehe - Jennifer Benkau

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Bastei Lübbe
Seiten: 334
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Die Autorin:

Jennifer Benkau, Jahrgang 1980, verfasst vor allem Fantasy und Spannungsromane. Weitere Werke sind u. a. die Nybbas-Trilogie, "Dark Canopy" und "Dark Destiny".

Inhalt:

Nach vierzehn Jahren hat Derya sich endlich von ihrem dominanten Ehemann Robert getrennt und bemüht sich, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Vor ein paar Jahren hat sie einen Bestseller veröffentlicht, doch bislang konnte sie nicht mehr an den Erfolg anknüpfen. Sie arbeitet abwechselnd in einem Café als Kellnerin und bei REWE als Verkäuferin, hat außer ihrer Nachbarin Sonne keine enge Freundin und lebt sehr zurückgezogen.

Seit jeher trauert sie ihrer Jugendliche Jakob nach. Die beiden waren zu Schulzeiten eine Weile zusammen, ehe er sie verließ und in die USA ging. Und plötzlich steht Jakob zufällig vor ihr. Auch nach all den Jahren wirkt er noch genauso anziehend auf Derya wie früher, und er scheint gleichfalls Interesse an ihr zu haben.

Zur gleichen Zeit fühlt sich Derya immer stärker von einem Unbekannten gestalkt. Nachts folgt ihr ein Mann auf der Straße, es verschwinden Dinge aus ihrer Wohnung, schließlich findet sie ihr Zuhause durchwühlt vor. Für Derya steht fest: Ihr Exmann Robert muss der Täter sein. Oder irrt sie sich? Und auch mit Jakob scheint etwas nicht zu stimmen ...

Bewertung:

Wenn man regelmäßig Thriller liest, wird man durchaus erahnen können, auf was "Mein Wille geschehen" von Jennifer Benkau hinausläuft. Aber selbst dann ist die Lektüre unterhaltsam, da der genaue Ausgang ungewiss ist. Fast von Beginn an liegt eine unheilvolle Stimmung über der Handlung, die sich subtil immer weiter steigert. Es passiert lange Zeit eher wenig, und doch nimmt einen die beklemmende Atmosphäre zunehmend gefangen; man spürt, dass sich etwas Schlimmes anbahnt, ohne dass man es konkret benennen könnte.

Derya führt ein einsames und trostloses Leben. Ihre beiden Jobs sind stressig, Freunde hat sie kaum, ihr Verlag drängt nach einem neuen Buch, für das ihr die Kreativität fehlt. Ihre einzigen Gesprächspartner sind ihre Freundin Sonne und ihre Psychotherapeutin Hannah. Zu ihren schönsten Momenten gehören die Unternehmungen mit ihrem Neffen, doch der Kontakt zur Familie ihres Exmannes bringt immer mehr Spannungen mit sich. Es ist nicht schwer, Mitleid für Derya zu empfinden, dafür muss sie einem nicht einmal außergewöhnlich sympathisch sein. Eine reizvolle Nebenfigur ist die junge Obdachlose "Kiwi", mit der sich Derya anfreundet. Derya möchte der gerade mal volljährigen Frau helfen, Kiwi hingegen ist vorsichtig und misstrauisch; dennoch kommt es allmählich zu Annäherungen zwischen den beiden.

Spannung bezieht die Geschichte hauptsächlich aus den Fragen, was es mit den Stalkingvorfällen zu tun hat, warum Jakob - angeblich zufällig - so plötzlich wieder in ihr Leben tritt und was er zu verbergen hat. Da Derya ganz offensichtlich labil ist, ist zunächst nicht ersichtlich, welche Vorfälle tatsächlich bedrohlich sind. Sie fühlt sich beispielsweise im Dunkeln von einem Mann verfolgt und fürchtet um ihr Leben - und man darf anschließend darüber spekulieren, ob es nur ein harmloser Passant war oder tatsächlich ein Stalker, dem sie in letzter Sekunde entkommen ist.

Das langsame Handlungstempo ist etwas gewöhnungsbedürftig, harmoniert aber gut mit der bedrückenden Stimmung, die über Deryas Leben schwebt. Geduld ist allerdings angebracht, denn es dauert eine ganze Weile, bis der Thrill Einzug hält. Der Fokus liegt mehr auf melancholisch-düsterer Atmosphäre, die sich ganz subtil immer weiter steigert und dramatisiert. Wer rasante Thriller bevorzugt, bei denen sich die Situation schnell zuspitzt, muss hier Abstriche machen. Die Pointe ist nicht komplett überraschend, aber raffiniert inszeniert und daher auch dann befriedigend, wenn man sie etwas vorzeitig erahnt - zudem ist auch wenn man die Pointe erahnt der genaue Ausgang noch ungewiss.

Fazit:

Alles in allem ist "Mein Wille geschehe" von Jennifer Benkau ein ruhiger, sehr atmosphärischer Thriller mit düsterer, melancholischer Grundstimmung. Die Pointe überrascht nicht unbedingt, wird aber zumindest sehr geschickt vorbereitet. Unterhaltsame Lektüre, sofern einen das gemächliche Handlungstempo nicht stört.

22. September 2017

Monteperdido - Agustín Martínez

Poduktinfos:

Ausgabe: 2017 bei FISCHER
Seiten: 496
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Der Autor:

Agustín Martínez, Jahrgang 1975, studierte in Madrid audiovisuelle Kommunikation und gehört zu Spaniens erfolgreichsten Drehbuchautoren. Ein Kriminalfall zu einem vermissten Mädchen inspirierte ihn auf einer Fahrt durch die Pyrenäen zu seinem ersten Roman.

Inhalt:

Im abgelegenen Pyrenäendorf Monteperdido verschwinden die beiden elfjährigen Freundinnen Ana und Lucia. Trotz aller Suchmaßnahmen und Ermittlungen gibt es keine Spur von ihnen. Der Verdacht fällt zeitweise auf Anas Vater, erhärtet sich jedoch nicht. Die Ermittlungen geraten ins Stocken; die meisten Einwohner gehen davon aus, dass die Mädchen tot sind.

Fünf Jahre später verunglückt ein Auto, der Fahrer ist sofort tot, die sechzehnjährige Beifahrerin wird verletzt geborgen. Zur Überraschung aller handelt es sich um die vermisste Ana. Sie leidet allerdings unter Erinnerungslücken und kann keine detaillierten Aussagen zu ihrem Entführer oder dem Ort der Gefangenschaft geben.

Kommissarin Sara Campos von der Bundespolizei unterstützt die einheimischen Ermittler. Es beginnt eine verzweifelte Suche nach Lucia, in der Hoffnung, sie noch lebend zu finden. Sara Campos stößt bei den Dorfbewohnern auf Misstrauen und Schweigen. Es verdichten sich jedoch die Hinweise, dass der Täter aus ihrer Gemeinschaft kommt ...

Bewertung:

Wie ein Debütroman wirkt der atmosphärische und spannende Roman "Monteperdido" gewiss nicht, und man merkt, dass Autor Agustín Martínez zumindest im Drehbuchschreiben sehr erfahren ist.

Das Buch entführt seine Leser in ein einsam gelegenes Pyrenäendorf, das einige düstere Geheimnisse in sich birgt. Gemeinsam mit den Ermittlern darf man rätseln, wer die beiden Mädchen damals entführt hat, warum er sie am Leben gelassen hat, was es mit Anas Flucht auf sich hat - und wo sich Lucia befindet. Ana ist nur bedingt eine Hilfe, zu unspezifisch sind ihre Angaben. Sie behauptet, ihr Entführer habe stets einen Helm getragen, zudem habe sie das Gefängnis nie verlassen. Allmählich keimt bei den Ermittlern aber der Verdacht auf, dass Ana womöglich jemanden deckt - kann oder will sie sich nicht genau erinnern? Im Verlauf der Handlung ergeben sich Verdachtsmomente, doch wer tatsächlich hinter der Entführung steckt, wird erst sehr spät verraten.

Interessant ist überdies das Zusammenspiel zwischen den Ermittlern. Der einheimische Polizist Victor Gamero und die Bundeskommissarin Sara Campos haben anfangs Mühe, harmonisch zusammenzuarbeiten. Zudem steht Victor zwischen den Stühlen, will einerseits natürlich den Fall aufklären, sich von der Bundespolizei aber auch nicht belehren lassen und seine bekannten und Freunde im Dorf nicht verärgern.

"Monteperdido" bedient sich eines langsamen Tempos. Zwar geht es natürlich um die Suche nach dem Täter, aber mindestens ebenso viel Raum wie die Ermittlungsarbeit nimmt das Schicksal der betroffenen Familien ein. Eindringlich bekommt man vor Augen geführt, wie sehr Anas und Lucias Angehörige seit Jahren leiden. Die Ehe von Anas Eltern Raquel und Álvaro ist gescheitert; Álvaro war zudem der einzige Verdächtige bisher, und viele Dorfbewohner sind nach wie vor von seiner Schuld überzeugt. Zu den vehementesten Vertretern dieser Theorie gehört ausgerechnet Lucias Vater Joaquín. Er ist besessen vom Gedanken, seine Tochter zu rächen, und vernachlässigt darüber seinen Sohn Quim. Lucias Mutter Montserrat wiederum sehnt sich nach einem Baby und möchte trotz des Verlustes ihrer Tochter wieder glücklich sein. Trauer, Verzweiflung und Wut hüllen die beiden Familien ein. Anas plötzliche Rückkehr löst bei aller Freude auch gewisse Probleme aus - Raquel ist unsicher, wie sie mit ihrer Tochter umgehen soll, die sie noch als Kind in Erinnerung hat. Zudem bemühen sich Anas Eltern, ihre Trennung vor ihrer Tochter zu verheimlichen. Beständig liegt eine melancholische Stimmung über dem Geschehen

"Monteperdido" ist ein ergreifender und berührender Spannungsroman für sensible Leser, die eine gewisse Geduld mitbringen. Bei Sara Campos dauert es ein wenig, bis man ein klares Bild von ihr hat und mit ihr warmgeworden ist. Abgesehen davon und von der etwas gemächlichen Gangart des Romans ist das Werk aber rundum gelungen bis zum bittersüßen Ende.

Fazit:

"Monteperdido" von Agustín Martínez ist ein sehr atmosphärischer Thriller, dazu auch nicht zu vorhersehbar und bis zum Ende grundsätzlich spannend. Die Handlung verläuft aber gemächlich und erfordert eine gewisse Geduld.

18. September 2017

The Girl Before - JP Delaney

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Penguin
Seiten: 400
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Der Autor:

JP Delaney veröffentlichte unter anderem Namen bereits Bestseller. "The Girl Before" ist sein erster Psychothriller.

Inhalt:

Nach einem schweren Schicksalsschlag will die alleinstehende Jane ein neues Leben beginnen. Sie wechselt ihre Arbeitsstelle und zieht in ein hochmodernes Mietshaus in der Londoner Folgate Street, das der exzentrische Vermieter Edward Monkford selbst entworfen hat. Die Wohnung bietet allerlei technischen Luxus, allerdings muss Jane als Gegenleistung strenge Regeln einhalten und vor allem strengste Ordnung halten.

Schon bei ihrer ersten Begegnung ist Jane fasziniert von dem mysteriösen und attraktiven Edward, und bald beginnen sie eine Affäre. Jane ist anfangs glücklich, bis sie von ihrer verstorbenen Vormieterin erfährt. Emma starb angeblich bei einem häuslichen Unfall, es gibt aber Ungereimtheiten.

Zudem sah Emma Jane sehr ähnlich, und auch sie hatte eine Affäre mit Edward. Jane kann sich dennoch nicht vorstellen, dass Edward etwas mit Emmas Tod zu tun hat. Trotzdem forscht sie weiter, denn Emmas seltsamer Tod lässt sie nicht los. Gleichzeitig fühlt sie sich immer unwohler in ihrer Wohnung ...

Bewertung:

JP Delaneys Romandebüt "The Girl Before" eroberte im Sturm die Bestsellerlisten, Thrillerautor Lee Child schwärmte, es sei "wie nichts, was Sie je gelesen haben". So ganz trifft das Zitat nicht zu, denn während der Lektüre kommen doch gewisse Assoziationen zu anderen bekannten Werken auf. Deutlich sind die Parallelen zu Ira Levins "Sliver" (1993 verfilmt mit Sharon Stone), in dem eine junge Frau eine stylische Wohnung bezieht, deren Vormieterin auf mysteriöse Weise darin starb; auch einen voyeuristischen und charismatischen Hausbesitzer, der mit der Protagonistin eine Affäre beginnt, gibt es hier. Der dominante und penible Edward Monkford erinnert ein wenig an Christian aus "Fifty Shades Of Grey", inklusive der - wenn auch nicht detailliert geschilderten - BDSM-Elemente, auch das Hörigkeitsverhältnis zwischen Jane und Edward ist durchaus ähnlich. Das ultramoderne Haus, das allmählich zur Bedrohung wird, lässt an Dean Koontz' "Des Teufels Saat" denken.

Sieht man von der also eher nicht gegebenen Originalität ab, ist "The Girl Before" durchaus ein sehr unterhaltsames Werk mit Spannung und Atmosphäre. Die Kapitel sind abwechselnd mit "Damals: Emma" und "Heute: Jane" betitelt. Schnell zeichnen sich die Parallelen zwischen den Frauen ab, auch wenn ihre Ausgangslagen so unterschiedlich sind: Emma zieht mit ihrem Freund Simon in die Folgate Street; Jane lebt allein und hat gerade eine Totgeburt erlitten, unter der sie sehr leidet. Aber beide Frauen sind sofort von Edward Monkford fasziniert, sie lassen sich auf eine Affäre ein und akzeptieren Edwards außergewöhnliche Regeln, ja finden sein dominantes Auftreten gerade besonders reizvoll. Der Leser weiß zwar durch die Kapitel über Emma zunächst mehr als Jane, erfährt aber ebenfalls erst zum Schluss, was es mit ihrem Tod auf sich hat. Nach und nach entwickelt sich eine beklemmende Stimmung; die Vorteile des hochtechnisierten Hauses erweisen sich als tückisch, Janes klaustrophobisches Empfinden ist gut nachvollziehbar. Der Roman lädt durch den glatten Stil und die kurzen Kapitel zu einer schnellen Lektüre ein.

Es ist allerdings schwer nachzuvollziehen, weshalb sich Jane auf den umfangreichen Regelkatalog einlässt, statt abgeschreckt zu werden. Bei Emma ist es noch einigermaßen verständlich, da sie kurz zuvor in ihrer Wohnung überfallen wurde und die Vorkehrungen in der Folgate Street Nummer 1 ihr endlich eine gewisse Sicherheit vermitteln. Ansonsten ist es aber nicht sehr realistisch, dass sich jemand auf den Vertrag mit über zweihundert Regeln einlässt. Es darf beispielsweise niemals etwas auf dem Boden herumliegen, regelmäßige Kontrollen müssen akzeptiert werden. Teppiche, Bilder, Zimmerpflanzen, Vorhänge und Bücher sind verboten; grundsätzlich muss jede Veränderung vorher genehmigt werden. Auch Dekoobjekte, Wäscheleinen, Papierkörbe oder Sofakissen sind tabu, ebenso wie weitere Lampen. Natürlich darf zudem nicht geraucht werden. Auch wenn die Wohnung extrem günstig für ihren Komfort ist, wiegt das wohl kaum die enormen Einschränkungen auf.

Des Weiteren teilt der Leser kaum die Begeisterung der Protagonistinnen für Edward Monkford, auch wenn eine gewisse Faszination verständlich ist. Doch spätestens, wenn seine dominante Art und seine Bevormundungen deutlich werden, geht man auf Distanz. Die Auflösung mag zudem zwar nicht unbedingt jeder Leser zuvor erahnen, aber ganz überraschend kommt sie auch nicht.

Fazit:

"The Girl Before" von JP Delaney ist ein unterhaltsamer und recht atmosphärischer Thriller, der allerdings nicht ganz so innovativ oder überraschend ist, wie es die Vermarktung behauptet. Wenn man darauf keinen Anspruch erhebt, erwartet einen kurzweilige Lektüre.

7. September 2017

Mein ist die Stunde der Nacht - Mary Higgins Clark

Produktinfos:

Ausgabe: 2005 bei Heyne
Seiten: 432
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Die Autorin:

Mary Higgins Clark, Jahrgang 1929, zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautorinnen der Welt. 1975 erschien ihr erster Thriller "Wintersturm", der zum Bestseller avancierte. Seitdem verfasste sie Dutzende von Krimi- und Thrillerromanen, die regelmäßig die Spitzenplätze der Bestsellerlisten belegen. Mehrere ihrer Romane wurden für das TV verfilmt. Weitere Romane von ihr sind u. a.: "Das fremde Gesicht", "Schlangen im Paradies", "Schlaf wohl, mein süßes Kind", "Schwesterlein, komm tanz mit mir", "Vergiss die Toten nicht" und "Das Haus auf der Klippe".

Inhalt:

Dr. Jean Sheridan, eine erfolgreiche Historikerin Ende dreißig, kehrt zu ihrem zwanzigjährigen Abschlussjubiläum an der Stonecroft Academy in ihre Heimatstadt zurück. Bei einem groß angelegten Klassentreffen soll sie mit sechs anderen Absolventen für herausragende berufliche Leistungen geehrt werden. Doch das Treffen wird überschattet: Fünf ihrer Schulfreundinnen sind in den letzten Jahren ums Leben gekommen.

Für Jean birgt das Treffen noch weitere düstere Erinnerungen: Kurz vor ihrem Abschluss starb ihr damaliger Freund bei einem Autounfall, Jean trug das gemeinsame Kind in aller Heimlichkeit aus und gab es zur Adoption frei. Auch heute noch trauert sie ihrer Tochter hinterher. Umso erschreckender sind die Faxmeldungen, die Jean in letzter Zeit erhält. Alle enthalten Drohungen gegen ihre Adoptivtochter. Jean hofft, dass es sich bloß um einen bösen Scherz handelt, und versucht, sich auf dem Treffen abzulenken.

Sie ahnt nicht, dass die Todesfälle kein Zufall waren. Einer ihrer ehemaligen Mitschüler ist ein skrupelloser Mörder, der sich nach und nach an allen rächt, die ihn seinerzeit zurückgewiesen haben. Er nennt sich „die Eule“, nach seinem Spitznamen aus der Kindheit. Wie ein Raubvogel schlüpft er nachts in die Rolle des Jägers und überwältigt seine Opfer. Nicht nur Jean, auch ihre Tochter schweben in höchster Gefahr ...

Bewertung:

Der Name Mary Higgins Clark steht gewöhnlich für solide, wenn auch nicht außergewöhnliche Thrillerkost. Es sind auch hier wieder einmal bewährte Zutaten, auf die die Autorin zurückgreift und die sie in einen unterhaltsamen, allerdings nicht mehr als durchschnittlichen Roman umsetzt.

Solide Sympathiefiguren


Wie so oft dreht sich die Handlung um eine sympathische junge Frau, die ohne eigenes Verschulden in eine gefährliche Lage gerät. Auch Jean Sheridan hebt sich nicht weiter von dem Strickmuster anderer Higgins-Clark-Heldinnen ab. Die Protagonistin macht es dem Leser leicht, sich mit ihr zu identifizieren. Jean ist erfolgreich und ehrgeizig, dabei aber frei von Arroganz, sondern angenehm bodenständig. Obwohl zwanzig Jahre ins Land gegangen sind, trauert sie immer noch um ihre verstorbene Jugendliebe Reed und die zur Adoption freigegebenen Tochter, die sie bei sich zärtlich „Lily“ nennt. Voller Zärtlichkeit denkt sie an ihre unbekannte Tochter, von der sie nicht einmal weiß, welchen Namen ihr ihre neuen Eltern gegeben haben. Der Roman ist somit nicht nur Thriller, sondern enthält auch einige melodramatische Komponenten, und es kommt zumindest so viel Mitgefühl für die Hauptfigur auf, dass man ihr eine versöhnliche Begegnung mit ihrer verlorenen Tochter wünscht.

Die zweite Sympathiefigur ist der väterliche Detective Sam Deegan, zu dem Jean sofort Vertrauen fasst. Deegan ist mehr als ein unermüdlicher Ermittler; er steckt auch darüber hinaus viel persönliches Interesse in die mysteriöse Mordserie; nicht zuletzt deshalb, weil die Todesfälle offenbar in Zusammenhang mit einem ungeklärten Mord stehen, der ihm seit zwanzig Jahren keine Ruhe lässt …

Für Humor sorgt vor allem der junge Schülerzeitungsreporter Jake Perkins, der in seinen hartnäckigen Recherchemethoden seinen älteren Kollegen in nichts nachsteht. Mit viel Witz und Genuss durchschaut er die arroganten Teilnehmer des Klassentreffens und bringt mit seinen forschen Fragen so manchen Interviewpartner in Verlegenheit. Übertrieben wird dieses freche Auftreten nur am Schluss, als sich Jake selbst angesichts eines Wettlaufs auf Leben und Tod noch detailliert in seinen brisanten Informationen ergehen will.

Wer ist die Eule?

Um die Spannung zu erhöhen, greift Mary Higgins Clark tief in die Trickkiste: In fast jedem zweiten Kapitel wechselt der personale Erzähler von der Protagonistin Jean Sheridan zum Mörder hinüber, allerdings ohne dabei seine Identität preiszugeben. Der Killer ist nur "die Eule", sein richtiger Name fällt nie. Dem Leser ist es kaum möglich, den Täter hinter diesem Decknamen vorzeitig zu erraten. Jeder aus dem engeren Kreis ist aus diversen Gründen verdächtig. Weder der Leser noch Jean Sheridan können mit Gewissheit sagen, wem von ihnen zu trauen ist. Die Hinweise auf die Täterschaft sind dünn gesät und so allgemein gehalten, dass sie auf jeden Verdächtigen zutreffen könnten. Nahezu alle von ihnen haben sich im Erwachsenenleben um 180 Grad gewandelt, haben eine schwere Kindheit hinter sich und machen sich durch gewisse Bemerkungen oder Handlungen verdächtig.

Leider steckt in diesem Punkt auch ein erhebliches Manko des Buches: Die Autorin ist so sehr darauf bedacht, den Leser aufs Glatteis zu führen und den Täter geheim zu halten, dass sie es mit der Informationsverweigerung auf die Spitze treibt. Selbst als die entführte Laura ihren Peiniger erkennt und der Leser Einblick in ihre Gedanken bekommt, fällt nicht sein wahrer Name; selbst in ihren Gedanken nennt ihn Laura nur "die Eule". Und wenn sie denn mal trotz seines Verbots seinen wahren Namen ausspricht, so erfährt der Leser natürlich nur, dass sie "immer wieder seinen Namen flüsterte". Das Bemühen der Autorin um Spannung in allen Ehren, aber dass selbst sein Opfer seinen Namen nicht in Gedanken nennt, lässt die Handlung an diesen Stellen zu unrealistisch und konstruiert erscheinen.

Konstruiert sind auch die zahlreichen Scheinbar-Hinweise und falschen Fährten, die allzu offensichtlich dazu dienen, jeden der Verdächtigen mal kurz ins Licht zu rücken. Im Laufe der Handlung fällt bei jedem von ihnen mindestens ein Satz oder ein Gedanke, der ihn mit dem Täter in Verbindung bringt, meist als Cliffhanger formuliert, um dem Leser besonders nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Gerade diese Ausgewogenheit der Verdachtsmomente sorgt dafür, dass die Auflösung, wer sich tatsächlich hinter der "Eule" verbirgt, längst nicht so spektakulär ist wie die eigentliche Mörderjagd selbst. Keiner der infrage kommenden Personen drängt sich dem Leser als Täter-Kandidat auf. Allenfalls einen von ihnen wünscht man sich nicht als Mörder, beim Rest spielt es keine große Rolle, ob er sich als Schuldiger entpuppt oder nicht. Zwar ergibt seine Identität letztlich Sinn, alle offenen Fragen werden zufriedenstellend geklärt, aber es fehlt ein letztes Aha-Erlebnis, eine finale Wendung oder Überraschung als abschließende Krönung.

Fazit:

Ein solider Thriller mit sympathischer Protagonistin, der bis zum Schluss die Spannung und die Frage nach dem Mörder bewahrt. Abzüge gibt es für die konstruierte Handlung und das konventionelle Strickmuster, das insbesondere an viele weitere Romane der Autorin erinnert. Als leichte Unterhaltung ein lesenswerter Roman, jedoch insgesamt zu unspektakulär, um weiter im Gedächtnis zu bleiben.

4. September 2017

Ich will brav sein - Clara Weiss

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Goldmann
Seiten: 416
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Die Autorin:

Clara Weiss, Jahrgang 1976, studierte Literaturwissenschaften und arbeitet im Verlagswesen. 2015 erschien ihr erster Roman "Milchsblut", der für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte "Debüt" nominiert wurde.

Inhalt:

Mit knapp dreißig Jahren kann sich Juli endlich ihren Traum vom Psychologiestudium erfüllen. Überraschend schnell findet sie eine passende Unterkunft in München - sie zieht zu der gleichaltrigen Schauspielerin Greta ins Dachgeschoss eines charmanten, alten Mietshauses.

Die temperamentvolle und extravertierte Greta ist anfangs eine fröhliche und liebenswerte Mitbewohnerin, mit der sich Juli gut versteht. Doch im Verlauf des extrem heißen Sommers verändert sich das Verhältnis und wird immer angespannter. Immer häufiger wird Juli von Greta kritisiert, sie fühlt sich immer unwohler in Gretas Gegenwart.

Schließlich passieren auch noch unheimliche Dinge: Auf dem Dachboden wird die Leiche einer Nachbarin gefunden, ein Freund von Greta wird ermordet, und Julis beste Freundin verschwindet. Julis Ängste werden immer größer, ebenso wie ihr Verdacht gegen Greta, doch für die Polizei hat sie nicht genug Beweise. Auch in der Wohnung passieren seltsame Dinge. Schließlich zweifelt Juli sogar an ihrem Verstand - oder will jemand sie in den Wahnsinn treiben ...?

Bewertung:


Nach ihrem erfolgreichen Debütroman "Milchsblut" legt Clara Weiss mit "Ich will brav sein" ihren zweiten Spannungsroman vor. Insgesamt ist ihr damit ein sehr solider Thriller gelungen, der routiniert und unterhaltsam eine zwar nicht originelle, aber doch reizvolle Geschichte erzählt.

Die Handlung fokussiert sich auf Juli, man verfolgt genau ihre Gedanken, Gefühle und vor allem ihre Sorgen, die sich nach und nach drastisch steigern. Überzeugend erzählt wird der allmähliche Übergang von der ersten glücklichen Zeit in der Wohngemeinschaft zu den ersten seltsamen Vorkommnissen bis hin zu den wachsenden Zweifeln und Ängsten. Gut nachvollziehbar ist Julis zunehmende Unsicherheit und ihre Hilflosigkeit. Außer der später verschwundenen Elli hat sie keine Freunde in München, ihr Geld ist knapp, sodass ein Auszug nicht so schnell infrage kommt. Dazu kommt die außergewöhnliche Hitzewelle, die sich wie eine Glocke über das Land legt und für eine immer beklemmendere Atmosphäre sorgt. Juli findet kaum noch Wege, um sich zu erfrischen; nach wochenlanger Dauerhitze kommt das Wasser nur noch warm aus der Leitung, ihre Kleidung klebt an ihr wie eine zweite Haut, sie fühlt sich wie gelähmt. Vor allem der extrem stickige Dachboden, der immer wieder zum Schauplatz wird, löst heftiges Unwohlsein bei ihr aus.

Der Roman überzeugt weitgehend durch seine dichte Atmosphäre und seine spannende Handlung, die frei von Längen ist. Die unheimlichen Vorgänge fangen recht harmlos an und steigern sich ganz allmählich; den Leser erwartet hier ein Verwirrspiel, in dem offen gehalten wird, wem zu trauen ist und wer Böses im Schilde führt. Am Ende gibt es eine vielleicht nicht absolut überraschende, aber passende Auflösung. Einige scheinbar nebensächliche Dinge aus der Handlung ergeben hier auf einmal neuen Sinn, sodass am Ende ein geschickt konstruiertes Gesamtgerüst steht. Gelungen sind auch die kurzen Rückblenden in die Vergangenheit, die verstörende Szenen aus einem Kinderleben zeigen, ohne zu viel zu verraten.

Am Ende wird ein bisschen viel erklärt, was etwas statisch wirkt im Vergleich zum vorherigen Handlungsverlauf; zudem erscheinen die Ereignisse auf den letzten Seiten etwas übertrieben. Das sind aber nur kleine Schwächen,die nicht großartig ins Gewicht fallen.

Fazit:

"Ich will brav sein" von Clara Weiss ist ein atmosphärischer und spannender Psychothriller mit überzeugender Auflösung.

24. August 2017

Die Verlassene - Mary Torjussen

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Blanvalet
Seiten: 416
* * * * *
Die Autorin:

Mary Torjussen aus Großbritannien hat Creative Writing studiert und als Lehrerin gearbeitet. "Die Verlassene" ist ihr erster Roman.

Inhalt:

Für die Liverpoolerin Hannah läuft das Leben gerade wunderbar: Sie ist seit vier Jahren glücklich mit ihrem Lebensgefährten Matt, sie liebt ihren Job als Senior Managerin einer Wirtschaftsprüfungskanzlei und hat gerade gute Aussichten auf eine Beförderung erhalten. Doch als sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, ist Matt nicht zuhause. Mehr noch - alle seine Sachen sind mit ihm verschwunden.

Matts Kleidung, seine Fotos, sämtliche Gegenstände, die an ihn erinnern, sind weg - und auch auf Hannas Smartphone und Computer sind alle Spuren von ihm gelöscht, seine Handynummer existiert nicht mehr, ebenso seine Profile in sozialen Netzwerken. Kurz darauf muss Hannah erfahren, dass er auch seinen Job gekündigt hat.

Hannah ist fassungslos, denn nichts deutete ihrer Meinung nach auf eine Trennung hin. Sie vernachlässigt ihre Arbeit und stellt Tag und Nacht Nachforschungen über Matts Verbleib an. Parallel erhält sie seltsame anonyme Botschaften in Form von Briefen und SMS. Veränderungen in ihrer Wohnung deuten darauf hin, dass sich irgendjemand in ihrer Abwesenheit Zutritt verschafft. Ist es etwa matt? Hannah ist überzeugt davon, ihr Umfeld zweifelt allerdings mehr und mehr an ihrem Verstand ...

Bewertung:


Mary Torjussens Debütwerk ist ein über weite Strecken fesselnder Thriller, der mit einer überraschenden Wendung aufwartet, die allerdings auch etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Die Ausgangslage ist sehr reizvoll, da man zunächst überhaupt nicht ahnt, was hinter Matts plötzlichem Verschwinden steckt. Zugleich ist Hannas Verzweiflung sehr nachvollziehbar, man fühlt mit ihr und möchte erfahren, warum Matt verschwunden ist und ob sie ihn wiederfinden wird. Matts Verschwinden ist nicht nur deshalb so seltsam, weil es offenbar keine Anzeichen gab, sondern auch, weil es scheint, als wollte er jede Erinnerung an seine Existenz vernichten. Hannah hat keine Handhabe, ihn zu kontaktieren, hat keine engen gemeinsamen Freunde, die sie fragen könnte, und auch seine Familie ist unerreichbar. Noch spannender wird es, als die eigenartigen Vorkommnisse beginnen. Hannah fühlt sich verfolgt und beobachtet, sie erhält dubiose Nachrichten und ist überzeugt davon, dass jemand heimlich ihre Wohnung betritt und beispielsweise Blumen hinterlässt. Auch hier darf der Leser rätseln, wer mit welchem Motiv hinter diesen Dingen steckt.

Mit Ich-Erzählerin Hannah leidet man zunächst sehr mit. Man erlebt, wie aus der toughen Karrierefrau in kürzester Zeit ein labiles Wrack wird. Hannah kann sich kaum noch auf ihren Job konzentrieren, schläft schlecht, isst wenig, grübelt unentwegt über Matt nach, stellt während ihrer Arbeitszeit Recherchen an und gerät ernsthaft in Gefahr, ihren früher so geliebten Arbeitsplatz zu verlieren. Auch ihre beste Freundin Katie wird immer ungeduldiger mit ihr, Hannah fühlt sich zunehmend im Stich gelassen. Dazu kommt noch Hannahs sehr schwieriges Verhältnis zu ihrem dominanten Vater, das später noch eine wichtige Rolle spielt. Der Roman hat zwar aufgrund der mysteriösen Stalkingvorgänge seine Thrillerelemente, ist aber auch und vielleicht sogar vorwiegend ein Psychodrama, das detailgenau eine psychische Ausnahmesituation nachzeichnet.

Allerdings kommt auch irgendwann der Punkt, an dem der Leser ein wenig die Geduld mit Hannah verliert. Bei allem Kummer handelt sie manchmal sehr irrational, verlässt beispielsweise spontan ihren Arbeitsplatz, obwohl ihr Job ohnehin am seidenen Faden hängt. Des Weiteren ist ihre beste Freundin Katie keine besonders sympathische Gestalt. Immer wieder gibt es seitens Katie Sticheleien, genervte Reaktionen und Ungeduld; es fällt schwer zu verstehen, warum die beiden überhaupt seit so vielen Jahren enge Freundinnen sind.

Am Ende gibt es einen durchaus überraschenden Twist, der einige Dinge aufklärt und zugleich in ein etwas anderes Licht rückt. Diese Wendung hat ihren Reiz, kann aber auch Enttäuschung auslösen, da sie der Handlung eine ganz andere Richtung zuweist. Sie ist gewagt, aber gewöhnungsbedürftig und daher polarisierend - die einen werden begeistert sein, wie sich die Dinge drehen, die anderen werden sich eventuell etwas betrogen fühlen.

Fazit:

"Die Verlassene" von Mary Torjussen ist eine unterhaltsame Mischung aus Thriller und Psychodrama mit einer überraschenden Auflösung, die allerdings nicht hundertprozentig überzeugt.

Die Überfahrt - Mats Strandberg

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei TOR (Fischer)
Seiten: 512
* * * * *
Der Autor:

Mats Strandberg aus Schweden, Jahrgang 1976, arbeitet als Journalist bei Schwedens größter Abendzeitung. Weitere Werke sind die Engelfors-Trilogie (Zirkel, Feuer, Schlüssel) und der Roman "Halbes Leben".

Inhalt:

Seit etlichen Jahren fährt die schwedische Ostsee-Fähre "Baltic Charisma" dieselbe Route von Stockholm nach Finnland. An Board ist stets eine bunte Mischung aus allen Altersklassen - Familien mit Kindern, junge Leute in Partystimmung, Senioren. Es fließt reichlich Alkohol, man will sich hier amüsieren und die Alltagssorgen vergessen.

Zu den Passagieren gehört diesmal die ältere, alleinstehende Marianne, die ihrem tristen Alltag entfliehen will und den etwa gleichaltrigen Göran kennenlernt. Ebenfalls an Bord ist der zwölfjährige Albin mit seiner Familie, in der einige Spannungen herrschen. Calle wiederum gehörte vor acht Jahren selbst zum Bordpersonal. Heute möchte er seinem Lebensgefährten Vincent einen Heiratsantrag machen. Die junge Madde will mit ihrer besten Freundin Zandra feiern und die Sorge um ihren drohenden Jobverlust verdrängen.

In der Karaokebar moderiert der ehemalige Schlagerstar Dan Applegren, der sich mit dem verhassten Job mühsam über Wasser hält. Niemand ahnt, dass sich diesmal auch zwei besondere Passagiere an Bord befinden - eine geheimnisvolle Frau und ein kleiner Junge. Mit ihnen kommt das Grauen an Bord - und es scheint kein Entrinnen zu geben ...

Bewertung:

"Die Überfahrt" von Mats Strandberg braucht eine Weile, bis es sich zu einem Horrorroman entwickelt - dann jedoch schlägt der Horror umso erbarmungsloser zu.

Zunächst befasst sich die Handlung vor allem mit dem Porträt des Schiffes und seinen Gästen, einem bunten Potpourri aus allen Altersklassen und Herkünften. Viele von ihnen vereint allerdings, dass sie gescheiterte Existenzen sind, die auf der "Baltic Charisma" ihrem trostlosen oder problematischen Alltag entfliehen möchten; sie sind ein bisschen wie das Schiff selbst, das mittlerweile in die Jahre gekommen ist, bei dem niemand genau weiß, wie lange es überhaupt noch fahren wird. Der Alkohol fließt in Strömen, in den Bars und Discotheken wird getanzt und geflirtet, Hemmungen werden fallengelassen. Offiziell wollen sich alle amüsieren, und doch liegt beständig der Geruch von Verzweiflung in der Luft. Auf der "Baltic Charisma" versammeln sich auf jener Überfahrt unzählige Probleme und Konflikte, Hoffnungen und Wünsche, die auch ohne den später auftretenden übernatürlichen Aspekt der Handlung bereits eine düstere Atmosphäre verleihen.

Besonders berührend sind die Geschichten von Marianne und Albin. Marianne ist eine ältere, einsame Frau, die sich von der Fahrt ein wenig Aufmunterung und Abwechslung verspricht. Sie lernt den etwa gleichaltrigen Göran kennen, der hier mit seinen Freunden feiert. Auch wenn Göran gewiss kein Traummann auf den ersten Blick ist, fühlt sich Marianne zu ihm hingezogen, er macht ihr Komplimente - und die scheue Frau hofft, dass sich zwischen ihnen etwas entwickeln könnte, was vielleicht über diese Nacht hinaus Bestand hat. Sie ist eine liebenswerte Figur, deren Schmerz und Einsamkeit eindringlich dargestellt werden und mit der man unwillkürlich mitfühlt.

Gut gelungen ist auch die Darstellung des kleinen Albin. Das lang ersehnte Wiedersehen mit seiner Cousine Lo fällt anders als als erhofft, denn Lo ist ein schnippischer Teenager geworden, zeigt sich genervt von der ganzen Reise und erinnert kaum noch an seine damals beste Freundin, mit der er so viele Abenteuer erlebte. Während er dem Wiedersehen entgegenfieberte, ist Lo offenbar nur sehr widerwillig mitgekommen. Sie rollt ständig abwertend die Augen, kommentiert alles sarkastisch mit "Nice", kaut gelangweilt Kaugummi und interessiert sich in erster Linie für Mode und Make-up - enttäuschend und einschüchternd für Albin, der in der aufreizenden jungen Dame kaum noch seine Kinderfreundin wiedererkennt. Dazu belasten Albin die Sorgen um seine geliebte Mutter, die im Rollstuhl sitzt, und um den immer öfter alkoholisierten Vater, bei dem sich ein schwerwiegendes psychisches Problem herauskristallisiert. Albins Kummer ist sehr gut nachvollziehbar, in kürzester Zeit wächst einem der Junge ans Herz. Umso schöner ist es dann, als Lo schließlich doch langsam auftaut und Albin zaghaft die alte Vertrautheit zwischen ihnen erahnt.

Mitreißend ist zudem die Geschichte um Calle, der seinem Lebensgefährten Vincent einen Heiratsantrag macht - der ganz anders endet, als er sich gedacht hatte. Absolut kein Sympathieträger, aber dennoch eine gut dargestellte Figur ist der abgehalfterte Schlagerstar Dan Applegren. Vor zwanzig Jahren hatte er seinen großen Hit, scheiterte allerdings selbst damit beim Grand-Prix-Vorentscheid. Heute kann er vom damaligen Ruhm nur noch träumen; den verhassten Moderationsjob in der Karaokebar erträgt er nur dank Koks und williger Groupies.

Lange Zeit geht es abwechselnd um die Probleme, Sorgen und Gedanken dieser und noch ein paar weiterer Passagiere. Recht spät kommt der Horror in Form moderner Vampire ins Spiel, die die Überfahrt in einen grausigen Alptraum verwandeln und die Opfer zu zombieähnlichen Wesen machen. Auch nach den ersten Vorkommnissen ahnen die Passagiere noch nicht, was wirklich vor sich geht. Für Spannung ist dadurch gesorgt, dass man um das Leben der sympathischen Charaktere bangt und hofft, dass sie dem Grauen entrinnen können, dass sie vielleicht mit einem Rettungsboot fliehen können oder mit dem Schiff rechtzeitig die Küste erreichen.

Während die beklemmende und düstere Atmosphäre hervorragend eingefangen wird und die Charaktere überzeugen, sind die Schilderungen der brutalen Übergriffe und des Blutdurstes der Vampire etwas zu ausufernd geraten. Die drastischen Szenen nehmend phasenweise etwas überhand und sind ein wenig zu plakativ geraten; zudem lesen sie sich auf Dauer recht ermüdend, weil repetetiv. Grundsätzlich ist "Die Überfahrt" ein Roman, der sich Zeit für die Handlungsentfaltung nimmt und damit auch Geduld beim Leser einfordert.

Fazit:

"Die Überfahrt" von Mats Strandberg ist ein atmosphärisch sehr dichter Horrorroman mit überwiegend sehr gelungenen Charakteren, der gut unterhält und berührt - sieht man davon ab, dass der Horror erst spät ins Spiel kommt und dann teilweise ein bisschen zu brutal geschildert wird.

19. August 2017

Und niemand soll dich finden - Mary Higgins Clark

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Heyne
Seiten: 368
* * * * *
Die Autorinnen:

Mary Higgins Clark, Jahrgang 1929, zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautorinnen der Welt. 1975 erschien ihr erster Thriller "Wintersturm", der zum Bestseller avancierte. Seitdem verfasste sie Dutzende von Krimi- und Thrillerromanen, die regelmäßig die Spitzenplätze der Bestsellerlisten belegen. Mehrere ihrer Romane wurden für das TV verfilmt. Weitere Romane von ihr sind u. a.: "Das fremde Gesicht", "Schlangen im Paradies", "Schlaf wohl, mein süßes Kind", "Schwesterlein, komm tanz mit mir", "Vergiss die Toten nicht" und "Das Haus auf der Klippe".

Alafair Burke, Jahrgang 1969, ist die Tochter des bekannten US-Krimi-Autors James Lee Burke. Sie studierte Psychologie, machte einen Abschluss an der Stanford Law School und arbeite als Deputy District Attorney für die Staatsanwaltschaft in Portland. Zusammen mit Mary Higgins Clark schrieb sie bislang drei Thriller, allein verfasst sie die Elli-Hatcher-Reihe und die Samantha-Kincaid-Reihe.

Inhalt:

Fünf Jahre ist es her, dass die junge Amanda Pierce unmittelbar vor ihrer Hochzeit spurlos verschwand. Die Medien sprachen schnell von der "Braut, die sich nicht traut" und vermuteten zunächst ein freiwilliges Verschwinden. Mittlerweile allerdings scheint ein Verbrechen wahrscheinlicher zu sein.

Amandas Mutter Sandra bittet daher die TV-Journalistin Laurie Moran um Hilfe. In ihrer Sendung "Unter Verdacht" widmet sich Laurie spektakulären ungelösten Verbrechen und konnte bereits in zwei Fällen zur Aufklärung beitragen.

Laurie übernimmt Amandas Fall und versucht für die Sendung, die Situation von damals so gut wie möglich nachzustellen. Dazu versammelt sie Amandas Familie und Freunde im damaligen Hochzeitshotel und führt mit ihnen Interviews durch. Dabei zeigt sich, dass es tatsächlich einige Personen mit Motiv und Gelegenheit zu einem Verbrechen gab. Amandas Mutter verdächtigt in erster Linie Amandas Exverlobten Jeff - aber Laurie stößt auch auf weitere potenzielle Täter ...

Bewertung:


Nach "In der Stunde deines Todes" und "So still in meinen Armen" ist "Und niemand soll dich finden" der dritte Teil der Laurie-Moran-Reihe, die ein Gemeinschaftsprojekt der Thrillerautorinnen Mary Higgins Clark und Alafair Burke darstellt. Dabei ist es kein Problem, den Band ohne die beiden vorherigen zu lesen, alle nötigen Informationen zu Hauptfigur Laurie Moran bekommt der Leser rasch geliefert.

"Und niemand soll dich finden" ist ein solider Thriller, dessen Stärke und Schwäche zugleich in seiner Routiniertheit liegen. Grundsätzlich ist die Handlung recht spannend, zumal es eine ganze Reihe an Verdächtigen gibt.

Da ist zum einen der naheliegendste Verdächtige, Amandas Beinah-Ehemann Jeff. Nur gut ein Jahr nach Amandas Verschwinden heiratete er eine andere - und zwar ausgerechnet Amandas beste Freundin Meghan. Das lässt sowohl Amandas Familie als auch Laurie aufhorchen, ebenso wie die Tatsache, dass Amanda Jeff bereits vor der Hochzeit als Alleinerben ihres Treuhandvermögens einsetzte. Zwar hat Jeff dieses Erbe bislang nicht eingefordert, allerdings dies vielleicht nur aus Unkenntnis darüber, dass Amanda jetzt schon für tot erklärt werden könnte. Eine weitere Verdächtige ist natürlich Meghan, zumal sich herausstellt, dass sie anscheinend schon früher großes Interesse an Jeff hatte und Amanda die Beziehung zu ihm offenbar neidete. Zudem gab es einen heftigen Streit um finanzielle Belange zwischen den beiden Freundinnen. Aber auch Charlotte, Amandas Schwester, hat ein Motiv, stand sie doch immer im Schatten der erfolgreicheren Schwester. Dann sind da noch Jeffs Freunde Nick und Austin - Nick ein selbstbewusster Womanizer, Austin dessen unscheinbares, aber sehr wohlhabendes Anhängsel -, die nicht zu durchschauen sind - und nicht zu vergessen der seltsame Praktikant des Hochzeitsfotografen, der schon einmal wegen Stalkings aufgefallen ist. Laurie kann nicht mit Bestimmtheit sagen, wem zu trauen ist und wer etwas zu verbergen hat, und es ergeben sich immer wieder neue Verdachtsmomente.

Solide ist auch Laurie als Hauptfigur. Vor fünf Jahren wurde ihr Ehemann erschossen, sie lebte lange Zeit in Angst, dass der Täter auch ihrem kleinen Sohn etwas antun könnte. Jetzt blickt sie mit ihrem Kollegen Alex hoffnungsvoll in die Zukunft, hält ihn allerdings dennoch auf Distanz, kann sich noch nicht ganz auf einen Neuanfang einlassen. Eine gute Ergänzung bildet ihr Vater Leo, Witwe und pensionierter Polizeichef, der sie tatkräftig unterstützt, sowohl als Babysitter als auch als Ermittler.

Es ist allerdings kein Thriller, der sich irgendwie von der Masse abhebt, auch innerhalb von Mary Higgins Clarks Schaffen stich er nicht heraus. Er funktioniert nach bewährtem Schema, ohne in irgendeiner Form originell zu sein. nach und nach erhält jeder Beteiligte sein Motiv, alles etwas sehr durchsichtig mit verdächtigen Gedanken oder Verhaltensweisen am jeweiligen Kapitelende präsentiert. Die Charaktere sind, von Laurie und ihrem Vater abgesehen, auch allesamt recht belanglos, niemand prägt sich sonderlich ein. Insgesamt wirkt die Handlung zu glatt gestrickt, wie am Reißbrett als Auftragsarbeit entworfen, ohne viel spürbares Herzblut. Im dramatischen Finale sind zudem die Zufälle ein wenig dick aufgetragen.

Fazit:

"Und niemand soll dich finden" von Mary Higgins Clark und Alafair Burke ist ein solider Thriller, der dritte Teil einer Reihe, der aber auch ohne Vorgängerkenntnisse verständlich ist. Er unterhält soweit gut, wenn man keine zu hohen Ansprüche hat. Einprägsam oder originell ist er nicht, aber auch nicht schlecht.

2. August 2017

Die Grausamen - John Katzenbach

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Droemer/Knaur
Seiten: 576
* * * * *
Der Autor:

John Katzenbach arbeitete vor seiner Schriftsteller-Karriere als Gerichtsreporter für die "Miami News" und den "Miami Herald". Bereits sein Debütroman von 1982, "In the heat of the summer", wurde mit der Nominierung des Edgar Awards bedacht. Es folgten weitere Bestseller, u. a. "Die Rache", "Die Anstalt", "Der Patient", "Das Opfer" und "Der Professor".

Inhalt:

Assistant Deputy Chief Gabriel Wilkinson erleidet gemeinsam mit seinem Schwager einen Bootsunfall, bei dem sein Schwager ums Leben kommt. Gabes Frau kann den Tod ihres geliebten Zwillingsbruders nicht verkraften und trennt sich von Gabe; Gabe wird zum Alkoholiker. Detective Marta Rodriguez-Johnson vom Drogendezernat erschießt bei einem Einsatz versehentlich ihren Partner und ist seither traumatisiert. Da beide Ermittler vorerst aufgrund ihrer psychischen Verfassungen anderweitig nicht einsetzbar sind, bilden sie die neu gegründete Abteilung "Cold Cases", in der sie alte ungelöste Fälle untersuchen.

Gabe und Marta stoßen dabei auf vier ungeklärte Morde an Männern, die vor zwei Jahrzehnten im gleichen Jahr geschahen. Auffällig ist, dass ausgerechnet die beiden erfolgreichsten und gründlichsten Detectives des Dezernats diese vier Fälle nicht lösen konnten. Gabe und Marta finden auch einen Zusammenhang zwischen den Morden: Alle vier Männer waren zuvor in Sexualdelikte verwickelt. Bald kommt ihnen der Verdacht, dass die Aufklärung dieser Taten bewusst verhindert wurde.

Schließlich stoßen sie auf einen weiteren ungeklärten Fall: Vor zwanzig Jahren verschwand die dreizehnjährige Tessa auf dem Heimweg von ihrer Freundin, bis heute ist sie verschwunden. Zwischen den ungeklärten Mordfällen und dem vermissten Mädchen scheint es einen Zusammenhang zu geben. Gabe und Marta begeben sich bei ihren Nachforschungen auf gefährliches Terrain ...

Bewertung:

Mit "Die Grausamen" legt der versierte Thrillerautor John Katzenbach seinen ersten Ermittlerkrimi vor und überzeugt damit nahezu auf ganzer Linie. Die Ausgangslage erinnert zunächst sehr an Jussi Adler-Olsens populäre Krimireihe um den Ermittler Carl Mørck - auch hier geht es um einen traumatisierten Ermittler, der in eine Cold-Case-Abteilung abgeschoben wird und dort auf brisante Fälle stößt.

Bei diesen groben Parallelen bleibt es aber. Gabriel und Marta sind vielleicht keine so ausnehmend einprägsamen Charaktere wie Carl Mørck, aber doch gelungene Protagonisten. Ihre Schicksale rühren an, vor allem das von Gabe. In einem kurzen Rückblick erlebt man das Bootsunglück mit, das nur einer der beiden Männer an Bord überlebt. Sein anschließender Absturz ist gut nachvollziehbar, und er ist eine Figur, der man wünscht, dass sie wieder auf die Beine kommt. Mit seiner neuen Partnerin Marta muss er sich erst noch zusammenraufen, aber sie ergänzen sich gut.

Der Fall um die vermisste Tessa und die vier geradezu hingerichteten Männer, die irgendwie in Tessas Verschwinden verwickelt gewesen zu sein scheinen, ist sehr komplex und bis zum Ende fesselnd. Es ergeben sich überraschende Wendungen, einigen Figuren ist nicht zu trauen, Marta und Gabe geraten in sehr brenzlige Situationen. Der Leser wird zum Miträtseln eingeladen und kann seine eigenen Schlüsse aus den Hinweisen ziehen, ohne dass zu früh zu viel vorweggenommen würde. Es ist ein schonungsloser Krimi mit vielen düsteren Elementen, in dem noch einige weitere Todesfälle geschehen. Die Verquickungen von den Ereignissen vor zwanzig Jahren mit der Gegenwart und die Vielzahl an Personen, die damit zu tun haben, sind nicht immer leicht zu durchschauen; dennoch sind alle Verbindungen letztlich logisch nachvollziehbar, und alle losen Fäden werden am Schluss zufriedenstellend zusammengeführt. Man spürt die Souveränität des erfahrenen Autors, der schon so einige umfangreiche Spannungsromane verfasst hat und der auch hier kein Problem damit hat, eine vielschichtige Handlung übersichtlich zu gestalten.

Fazit:

"Die Grausamen" von John Katzenbach ist ein sehr souveräner Krimi, spannend und kurzweilig mit einem fesselnden Fall und gelungenen Ermittlerfiguren. Trotz der komplexen Handlung behält man gut den Überblick, bis zur überzeugenden Auflösung.

23. Juli 2017

Tausend kleine Lügen - Liane Moriarty

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Lübbe
Seiten: 496
* * * * *
Die Autorin:

Liane Moriarty, Jahrgang 1966, stammt aus Australien und schrieb schon als Kind gern Geschichten. Sie arbeitete zunächst u. a. im Marketingbereich, ehe sie 2004 ihren ersten Roman "Drei Wünsche frei" veröffentlichte. Weitere Werke sind "Das Geheimnis meines Mannes", "Ein Geschenk des Himmels" und "Alles aus Liebe".

Inhalt:

Madeline, Celeste und Jane sind Freundinnen aus einem beschaulichen Vorort von Sydney, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Madeline ist offen, temperamentvoll, spontan und trägt ihr Herz auf der Zunge. Sie ist glücklich in ihrer zweiten Ehe, nur die Differenzen mit ihrem Exmann und ihrer Teenagertochter trüben manchmal das Familienglück. Die bildschöne Celeste ist deutlich ruhiger und scheint oft in Träumereien zu versinken. Jane ist sehr jung, alleinerziehend und auffallend unsicher.

Ihre Kinder Chloe, Josh und Max sowie Ziggy werden gemeinsam in der Pirriwee Public School eingeschult. Gleich am ersten Tag kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Mädchen beschuldigt Ziggy, sie angegriffen zu haben, Ziggy wiederum streitet es ab. Jane hält zu ihrem Sohn und zieht sich damit den Ärger einiger Mütter zu.

Die Vorwürfe wiederholen sich in den kommenden Wochen. Die Elternschaft spaltet sich in zwei Lager, schließlich wird sogar eine Unterschriftenaktion für Ziggys Schulausschluss gestartet. Madeline und Celeste bemühen sich nach Kräften, ihre Freundin zu unterstützen, doch die bösen Gerüchte und Intrigen wollen nicht gesponnen. In dieser angespannten Atmosphäre findet eine Quizveranstaltung für Eltern statt, die mit dem Tod eines der Väter endet ...

Bewertung:


Vielleicht nicht tausend, aber zahlreiche kleinere und größere Lügen sind es, die in Liane Moriartys großartigem Roman - der gerade von HBO mit ein paar Abweichungen als Miniserie verfilmt wurde - eine Katastrophe heraufbeschwören. Es ist kein Thriller, obwohl alles auf den gewaltsamen Tod eines Menschen hinausläuft, sondern eher ein mit Spannungselementen gespickter Roman über Freundschaft, Gesellschaft und Beziehungen.

Die Handlung spielt in den Monaten, Wochen und Tagen vor jenem verhängnisvollen Quizabend. In jedem Kapitel stehen zu Beginn oder am Ende eine oder mehrere Aussagen von Mütter, Vätern, Schulbediensteten und Ermittlern, die das Geschehen zwar bereits andeuten, aber nichts Genaues verraten. So weiß man während des Lesens nur, dass eben am Quizabend einer der Väter bei einem Balkonsturz stirbt - aber erst ganz zum Schluss erfährt man, wen es trifft, wer darin verwickelt ist, ob es ein Unfall oder Vorsatz war und vor allem, warum es geschieht. Aus diesen Andeutungen entwickelt sich eine knisternde Spannung mit dichter Atmosphäre, die immer unheilvoller wird und sich schließlich im dramatischen Finale entlädt.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen drei unterschiedliche Frauen und ihre Freundschaft zueinander sowie die kleineren und größeren Intrigen hinter einer scheinbar makellosen Vorstadtidylle. Madeline und Celeste sind schon seit Langem Freundinnen, Jane stößt hinzu, als sie der verunfallten Madeline zufällig begegnet und zu Hilfe ein. Alle drei Frauen sind sympathische Charaktere, mit denen sich der Leser schnell solidarisiert, so verschieden sie auch sein mögen. Madeline sorgt mit ihrer liebenswert-vorlauten Art für viele humorvolle Szenen. Sie und ihr zweiter Ehemann Ed führen eine liebevolle Ehe mit zärtlichen Neckereien, Tochter Chloe ist ein süßes, altkluges und selbstbewusstes Ding, während die vierzehnjährige Abigail sich immer stärker ihrem leiblichen Vater Nathan und der spirituell angehauchten Stiefmutter Bonny zuwendet. Celeste gibt sich zurückhaltend, fällt aber aufgrund ihrer Schönheit zwangsläufig immer auf. Zusammen mit ihrem sehr wohlhabenden Ehemann Perry und den Zwillingsjungs Josh und Max entsteht der Eindruck einer Bilderbuchfamilie - doch langsam kristallisiert sich heraus, dass Celeste ein düsteres Geheimnis verbirgt, das nicht einmal ihre Freundinnen erahnen.

Jane schließlich scheint als junges, alleinerziehendes und bescheiden lebendes Ding von Mitte zwanzig gar nicht in die Welt der anderen Schulmütter zu passen; sie wird zunächst gar für ein Aupairmädchen gehalten. In Madeline und Celeste findet sie jedoch zwei Vertraute, die ihr beistehen, auch als die bösen Gerüchte überhandnehmen. Das Geschehen dreht sich um die Fragen, ob Ziggy wirklich hinter den Drangsalierungen steckt oder nicht, wie weit das Thema noch eskaliert und wie alles mit dem tödlichen Ausgang am Quizabend zusammenhängt. Des Weiteren darf man gespannt verfolgen, wie sich Celestes Geheimnis entwickelt und was genau Jane in ihrer Vergangenheit verbirgt - es scheint mit Ziggys unbekanntem Vater zusammenzuhängen, dessen Namen sie niemandem verrät.

Es gelingt Liane Moriarty hervorragend, die Handlung sowohl spannend und bewegend als auch humorvoll zu gestalten. Vor allem Madelines erfrischende Art sorgt immer wieder für witzige Momente, ebenso ihre Dialoge mit Ehemann Ed. Zudem werden auf amüsante Weise die affektierten, überbesorgten und eingebildeten Mütter karikiert, die versuchen, in der Pirriwee Public School die Herrschaft an sich zu reißen. Und zugleich ist "Tausend kleine Lügen" bei allem Humor aber auch ein Roman, der nachdenklich stimmt, der einige melancholische Momente hat und der gelungene Charaktere präsentiert, deren Schicksal bewegt.

Fazit:

"Tausend kleine Lügen" von Liane Moriarty ist ein sehr spannender und zugleich humorvoller Roman mit Thrillerelementen über eine Dreier-Frauenfreundschaft, über Intrigen und über deren dramatische Folgen.

19. Juli 2017

Blutsommer - Rainer Löffler

Produktinfos:

Ausgabe: 2012 bei Rowohlt
Seiten: 493
* * * * *
Der Autor:

Rainer Löffler, Jahrgang 1961, arbeitete schon in vielen Berufen, u. a. als Filialleiter eines Supermarktes, Tankstellenchef, Industriemechaniker und Einkäufer beim weltweit größten Lackieranlagenhersteller. In den achtziger Jahren schrieb er für das MAD-Magazin, des Weiteren verfasste er Kurzgeschichten und SF-Heftromane. Nach seinem Debütthriller "Blutsommer" folgten die Werke "Blutdämmerung" und "Der Näher".

Inhalt:

Hochsommer in Köln: Seit Wochen wird die Stadt von einer erdrückenden Hitzewelle beherrscht. Für eine Familie nimmt ein Picknickausflug ein plötzliches Ende, als sie über die grausig zugerichteten Überreste eines Mannes stoßen.

Für die Kölner Kriminalpolizei steht bald fest: Es handelt sich um das fünfte Opfer des "Metzgers", der in den letzten sechs Monaten immer wieder zugeschlagen hat. Sie fordern zur Unterstützung Martin Abel an, den besten Fallanalytiker des Stuttgarter LKA. Abel kann sich außergewöhnlich gut in die Gedankenwelt der Täter versetzen, ist allerdings auch ein schwieriger Einzelgänger.

Als Kollegin wird Abel die junge Kommissarin Hannah Christ zugeteilt, mit der Abel widerwillig zusammenarbeitet. Sie stehen unter Hochdruck, denn der "Metzger" kann jederzeit wieder zuschlagen ...

Bewertung:

"Blutsommer" ist der erste Band der Thrillerserie um den eigenwilligen Fallanalytiker Martin Abel und seine Kollegin Hannah Christ. Rainer Löffler konnte mit dem Werk einen erfolgreichen Einstand als Spannungsautor feiern; trotzdem ist "Blutsommer" unterm Strich ein sehr durchschnittlicher Thriller, der nur in Ansätzen überzeugt.

Die grundlegende Handlung ist recht reizvoll, gerade wenn man eine Vorliebe für besonders grausame Serienmörder hegt. Der "Metzger" macht seinem Spitznamen alle Ehre, denn er geht extrem grausam vor. Er tötet seine Opfer nicht sofort, sondern hält sie noch eine Weile gefangen, um sie tagelang zu quälen. Nach ihrem Tod zerstückelt er sie und entnimmt ihnen diverse Organe; sowohl Männer als auch Frauen zählen zu seinen Opfern, ein konkretes Schema ist nicht zu erkennen. Er kann jederzeit wieder zuschlagen, die Abstände zwischen den Taten werden geringer, und die Ermittler haben kaum nennenswerte Anhaltspunkte. Gelungen ist auch das unauffällige Einfügen des Lokalkolorits; wer sich im Kölner Raum auskennt, wird einigen vertrauten Orten begegnen. Grundsätzlich auch die Figur Martin Abel nicht uninteressant. Er ist ein schwieriger Charakter, dabei aber nicht unsympathisch. Der Stil ist zudem solide, liest sich flüssig und vor allem schnell.

Dazu gesellen sich allerdings auch einige Schwächen. Zum einen ist die Konstellation aus einem eigenbrötlerischem Ermittler mit einem gegensätzlichen neuen Partner nicht gerade originell - und hier nicht einmal besonders reizvoll umgesetzt. Die Kabbeleien zwischen den beiden sind kaum witzig wie bei anderen Duos dieser Art, die Verschiedenheiten und die daraus resultierenden Konflikte sind klischeehaft und vorhersehbar; darüber hinaus ist Hannah Christ keine sonderlich sympathische Figur. Zumindest anfangs nicht, da erhält man in erster Linie das sterile Bild einer überehrgeizigen Polizisten, die sich ihrem Vater beweisen will. Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Abel und Christ ist auch eher überflüssig und kommt zu gezwungen daher.

Über die Arbeit eines Fallanalytikers erhält man ein paar interessante Informationen. Trotzdem fällt störend auf, dass Abels Rückschlüsse auf das Täterprofil nicht immer nachvollziehbar sind. Der Täter selbst wie auch seine Gedanken sind klischeehaft gestaltet. Und zu guter Letzt gibt es eine merkwürdige Szene zwischen dem Täter und Abel, die inhaltlich etwas widersprüchlich zu einer anderen Szene steht.

Fazit:

"Blutsommer" von Rainer Löffler ist der mäßige Auftakt der Thrillerreihe um den Fallanalytiker Martin Abel. Kann man lesen, wenn man sich sehr für Geschichten um Serienmörder interessiert, es gibt aber viele bessere Werke zu diesem Thema.

15. Juli 2017

Entführt (The Cage 1) - Megan Shepherd

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne fliegt
Seiten: 464
* * * * *
Die Autorin:

Megan Shepherd stammt aus North Carolina, studierte Kulturwissenschaften und Sprachen und arbeitete zwei Jahre lang im Senegal als Lehrerin. Die The-Cage-Trilogie (Entführt, Gejagt, Zerstört) sind ihre ersten Romane.

Inhalt:

Die sechzehnjährige Cora erwacht in einer Wüste, ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt ist. Da ihr Vater Gouverneur ist, denkt sie zunächst an eine Entführung mit Lösegeldabsicht. Sie bemerkt allerdings bald, dass sie in keiner normalen Wüste gelandet ist - an die Wüste grenzen sowohl die arktische Tundra als auch das Meer, und dahinter liegt eine filmkulissenartige Stadt.

Im Meer entdeckt sie schließlich zu ihrem Entsetzen ein totes Mädchen. Bald darauf trifft sie vier weitere Jugendliche, die alle ahnungslos sind wie sie selbst: der rüpelhafte und rebellische Leon, der mathematisch hochgebabte Rolf, das thailändische Modell Nok aus London und der niedliche Lucky, der aus Coras Gegend stammt.

Und dann erscheint ein soldatenhafter, außergewöhnlich großer und schöner junger Mann, der sich ihnen als Cassian vorstellt. Er sei ihr Wächter, die fünf Jugendliche Gefangene in einem Zoo, Millionen Kilometer von Zuhause entfernt. Eine Flucht scheint aussichtslos, doch Cora will die Hoffnung nicht aufgeben. Während sich unter den Jugendlichen zunehmend Spannungen entwickeln, fühlt sich Cora zu Cassian hingezogen und er sich offenbar auch zu ihr. Doch kann sie ihrem "Wächter" wirklich trauen ...?

Bewertung:

Mit "Entführt" legt Megan Shepherd den ersten Band der Dystopie-Reihe "The Cage" vor. Der Auftakt entpuppt sich als recht unterhaltsame Jugendlektüre, die aber nicht über Mittelmaß hinausreicht.

In Sachen Spannung kann das Werk zumindest über weite Strecken überzeugen. Anfangs ist absolut unklar, was mit Cora geschehen ist; der Leser ist genauso ahnungslos wie sie. Man erforscht gemeinsam mit ihr die Umgebung, und man weiß vor allem oft nicht, wem zu trauen ist. Zunächst sind die anderen Jugendlichen Coras Verbündete, und die Rasse der Kindred, die sie gefangen halten, sind ihre Feinde. Dann aber gibt es ein paar vertrauliche Momente zwischen Cora und dem Wächter Cassian; und auf der anderen Seite entstehen Spannungen und Konflikte zwischen den Jugendlichen. Rolf und Nok finden sich erstaunlich schnell mit der Situation ab, ja scheinen ihre Heimat kaum noch zu vermissen. Cora ist für die auf einmal ein Störenfried, der ihr neues Glück bedroht.

Zudem ist recht reizvoll, dass es eine prekäre Vorgeschichte zwischen Cora und Lucky gibt. Cora ahnt davon nichts, aber Lucky weiß sehr wohl, wer sie ist, und ist in ein wichtiges Lebensereignis von Cora verwickelt. Vor allem da Cora und Lucky sich schnell näherkommen, ist man gespannt, wie Cora reagieren wird, wenn sie die Wahrheit erfährt. Da es sich um den ersten von drei Teilen handelt, ist klar, dass es am Ende keine endgültige Flucht geben wird. Doch es ist unvorhersehbar, wie weit Cora in ihrer Rebellion gehen wird, wie sich ihr Verhältnis zu Cassian entwickelt und was den Jugendlichen in ihrer Gefangenschaft womöglich noch zustoßen wird.

Das Potenzial der Geschichte wird allerdings bei Weitem nicht voll ausgeschöpft. Zum einen sind die fünf Jugendlichen zwar allesamt sehr unterschiedlich, aber keiner sticht als wirklich interessanter Charakter heraus. Ebenfalls stört ihr teils doch zu laxer Umgang mit der Situation. Mehrmals geben sie flapsige Kommentare ab, die nicht zum Ernst der Lage passen; sie reagieren zwar genervt oder betroffen, aber es wirkt nicht glaubwürdig angesichts der Dinge, die sie gerade erst erfahren haben. Das verhindert ein intensives Einfühlen in die Figuren, es bleibt eine deutliche Distanz zum Leser. Des Weiteren bleibt die Spezies der Kindred recht blass, wird nicht wirklich interessant dargestellt.

Fazit:

"The Cage - Entführt" von Megan Shepherd ist der durchschnittliche Auftakt zu einer dystopischen Trilogie für jugendliche Leser. Der Roman ist durchaus ganz unterhaltsam und animiert zum Lesen der nächsten Bände, kann aber nicht in allen Belangen überzeugen.

7. Juli 2017

Hölle auf Erden - Steve Mosby

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Droemer
Seiten: 432
* * * * *
Der Autor:

Steve Mosby wurde 1976 in Leeds/England geboren, ging dort zur Universität und schreibt bereits seit seiner Kindheit. Nach "Spur ins Dunkel" gelang ihm mit "Der 50/50-Killer" der Durchbruch als Schriftsteller. Weitere Werke: "Der Kreis des Todes", "Tote Stimmen", "Schwarze Bumen" und "Kind des Bösen".

Inhalt:

Vor zwei Jahren starb Charlotte Matheson bei einem Autounfall. Doch plötzlich taucht eine verwirrte Frau auf, die behauptet, Charlotte Matheson zu sein, auferstanden von den Toten. Detektive Mark Nelson übernimmt den rätselhaften Fall. Ganz offenbar ist die Frau keine Lügnerin, sondern wurde zwei Jahre lang gefangen gehalten - und sie sieht der verstorbenen Charlotte Matheson sehr ähnlich.

Detektive David Groves hat vor Jahren seinen kleinen Sohn Jamie verloren, er wurde entführt und ermordet; der Täter nie gefasst. Jedes Jahr zum Geburtstag seines Sohnes erhält er eine Glückwunschkarte. Dieses Jahr jedoch bekommt er stattdessen eine Nachricht: "Ich weiß, wer es getan hat."

Während Groves herausfinden will, was hinter der verstörenden Botschaft steckt, und neue Hinweise zum Mord an seinem Sohn erhält, versucht Mark Nelson, das Rätsel um die angebliche Charlotte Matheson zu klären. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass beide Fälle eng zusammengehören ...

Bewertung:

Steve Mosby hat bislang eigenständige Thriller verfasst, die unabhängig voneinander zu lesen sind. "Hölle auf Erden" knüpft jedoch zehn Jahre nach Erscheinen an den "50/50-Killer" an. Es gibt ein Wiedersehen mit dem damaligen Ermittler John Mercer, wenngleich er hier nicht im Mittelpunkt steht, und es wird immer wieder Bezug zu jenem Fall genommen. Man kann "Hölle auf Erden" ohne Kenntnis des früheren Buches genießen, allerdings werden dann entscheidende Ereignisse aus "Der 50/50-Killer" verraten.

Die Handlungsstränge um die Detektives Mark Nelson und David Groves laufen lange Zeit getrennt voneinander, und jeder fesselt auf seine Weise. Da ist zum einen die rätselhafte Charlotte Matheson, die eigentlich vor zwei Jahren verstorben sein soll. Ihr Gesicht ist durch gerade kunstvoll angeordnete Narben gezeichnet, ihre Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahre sind mehr als verschwommen. Sie besteht darauf, dass sie verstorben und in der Hölle gewesen sei, und Detektive Mark Nelson hat Mitgefühl für die Frau, was auch immer sie erlebt haben mag. Noch bewegender ist der Strang um David Groves, der den Mord an seinem kleinen Sohn Jamie nicht verarbeitet hat. Seine Ehe ist daran gescheitert; zudem gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Jamies Entführung und Mord ein Racheakt dafür war, dass Groves zuvor ein entführtes Mädchen befreien konnte. So lebt Groves mit der schmerzhaften Vermutung, seine Rettung eines Kindes habe den Tod seines eigenen ausgelöst. Die Geburtstagskarte ist nur der erste einer Reihe von Hinweisen, die Groves Hoffnung machen, auf die Spur der Täter zu gelangen. Doch Groves begibt sich bei seinen Nachforschungen auf ein gefährliches Terrain, und es ist nicht absehbar, ob ihm jemand wirklich helfen oder eher eine Falle stellen will.

Beide Fälle sind sehr spannend und undurchschaubar; der Zusammenhang ergibt sich spät, ist aber dann sehr plausibel. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto komplexer und verwinkelter erscheint sie, inklusive mindestens einer überraschenden Wendung. Die Auflösung mag etwas übertrieben anmuten, der Hintergrund ist zugegeben nicht gerade ein Alltagsszenario, und man muss empfänglich für ein etwas abgehobene Motivation für die Verbrechen sein; manch einem Leser wird es sicherlich ein bisschen zu unrealistisch erscheinen.

Sieht man davon ab, ist Steve Mosby mit "Hölle auf Erden" ein sehr unterhaltsamer und reizvoller Thriller geglückt, der von Anfang bis Ende fesselt. Das Ende ist in den meisten Punkten sehr befriedigend, hinterlässt aber auch einen melancholischen Nachhall, der zur düsteren Grundatmosphäre des Romans passt. Die Geschehnisse berühren, das Buch bleibt auch nach Ende der Lektüre durchaus ein bisschen im Gedächtnis haften, und vielleicht gibt es ja irgendwann einen weiteren Band, der an die Ereignisse anknüpft.

Fazit:


"Hölle auf Erden" von Steve Mosby ist eine lose Fortsetzung des "50/50-Killers" und entpuppt sich als sehr spannender und komplexer Thriller, der auf fast allen Ebenen sehr überzeugt.

30. Juni 2017

Wer zuletzt stirbt (The Amateurs Band 1) - Sara Shepard

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei cbt
Seiten: 384
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Die Autorin:

Sara Shepard, Jahrgang 1977, studierte Kreatives Schreiben und arbeitete zunächst als Journalistin. 2006 erschien der erste Band der Reihe "Pretty Little Liars", der inzwischen mehr als 15 Bände umfasst. Eine weitere Buchreihe ist "The Lying Game", die gleichfalls erfolgreich verfilmt wurde.

Inhalt:

Aerin ist elf Jahre alt, als ihre ältere Schwester Helena spurlos verschwindet. Fünf Jahre später wird ihre Leiche gefunden, Helena wurde ermordet. Noch ein knappes weiteres Jahr vergeht, ohne dass es einen Hinweis auf den Täter geben hätte. Die Polizei legt den Fall nun zu den Akten.

Die mittlerweile siebzehnjährige Aerin sucht aber immer noch nach Antworten. Sie wendet sich an die Website "Offener Fall", in der Amateurdetektive sich mit ungelösten Kriminalfällen befassen. Über dieses Forum lernen sich auch Seneca und Maddox kennen, die schließlich gemeinsam Aerin aufsuchen und ihre Hilfe anbieten.

Aerin ist zunächst wenig überzeugt, da Seneca und Maddox kaum älter sind als sie selbst. Doch schließlich gibt sie nach und recherchiert zusammen mit Seneca, Maddox, Maddox' Foren-Freund Brett und seiner Stiefschwester Madison in Helenas Vergangenheit. Und tatsächlich finden die fünf ein paar Hinweise, die den Ermittlern verborgen blieben. Dabei geraten sie auch selbst immer weiter in Gefahr ...

Bewertung:

"Wer zuletzt stirbt" ist der Auftakt der Reihe "The Amateurs", eine Jugendthrillerreihe ganz in der Tradition Sara Shepards bisheriger Serien wie das erfolgreich verfilmte "Pretty Little Liars" und der Zweiteiler "The Perfectionists". Im Mittelpunkt stehen fünf Jugendliche, die einen Mordfall klären wollen und dabei selbst Gefahr laufen, ins Visier des Täters zu geraten.

Grundsätzlich ist der Auftakt durchaus recht unterhaltsam und teilweise auch spannend. Die "Amateurs" stoßen auf mehrere Verdächtige, die ein Motiv für Helenas Tod gehabt hätten, vor allem aber finden sie heraus, dass Helena ein Doppelleben führte. Sie finden sowohl heraus, dass es Unstimmigkeiten bei bereits bekannten Verdächtigen gibt, als auch, dass es neue Verdächtige gibt, die die Ermittler bisher nicht in Betracht gezogen haben. Es ist reizvoll zu verfolgen, was sich bei Nachforschungen zu Helenas Leben kurz vor ihrem Tod ergibt, und es kommt mehrfach zu sehr brisanten Situationen, in denen die Freunde große Risiken eingehen. Es hat auch seinen Reiz, dass die fünf eben nicht von vornherein eine Clique bilden, sondern sich erst zusammenfinden müssen - das läuft nicht ohne gewisse Streitigkeiten ab. Interessant ist außerdem, dass Aerin nicht die Einzige in der Runde ist, der ein Angehöriger ermordet wurde. Senecas Mutter wurde zuvor ebenfalls ermordet; ihr Fall ging allerdings im Medientrubel um die verschwundene Helena seinerzeit unter. Brett wiederum hat seine Großmutter durch einen Mord verloren. Die ähnlichen Erfahrungen sorgen für eine verstärkte Vertrautheit zwischen den bis dahin Fremden Aerin, Seneca und Brett.

"Wer zuletzt stirbt" hat letztlich leider auch einige Mängel, weshalb zumindest dieser Auftaktband qualitativ nicht an Sara Shepards beste Werke heranreicht. Zum einen vergehen rund hundert Seiten, ehe die "Amateurs" richtig mit ihren Ermittlungen beginnen. Bis dahin verläuft die Handlung teils recht zäh und hält sich zu lange mit den Querelen der Hobbyermittler auf. Aerin ist zunächst frustriert, dass ihre Helfer Seneca und Maddox nicht älter sind als sie selbst; Seneca muss ihrem Vater ein Lügenmärchen auftischen, um für ein paar Tage zu verreisen. Zudem ergeben sich flirtige Situationen zwischen Aerin und Brett einerseits und Seneca und Maddox andererseits, die die Beteiligten verwirren. Das ist alles nicht uninteressant, aber der kriminalistische Teil lässt sich zu langsam an.

Störend, weil sehr unrealistisch ist außerdem, wie schnell die "Amateurs" auf Hinweise stoßen, die den Ermittlern in knapp sechs Jahren entgangen sind. Da finden sie in Helenas Zimmer ein wichtiges Indiz, das auf eine heimliche Liebschaft hindeutet, das den Polizisten bei der Hausdurchsuchung nicht aufgefallen ist. Später stoßen sie auf Nachrichten an Helena, die bisher niemand entdeckt hat, und sie kommen durch simple Bluffs an pikante Informationen. Am Ende gibt es eine recht spektakuläre Wendung, die allerdings schon einige Seiten zuvor alles andere als dezent vorbereitet wird. Der Überraschungseffekt hält sich daher sehr in Grenzen, auch wenn man nach der Lektüre auch den zweiten Band lesen möchte.

Fazit:

"Wer zuletzt stirbt" von Sara Shepard ist der Auftakt einer Jugendthrillerreihe für Leser ab etwa vierzehn Jahren, ganz in der Tradition ihrer bisherin Bücher. Man bekommt recht solide Unterhaltung geboten, aber die Handlung verläuft an einigen Stellen zu konstruiert, sodass das Werk nicht zu den besten Romanen der Autorin zählt.