23. Juli 2017

Tausend kleine Lügen - Liane Moriarty

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Lübbe
Seiten: 496
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Die Autorin:

Liane Moriarty, Jahrgang 1966, stammt aus Australien und schrieb schon als Kind gern Geschichten. Sie arbeitete zunächst u. a. im Marketingbereich, ehe sie 2004 ihren ersten Roman "Drei Wünsche frei" veröffentlichte. Weitere Werke sind "Das Geheimnis meines Mannes", "Ein Geschenk des Himmels" und "Alles aus Liebe".

Inhalt:

Madeline, Celeste und Jane sind Freundinnen aus einem beschaulichen Vorort von Sydney, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Madeline ist offen, temperamentvoll, spontan und trägt ihr Herz auf der Zunge. Sie ist glücklich in ihrer zweiten Ehe, nur die Differenzen mit ihrem Exmann und ihrer Teenagertochter trüben manchmal das Familienglück. Die bildschöne Celeste ist deutlich ruhiger und scheint oft in Träumereien zu versinken. Jane ist sehr jung, alleinerziehend und auffallend unsicher.

Ihre Kinder Chloe, Josh und Max sowie Ziggy werden gemeinsam in der Pirriwee Public School eingeschult. Gleich am ersten Tag kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Mädchen beschuldigt Ziggy, sie angegriffen zu haben, Ziggy wiederum streitet es ab. Jane hält zu ihrem Sohn und zieht sich damit den Ärger einiger Mütter zu.

Die Vorwürfe wiederholen sich in den kommenden Wochen. Die Elternschaft spaltet sich in zwei Lager, schließlich wird sogar eine Unterschriftenaktion für Ziggys Schulausschluss gestartet. Madeline und Celeste bemühen sich nach Kräften, ihre Freundin zu unterstützen, doch die bösen Gerüchte und Intrigen wollen nicht gesponnen. In dieser angespannten Atmosphäre findet eine Quizveranstaltung für Eltern statt, die mit dem Tod eines der Väter endet ...

Bewertung:


Vielleicht nicht tausend, aber zahlreiche kleinere und größere Lügen sind es, die in Liane Moriartys großartigem Roman - der gerade von HBO mit ein paar Abweichungen als Miniserie verfilmt wurde - eine Katastrophe heraufbeschwören. Es ist kein Thriller, obwohl alles auf den gewaltsamen Tod eines Menschen hinausläuft, sondern eher ein mit Spannungselementen gespickter Roman über Freundschaft, Gesellschaft und Beziehungen.

Die Handlung spielt in den Monaten, Wochen und Tagen vor jenem verhängnisvollen Quizabend. In jedem Kapitel stehen zu Beginn oder am Ende eine oder mehrere Aussagen von Mütter, Vätern, Schulbediensteten und Ermittlern, die das Geschehen zwar bereits andeuten, aber nichts Genaues verraten. So weiß man während des Lesens nur, dass eben am Quizabend einer der Väter bei einem Balkonsturz stirbt - aber erst ganz zum Schluss erfährt man, wen es trifft, wer darin verwickelt ist, ob es ein Unfall oder Vorsatz war und vor allem, warum es geschieht. Aus diesen Andeutungen entwickelt sich eine knisternde Spannung mit dichter Atmosphäre, die immer unheilvoller wird und sich schließlich im dramatischen Finale entlädt.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen drei unterschiedliche Frauen und ihre Freundschaft zueinander sowie die kleineren und größeren Intrigen hinter einer scheinbar makellosen Vorstadtidylle. Madeline und Celeste sind schon seit Langem Freundinnen, Jane stößt hinzu, als sie der verunfallten Madeline zufällig begegnet und zu Hilfe ein. Alle drei Frauen sind sympathische Charaktere, mit denen sich der Leser schnell solidarisiert, so verschieden sie auch sein mögen. Madeline sorgt mit ihrer liebenswert-vorlauten Art für viele humorvolle Szenen. Sie und ihr zweiter Ehemann Ed führen eine liebevolle Ehe mit zärtlichen Neckereien, Tochter Chloe ist ein süßes, altkluges und selbstbewusstes Ding, während die vierzehnjährige Abigail sich immer stärker ihrem leiblichen Vater Nathan und der spirituell angehauchten Stiefmutter Bonny zuwendet. Celeste gibt sich zurückhaltend, fällt aber aufgrund ihrer Schönheit zwangsläufig immer auf. Zusammen mit ihrem sehr wohlhabenden Ehemann Perry und den Zwillingsjungs Josh und Max entsteht der Eindruck einer Bilderbuchfamilie - doch langsam kristallisiert sich heraus, dass Celeste ein düsteres Geheimnis verbirgt, das nicht einmal ihre Freundinnen erahnen.

Jane schließlich scheint als junges, alleinerziehendes und bescheiden lebendes Ding von Mitte zwanzig gar nicht in die Welt der anderen Schulmütter zu passen; sie wird zunächst gar für ein Aupairmädchen gehalten. In Madeline und Celeste findet sie jedoch zwei Vertraute, die ihr beistehen, auch als die bösen Gerüchte überhandnehmen. Das Geschehen dreht sich um die Fragen, ob Ziggy wirklich hinter den Drangsalierungen steckt oder nicht, wie weit das Thema noch eskaliert und wie alles mit dem tödlichen Ausgang am Quizabend zusammenhängt. Des Weiteren darf man gespannt verfolgen, wie sich Celestes Geheimnis entwickelt und was genau Jane in ihrer Vergangenheit verbirgt - es scheint mit Ziggys unbekanntem Vater zusammenzuhängen, dessen Namen sie niemandem verrät.

Es gelingt Liane Moriarty hervorragend, die Handlung sowohl spannend und bewegend als auch humorvoll zu gestalten. Vor allem Madelines erfrischende Art sorgt immer wieder für witzige Momente, ebenso ihre Dialoge mit Ehemann Ed. Zudem werden auf amüsante Weise die affektierten, überbesorgten und eingebildeten Mütter karikiert, die versuchen, in der Pirriwee Public School die Herrschaft an sich zu reißen. Und zugleich ist "Tausend kleine Lügen" bei allem Humor aber auch ein Roman, der nachdenklich stimmt, der einige melancholische Momente hat und der gelungene Charaktere präsentiert, deren Schicksal bewegt.

Fazit:

"Tausend kleine Lügen" von Liane Moriarty ist ein sehr spannender und zugleich humorvoller Roman mit Thrillerelementen über eine Dreier-Frauenfreundschaft, über Intrigen und über deren dramatische Folgen.

19. Juli 2017

Blutsommer - Rainer Löffler

Produktinfos:

Ausgabe: 2012 bei Rowohlt
Seiten: 493
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Der Autor:

Rainer Löffler, Jahrgang 1961, arbeitete schon in vielen Berufen, u. a. als Filialleiter eines Supermarktes, Tankstellenchef, Industriemechaniker und Einkäufer beim weltweit größten Lackieranlagenhersteller. In den achtziger Jahren schrieb er für das MAD-Magazin, des Weiteren verfasste er Kurzgeschichten und SF-Heftromane. Nach seinem Debütthriller "Blutsommer" folgten die Werke "Blutdämmerung" und "Der Näher".

Inhalt:

Hochsommer in Köln: Seit Wochen wird die Stadt von einer erdrückenden Hitzewelle beherrscht. Für eine Familie nimmt ein Picknickausflug ein plötzliches Ende, als sie über die grausig zugerichteten Überreste eines Mannes stoßen.

Für die Kölner Kriminalpolizei steht bald fest: Es handelt sich um das fünfte Opfer des "Metzgers", der in den letzten sechs Monaten immer wieder zugeschlagen hat. Sie fordern zur Unterstützung Martin Abel an, den besten Fallanalytiker des Stuttgarter LKA. Abel kann sich außergewöhnlich gut in die Gedankenwelt der Täter versetzen, ist allerdings auch ein schwieriger Einzelgänger.

Als Kollegin wird Abel die junge Kommissarin Hannah Christ zugeteilt, mit der Abel widerwillig zusammenarbeitet. Sie stehen unter Hochdruck, denn der "Metzger" kann jederzeit wieder zuschlagen ...

Bewertung:

"Blutsommer" ist der erste Band der Thrillerserie um den eigenwilligen Fallanalytiker Martin Abel und seine Kollegin Hannah Christ. Rainer Löffler konnte mit dem Werk einen erfolgreichen Einstand als Spannungsautor feiern; trotzdem ist "Blutsommer" unterm Strich ein sehr durchschnittlicher Thriller, der nur in Ansätzen überzeugt.

Die grundlegende Handlung ist recht reizvoll, gerade wenn man eine Vorliebe für besonders grausame Serienmörder hegt. Der "Metzger" macht seinem Spitznamen alle Ehre, denn er geht extrem grausam vor. Er tötet seine Opfer nicht sofort, sondern hält sie noch eine Weile gefangen, um sie tagelang zu quälen. Nach ihrem Tod zerstückelt er sie und entnimmt ihnen diverse Organe; sowohl Männer als auch Frauen zählen zu seinen Opfern, ein konkretes Schema ist nicht zu erkennen. Er kann jederzeit wieder zuschlagen, die Abstände zwischen den Taten werden geringer, und die Ermittler haben kaum nennenswerte Anhaltspunkte. Gelungen ist auch das unauffällige Einfügen des Lokalkolorits; wer sich im Kölner Raum auskennt, wird einigen vertrauten Orten begegnen. Grundsätzlich auch die Figur Martin Abel nicht uninteressant. Er ist ein schwieriger Charakter, dabei aber nicht unsympathisch. Der Stil ist zudem solide, liest sich flüssig und vor allem schnell.

Dazu gesellen sich allerdings auch einige Schwächen. Zum einen ist die Konstellation aus einem eigenbrötlerischem Ermittler mit einem gegensätzlichen neuen Partner nicht gerade originell - und hier nicht einmal besonders reizvoll umgesetzt. Die Kabbeleien zwischen den beiden sind kaum witzig wie bei anderen Duos dieser Art, die Verschiedenheiten und die daraus resultierenden Konflikte sind klischeehaft und vorhersehbar; darüber hinaus ist Hannah Christ keine sonderlich sympathische Figur. Zumindest anfangs nicht, da erhält man in erster Linie das sterile Bild einer überehrgeizigen Polizisten, die sich ihrem Vater beweisen will. Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Abel und Christ ist auch eher überflüssig und kommt zu gezwungen daher.

Über die Arbeit eines Fallanalytikers erhält man ein paar interessante Informationen. Trotzdem fällt störend auf, dass Abels Rückschlüsse auf das Täterprofil nicht immer nachvollziehbar sind. Der Täter selbst wie auch seine Gedanken sind klischeehaft gestaltet. Und zu guter Letzt gibt es eine merkwürdige Szene zwischen dem Täter und Abel, die inhaltlich etwas widersprüchlich zu einer anderen Szene steht.

Fazit:

"Blutsommer" von Rainer Löffler ist der mäßige Auftakt der Thrillerreihe um den Fallanalytiker Martin Abel. Kann man lesen, wenn man sich sehr für Geschichten um Serienmörder interessiert, es gibt aber viele bessere Werke zu diesem Thema.

15. Juli 2017

Entführt (The Cage 1) - Megan Shepherd

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne fliegt
Seiten: 464
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Die Autorin:

Megan Shepherd stammt aus North Carolina, studierte Kulturwissenschaften und Sprachen und arbeitete zwei Jahre lang im Senegal als Lehrerin. Die The-Cage-Trilogie (Entführt, Gejagt, Zerstört) sind ihre ersten Romane.

Inhalt:

Die sechzehnjährige Cora erwacht in einer Wüste, ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt ist. Da ihr Vater Gouverneur ist, denkt sie zunächst an eine Entführung mit Lösegeldabsicht. Sie bemerkt allerdings bald, dass sie in keiner normalen Wüste gelandet ist - an die Wüste grenzen sowohl die arktische Tundra als auch das Meer, und dahinter liegt eine filmkulissenartige Stadt.

Im Meer entdeckt sie schließlich zu ihrem Entsetzen ein totes Mädchen. Bald darauf trifft sie vier weitere Jugendliche, die alle ahnungslos sind wie sie selbst: der rüpelhafte und rebellische Leon, der mathematisch hochgebabte Rolf, das thailändische Modell Nok aus London und der niedliche Lucky, der aus Coras Gegend stammt.

Und dann erscheint ein soldatenhafter, außergewöhnlich großer und schöner junger Mann, der sich ihnen als Cassian vorstellt. Er sei ihr Wächter, die fünf Jugendliche Gefangene in einem Zoo, Millionen Kilometer von Zuhause entfernt. Eine Flucht scheint aussichtslos, doch Cora will die Hoffnung nicht aufgeben. Während sich unter den Jugendlichen zunehmend Spannungen entwickeln, fühlt sich Cora zu Cassian hingezogen und er sich offenbar auch zu ihr. Doch kann sie ihrem "Wächter" wirklich trauen ...?

Bewertung:

Mit "Entführt" legt Megan Shepherd den ersten Band der Dystopie-Reihe "The Cage" vor. Der Auftakt entpuppt sich als recht unterhaltsame Jugendlektüre, die aber nicht über Mittelmaß hinausreicht.

In Sachen Spannung kann das Werk zumindest über weite Strecken überzeugen. Anfangs ist absolut unklar, was mit Cora geschehen ist; der Leser ist genauso ahnungslos wie sie. Man erforscht gemeinsam mit ihr die Umgebung, und man weiß vor allem oft nicht, wem zu trauen ist. Zunächst sind die anderen Jugendlichen Coras Verbündete, und die Rasse der Kindred, die sie gefangen halten, sind ihre Feinde. Dann aber gibt es ein paar vertrauliche Momente zwischen Cora und dem Wächter Cassian; und auf der anderen Seite entstehen Spannungen und Konflikte zwischen den Jugendlichen. Rolf und Nok finden sich erstaunlich schnell mit der Situation ab, ja scheinen ihre Heimat kaum noch zu vermissen. Cora ist für die auf einmal ein Störenfried, der ihr neues Glück bedroht.

Zudem ist recht reizvoll, dass es eine prekäre Vorgeschichte zwischen Cora und Lucky gibt. Cora ahnt davon nichts, aber Lucky weiß sehr wohl, wer sie ist, und ist in ein wichtiges Lebensereignis von Cora verwickelt. Vor allem da Cora und Lucky sich schnell näherkommen, ist man gespannt, wie Cora reagieren wird, wenn sie die Wahrheit erfährt. Da es sich um den ersten von drei Teilen handelt, ist klar, dass es am Ende keine endgültige Flucht geben wird. Doch es ist unvorhersehbar, wie weit Cora in ihrer Rebellion gehen wird, wie sich ihr Verhältnis zu Cassian entwickelt und was den Jugendlichen in ihrer Gefangenschaft womöglich noch zustoßen wird.

Das Potenzial der Geschichte wird allerdings bei Weitem nicht voll ausgeschöpft. Zum einen sind die fünf Jugendlichen zwar allesamt sehr unterschiedlich, aber keiner sticht als wirklich interessanter Charakter heraus. Ebenfalls stört ihr teils doch zu laxer Umgang mit der Situation. Mehrmals geben sie flapsige Kommentare ab, die nicht zum Ernst der Lage passen; sie reagieren zwar genervt oder betroffen, aber es wirkt nicht glaubwürdig angesichts der Dinge, die sie gerade erst erfahren haben. Das verhindert ein intensives Einfühlen in die Figuren, es bleibt eine deutliche Distanz zum Leser. Des Weiteren bleibt die Spezies der Kindred recht blass, wird nicht wirklich interessant dargestellt.

Fazit:

"The Cage - Entführt" von Megan Shepherd ist der durchschnittliche Auftakt zu einer dystopischen Trilogie für jugendliche Leser. Der Roman ist durchaus ganz unterhaltsam und animiert zum Lesen der nächsten Bände, kann aber nicht in allen Belangen überzeugen.

7. Juli 2017

Hölle auf Erden - Steve Mosby

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Droemer
Seiten: 432
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Der Autor:

Steve Mosby wurde 1976 in Leeds/England geboren, ging dort zur Universität und schreibt bereits seit seiner Kindheit. Nach "Spur ins Dunkel" gelang ihm mit "Der 50/50-Killer" der Durchbruch als Schriftsteller. Weitere Werke: "Der Kreis des Todes", "Tote Stimmen", "Schwarze Bumen" und "Kind des Bösen".

Inhalt:

Vor zwei Jahren starb Charlotte Matheson bei einem Autounfall. Doch plötzlich taucht eine verwirrte Frau auf, die behauptet, Charlotte Matheson zu sein, auferstanden von den Toten. Detektive Mark Nelson übernimmt den rätselhaften Fall. Ganz offenbar ist die Frau keine Lügnerin, sondern wurde zwei Jahre lang gefangen gehalten - und sie sieht der verstorbenen Charlotte Matheson sehr ähnlich.

Detektive David Groves hat vor Jahren seinen kleinen Sohn Jamie verloren, er wurde entführt und ermordet; der Täter nie gefasst. Jedes Jahr zum Geburtstag seines Sohnes erhält er eine Glückwunschkarte. Dieses Jahr jedoch bekommt er stattdessen eine Nachricht: "Ich weiß, wer es getan hat."

Während Groves herausfinden will, was hinter der verstörenden Botschaft steckt, und neue Hinweise zum Mord an seinem Sohn erhält, versucht Mark Nelson, das Rätsel um die angebliche Charlotte Matheson zu klären. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass beide Fälle eng zusammengehören ...

Bewertung:

Steve Mosby hat bislang eigenständige Thriller verfasst, die unabhängig voneinander zu lesen sind. "Hölle auf Erden" knüpft jedoch zehn Jahre nach Erscheinen an den "50/50-Killer" an. Es gibt ein Wiedersehen mit dem damaligen Ermittler John Mercer, wenngleich er hier nicht im Mittelpunkt steht, und es wird immer wieder Bezug zu jenem Fall genommen. Man kann "Hölle auf Erden" ohne Kenntnis des früheren Buches genießen, allerdings werden dann entscheidende Ereignisse aus "Der 50/50-Killer" verraten.

Die Handlungsstränge um die Detektives Mark Nelson und David Groves laufen lange Zeit getrennt voneinander, und jeder fesselt auf seine Weise. Da ist zum einen die rätselhafte Charlotte Matheson, die eigentlich vor zwei Jahren verstorben sein soll. Ihr Gesicht ist durch gerade kunstvoll angeordnete Narben gezeichnet, ihre Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahre sind mehr als verschwommen. Sie besteht darauf, dass sie verstorben und in der Hölle gewesen sei, und Detektive Mark Nelson hat Mitgefühl für die Frau, was auch immer sie erlebt haben mag. Noch bewegender ist der Strang um David Groves, der den Mord an seinem kleinen Sohn Jamie nicht verarbeitet hat. Seine Ehe ist daran gescheitert; zudem gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Jamies Entführung und Mord ein Racheakt dafür war, dass Groves zuvor ein entführtes Mädchen befreien konnte. So lebt Groves mit der schmerzhaften Vermutung, seine Rettung eines Kindes habe den Tod seines eigenen ausgelöst. Die Geburtstagskarte ist nur der erste einer Reihe von Hinweisen, die Groves Hoffnung machen, auf die Spur der Täter zu gelangen. Doch Groves begibt sich bei seinen Nachforschungen auf ein gefährliches Terrain, und es ist nicht absehbar, ob ihm jemand wirklich helfen oder eher eine Falle stellen will.

Beide Fälle sind sehr spannend und undurchschaubar; der Zusammenhang ergibt sich spät, ist aber dann sehr plausibel. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto komplexer und verwinkelter erscheint sie, inklusive mindestens einer überraschenden Wendung. Die Auflösung mag etwas übertrieben anmuten, der Hintergrund ist zugegeben nicht gerade ein Alltagsszenario, und man muss empfänglich für ein etwas abgehobene Motivation für die Verbrechen sein; manch einem Leser wird es sicherlich ein bisschen zu unrealistisch erscheinen.

Sieht man davon ab, ist Steve Mosby mit "Hölle auf Erden" ein sehr unterhaltsamer und reizvoller Thriller geglückt, der von Anfang bis Ende fesselt. Das Ende ist in den meisten Punkten sehr befriedigend, hinterlässt aber auch einen melancholischen Nachhall, der zur düsteren Grundatmosphäre des Romans passt. Die Geschehnisse berühren, das Buch bleibt auch nach Ende der Lektüre durchaus ein bisschen im Gedächtnis haften, und vielleicht gibt es ja irgendwann einen weiteren Band, der an die Ereignisse anknüpft.

Fazit:


"Hölle auf Erden" von Steve Mosby ist eine lose Fortsetzung des "50/50-Killers" und entpuppt sich als sehr spannender und komplexer Thriller, der auf fast allen Ebenen sehr überzeugt.

30. Juni 2017

Wer zuletzt stirbt (The Amateurs Band 1) - Sara Shepard

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei cbt
Seiten: 384
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Die Autorin:

Sara Shepard, Jahrgang 1977, studierte Kreatives Schreiben und arbeitete zunächst als Journalistin. 2006 erschien der erste Band der Reihe "Pretty Little Liars", der inzwischen mehr als 15 Bände umfasst. Eine weitere Buchreihe ist "The Lying Game", die gleichfalls erfolgreich verfilmt wurde.

Inhalt:

Aerin ist elf Jahre alt, als ihre ältere Schwester Helena spurlos verschwindet. Fünf Jahre später wird ihre Leiche gefunden, Helena wurde ermordet. Noch ein knappes weiteres Jahr vergeht, ohne dass es einen Hinweis auf den Täter geben hätte. Die Polizei legt den Fall nun zu den Akten.

Die mittlerweile siebzehnjährige Aerin sucht aber immer noch nach Antworten. Sie wendet sich an die Website "Offener Fall", in der Amateurdetektive sich mit ungelösten Kriminalfällen befassen. Über dieses Forum lernen sich auch Seneca und Maddox kennen, die schließlich gemeinsam Aerin aufsuchen und ihre Hilfe anbieten.

Aerin ist zunächst wenig überzeugt, da Seneca und Maddox kaum älter sind als sie selbst. Doch schließlich gibt sie nach und recherchiert zusammen mit Seneca, Maddox, Maddox' Foren-Freund Brett und seiner Stiefschwester Madison in Helenas Vergangenheit. Und tatsächlich finden die fünf ein paar Hinweise, die den Ermittlern verborgen blieben. Dabei geraten sie auch selbst immer weiter in Gefahr ...

Bewertung:

"Wer zuletzt stirbt" ist der Auftakt der Reihe "The Amateurs", eine Jugendthrillerreihe ganz in der Tradition Sara Shepards bisheriger Serien wie das erfolgreich verfilmte "Pretty Little Liars" und der Zweiteiler "The Perfectionists". Im Mittelpunkt stehen fünf Jugendliche, die einen Mordfall klären wollen und dabei selbst Gefahr laufen, ins Visier des Täters zu geraten.

Grundsätzlich ist der Auftakt durchaus recht unterhaltsam und teilweise auch spannend. Die "Amateurs" stoßen auf mehrere Verdächtige, die ein Motiv für Helenas Tod gehabt hätten, vor allem aber finden sie heraus, dass Helena ein Doppelleben führte. Sie finden sowohl heraus, dass es Unstimmigkeiten bei bereits bekannten Verdächtigen gibt, als auch, dass es neue Verdächtige gibt, die die Ermittler bisher nicht in Betracht gezogen haben. Es ist reizvoll zu verfolgen, was sich bei Nachforschungen zu Helenas Leben kurz vor ihrem Tod ergibt, und es kommt mehrfach zu sehr brisanten Situationen, in denen die Freunde große Risiken eingehen. Es hat auch seinen Reiz, dass die fünf eben nicht von vornherein eine Clique bilden, sondern sich erst zusammenfinden müssen - das läuft nicht ohne gewisse Streitigkeiten ab. Interessant ist außerdem, dass Aerin nicht die Einzige in der Runde ist, der ein Angehöriger ermordet wurde. Senecas Mutter wurde zuvor ebenfalls ermordet; ihr Fall ging allerdings im Medientrubel um die verschwundene Helena seinerzeit unter. Brett wiederum hat seine Großmutter durch einen Mord verloren. Die ähnlichen Erfahrungen sorgen für eine verstärkte Vertrautheit zwischen den bis dahin Fremden Aerin, Seneca und Brett.

"Wer zuletzt stirbt" hat letztlich leider auch einige Mängel, weshalb zumindest dieser Auftaktband qualitativ nicht an Sara Shepards beste Werke heranreicht. Zum einen vergehen rund hundert Seiten, ehe die "Amateurs" richtig mit ihren Ermittlungen beginnen. Bis dahin verläuft die Handlung teils recht zäh und hält sich zu lange mit den Querelen der Hobbyermittler auf. Aerin ist zunächst frustriert, dass ihre Helfer Seneca und Maddox nicht älter sind als sie selbst; Seneca muss ihrem Vater ein Lügenmärchen auftischen, um für ein paar Tage zu verreisen. Zudem ergeben sich flirtige Situationen zwischen Aerin und Brett einerseits und Seneca und Maddox andererseits, die die Beteiligten verwirren. Das ist alles nicht uninteressant, aber der kriminalistische Teil lässt sich zu langsam an.

Störend, weil sehr unrealistisch ist außerdem, wie schnell die "Amateurs" auf Hinweise stoßen, die den Ermittlern in knapp sechs Jahren entgangen sind. Da finden sie in Helenas Zimmer ein wichtiges Indiz, das auf eine heimliche Liebschaft hindeutet, das den Polizisten bei der Hausdurchsuchung nicht aufgefallen ist. Später stoßen sie auf Nachrichten an Helena, die bisher niemand entdeckt hat, und sie kommen durch simple Bluffs an pikante Informationen. Am Ende gibt es eine recht spektakuläre Wendung, die allerdings schon einige Seiten zuvor alles andere als dezent vorbereitet wird. Der Überraschungseffekt hält sich daher sehr in Grenzen, auch wenn man nach der Lektüre auch den zweiten Band lesen möchte.

Fazit:

"Wer zuletzt stirbt" von Sara Shepard ist der Auftakt einer Jugendthrillerreihe für Leser ab etwa vierzehn Jahren, ganz in der Tradition ihrer bisherin Bücher. Man bekommt recht solide Unterhaltung geboten, aber die Handlung verläuft an einigen Stellen zu konstruiert, sodass das Werk nicht zu den besten Romanen der Autorin zählt.

25. Juni 2017

Mordkapelle - Carla Berling

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Heyne
Seiten: 400
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Die Autorin:

Carla Berling arbeitete als Lokalreporterin und Pressefotografin, ehe sie 2013 als Selfpublisher ihren ersten Ira-Wittekind-Krimi herausbrachte. Seit 2017 erscheinen die weiteren Bände bei Heyne.

Inhalt:

Ira Wittekind, Mitte fünfzig, ist eine engagierte Lokalreporterin der Bielefelder Tageszeitung "Tag 7". An ihrem freien Tag will sie eine Kirmes in Bad Oeynhausen besuchen - doch stattdessen erfährt sie von einem Brand in der Friedhofskapelle am Mooskamp. In der Kapelle wird eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche in einem Rollstuhl gefunden.

Bald bestätigt sich der erste Verdacht, dass es sich beim Opfer um den wohlhabenden Apotheker Ludwig Hahnwald handelt, auch als "der schöne Ludwig" bekannt. Ludwig Hahnwald war bei Kunden wie Angestellten sehr beliebt, auch mit achtundsiebzig Jahren noch gut aussehend und vor allem sehr charmant. Zunächst kann sich Ira kein Motiv für einen Mord an ihm vorstellen.

Dann erfährt sie aber, dass Ludwig Hahnwald auch einige weniger positive Seiten hatte. Zudem waren seine Familienverhältnisse recht kompliziert, angefangen bei der deutlich jüngeren Ehefrau, über den frühen Tod seines Sohnes bis hin zum zwiespältigen Verhältnis zu seiner Tochter. Und schließlich stößt Ira auf ein wohlgehütetes Geheimnis in seiner Vergangenheit ...

Bewertung:

"Mordkapelle" von Carla Berling ist der erste Ira-Wittekind-Band, der bei Heyne erscheint, und auf den ersten Blick scheint es der Debütband der Reihe überhaupt zu sein. Tatsächlich aber wurden die Bände 1-3 als Selfpublisher veröffentlicht, "Mordkapelle" ist also chronologisch gesehen bereits Ira Wittekinds vierter Fall. Das spürt man auch bei der Lektüre, da immer wieder frühere Fälle und Begebenheiten erwähnt werden, wenngleich dies den Unterhaltungswert nicht stark schmälert.

Ira Wittekind ist eine sympathische Protagonistin, eine "rasende Reporterin", die sich nicht von Rückschlägen beirren lässt. Sie ist erfindungsreich und forsch, wenn es ihr um eine interessante Story geht, kann aber auch im richtigen Moment schweigen, wodurch sie ihrem Gegenüber so manches Geheimnis entlockt. Ihr Lebensgefährte Andy geht mit ihr durch dick und dünn, auch wenn es nicht immer einfach ist, das Leben phasenweise auf Iras Reporterinnentätigkeit auszurichten. Sympathisch sind auch Iras Freundin Coco, eine humorvolle Taxifahrerin, sowie Andys betagte, trinkfeste Tanten Sophie und Friedchen. Es hat seinen Reiz, dass die Protagonistin eine burschikose Mittfünzigerin ist und keine junge Schönheit.

Der Kriminalfall ist grundsätzlich interessant und bietet mehrere Täter- und Motivmöglichkeiten an. Der "schöne Ludwig" war zwar nach außen hin sehr beliebt, hatte aber auch ein paar dunkle Geheimnisse. Misstrauisch macht Ira beispielsweise, dass er seine Räumlichkeiten akribisch mit Kameras überwachen ließ, dass seine mehr als dreißig Jahre jüngere Ehefrau nicht wirklich zu trauern scheint, dass er ein schwieriges Verhältnis zu seiner Tochter Betty hatte. Entscheidend ist aber vor allem die Spur zu einem Familienmitglied, hinter der Ira eine erschütternde und gut vertuschte Geschichte entdeckt. Schließlich ist da noch als kleiner Nebenstrang der ominöse Blog eines reißerischen Journalisten, der sich "der Steinhauer" nennt und der offenbar irgendwo einen Informanten hat, der ihm intime Details zum Fall zuträgt. Er ist Ira nicht nur immer wieder einen Schritt voraus, sondern ist auch auffällig auf den Hahnwald-Mord fixiert, sodass er ebenfalls ins Feld der Verdächtigen gerät.

Allerdings ist die Entwicklung der Ermittlungen nur mäßig überzeugend. Gleich mehrfach erhält Ira brisante Informationen, indem sich eine involvierte Person ihr nach kurzem Zögern einfach anvertraut. Es ist zwar Iras Markenzeichen, dass sich ihr auch Fremde schnell öffnen, aber bei einer Amateurdetektivin wirkt das zu konstruiert. Man wünscht sich mit fortschreitender Lektüre zunehmend, dass Ira ein bisschen mehr Raffinesse für ihre Recherchen aufbringen muss, statt dass sie ihr quasi serviert werden. Zudem erscheinen die trinkfesten Tanten etwas zu offenkundig als witzige Originale inszeniert, sie sind recht klischeehaft geraten. Grundsätzlich sorgen sie durchaus für amüsante Szenen, was jedoch auf Dauer etwas überstrapaziert wird.

Fazit:

"Mordkapelle" von Carla Berling ist ein vorwiegend auf Humor ausgelegter Krimi mit einer sympathischen Hauptfigur. Das Buch unterhält solide, wenngleich man keine zu hohen Erwartungen beim kriminalistischen Teil haben sollte.

21. Juni 2017

Poolparty - Cornelia Franz

Produktinfos:

Ausgabe: 2015 bei dtv
Seiten: 220
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Die Autorin:

Cornelia Franz, Jahrgang 1956, studierte Germanistik und Amerikanistik und machte eine Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin. Seit 1993 veröffentlicht sie regelmäßig Romane, vor allem im Kinder- und Jugendbuchbereich. Weitere Werke sind u. a.: "Spur nach Chicago", "Nichts leichter als Liebe?", "Spinner im Netz" und "Egal, was morgen ist".

Inhalt:

Der siebzehnjährige Cap stammt aus einer ärmlichen Hamburger Wohngegend und sehnt sich nach einem besseren Leben. Zufällig erfährt er von einer Poolparty an der vornehmen Hamburger Elbchausee, die der gleichaltrige Valentin ausrichtet. Durch einen Trick gelangt er auf das Anwesen und lernt die hübsche Lara kennen.

Da Lara wie so viele der Besucher den Gastgeber gar nicht persönlich kennt und Valentin sich nicht blicken lässt, gibt sich Cap ihr gegenüber spontan als Valentin aus. Sie verbringen die Nacht gemeinsam im Poolhaus. Beim Wiedersehen gelingt es Cap, sich in die Villa einzuschleichen und sich Lara gegenüber erneut als Valentin auszugeben.

Doch das Spiel wird immer gefährlicher. Einerseits läuft Cap ständig Gefahr, dass seine Lüge auffliegt oder dass er bei seinen heimlichen Abstechern in Valentins Haus entdeckt wird. Andererseits wird er geradezu süchtig danach, sich in dieses Luxusleben hineinzuträumen, und geht immer größere Risiken ein ...

Bewertung:

Die Idee hinter "Poolparty" von Cornelia Franz ist gar nicht schlecht: Ein Jugendlicher aus ärmlichen Verhältnissen schlüpft vorübergehend in eine andere Identität, geht dabei weit über das verständliche Maß hinaus und rutscht durch seine Lügen immer tiefer in eine schließlich auch kriminelle Geschichte hinein. Diese Grundkonstellation bietet Stoff zum Nachdenken, gerade für die jugendliche Zielgruppe. Dabei ist auch eine gewisse Spannung gegeben, denn Cap läuft mehrfach Gefahr, von Valentin, von dessen Mutter oder von einem der Hausangestellten entdeckt zu werden: Offen ist auch lange Zeit, ob Lara das falsche Spiel durchschauen wird.

Interessant ist auch, dass nicht nur Cap unglücklich mit seinem Leben ist, sondern auch der reiche Valentin. Cap ist mütterlicherseits afrikanischer Herkunft und muss immer wieder gegen Vorurteile kämpfen. Sein Vater spielt keine Rolle in seinem Leben; reich reicher Geschäftsmann, bei dem Caps Mutter geputzt hat und den sie seit Caps Geburt aus Stolz völlig aus ihrer beider Leben heraushält. Nur mit viel Mühe hält sie sich und ihren Sohn über Wasser. Valentins Eltern sind vermögend, haben aber nur wenig Zeit für ihren Sohn; immer wieder sind sie auf Reisen. Valentin zieht sich mehr und mehr zurück und betäubt seine Kummer in seinem Zimmer mit Gras. Die Poolparty wurde von seinen Eltern organisiert, um ihm zu Freunden zu verhelfen, was Valentin aber erst recht zu Rückzug veranlasst.

Leider hapert es bei der Handlung sehr an Glaubwürdigkeit. Es ist noch nachvollziehbar, dass sich Cap auf der Party gegenüber Lara als Valentin ausgibt, als ihm klar wird, dass Lara den echten Valentin nicht kennt. Doch dass er auch in der nächsten Zeit diese Scharade aufrechterhält, erscheint sehr grotesk. Cap denkt beispielsweise nicht daran, dass Lara nach der Party und der gemeinsamen Nacht den echten Valentin im Internet finden könnte, zumindest ein Bild von ihm. Cap ist sich auch viel zu sicher, dass ihn niemand in der Villa überraschen wird, obwohl er etwa nicht über alle Hausangestellten Bescheid weiß. Damit Caps Lügenszenario gegenüber Lara Bestand hat, muss immer wieder der Zufall eingreifen und ihn aus brenzligen Situationen retten. Schon bald nervt es, wie leichtfertig sich Cap in riskante Lagen begibt und wie unbedacht er dabei vorgeht. Fast schon lächerlich ist es, dass Valentins Mutter in sehr prekären Situationen mehrfach nicht mitbekommt, was in ihrem Haus vor sich geht. Die Missverständnisse, die sich durch Caps falsches Spiel zwischen ihr und ihrem Sohn ergeben, wirken sehr konstruiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich weder Cap noch Valentin besonders gut als Identifikationsfiguren eignen. Cap verhält sich dafür einfach zu befremdlich, und sonderlich sympathisch ist er auch nicht, auch wenn man ein gewisses Mitgefühl empfindet. Valentin als "armer reicher Junge" bietet zwar Potenzial, aber wirklich viel erfährt man nicht über ihn. Lara als dritte zentrale Figur bleibt ohnehin sehr blass und austauschbar.

Fazit:


"Poolparty" von Cornelia Franz ist ein anfangs recht reizvoller, dann aber zunehmend vor allem sehr unglaubwürdiger Jugendthriller. Er lässt sich zwar leicht lesen und ist phasenweise spannend, die Handlung verläuft aber deutlich zu konstruiert.

Bibi Blocksberg - Der neue Schulgarten

Kiddinx
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Inhalt:

Bibis Schule veranstaltet einen Projekttag unter dem Motto: "Unsere Schule soll schöner werden". Bibis Klasse ist für den Schulgarten zuständig, der mit Blumen und Kräutern bestückt werden soll. Bibi und Marita melden sich für den Kräutergarten - denn Bibi kennt sich aus ihrem Hexenkundenunterricht natürlich sehr gut mit Kräutern aus.

Bibi und Marita kaufen einige Kräuter auf dem Markt. Was sie dort nicht finden, dürfen sie sich aus Mamis und Manias Kräutergärten holen. Dabei sollen sie aber keine Hexenkräuter nehmen, mahnt Mania - obwohl Hexenkräuter nur zusammen mit Hexkraft ihre Wirkung entfalten und ansonsten ja harmlos sind.

Nach dem Einpflanzen in den Schulgarten findet Bibi das Ergebnis etwas mickrig. Sie hilft mit einem Hexspruch nach, damit die Kräuter bis zum nächsten Tag deutlich größer sein werden. Leider haben sich auch Hexkräuter daruntergemischt. Und die sorgen am nächsten Tag sowohl beim Bürgermeister als auch bei Bibis Lehrerin Frau Müller-Riebensehl für außergewöhnliche Reaktionen ...

Bewertung:

"Der neue Schulgarten" ist, wie der Titel verrät, eine der Folgen, die sich auf Bibis Alltag in Neustadt beziehen, im Gegensatz zu jenen hexenlastigen Folgen, die in der Hexenschule oder auf dem Hexenberg spielen. Aber hexisch geht es hier auch zu, und das nicht zu knapp. Es gibt einige Folgen, in denen eine unbedachte, gut gemeinte Hexerei Bibis reichlich turbulente Folgen hat; sicher auch bessere als diese, aber unterhaltsam ist sie allemal. Natürlich deutet sich früh an, dass etwas mit den Kräutern passieren wird, denn es wird gleich mehrfach auffallend betont, dass Bibi ja die Finger von Hexenkräutern lassen soll - wen wundert's, dass dann Hexenkräuter eine wichtige Rolle spielen. Bibi begeht hier angenehmerweise mal wieder hexische Fehler, während sie in anderen Folgen der letzten Jahre manchmal zu musterhaft agierte. Flori und Moni kommen nicht zu Wort, dafür hat Marita einen größeren Part und fungiert nicht bloß als Bibis Stichwortgeberin.

Die Hexenkräuter sorgen für keine gefährlichen Situationen, aber lösen doch zumindest sehr turbulente Dinge aus, die unbedingt schnell wieder bereinigt werden müssen - und das geht nicht mit einem simplen Hexspruch. Der Humor ist ein bisschen albern geraten, orientiert sich ganz offensichtlich an der jüngsten Zielgruppe. Eine wichtige Rolle hat zudem die Althexe Mania, die hier allerdings etwas weniger charismatisch als gewöhnlich erscheint. Und es ist der erste Auftritt von Ulrike Stürzbecher als neue Stimme von Karla Kolumna, nachdem sie bereits ein paar Auftritte in der Serie "Benjamin Blümchen" hatte. Ulrike Stürzbechers Stimme erinnert durchaus des Öfteren an Gisela Fritsch in jüngeren Jahren, sie ist insgesamt eine gute Neubesetzung. Ungünstig ist nur, dass sie ein bisschen ähnlich überkandidelt schon in früheren Gastauftritten bei Bibi sowie bei Bibi und Tina auftrat und man sich leicht an diese Auftritte erinnert fühlt.

Das nette Thema Schulprojekttag wird etwas stiefmütterlich behandelt und steht weniger im Vordergrund, als man zu Beginn meinen möchte. Andere Schüler außer Bibi und Marita kommen quasi gar nicht vor, die restlichen Projekte werden mehr oder weniger übergangen, damit bleibt der Projekttag blass. Ein Highlight ist diese Episode gewiss nicht, aber insgesamt sehr solider Durchschnitt.

Fazit:


"Der neue Schulgarten" ist eine für junge bis sehr junge Hörer empfehlenswerte Folge ohne große Schwächen. An die besten Episoden der Reihe kann sie zwar nicht anknüpfen, zumal der Humor etwas albern geraten ist, aber hörenswert ist sie allemal.

Sprechernamen:

Bibi Blocksberg: S. Bonasewicz
Marita: U. Hugo
Frau Müller-Riebensehl: E.-M. Werth
Karla Kolumna: U. Stürzbecher
Bürgermeister: R. Hemmo
Sekretär Pichler: W. Herbst
Mania: L. Lunow
Erzähler: G. Schoß

13. Juni 2017

Das Haus in der Nebelgasse - Susanne Goga

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Diana
Seiten: 448
* * * * *
Die Autorin:

Susanne Goga, Jahrgang 1967, studierte Literaturübersetzungen und arbeitete freiberuflich für diverse Verlage. Seit 2005 veröffentlicht sie regelmäßig historische Romane, darunter vor allem die Krimireihe um Leo Wechsler, die in den zwanziger Jahren spielt. Werke von ihr sind u. a.: "Leo Berlin", "Tod in Blau", "Das Leonardo-Papier" und "Der verbotene Fluss"

Inhalt:


London, 1900: Matilda Gray ist eine junge und engagierte Lehrerin an einem Mädcheninternat. Matilda liegen ihre Schülerinnen sehr am Herzen, ganz besonders ihre Lieblingsschülerin Laura. Laura ist intelligent und sehr wissbegierig und möchte ihre Bildung dazu nutzen, um später ebenfalls eigenständig zu leben.

Umso erstaunter ist Matilda, als Laura nach den Sommerferien nicht ins Internat zurückkehrt. Angeblich ist sie vor einiger Zeit an einem hartnäckigen Husten erkrankt, sodass ein Klimawechsel vonnöten war. Ihr Vormund habe sie daher auf eine Europareise mitgenommen, auf der sich Laura wieder erholen soll. Für die Schulleitung ist die Sache damit abgeschlossen, doch Matilda kann nicht glauben, dass Laura die Schule ohne Abschied verlassen hat - und dass sie ihren Wunsch nach Bildung freiwillig aufgibt.

Und tatsächlich erreicht Matilda bald eine Nachricht von Laura mit einem versteckten Hinweis. Sie findet daraufhin in Lauras Zimmer ein Kästchen mit weiteren mysteriösen Hinweisen. Matilda sucht Unterstützung bei dem Historiker Stephen Fleming. Gemeinsam geraten sie einem jahrhundertealten Geheimnis auf die Spur ...

Bewertung:


Nach "Der verbotene Fluss" legt Susanne Goga mit "Das Haus in der Nebelgasse" erneut einen Roman vor, der in Großbritannien um 1900 spielt. Wieder steht eine junge, entschlossene Frau im Mittelpunkt, die einem Geheimnis auf die Spur kommt.

Matilda ist eine sympathische Protagonistin die man schnell und leicht ins Herz schließt. Sie ist ungewöhnlich selbstständig für eine Frau ihrer Zeit, ohne dass in dieser Hinsicht zu dick aufgetragen würde. Sie verdient ihr Geld selbst und geht ihrem Beruf leidenschaftlich gern nach. Ihre Schülerinnen liegen ihr am Herzen, und sie ermuntert sie dazu, sich zu bilden, um eventuell später auf eigenen Beinen stehen zu können. Matilda ist intelligent und gütig zugleich, eine liebenswerte Figur, deren Entscheidungen man gut nachvollziehen kann.

Die Handlung ist spannend konstruiert: Früh ist klar, dass mit Lauras plötzlichem Verschwinden irgendetwas nicht stimmt. Matildas Kollegin und die Rektorin geben sich damit zufrieden, dass sie die Schule verlassen hat und mit dem Vormund Europa bereist. Matilda aber weiß, dass ihre "Lieblingsschülerin" sich nie so sang- und klanglos aus ihrem Leben verabschiedet hätte. Zudem erfährt sie von Lauras bester Freundin Anne, dass Laura ihren Vormund offenbar nicht mochte und daher die Ferien immer bei Anne verbrachte. Und schließlich machen die versteckten Hinweise auf der Postkarte klar, dass Laura nicht so kommunizieren darf wie sie es gern möchte. Somit darf man zum einen gespannt sein, in welcher Situation Laura genau steckt und ob es zum Wiedersehen mit Matilda kommt. Zum anderen fesselt die Suche nach dem Schatz, der eng mit der Londoner Geschichte verknüpft ist. Nur häppchenweise ergibt sich ein Hinweis nach dem nächsten; Matilda und Stephen müssen jahrhundertealte Dokumente finden und lückenhafte Texte deuten, Symbole entschlüsseln, Archive aufsuchen und auch mal heimlich in einen Keller einsteigen. Sie begeben sich dabei durchaus auf gefährliches Terrain; zudem spürt Matilda Zeitdruck, da sie nicht weiß, in welcher Lage sich Laura befindet. Des Weiteren muss Matilda sehr darauf achten, dass ihre Kolleginnen und vor allem die Rektorin nichts von ihren Nachforschungen erfahren. Private Beziehungen zu Schülerinnen werden nicht geduldet, und Matilda muss aufpassen, dass ihre nachfragen zu Lauras Verbleib und ihrem Vormund nicht Misstrauen erwecken, sie würde damit ihre Stellung riskieren.

London um 1900 mit seinen engen Gassen, den Droschken, den finsteren Ecken wie den Treffpunkten der feinen Gesellschaft wird zwar nicht extrem detailliert geschildert. Aber man erhält doch einen recht guten Eindruck vom Leben und Alltag des ausgehenden Viktorianischen Zeitalters.

Eine sehr gelungene Nebenfigur ist Matildas Vermieterin Mrs. Westlake, eine ältere Witwe, die romantische Heftromane schreibt. Ihre Serienheldin ist die schöne und verwegene Adela Mornington, die sie rund um die Welt von einem Abenteuer ins nächste schickt. Mrs. Westlake ist Matilda eine Art Mutterersatz und ist Feuer und Flamme, ihr beim Rätselraten um Lauras Verschwinden und das Rätsel der Schatulle zu helfen. Interessant ist auch der kauzige Sammler und Antiquar Mr. Arkwright, der Matildas erste Anlaufstelle wird. Mr. Arkwright ist ein schwieriger Einzelgänger, der Matilda desse ungeachtet wichtige Informationen liefert. Und Stephen Fleming schließlich ist ein charmanter, intelligenter Geschichtsdozent, dem Matilda bald näherkommt - doch er hütet auch ein dunkles Geheimnis.

Zu bemängeln gibt es wenig an diesem gelungenen Historienschmöker. Der Anfang zieht sich ein wenig lang, zumal es mehr als hundert Seiten dauert, bis Stephen Fleming, immerhin eine wichtige Figur, auf der Bildfläche erscheint. Dann wiederum gelangt Matilda mindestens einmal durch einen großen Zufall an eine bedeutsame Information, und das Ende verläuft ein bisschen gehetzt.

Fazit:


"Das Haus in der Nebelgasse" von Susanne Goga ist ein spannender Historienroman mit gelungenen Figuren, der nach London um 1900 entführt. Gute Unterhaltung mit nur geringen Schwächen.

4. Juni 2017

Sie weiß von dir - Sarah Pinborough

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei rororo
Seiten: 448
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Die Autorin:

Sarah Pinborough, Jahrgang 1972, hat bereits einige Bücher im Bereich Jugendroman und Phantastik veröffentlicht. "Sie weiß von dir" ist ihr erster Thriller, der gleich zum Bestseller wurde.

Inhalt:

Louise ist alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen und arbeitet als Sekretärin in einer Psychiatrischen Gemeinschaftspraxis. Eines Abends lernt sie in einem Pub den charmanten, attraktiven David kennen und lässt sich auf einen heißen Flirt ein. Nach einem Kuss bricht David jedoch ab und verschwindet.

Ein paar Tage später erlebt Louise auf der Arbeit einen Schock: Ausgerechnet ihr Flirt David ist der neue Arzt in der Praxis und damit ihr neuer Vorgesetzter. Und er ist verheiratet, mit der schönen und eleganten Adele. Nach der ersten Verlegenheit einigen sich Louise und David darauf, den Vorfall zu ignorieren.

Kurz darauf stößt Louise auf der Straße mit einer Frau zusammen - Adele. Sie kommen ins Gespräch und treffen sich auf Adeles Drängen wieder. Zwischen den Frauen entwickelt sich eine Freundschaft, während parallel eine Affäre zwischen Louise und David entsteht. Dabei ahnt Louise nicht, dass Adele sie ganz bewusst ausgewählt hat und einen Plan verfolgt ...

Bewertung:

Sarah Pinboroughs "Sie weiß von dir" beginnt verheißungsvoll, um in der zweiten Hälfte und vor allem gegen Ende merklich nachzulassen.

Die Ausgangssituation ist reizvoll und bietet gerade für einen Thriller viel Potenzial: Louise ist eine recht sympathische Figur, deren bis dahin recht biederes Leben plötzlich reichlich kompliziert wird. Gerade noch war sie die alleinerziehende Mutter des sechsjährigen Adam, die immer noch daran zu knabbern hat, dass ihr Exmann sie für eine andere Frau verließ und nun mit einer anderen - deutlich jüngeren - Frau ein Kind erwartet. Jetzt interessiert sich auf einmal der attraktive Psychiater David für sie, der Chef und Affäre zugleich ist, und sie geht eine Freundschaft mit seiner Frau ein. Louise hängt sowohl an David als auch an Adele; mit David verbringt sie prickelnde Stunden, deren Reiz über das Körperliche hinausgeht; Adele wird ihre engste Freundin. Louise fühlt sich schlecht, weil sie Adele mit deren Mann betrügt, bringt es aber auch nicht fertig, die Affäre zu beenden. Auf der anderen Seite sorgt sie sich zunehmend um Adele, die trotz Schönheit und Reichtum seltsam labil wirkt und anscheinend Angst vor David hat.

Spannung bezieht der Roman vor allem aus den Fragen, wie das brisante Dreiecksverhältnis enden mag und was Adele bezweckt - denn in den Kapiteln, die aus ihrer Sicht erzählt werden, erfährt der Leser im Gegensatz zu Louise, dass Adele sehr wohl um die Affäre weiß und irgendeinen Plan mit Louise hat. Sowohl Adele als auch David sind unberechenbare Charaktere; bei beiden weiß man zunächst nicht genau, wie sie wirklich zu Louise stehen, von wem ihr (größere) Gefahr droht.

"Sie weiß von dir" ist allerdings keiner jener konventionellen Thriller, in dem eine Frau ihre Rivalin bedroht. Das kann man als Stärke sehen, weil ein gewisser Überraschungsfaktor gegeben ist, allerdings auch als deutliche Schwäche: Der Roman erhält, so viel darf verraten werden, im letzten Drittel einen nicht unerheblichen Mysteryanteil, der sehr gewöhnungsbedürftig ist. Die Auflösung erinnert stark an einen recht bekannten Horrorfilm, auch wenn das Setting ein anderes ist. Da der Mysteryhintergrund anfangs nicht zu erkennen ist, kann er sehr unbefriedigend auf Leser wirken, die eben gerade einen realistischen Thriller lesen wollten.

Ein weiteres Manko ist die nicht so wirklich glaubwürdige Intensität, mit der sich Louise für Adele einsetzt. Man kann noch gut nachvollziehen, dass sich die alleinerziehende Mutter auf eine Affäre mit David einlässt, der ihr schließlich sogar das Gefühl vermittelt, sich langsam in sie zu verlieben. Dass sie aber trotz dieser äußerst brisanten Konstellation so sehr an Adele festhält und einige sehr große Risiken eingeht, wirkt übertrieben und sehr naiv. An der Stelle ist es dann auch nicht mehr so leicht, Louise als Identifikationsfigur zu sehen.

Fazit:

"Sie weiß von dir" von Sarah Pinborouh ist ein zunächst spannender Thriller, der etwa ab der zweiten Hälfte an Überzeugungskraft verliert und eine unpassende Mysteryrichtung einschlägt.

31. Mai 2017

Ich bin böse - Ali Land

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Goldmann
Seiten: 352
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Die Autorin:

Ali Land studierte Psychologie, mit dem Spezialgebiet Heranwachsende. Ihre Doktorarbeit trägt den Titel Children Who Kill". "Ich bin böse" ist ihr sehr erfolgreicher Debütroman.

Inhalt:

Die Mutter der fünfzehnjährigen Milly wird als Serienmörderin festgenommen, die neun Kinder auf dem Gewissen hat. Milly kommt in eine Pflegefamilie. Sie erhält eine neue Identität, und nur ihre Pflegeeltern Mike und Saskia wissen, wer ihre Mutter ist. Während die Prozessvorbereitungen laufen, soll sich Milly in ihrem neuen Leben eingewöhnen.

Allerdings gibt es auch in ihrer Pflegefamilie Probleme. Psychologe Mike ist zwar engagiert, muss aber viel arbeiten und ist die meiste Zeit außer Haus. Saskia ist kaufsüchtig und betäubt sich mit Drogen, zudem hat sie eine Affäre mit ihrem Yogalehrer. Das größte Problem ist aber eindeutig Tochter Phoebe, die mit Milly in eine Klasse geht.

Die hübsche, selbstbewusste Phoebe reagiert von Anfang an ablehnend und eifersüchtig auf Milly. Sie nutzt jede Gelegenheit, um die Pflegeschwester bloßzustellen, und stachelt die Mitschüler gegen sie auf. Mehr und mehr verspürt Milly den Drang, sich zu rächen. Gleichzeitig befürchtet sie, dass sie ihrer Mutter nachschlägt. Und immer näher rückt der Tag, an dem Milly vor Gericht gegen ihre Mutter aussagen muss ...

Bewertung:

Ali Lands "Ich bin böse" ist ein fesselnder und außergewöhnlicher Roman, der da beginnt, wo viele andere Thriller enden: Eine mutmaßliche Mörderin wird verhaftet und sieht ihrem Prozess entgegen, ihre Tochter kommt in eine Pflegefamilie. Es geht hier eben nicht darum, den eigentlichen Täter zu fassen, sondern um das ebenso brisante Nachspiel. Ganz allmählich setzt sich durch Milly Gedanken zusammen, was sich in den Jahren zuvor bei ihnen zuhause abspielte. In erster Linie aber geht es um Milly selbst; um ihre innere Zerrissenheit, um ihre Hassliebe zu ihrer Mutter und vor allem um ihre Angst, "das Böse" von ihrer Mutter geerbt zu haben. Die wahre Geschichte um Serienmörderin Rosemary West und Williams Goldings Klassiker "Herr der Fliegen" haben hier Pate gestanden; "Herr der Fliegen" spielt auch direkt eine Rolle als Theateraufführung in der Handlung.

Milly, die immer wieder in Gedanken mit ihrer Mutter spricht, ist ein sehr gelungener, faszinierender Charakter. Sie ist einerseits verunsichert, sehnt sich nach Liebe und Zuwendung, erträgt immer wieder Demütigungen durch die arrogante Phoebe. Auf der anderen Seite ist sie intelligent und clever, schlägt bisweilen auf unauffällige Art zurück. Man ahnt früh, dass Milly Dinge getan, für die sie sich schämt und verachtet. Für den Leser ist es eine Gratwanderung, ihren Charakter zu beurteilen. Millys Schicksal nimmt einen schnell für sie ein, doch man weiß anfangs nicht, wie viel sie zu verbergen hat. Ganz allmählich wird man in Millys Gedankenwelt hineingesogen, spürt immer stärker und eindringlicher ihre wachsende Verzweiflung. Mike und Saskia mögen sie aufgenommen haben, doch es dämmert Milly, dass dies nicht als Dauerlösung gedacht ist. Das kunstbegabte Mädchen verbringt viel Zeit mit ihrer Tutorin Miss Kemp, kann aber auch hier keine Mutterliebe erwartet. Sosehr Milly ihre Mutter auch hasst und verachtet, sie hört immer noch deren Stimme in ihrem Kopf und vermisst diese Nähe im Glauben, dass ihr wohl nie mehr ein anderer Mensch so nahekommen kann wie ihre Mutter. Millys Zerrissenheit, ihre Sehnsucht nach Liebe und ihr verzweifelter Kampf gegen das unlösbare Band zu ihrer Mutter werden sehr mitreißend dargestellt, und gerade Millys Angst, sie könnte "böse" sein und die Beurteilung ihrer Handlungen stimmen nachdenklich, weit über die Lektüredauer hinaus.

Die Spannung entfaltet sich auf mehreren Ebenen. Zum einen fiebert man dem Prozess und Millys Aussage entgegen. Milly wird von den Zuschauern und ihrer Mutter abgeschirmt aussagen, zudem bereiten die Anwälte und Mike sie sorgfältig auf die Fragen vor. Dennoch ist offensichtlich, dass Milly begründete Angst vor überraschenden Fragen hat; dass es da Dinge gibt, die ihre Anwälte und Pflegeeltern nicht wissen - ihre Mutter allerdings umso besser. Zum anderen darf man gespannt sein, wie sich das Verhältnis zwischen Milly und Phoebe entwickelt, wie weit Milly in ihren Racheaktionen gehen wird, ob Phoebe hinter ihre wahre Identität kommt und sie womöglich verrät.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist anfangs die Form, da Milly sich immer wieder im Geist an ihre Mutter wendet, allerdings hat man sich recht schnell darin eingelesen. Sicher hätte man auch Phoebes Charakter noch etwas komplexer gestalten können, aber das sind nur Kleinigkeiten.

Fazit:

"Ich bin böse" von Ali Land ist ein unkonventioneller, sehr mitreißender psychologischer Spannungsroman mit einer reizvollen Hauptfigur. Lässt man sich auf den anfangs ungewohnten Erzählstil ein, wird man mit ausgesprochen guter Unterhaltung belohnt, die auch über die Lektüredauer hinaus noch etwas nachwirken kann.

24. Mai 2017

Into the Water - Paula Hawkins

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Blanvalet
Seiten: 480
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Die Autorin:

Paula Hawkins wuchs in Simbabwe auf und zog 1989 nach Großbritannien, wo sie heimisch blieb. Sie arbeitete zunächst als Journalistin, ehe ihr mit ihrem ersten Spannungsroman "Girl on the Train" gleich der Durchbruch als Autorin gelang. Der Roman wurde ein internationaler Bestseller inklusive Verfilmung.

Inhalt:

Die Schwestern Julia "Jules" Abbott und Danielle "Nel" Abbott sind seit seit Langem entzweit, Jules hat den Kontakt abgebrochen. Fünfzehn Jahre lang haben sie sich nicht mehr gesehen. Dann erreicht Jules eine verzweifelte Mailboxnachricht von Nel mit dringender Bitte um Rückruf. Jules ignoriert die Nachricht - und wenige Tage später ist Nel tot.

Den ersten Ermittlungen nach soll Nel unter Alkoholeinfluss in den Fluss gestürzt oder gesprungen sein, der direkt an ihrem Haus in Beckford vorbeifließt. Nel arbeitete gerade als Journalistin an einem Buch über die zahlreichen Mädchen und Frauen, die seit Jahrhunderten in dem Fluss ertrinken. Zuletzt starb vor ein paar Monaten die jugendliche Katie.

Als Jules anreist, trifft sie zum ersten Mal auf Nels fünfzehnjährige Tochter Lena, die sich abweisend verhält. Während Lena an einen Suizid ihrer Mutter glaubt, ist Jules davon nicht überzeugt. Sie will herausfinden, was Nel kurz vor ihrem Tod so geängstigt hat. Die Nachforschungen konfrontieren sie auch schmerzhaft mit ihren eigenen schlechten Erinnerungen an ihren Heimatort ...

Bewertung:

Nach ihrem Erfolgsdebüt "Girl on the Train" legt Paula Hawkins mit "Into the Water" erneut einen gelungenen Thriller vor.

Dabei ist die Struktur des Romans zu Beginn gewöhnungsbedürftig, denn sie setzt sich aus einer Vielzahl an Erzählperspektiven zusammen. Viele Kapitel werden natürlich aus Jules' Sicht erzählt, allerdings richtet sich der Fokus auch auf Nels Tochter Lena, auf Lenas Lehrer Mark, auf Louise - die Mutter der verstorbenen Katie -, auf Katies Bruder Josh, auf die Ermittler Sean und Erin, auf Seans Vater Patrick sowie Seans Ehefrau Helen und auf die esoterische Nickie. All diese Personen bilden ein buntes Kaleidoskop aus Dorfbewohnern, die alle in irgendeiner Form mit Nel und dem Fluss verbunden sind. Zudem gibt es noch vereinzelt Auszüge aus Nels unveröffentlichtem Buchprojekt "Der Drowning Pool", und manche Kapitel spielen gut zwanzig Jahre in der Vergangenheit. Es braucht eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hat, dass alle paar Seiten eine andere Figur im Zentrum steht, manchmal als Ich-Erzähler, manchmal durch einen personalen Erzähler beleuchtet.

Hat man den Einstieg bewältigt, taucht man ein in eine spannende und komplexe Handlung. Im Mittelpunkt stehen zunächst die Fragen, was es mit Nels Tod und ihrer letzten Nachricht an Jules auf sich hat. Suizid, Unfall oder gar Mord, alles scheint möglich. Im weiteren Verlauf kommt zunehmend auch die Vergangenheit der Schwestern ins Spiel. Es gibt interessante und bewegende Enthüllungen dazu, warum sich die beiden entzweit haben und was Jules so Schreckliches in ihrem Heimatort widerfahren ist. Man fühlt mit Jules, die damit leben muss, Nels Hilferuf ignoriert zu haben, mal wieder an eine ihrer typischen Übertreibungen glaubte - und die jetzt mit dem Tod der Schwester konfrontiert wird. Dazu kommt das schwierige Verhältnis zwischen Jules und ihrer Nichte, die sie bislang nicht persönlich kannte. Niemand weiß, wer Lenas Vater ist, sodass Jules als Tante die Verantwortung für den klapperdürren, zornigen Teenager übernimmt, der seiner verstorbenen Mutter so ähnlich ist.

Spannend ist auch zu verfolgen, welche Geheimnisse die anderen Dorfbewohner verbergen, in welchem Verhältnis sie zu Nel standen und wem letztlich zu trauen ist. Louise beispielsweise ist nicht traurig über Nels Tod. Sie gibt ihr die Schuld dafür, dass sich ihre Tochter Katie - Lenas beste Freundin - im Fluss das Leben nahm. Ihrer Meinung nach hat Nels intensive öffentliche Auseinandersetzung mit der Flussgeschichte und ihre Verklärung und Mythifizierung der verstorbenen Frauen dazu beigetragen, dass Katie sich in seine Fluten stürzte.

Über der Handlung liegt eine melancholische Atmosphäre; "Into the Water" legt vor allem im ersten Drittel kein rasantes Tempo vor, sondern zieht den Leser eher behutsam immer tiefer hinein in einen düsteren Strudel der Ereignisse und Enthüllungen. Auf seine Kosten kommen vor allem diejenigen, die gern dunkle Geheimnisse hinter scheinbar glatten Fassaden aufspüren. Die Stärken des Romans liegen in seiner unterschwelligen Spannung, dem ganz allmählichen Zusammensetzen der vielen Puzzleteile, die um Nels Tod verstreut liegen. Und immer wieder kommt der Fluss ins Spiel, ob in wörtlichem oder übertragenem Sinn. Louise glaubt in Schuldgefühlen zu ertrinken, Mark fühlt sich, als greife er nach Schlingpflanzen, Erin nimmt das Wasserglucksen als Lachen wahr. Und was hat es mit all den Frauen auf sich, die im Laufe der Jahrhunderte hier ertranken? Das Ende ist zufriedenstellend, beantwortet alle wichtigen Fragen und bringt die intensive und bewegende Handlung zu einem würdigen Abschluss.

Schwieriger wird es für Leser, die gern den Fokus auf einer Figur haben, mit der sie sich von Anfang an identifizieren können. Es braucht seine Zeit, bis man Jules nahegekommen ist und genug über sie weiß, um sich mit ihr zu solidarisieren.

Fazit:

"Into the Water" von Paula Hawkins ist ein reizvoller Thriller der langsamen Art, der auf behutsame Weise eine Spannung und dichte Atmosphäre aufbaut, die den Leser immer stärker in den Bann zieht. Gewöhnungsbedürftig sind allerdings die zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven.

18. Mai 2017

Hochland - Steinar Bragi

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei DVA
Seiten: 304
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Der Autor:

Steinar Bragi aus Island, Jahrgang 1975, verfasste mit Frauen" einen sehr erfolgreichen Roman, der für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert wurde.

Inhalt:

Vier junge Leute aus Reykjavík - die Paare Hrafn und Vigdis sowie Egill und Anna - fahren mit ihrem Jeep in die raue, einsame Gegend des isländischen Hochlands. Aufgrund von Nebel kommen sie vom Weg ab und stranden mitten in der Einöde.

Sie finden Zuflucht im einzigen Haus weit und breit, bei einem alten Ehepaar. Schon bald merken die vier, dass die alten Leute sich seltsam verhalten und sehr verschroben sind. Sie verbarrikadieren nachts ihr Haus, und sie zeigen sich distanziert zu ihren Übernachtungsgästen.

Die Freunde wollen möglichst schnell wieder in die Zivilisation zurückkehren. Das Auto fährt aber keinen Meter mehr, es kommt zu Streit, und irgendetwas scheint draußen in der Sandwüste zu lauern ...

Bewertung:

Eine raue Einöde in der isländischen Wildnis, ein seltsames Ehepaar, eine noch unbekannte Bedrohung aus der Dunkelheit - das sind verheißungsvolle Zutaten in Steinar Bragis "Hochland", die auf einen spannenden Horrorthriller hoffen lassen - doch tatsächlich kann das Ergebnis in keiner Hinsicht überzeugen. Umso erstaunlicher sind die von Kritikern getroffenen Vergleiche mit Stephen King, deren Erwartungen das Werk absolut nicht gerecht wird.

Erstes großes Manko sind die Charaktere der vier Hauptfiguren, die durchweg blass bleiben. Auch am Ende des Romans ist keiner der Protagonisten dem Leser wirklich ans Herz gewachsen, sodass man um ihn bangen würde. Ob jetzt Hrafn, Vigdis, Egill oder Anna im Handlungsverlauf etwas zustößt oder nicht, ist beinah belanglos, man fiebert nicht mit ihnen, sie bleiben austauschbar und kaum mehr als bloße Namen. Es ist zwar ganz reizvoll, dass sich schnell Konflikte in der kleinen Gruppe aufbauen, und man möchte schon erfahren, ob sie alle diesen Trip überleben oder nicht. Doch letztlich entsteht kein klares Bild von den Figuren, und ihr Schicksal kümmert daher nicht wirklich; daran ändern auch die kleinen eingeflochtenen Rückblenden in ihr Leben vor diesem Ausflug nichts.

Das gilt auch für das verschrobene Ehepaar, bei dem die Clique unterkommt. In Ansätzen ist zwar spannend, was die alten Leute wohl zu verbergen haben und ob sie ihren Besuchern gut oder schlecht gesonnen sind. Aber obwohl diese Ausgangslage so viel Potenzial bietet, sind auch dieses rätselhafte alte Ehepaar keine interessanten Figuren; es fehlt ihnen an Charisma.

Hin und wieder gibt es ein paar gruselige Momente und am Ende erwarten den Leser grausame Szenen. Das alles genügt aber nicht, um nachhaltig zu fesseln. Der Schluss ist zumindest konsequent und kann ein wenig schockieren, aber auch das genügt nicht, um das Buch Horrorfans ans Herz zu legen. Im Gedächtnis bleiben hier allenfalls teils atmosphärische Landschaftsschilderungen und eine gute Grundidee, die nicht überzeugend umgesetzt wurde.

Fazit:

"Hochland" von Steinar Bragi ist ein sehr mäßiger Horrorthriller, dessen verheißungsvolle Grundidee schwach umgesetzt wurde. Vor allem die Charaktere bleiben allesamt blass und wirken beliebig, sodass man trotz der Gefahrensituation nicht um sie bangt.

Der Psychologe - Gabriel Rolón

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei btb
Seiten: 384
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Der Autor:

Gabriel Rolón, Jahrgang 1961, gehört zu den bekanntesten Psychoanalytikern Argentiniens. Mit "Auf der Couch" und "Trauer, Panik, Leidenschaft" veröffentlichte er zwei Sammlungen über wahre Fälle aus seiner Praxis.

Inhalt:

Pablo Rouviot ist ein renommierter Psychologe aus Buenos Aires. Eines Tages bittet ihn die attraktive Paula Vanussi um Hilfe. Ihr Vater, ein reicher Geschäftsmann, wurde ermordet, und Hauptverdächtiger ist ihr Bruder Javier. Seit seiner Kindheit leidet Javier unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Pablo soll Javier untersuchen und seine Unzurechnungsfähigkeit zum Mordzeitpunkt bescheinigen.

Pablo, fasziniert von der schönen und intelligenten Klientin, nimmt den Auftrag an. Doch schon bald erhält er Warnungen aus seinem Umfeld, besser die Finger von diesem Fall zu lassen - der ermordete Vanussi war äußerst einflussreich und in fragwürdige Geschäfte verstrickt.

Javier behauptet auch gegenüber Pablo, der Mörder zu sein. Pablo allerdings ist im Zweifel, ob er tatsächlich der Täter ist - oder ob er sich das nur aufgrund seiner Wahnvorstellungen einbildet. Nach und nach gerät er immer tiefer in ein gefährliches Spiel mit dubiosen Hintergründen ...

Bewertung:

Gabriel Rolón weiß, wovon er in "Der Psychologe" spricht, schließlich ist er selbst ein sehr erfolgreicher Vertreter dieses Berufstandes. Das kommt dem Roman zugute, denn wie der Titel schon andeutet, spielt Psychologie hier in der Tat eine zentrale Rolle.

Das erste Drittel gestaltet sich trotz des recht reizvollen Themas zäh, und der Leser muss ein wenig Geduld aufbringen, um dranzubleiben. Spätestens in der zweiten Hälfte nimmt das Werk dann an Fahrt auf. Es entwickelt sich ein komplexes Handlungsgeflecht aus Lügen, Manipulation und Rache, in das Pablo tiefer hineingezogen wird, als ihm lieb ist. Für Spannung sorgt die Frage, ob Javier wirklich den Mord begangen hat oder ob seine Krankheit vielleicht dazu genutzt wird, jemand anders zu decken. Des Weiteren ist unklar, wie sehr Pablo in Gefahr gerät und ob womöglich noch weitere Morde geschehen. Zudem ist Pablos Auftraggeberin, die schöne Paula Vanussi, eine rätselhafte Person, undurchschaubar sowohl für den Protagonistin als auch für den Leser. Generell weiß Pablo im weiteren Verlauf nicht mehr, wem er noch trauen darf - ganz offensichtlich sind auch höchste Kreise auf irgendeine Art in den Fall involviert. Das Ende ist sehr überzeugend und führt alles Vorherige in einer gelungenen Auflösung zusammen.

Der gelungenste Charakter, der leider nur eine recht kleine Rolle erhält, ist die dreizehnjährige Camila, die kleine Schwester von Paula und Javier. Camila ist hochbegabt und eine geniale Geigenvirtuosin. Pablo wird zwar auf ihre erwachsene Art vorbereitet und ist dennoch verblüfft über die Reife und Weisheit des Mädchens. Ihre Dialoge über Musik bilden die schönsten Momenten des Romans.

Aber auch wenn das Werk in der zweiten Hälfte und vor allem im letzten Drittel zunehmend dynamischer wird, ist es zu keiner Zeit ein typischer Pageturner. Vielmehr behält der Roman stets eine gewisse Ruhe, passend zu seinem analytischen Protagonisten. Psychoanalyse spielt eine recht wichtige Rolle im Geschehen. Vorkenntnisse benötigt der Leser nicht; Pablos Gedankengänge werden ausgiebig erläutert und anschaulich dargestellt. Allerdings ist es hilfreich, der Psychoanalyse gegenüber aufgeschlossen zu sein und sich allgemein für psychologische Aspekte zu interessieren. Anderenfalls kann es leicht passieren, dass einen die ausgiebigen Erklärungen bisweilen langweilen.

Fazit:

"Der Psychologe" von Gabriel Rolón ist ein anspruchsvoller und ruhiger Kriminalroman, der anfangs etwas behäbig ist, sich dann aber zunehmend interessant entwickelt. Wer sich zumindest ein wenig für Psychoanalyse interessiert und ruhigere Töne in Spannungsromane mag, den erwartet eine reizvolle Lektüre.

17. Mai 2017

Dear Amy - Helen Callaghan

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Knaur
Seiten: 400
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Die Autorin:

Helen Callaghan, geboren in Kalifornien und derzeit wohnhaft in England, arbeitete in Buchhandlungen, studierte Archäologie und lehrt als Dozentin in Cambridge. "Dear Amy" ist ihr erster Roman, der gleich ein internationaler Erfolg wurde.

Inhalt:

Margot Lewis ist Lehrerin in Cambridge und betreibt nebenbei beim "Examiner" die Ratgeber-Kolumne "Dear Amy". Als ihre fünfzehnjährige Schülerin Katie verschwindet, ist sie sehr besorgt. Die Polizei hält Katie allerdings schon bald für eine Ausreißerin und unternimmt keine besonderen Aktionen mehr.

Kurz darauf erhält Margot einen mysteriösen Brief und bald darauf noch weitere. Darin fleht eine Bethan Avery um Hilfe, da sie entführt worden sei und in einem Keller gefangen gehalten werde. Tatsächlich verschwand vor siebzehn Jahre ein Teenager namens Bethan Avery in der Gegend; die Ermittler halten sie für tot, doch es tauchte nie mehr als ihre blutbefleckte Kleidung auf. Allerdings wirken die Briefe wie neu geschrieben, und es gibt keine Erklärung, wie die angeblich entführte Schreiberin sie abschicken konnte.

Margot wendet sich mit den Briefen an die Polizei, die von einem schlechten Scherz ausgeht. Nur Martin Forrester, der gemeinsam mit seinem Expertenteam den Fall Bethan Avery wieder aufrollt, scheint auf ihrer Seite. Es gibt Hinweise, dass hinter den Entführungen von Bethan und Katie der selbe Entführer steckt. Margot soll helfen, die Opfer zu finden - doch sie hat selbst einiges zu verbergen ...

Bewertung:

Helen Callaghans "Dear Amy" beginnt sehr reizvoll mit der Entführung einer Schülerin und sehr merkwürdigen Briefen, die offenbar von einem zweiten Entführungsopfer stammen. Das ist umso rätselhafter, als die Briefeschreiberin schon vor über zwanzig Jahren verschwand; zudem kann man sich kaum erklären, wie sie die Briefe verschicken konnte. Ein schlechter Scherz? Das glaubt die Polizei, aber Margot Lewis kann die Briefe nicht so leicht abhaken. Auch der Leser möchte wissen, was hinter den Briefen steckt und wie der Zusammenhang zur verschwundene Katie ist. Mit Dr. Martin Forrester kommt zudem eine interessante Figur ins Spiel. Margot ist froh, dass ihr endlich jemand Glauben schenkt, doch wie vertrauenswürdig Forrester tatsächlich ist, lässt sich zu Beginn noch nicht sagen. Für solide Spannung ist folglich zunächst gesorgt.

Allerdings kommen dann auch mehr und mehr Margots persönliche Probleme ins Spiel. Sie steckt mitten in einer hässlichen Scheidung, und ihr Nochehemann Eddy scheint es nicht auf eine gütliche Einigung abzusehen. Nicht nur, dass er sie für eine andere Frau verlassen hat, er will offenbar auch ihr geliebtes Haus zugesprochen bekommen. Zudem erfährt man, dass Margot unter psychischen Problemen leidet. Ihre Schule kennt nicht das ganze Ausmaß und soll es auch niemals erfahren; doch Eddy droht ihr damit, ihre Vorgesetzten zu informieren. Für Margot eine Katastrophe, sie liebt ihre Arbeit als Lehrerin. Und schließlich fühlt sich Margot bedroht und verfolgt, womöglich von dem Entführer - aber man kann nie sicher sein, wie viel von ihrer Wahrnehmung vielleicht ihrer Labilität geschuldet ist.

Margots Ängste sind gut nachvollziehbar, man leidet durchaus mit ihr. Allerdings nehmen ihre Vergangenheit und ihre Probleme so viel Raum ein, dass sie die Entführungsgeschichte beinah in den Schatten stellen. Die Auflösung ist raffiniert, allerdings auch ein bisschen konstruiert und kann von erfahrenen Thrillerlesern schon vorher erahnt werden. Das Finale der Entführungsgeschichte ist auch nicht in allen Belangen überzeugend.

Fazit:

"Dear Amy" von Helen Callaghan ist ein solider psychologischer Thriller, dessen Klasse nach gutem Beginn etwas abflacht. Grundsätzlich durchaus lesenswert, allerdings gibt es bessere Spannungsromane, was die Entführungsthematik betrifft.

Das Scherbenhaus - Susanne Kliem

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei carl's books
Seiten: 336
* * * * *
Die Autorin:

Susanne Kliem, Jahrgang 1965, arbeitete vor ihrer Autoren-Karriere als Pressereferentin für ARD und ZDF, als Journalistin und als Regisseurin am Theater. 2009 erschien ihr Debütkrimi "Theaterblut". Weitere werke sind: "Die kalte Zeit"und "Die Beschützerin".

Inhalt:

Bis vor Kurzem führte Clara Brendel ein sehr zufriedenes Leben im idyllischen Stade, wo sie als Köchin im gut besuchtem Restaurant ihres Schwagers arbeitet. Doch seit einigen Wochen erhält sie immer wieder bedrohliche Mails und Briefe von einem unbekannten Stalker. Er schickt ihr Fotos von blutigen Wunden und Messern, die Polizei kann allerdings nichts unternehmen. Clara wird immer besorgter und verlässt ungern das Haus.

In dieser Zeit erreicht sie überraschend ein Anruf ihrer Halbschwester Ellen. Ellen bittet sie dringend um ein Treffen. Verwundert fährt Clara nach Berlin und trifft Ellen in deren luxuriöser Wohnanlage "Safe Haven", von ihr selbst entworfen und mit modernsten Sicherheitssystemen ausgestattet.

Ellen erzählt, dass sie in Gefahr schwebt. Aber bevor Clara Näheres erfährt, verschwindet Ellen. Tage später wird ihre Leiche in der Spree gefunden. War es tatsächlich ein Unfall? Aber was ist mit der Bedrohung, die sie ansprach? Zudem hat Clara mehr und mehr das Gefühl, dass die anderen Bewohner von "Safe Haven" etwas zu verbergen haben ...

Bewertung:

"Das Scherbenhaus" von Susanne Kliem kombiniert zwei Gefahrensituationen für die Protagonistin, bei denen man gespannt sein darf, ob und inwieweit sie miteinander in Verbindung stehen. Da ist zunächst einmal der unbekannte Stalker, der Carla bedroht. Alles beginnt als harmloser Facebookkontakt, doch dann kommt die erste verstörende Mail. Später erreichen Carla Briefe an ihre Adresse, und schließlich lässt ein mysteriöser Restaurantgast, offenbar der Stalker, ihr persönlich eine Nachricht übermitteln. Kein Wunder, dass Carla immer panischer wird. Der Polizei sind jedoch die Hände gebunden, auch wenn sie Carlas Sorge durchaus ernst nehmen.

Und dann ist da Ellens mysteriöser Tod. Die Berliner Polizei geht schnell von einem Unfall unter Alkoholeinfluss aus. Carla aber ist überzeugt davon, dass irgendjemand seine Hände mit ihm Spiel hatte, zumal Ellen sich bedroht fühlte. Da Carla das eindrucksvolle Haus erbt und ohnehin vor ihrem Stalker flüchten will, zieht sie bis auf Weiteres dort ein. Die Nachbarn sind ein buntes Potpourri: Milan ist ein charmanter älterer Mann mit eindrucksvoller Ausstrahlung und offenbar so etwas wie der heimliche Anführer der Hausbewohner. Der stille, attraktive Künstler Christian lebt mit dem schönen Model Eva zusammen; allerdings ist Eva oft auf Reisen. Carla fühlt sich rasch zu Christian hingezogen, wenngleich sie das wegen Eva zu verdrängen versucht. Und dann gibt es noch das Ehepaar Verena und Gisbert samt der fünfzehnjährigen Tochter Sarah. Gisbert ist oft beruflich unterwegs; Sarah erscheint Carla recht unnahbar und verstockt. Bald kommt Carla der Verdacht, dass einem ihrer Nachbarn nicht zu trauen ist, dass jemand mehr weiß über Ellens Tod - doch es ist schwer herauszufinden, wer von ihnen das sein könnte.

Für den Leser ist es gleichermaßen nicht so leicht, die Zusammenhänge zu erschließen, es gibt falsche Fährten, und jeder ist verdächtig. Gespannt verfolgt man, was Carlas Ermittlungen ergeben und was aus ihrem Stalker wird. Das elektronisch gesteuerte Safe Haven ist überdies ein reizvoller Schauplatz. Zunächst fühlt sich Carla hier bedeutend sicherer als in Stade, wo der Stalker lauert. Das ändert sich aber, als sich andeutet, dass einer ihrer Nachbarn in Ellens Tod verwickelt ist. Auch die elektronische Steuerung der Wohnung zeigt ihre Tücken; Musikanlage und Heizung spielen plötzlich verrückt, obwohl Carla sicher ist, dass sie selbst nichts verstellte.

Etwas schwach ist die detaillierte Offenbarung des Täters. Gerade in Zeiten, wo man problemlos heimlich Sprach- und Videoaufzeichnungen machen kann, ist es nicht glaubwürdig, dass jemand bereitwillig von seinen kriminellen Taten erzählt. Damit ist der Täter zwar noch nicht offiziell überführt, trotzdem ist dieses Geständnis enttäuschend für den Leser, weil es die Dinge etwas zu einfach macht. Weiterhin ist Carla als Protagonistin etwas blass geraten, auch die anderen Hausbewohner - mit einer Ausnahme - hätten ruhig noch charismatischer dargestellt werden können. Überdies hat sich eine Szene zweimal in die Handlung geschlichen: Clara erfährt vormittags telefonisch, dass Ellens Tod als Unfall zu den Akten gelegt wird, und berichtet dies Jule direkt im Anschluss. Am Nachmittag erzählt sie Jule allerdings das Gleiche, und Jule wirkt überrascht, als hätte sie zuvor nichts davon erfahren; keine von beiden scheint sich an das vorherige Gespräch zu erinnern.

Fazit:

"Das Scherbenhaus" von Susanne Kliem ist ein unterhaltsamer und reht spannender Thriller um einen unbekannten Stalker und (mindestens) einen rätselhaften Tod. Es gibt zwar auch kleine Schwächen, insgesamt aber wird man hier solide unterhalten.

16. Mai 2017

Bibi Blocksberg - Im Wald der Hexenbesen

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* * * * *
Inhalt:

Barbara Blocksberg bereitet irgendeine hexische Sache vor, die sie Bibi nicht verraten will - die Sache sei für Junghexen tabu. Bibi ist furchtbar neugierig, ebenso ihre Hexenfreundinnen Flauipaui und Xenia. Heimlich folgen sie Barbaras Flugspur.

Der Weg führt zum Wald der Hexenbesen. Hier erhalten die zukünftigen Hexenbesen in einer geheimen Zeremonie ihre Flugfähigkeit sowie ihre Start- und Landesprüche. Dieses Mal gehört Barbara zu Manias Assistentinnen. Leider hext Bibi sich und die anderen gerade in dem Moment wieder sichtbar, als auch Mania einen Hexspruch spricht. Die Hexsprüche überlagern sich und lassen die sechs neuen Hexenbesen unkontrolliert im Wald verschwinden.

Die verärgerten Althexen verlangen von Bibi, Flauipauia und Xenia, dass sie bis zum Abend die Besen wiederfinden. Das ist alles andere als leicht, denn im Wald der Hexenbesen lauern einige Gefahren - und auch Hexerei kann hier nicht immer helfen ...

Bewertung:

Wie es der Titel schon verspricht, handelt es sich bei "Im Wald der Hexenbesen" um eine ausgesprochen hexische Folge, also fern von Bibis normalem Alltag in Neustadt. Das Grundthema ist reizvoll, da die Hexenbesenweihe bislang in der Serie nicht thematisiert wurde. Man weiß zwar, wie eng die Hexen mit ihren Besen verbunden sind, und von Bibi erfährt man einmal, dass man mit fünfzehn seinen "Erwachsenenhexenbesen" erhalte, aber dieses Ritual ist eine neue Information. Der Hexenwald ist natürlich auch ein reizvolles Setting, zumal hier auch Gefahren wie Bären lauern, die es in heimischen Wäldern normalerweise nicht gibt. Hexen hilft hier auch nur eingeschränkt, die Mädchen müssen durchaus auch mal nachdenken, wie sie am besten an die verlorenen Besen kommen. Zwischendurch gibt es auch ein paar witzige Szenen. Es tut der Geschichte obendrein gut, dass bei den Junghexen nicht Schubia mit dabei ist. Die wilde Punkerhexe ist zwar grundsätzlich sympathisch, aber ihre plakative Comicsprache und ihre schrille Art gehen schnell mal auf die Nerven.

Die Folge ist zwar nicht so dramatisch wie andere, aber die Suche nach den Besen wird kurzweilig und recht spannend inszeniert. Auf die Mädchen lauern immer wieder neue Situationen, und natürlich ist nicht von vornherein klar, ob es ihnen tatsächlich gelingt, die Besen alle rechtzeitig zu finden. Zudem taucht immer wieder ein bestimmtes Tier auf, das später noch eine wichtige und überraschende Rolle spielt. Dazu kommt eine neue Hexenfigur ins Spiel, die durchaus Potenzial für weitere Folgen bietet; man darf gespannt sein, inwieweit das der Fall sein wird.

Ein paar Schwächen gehören allerdings auch dazu. So ist etwa die Reaktion der Althexen ungewöhnlich milde. Die drei Junghexen sind nicht nur Barbara zu einer geheimen Zeremonie gefolgt, sie haben sie auch noch erheblich gestört durch die Hexerei. Natürlich sollte bei einer Strafe diesbezüglich auch nicht übertrieben werden, aber die dann doch verhältnismäßig zahme Reaktion von der gewöhnlich strengen Mania passt nicht überzeugend ins Bild. Das gilt ebenso für das Unsichtbarkeitshexen. Diese Hexerei ist Junghexen verboten und läuft normalerweise längst nicht so unkompliziert ab wie hier. Zudem ist es unglaubwürdig, dass Bibi an einer bestimmten Stelle nicht weiter nachhakt und einer fremden Person so schnell vertraut.

Fazit:

"Im Wald der Hexenbesen" ist eine sehr solide und unterhaltsame Folge mit sehr hexischem Charakter. Es gibt zweifellos bessere Folgen, aber vor allem unter den Junghexen-Geschichten sticht sie positiv heraus.

Sprechernamen:


Bibi Blocksberg: S. Bonasewicz
Barbara Blocksberg: G. Streichhahn
Mania: L. Lunow
Warza: D. Rosenthal
Flauipaui: M. Hinze
Xenia : M. Koschny
Chaotia: A. Aust
Erzähler: G. Schoß