24. Mai 2017

Into the Water - Paula Hawkins

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Blanvalet
Seiten: 480
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Die Autorin:

Paula Hawkins wuchs in Simbabwe auf und zog 1989 nach Großbritannien, wo sie heimisch blieb. Sie arbeitete zunächst als Journalistin, ehe ihr mit ihrem ersten Spannungsroman "Girl on the Train" gleich der Durchbruch als Autorin gelang. Der Roman wurde ein internationaler Bestseller inklusive Verfilmung.

Inhalt:

Die Schwestern Julia "Jules" Abbott und Danielle "Nel" Abbott sind seit seit Langem entzweit, Jules hat den Kontakt abgebrochen. Fünfzehn Jahre lang haben sie sich nicht mehr gesehen. Dann erreicht Jules eine verzweifelte Mailboxnachricht von Nel mit dringender Bitte um Rückruf. Jules ignoriert die Nachricht - und wenige Tage später ist Nel tot.

Den ersten Ermittlungen nach soll Nel unter Alkoholeinfluss in den Fluss gestürzt oder gesprungen sein, der direkt an ihrem Haus in Beckford vorbeifließt. Nel arbeitete gerade als Journalistin an einem Buch über die zahlreichen Mädchen und Frauen, die seit Jahrhunderten in dem Fluss ertrinken. Zuletzt starb vor ein paar Monaten die jugendliche Katie.

Als Jules anreist, trifft sie zum ersten Mal auf Nels fünfzehnjährige Tochter Lena, die sich abweisend verhält. Während Lena an einen Suizid ihrer Mutter glaubt, ist Jules davon nicht überzeugt. Sie will herausfinden, was Nel kurz vor ihrem Tod so geängstigt hat. Die Nachforschungen konfrontieren sie auch schmerzhaft mit ihren eigenen schlechten Erinnerungen an ihren Heimatort ...

Bewertung:

Nach ihrem Erfolgsdebüt "Girl on the Train" legt Paula Hawkins mit "Into the Water" erneut einen gelungenen Thriller vor.

Dabei ist die Struktur des Romans zu Beginn gewöhnungsbedürftig, denn sie setzt sich aus einer Vielzahl an Erzählperspektiven zusammen. Viele Kapitel werden natürlich aus Jules' Sicht erzählt, allerdings richtet sich der Fokus auch auf Nels Tochter Lena, auf Lenas Lehrer Mark, auf Louise - die Mutter der verstorbenen Katie -, auf Katies Bruder Josh, auf die Ermittler Sean und Erin, auf Seans Vater Patrick sowie Seans Ehefrau Helen und auf die esoterische Nickie. All diese Personen bilden ein buntes Kaleidoskop aus Dorfbewohnern, die alle in irgendeiner Form mit Nel und dem Fluss verbunden sind. Zudem gibt es noch vereinzelt Auszüge aus Nels unveröffentlichtem Buchprojekt "Der Drowning Pool", und manche Kapitel spielen gut zwanzig Jahre in der Vergangenheit. Es braucht eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hat, dass alle paar Seiten eine andere Figur im Zentrum steht, manchmal als Ich-Erzähler, manchmal durch einen personalen Erzähler beleuchtet.

Hat man den Einstieg bewältigt, taucht man ein in eine spannende und komplexe Handlung. Im Mittelpunkt stehen zunächst die Fragen, was es mit Nels Tod und ihrer letzten Nachricht an Jules auf sich hat. Suizid, Unfall oder gar Mord, alles scheint möglich. Im weiteren Verlauf kommt zunehmend auch die Vergangenheit der Schwestern ins Spiel. Es gibt interessante und bewegende Enthüllungen dazu, warum sich die beiden entzweit haben und was Jules so Schreckliches in ihrem Heimatort widerfahren ist. Man fühlt mit Jules, die damit leben muss, Nels Hilferuf ignoriert zu haben, mal wieder an eine ihrer typischen Übertreibungen glaubte - und die jetzt mit dem Tod der Schwester konfrontiert wird. Dazu kommt das schwierige Verhältnis zwischen Jules und ihrer Nichte, die sie bislang nicht persönlich kannte. Niemand weiß, wer Lenas Vater ist, sodass Jules als Tante die Verantwortung für den klapperdürren, zornigen Teenager übernimmt, der seiner verstorbenen Mutter so ähnlich ist.

Spannend ist auch zu verfolgen, welche Geheimnisse die anderen Dorfbewohner verbergen, in welchem Verhältnis sie zu Nel standen und wem letztlich zu trauen ist. Louise beispielsweise ist nicht traurig über Nels Tod. Sie gibt ihr die Schuld dafür, dass sich ihre Tochter Katie - Lenas beste Freundin - im Fluss das Leben nahm. Ihrer Meinung nach hat Nels intensive öffentliche Auseinandersetzung mit der Flussgeschichte und ihre Verklärung und Mythifizierung der verstorbenen Frauen dazu beigetragen, dass Katie sich in seine Fluten stürzte.

Über der Handlung liegt eine melancholische Atmosphäre; "Into the Water" legt vor allem im ersten Drittel kein rasantes Tempo vor, sondern zieht den Leser eher behutsam immer tiefer hinein in einen düsteren Strudel der Ereignisse und Enthüllungen. Auf seine Kosten kommen vor allem diejenigen, die gern dunkle Geheimnisse hinter scheinbar glatten Fassaden aufspüren. Die Stärken des Romans liegen in seiner unterschwelligen Spannung, dem ganz allmählichen Zusammensetzen der vielen Puzzleteile, die um Nels Tod verstreut liegen. Und immer wieder kommt der Fluss ins Spiel, ob in wörtlichem oder übertragenem Sinn. Louise glaubt in Schuldgefühlen zu ertrinken, Mark fühlt sich, als greife er nach Schlingpflanzen, Erin nimmt das Wasserglucksen als Lachen wahr. Und was hat es mit all den Frauen auf sich, die im Laufe der Jahrhunderte hier ertranken? Das Ende ist zufriedenstellend, beantwortet alle wichtigen Fragen und bringt die intensive und bewegende Handlung zu einem würdigen Abschluss.

Schwieriger wird es für Leser, die gern den Fokus auf einer Figur haben, mit der sie sich von Anfang an identifizieren können. Es braucht seine Zeit, bis man Jules nahegekommen ist und genug über sie weiß, um sich mit ihr zu solidarisieren.

Fazit:

"Into the Water" von Paula Hawkins ist ein reizvoller Thriller der langsamen Art, der auf behutsame Weise eine Spannung und dichte Atmosphäre aufbaut, die den Leser immer stärker in den Bann zieht. Gewöhnungsbedürftig sind allerdings die zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven.

18. Mai 2017

Hochland - Steinar Bragi

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei DVA
Seiten: 304
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Der Autor:

Steinar Bragi aus Island, Jahrgang 1975, verfasste mit Frauen" einen sehr erfolgreichen Roman, der für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert wurde.

Inhalt:

Vier junge Leute aus Reykjavík - die Paare Hrafn und Vigdis sowie Egill und Anna - fahren mit ihrem Jeep in die raue, einsame Gegend des isländischen Hochlands. Aufgrund von Nebel kommen sie vom Weg ab und stranden mitten in der Einöde.

Sie finden Zuflucht im einzigen Haus weit und breit, bei einem alten Ehepaar. Schon bald merken die vier, dass die alten Leute sich seltsam verhalten und sehr verschroben sind. Sie verbarrikadieren nachts ihr Haus, und sie zeigen sich distanziert zu ihren Übernachtungsgästen.

Die Freunde wollen möglichst schnell wieder in die Zivilisation zurückkehren. Das Auto fährt aber keinen Meter mehr, es kommt zu Streit, und irgendetwas scheint draußen in der Sandwüste zu lauern ...

Bewertung:

Eine raue Einöde in der isländischen Wildnis, ein seltsames Ehepaar, eine noch unbekannte Bedrohung aus der Dunkelheit - das sind verheißungsvolle Zutaten in Steinar Bragis "Hochland", die auf einen spannenden Horrorthriller hoffen lassen - doch tatsächlich kann das Ergebnis in keiner Hinsicht überzeugen. Umso erstaunlicher sind die von Kritikern getroffenen Vergleiche mit Stephen King, deren Erwartungen das Werk absolut nicht gerecht wird.

Erstes großes Manko sind die Charaktere der vier Hauptfiguren, die durchweg blass bleiben. Auch am Ende des Romans ist keiner der Protagonisten dem Leser wirklich ans Herz gewachsen, sodass man um ihn bangen würde. Ob jetzt Hrafn, Vigdis, Egill oder Anna im Handlungsverlauf etwas zustößt oder nicht, ist beinah belanglos, man fiebert nicht mit ihnen, sie bleiben austauschbar und kaum mehr als bloße Namen. Es ist zwar ganz reizvoll, dass sich schnell Konflikte in der kleinen Gruppe aufbauen, und man möchte schon erfahren, ob sie alle diesen Trip überleben oder nicht. Doch letztlich entsteht kein klares Bild von den Figuren, und ihr Schicksal kümmert daher nicht wirklich; daran ändern auch die kleinen eingeflochtenen Rückblenden in ihr Leben vor diesem Ausflug nichts.

Das gilt auch für das verschrobene Ehepaar, bei dem die Clique unterkommt. In Ansätzen ist zwar spannend, was die alten Leute wohl zu verbergen haben und ob sie ihren Besuchern gut oder schlecht gesonnen sind. Aber obwohl diese Ausgangslage so viel Potenzial bietet, sind auch dieses rätselhafte alte Ehepaar keine interessanten Figuren; es fehlt ihnen an Charisma.

Hin und wieder gibt es ein paar gruselige Momente und am Ende erwarten den Leser grausame Szenen. Das alles genügt aber nicht, um nachhaltig zu fesseln. Der Schluss ist zumindest konsequent und kann ein wenig schockieren, aber auch das genügt nicht, um das Buch Horrorfans ans Herz zu legen. Im Gedächtnis bleiben hier allenfalls teils atmosphärische Landschaftsschilderungen und eine gute Grundidee, die nicht überzeugend umgesetzt wurde.

Fazit:

"Hochland" von Steinar Bragi ist ein sehr mäßiger Horrorthriller, dessen verheißungsvolle Grundidee schwach umgesetzt wurde. Vor allem die Charaktere bleiben allesamt blass und wirken beliebig, sodass man trotz der Gefahrensituation nicht um sie bangt.

Der Psychologe - Gabriel Rolón

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei btb
Seiten: 384
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Der Autor:

Gabriel Rolón, Jahrgang 1961, gehört zu den bekanntesten Psychoanalytikern Argentiniens. Mit "Auf der Couch" und "Trauer, Panik, Leidenschaft" veröffentlichte er zwei Sammlungen über wahre Fälle aus seiner Praxis.

Inhalt:

Pablo Rouviot ist ein renommierter Psychologe aus Buenos Aires. Eines Tages bittet ihn die attraktive Paula Vanussi um Hilfe. Ihr Vater, ein reicher Geschäftsmann, wurde ermordet, und Hauptverdächtiger ist ihr Bruder Javier. Seit seiner Kindheit leidet Javier unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Pablo soll Javier untersuchen und seine Unzurechnungsfähigkeit zum Mordzeitpunkt bescheinigen.

Pablo, fasziniert von der schönen und intelligenten Klientin, nimmt den Auftrag an. Doch schon bald erhält er Warnungen aus seinem Umfeld, besser die Finger von diesem Fall zu lassen - der ermordete Vanussi war äußerst einflussreich und in fragwürdige Geschäfte verstrickt.

Javier behauptet auch gegenüber Pablo, der Mörder zu sein. Pablo allerdings ist im Zweifel, ob er tatsächlich der Täter ist - oder ob er sich das nur aufgrund seiner Wahnvorstellungen einbildet. Nach und nach gerät er immer tiefer in ein gefährliches Spiel mit dubiosen Hintergründen ...

Bewertung:

Gabriel Rolón weiß, wovon er in "Der Psychologe" spricht, schließlich ist er selbst ein sehr erfolgreicher Vertreter dieses Berufstandes. Das kommt dem Roman zugute, denn wie der Titel schon andeutet, spielt Psychologie hier in der Tat eine zentrale Rolle.

Das erste Drittel gestaltet sich trotz des recht reizvollen Themas zäh, und der Leser muss ein wenig Geduld aufbringen, um dranzubleiben. Spätestens in der zweiten Hälfte nimmt das Werk dann an Fahrt auf. Es entwickelt sich ein komplexes Handlungsgeflecht aus Lügen, Manipulation und Rache, in das Pablo tiefer hineingezogen wird, als ihm lieb ist. Für Spannung sorgt die Frage, ob Javier wirklich den Mord begangen hat oder ob seine Krankheit vielleicht dazu genutzt wird, jemand anders zu decken. Des Weiteren ist unklar, wie sehr Pablo in Gefahr gerät und ob womöglich noch weitere Morde geschehen. Zudem ist Pablos Auftraggeberin, die schöne Paula Vanussi, eine rätselhafte Person, undurchschaubar sowohl für den Protagonistin als auch für den Leser. Generell weiß Pablo im weiteren Verlauf nicht mehr, wem er noch trauen darf - ganz offensichtlich sind auch höchste Kreise auf irgendeine Art in den Fall involviert. Das Ende ist sehr überzeugend und führt alles Vorherige in einer gelungenen Auflösung zusammen.

Der gelungenste Charakter, der leider nur eine recht kleine Rolle erhält, ist die dreizehnjährige Camila, die kleine Schwester von Paula und Javier. Camila ist hochbegabt und eine geniale Geigenvirtuosin. Pablo wird zwar auf ihre erwachsene Art vorbereitet und ist dennoch verblüfft über die Reife und Weisheit des Mädchens. Ihre Dialoge über Musik bilden die schönsten Momenten des Romans.

Aber auch wenn das Werk in der zweiten Hälfte und vor allem im letzten Drittel zunehmend dynamischer wird, ist es zu keiner Zeit ein typischer Pageturner. Vielmehr behält der Roman stets eine gewisse Ruhe, passend zu seinem analytischen Protagonisten. Psychoanalyse spielt eine recht wichtige Rolle im Geschehen. Vorkenntnisse benötigt der Leser nicht; Pablos Gedankengänge werden ausgiebig erläutert und anschaulich dargestellt. Allerdings ist es hilfreich, der Psychoanalyse gegenüber aufgeschlossen zu sein und sich allgemein für psychologische Aspekte zu interessieren. Anderenfalls kann es leicht passieren, dass einen die ausgiebigen Erklärungen bisweilen langweilen.

Fazit:

"Der Psychologe" von Gabriel Rolón ist ein anspruchsvoller und ruhiger Kriminalroman, der anfangs etwas behäbig ist, sich dann aber zunehmend interessant entwickelt. Wer sich zumindest ein wenig für Psychoanalyse interessiert und ruhigere Töne in Spannungsromane mag, den erwartet eine reizvolle Lektüre.

17. Mai 2017

Dear Amy - Helen Callaghan

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Knaur
Seiten: 400
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Die Autorin:

Helen Callaghan, geboren in Kalifornien und derzeit wohnhaft in England, arbeitete in Buchhandlungen, studierte Archäologie und lehrt als Dozentin in Cambridge. "Dear Amy" ist ihr erster Roman, der gleich ein internationaler Erfolg wurde.

Inhalt:

Margot Lewis ist Lehrerin in Cambridge und betreibt nebenbei beim "Examiner" die Ratgeber-Kolumne "Dear Amy". Als ihre fünfzehnjährige Schülerin Katie verschwindet, ist sie sehr besorgt. Die Polizei hält Katie allerdings schon bald für eine Ausreißerin und unternimmt keine besonderen Aktionen mehr.

Kurz darauf erhält Margot einen mysteriösen Brief und bald darauf noch weitere. Darin fleht eine Bethan Avery um Hilfe, da sie entführt worden sei und in einem Keller gefangen gehalten werde. Tatsächlich verschwand vor siebzehn Jahre ein Teenager namens Bethan Avery in der Gegend; die Ermittler halten sie für tot, doch es tauchte nie mehr als ihre blutbefleckte Kleidung auf. Allerdings wirken die Briefe wie neu geschrieben, und es gibt keine Erklärung, wie die angeblich entführte Schreiberin sie abschicken konnte.

Margot wendet sich mit den Briefen an die Polizei, die von einem schlechten Scherz ausgeht. Nur Martin Forrester, der gemeinsam mit seinem Expertenteam den Fall Bethan Avery wieder aufrollt, scheint auf ihrer Seite. Es gibt Hinweise, dass hinter den Entführungen von Bethan und Katie der selbe Entführer steckt. Margot soll helfen, die Opfer zu finden - doch sie hat selbst einiges zu verbergen ...

Bewertung:

Helen Callaghans "Dear Amy" beginnt sehr reizvoll mit der Entführung einer Schülerin und sehr merkwürdigen Briefen, die offenbar von einem zweiten Entführungsopfer stammen. Das ist umso rätselhafter, als die Briefeschreiberin schon vor über zwanzig Jahren verschwand; zudem kann man sich kaum erklären, wie sie die Briefe verschicken konnte. Ein schlechter Scherz? Das glaubt die Polizei, aber Margot Lewis kann die Briefe nicht so leicht abhaken. Auch der Leser möchte wissen, was hinter den Briefen steckt und wie der Zusammenhang zur verschwundene Katie ist. Mit Dr. Martin Forrester kommt zudem eine interessante Figur ins Spiel. Margot ist froh, dass ihr endlich jemand Glauben schenkt, doch wie vertrauenswürdig Forrester tatsächlich ist, lässt sich zu Beginn noch nicht sagen. Für solide Spannung ist folglich zunächst gesorgt.

Allerdings kommen dann auch mehr und mehr Margots persönliche Probleme ins Spiel. Sie steckt mitten in einer hässlichen Scheidung, und ihr Nochehemann Eddy scheint es nicht auf eine gütliche Einigung abzusehen. Nicht nur, dass er sie für eine andere Frau verlassen hat, er will offenbar auch ihr geliebtes Haus zugesprochen bekommen. Zudem erfährt man, dass Margot unter psychischen Problemen leidet. Ihre Schule kennt nicht das ganze Ausmaß und soll es auch niemals erfahren; doch Eddy droht ihr damit, ihre Vorgesetzten zu informieren. Für Margot eine Katastrophe, sie liebt ihre Arbeit als Lehrerin. Und schließlich fühlt sich Margot bedroht und verfolgt, womöglich von dem Entführer - aber man kann nie sicher sein, wie viel von ihrer Wahrnehmung vielleicht ihrer Labilität geschuldet ist.

Margots Ängste sind gut nachvollziehbar, man leidet durchaus mit ihr. Allerdings nehmen ihre Vergangenheit und ihre Probleme so viel Raum ein, dass sie die Entführungsgeschichte beinah in den Schatten stellen. Die Auflösung ist raffiniert, allerdings auch ein bisschen konstruiert und kann von erfahrenen Thrillerlesern schon vorher erahnt werden. Das Finale der Entführungsgeschichte ist auch nicht in allen Belangen überzeugend.

Fazit:

"Dear Amy" von Helen Callaghan ist ein solider psychologischer Thriller, dessen Klasse nach gutem Beginn etwas abflacht. Grundsätzlich durchaus lesenswert, allerdings gibt es bessere Spannungsromane, was die Entführungsthematik betrifft.

Das Scherbenhaus - Susanne Kliem

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei carl's books
Seiten: 336
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Die Autorin:

Susanne Kliem, Jahrgang 1965, arbeitete vor ihrer Autoren-Karriere als Pressereferentin für ARD und ZDF, als Journalistin und als Regisseurin am Theater. 2009 erschien ihr Debütkrimi "Theaterblut". Weitere werke sind: "Die kalte Zeit"und "Die Beschützerin".

Inhalt:

Bis vor Kurzem führte Clara Brendel ein sehr zufriedenes Leben im idyllischen Stade, wo sie als Köchin im gut besuchtem Restaurant ihres Schwagers arbeitet. Doch seit einigen Wochen erhält sie immer wieder bedrohliche Mails und Briefe von einem unbekannten Stalker. Er schickt ihr Fotos von blutigen Wunden und Messern, die Polizei kann allerdings nichts unternehmen. Clara wird immer besorgter und verlässt ungern das Haus.

In dieser Zeit erreicht sie überraschend ein Anruf ihrer Halbschwester Ellen. Ellen bittet sie dringend um ein Treffen. Verwundert fährt Clara nach Berlin und trifft Ellen in deren luxuriöser Wohnanlage "Safe Haven", von ihr selbst entworfen und mit modernsten Sicherheitssystemen ausgestattet.

Ellen erzählt, dass sie in Gefahr schwebt. Aber bevor Clara Näheres erfährt, verschwindet Ellen. Tage später wird ihre Leiche in der Spree gefunden. War es tatsächlich ein Unfall? Aber was ist mit der Bedrohung, die sie ansprach? Zudem hat Clara mehr und mehr das Gefühl, dass die anderen Bewohner von "Safe Haven" etwas zu verbergen haben ...

Bewertung:

"Das Scherbenhaus" von Susanne Kliem kombiniert zwei Gefahrensituationen für die Protagonistin, bei denen man gespannt sein darf, ob und inwieweit sie miteinander in Verbindung stehen. Da ist zunächst einmal der unbekannte Stalker, der Carla bedroht. Alles beginnt als harmloser Facebookkontakt, doch dann kommt die erste verstörende Mail. Später erreichen Carla Briefe an ihre Adresse, und schließlich lässt ein mysteriöser Restaurantgast, offenbar der Stalker, ihr persönlich eine Nachricht übermitteln. Kein Wunder, dass Carla immer panischer wird. Der Polizei sind jedoch die Hände gebunden, auch wenn sie Carlas Sorge durchaus ernst nehmen.

Und dann ist da Ellens mysteriöser Tod. Die Berliner Polizei geht schnell von einem Unfall unter Alkoholeinfluss aus. Carla aber ist überzeugt davon, dass irgendjemand seine Hände mit ihm Spiel hatte, zumal Ellen sich bedroht fühlte. Da Carla das eindrucksvolle Haus erbt und ohnehin vor ihrem Stalker flüchten will, zieht sie bis auf Weiteres dort ein. Die Nachbarn sind ein buntes Potpourri: Milan ist ein charmanter älterer Mann mit eindrucksvoller Ausstrahlung und offenbar so etwas wie der heimliche Anführer der Hausbewohner. Der stille, attraktive Künstler Christian lebt mit dem schönen Model Eva zusammen; allerdings ist Eva oft auf Reisen. Carla fühlt sich rasch zu Christian hingezogen, wenngleich sie das wegen Eva zu verdrängen versucht. Und dann gibt es noch das Ehepaar Verena und Gisbert samt der fünfzehnjährigen Tochter Sarah. Gisbert ist oft beruflich unterwegs; Sarah erscheint Carla recht unnahbar und verstockt. Bald kommt Carla der Verdacht, dass einem ihrer Nachbarn nicht zu trauen ist, dass jemand mehr weiß über Ellens Tod - doch es ist schwer herauszufinden, wer von ihnen das sein könnte.

Für den Leser ist es gleichermaßen nicht so leicht, die Zusammenhänge zu erschließen, es gibt falsche Fährten, und jeder ist verdächtig. Gespannt verfolgt man, was Carlas Ermittlungen ergeben und was aus ihrem Stalker wird. Das elektronisch gesteuerte Safe Haven ist überdies ein reizvoller Schauplatz. Zunächst fühlt sich Carla hier bedeutend sicherer als in Stade, wo der Stalker lauert. Das ändert sich aber, als sich andeutet, dass einer ihrer Nachbarn in Ellens Tod verwickelt ist. Auch die elektronische Steuerung der Wohnung zeigt ihre Tücken; Musikanlage und Heizung spielen plötzlich verrückt, obwohl Carla sicher ist, dass sie selbst nichts verstellte.

Etwas schwach ist die detaillierte Offenbarung des Täters. Gerade in Zeiten, wo man problemlos heimlich Sprach- und Videoaufzeichnungen machen kann, ist es nicht glaubwürdig, dass jemand bereitwillig von seinen kriminellen Taten erzählt. Damit ist der Täter zwar noch nicht offiziell überführt, trotzdem ist dieses Geständnis enttäuschend für den Leser, weil es die Dinge etwas zu einfach macht. Weiterhin ist Carla als Protagonistin etwas blass geraten, auch die anderen Hausbewohner - mit einer Ausnahme - hätten ruhig noch charismatischer dargestellt werden können. Überdies hat sich eine Szene zweimal in die Handlung geschlichen: Clara erfährt vormittags telefonisch, dass Ellens Tod als Unfall zu den Akten gelegt wird, und berichtet dies Jule direkt im Anschluss. Am Nachmittag erzählt sie Jule allerdings das Gleiche, und Jule wirkt überrascht, als hätte sie zuvor nichts davon erfahren; keine von beiden scheint sich an das vorherige Gespräch zu erinnern.

Fazit:

"Das Scherbenhaus" von Susanne Kliem ist ein unterhaltsamer und reht spannender Thriller um einen unbekannten Stalker und (mindestens) einen rätselhaften Tod. Es gibt zwar auch kleine Schwächen, insgesamt aber wird man hier solide unterhalten.

16. Mai 2017

Bibi Blocksberg - Im Wald der Hexenbesen

Kiddinx-Shop
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Inhalt:

Barbara Blocksberg bereitet irgendeine hexische Sache vor, die sie Bibi nicht verraten will - die Sache sei für Junghexen tabu. Bibi ist furchtbar neugierig, ebenso ihre Hexenfreundinnen Flauipaui und Xenia. Heimlich folgen sie Barbaras Flugspur.

Der Weg führt zum Wald der Hexenbesen. Hier erhalten die zukünftigen Hexenbesen in einer geheimen Zeremonie ihre Flugfähigkeit sowie ihre Start- und Landesprüche. Dieses Mal gehört Barbara zu Manias Assistentinnen. Leider hext Bibi sich und die anderen gerade in dem Moment wieder sichtbar, als auch Mania einen Hexspruch spricht. Die Hexsprüche überlagern sich und lassen die sechs neuen Hexenbesen unkontrolliert im Wald verschwinden.

Die verärgerten Althexen verlangen von Bibi, Flauipauia und Xenia, dass sie bis zum Abend die Besen wiederfinden. Das ist alles andere als leicht, denn im Wald der Hexenbesen lauern einige Gefahren - und auch Hexerei kann hier nicht immer helfen ...

Bewertung:

Wie es der Titel schon verspricht, handelt es sich bei "Im Wald der Hexenbesen" um eine ausgesprochen hexische Folge, also fern von Bibis normalem Alltag in Neustadt. Das Grundthema ist reizvoll, da die Hexenbesenweihe bislang in der Serie nicht thematisiert wurde. Man weiß zwar, wie eng die Hexen mit ihren Besen verbunden sind, und von Bibi erfährt man einmal, dass man mit fünfzehn seinen "Erwachsenenhexenbesen" erhalte, aber dieses Ritual ist eine neue Information. Der Hexenwald ist natürlich auch ein reizvolles Setting, zumal hier auch Gefahren wie Bären lauern, die es in heimischen Wäldern normalerweise nicht gibt. Hexen hilft hier auch nur eingeschränkt, die Mädchen müssen durchaus auch mal nachdenken, wie sie am besten an die verlorenen Besen kommen. Zwischendurch gibt es auch ein paar witzige Szenen. Es tut der Geschichte obendrein gut, dass bei den Junghexen nicht Schubia mit dabei ist. Die wilde Punkerhexe ist zwar grundsätzlich sympathisch, aber ihre plakative Comicsprache und ihre schrille Art gehen schnell mal auf die Nerven.

Die Folge ist zwar nicht so dramatisch wie andere, aber die Suche nach den Besen wird kurzweilig und recht spannend inszeniert. Auf die Mädchen lauern immer wieder neue Situationen, und natürlich ist nicht von vornherein klar, ob es ihnen tatsächlich gelingt, die Besen alle rechtzeitig zu finden. Zudem taucht immer wieder ein bestimmtes Tier auf, das später noch eine wichtige und überraschende Rolle spielt. Dazu kommt eine neue Hexenfigur ins Spiel, die durchaus Potenzial für weitere Folgen bietet; man darf gespannt sein, inwieweit das der Fall sein wird.

Ein paar Schwächen gehören allerdings auch dazu. So ist etwa die Reaktion der Althexen ungewöhnlich milde. Die drei Junghexen sind nicht nur Barbara zu einer geheimen Zeremonie gefolgt, sie haben sie auch noch erheblich gestört durch die Hexerei. Natürlich sollte bei einer Strafe diesbezüglich auch nicht übertrieben werden, aber die dann doch verhältnismäßig zahme Reaktion von der gewöhnlich strengen Mania passt nicht überzeugend ins Bild. Das gilt ebenso für das Unsichtbarkeitshexen. Diese Hexerei ist Junghexen verboten und läuft normalerweise längst nicht so unkompliziert ab wie hier. Zudem ist es unglaubwürdig, dass Bibi an einer bestimmten Stelle nicht weiter nachhakt und einer fremden Person so schnell vertraut.

Fazit:

"Im Wald der Hexenbesen" ist eine sehr solide und unterhaltsame Folge mit sehr hexischem Charakter. Es gibt zweifellos bessere Folgen, aber vor allem unter den Junghexen-Geschichten sticht sie positiv heraus.

Sprechernamen:


Bibi Blocksberg: S. Bonasewicz
Barbara Blocksberg: G. Streichhahn
Mania: L. Lunow
Warza: D. Rosenthal
Flauipaui: M. Hinze
Xenia : M. Koschny
Chaotia: A. Aust
Erzähler: G. Schoß

11. Mai 2017

Schatten - Ursula Poznanski

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Wunderlich
Seiten: 416
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Die Autorin:

Ursula Poznanski wurde 1968 in Wien geboren. Sie begann verschiedenste Studiengänge zu belegen, ehe sie sich für einen Werdegang als Medizinjournalistin entschied. Seit 2003 schreibt sie Jugend- und Erwachsenenbücher, insbesondere Thriller. Werke von ihr sind beispielsweise "Erebos", "Saeculum", "Fünf", "Blinde Vögel" und gemeinsam mit Arno Strobel "Fremd" und "Anonym".

Inhalt:

Beatrice Kaspary und ihr beruflicher und nun auch privater Partner Florin Wenninger von der Salzburger Abteilung für Leib und Leben bekommen es mit einem neuen Mordfall zu tun. Beatrice stellt fest, dass sie das Opfer Markus Wallner von einer früheren Festnahme kannte - und dass sie nur unangenehme Erinnerungen an den Mann hat.

Kurz darauf wird eine ertränkte Frau in einem Bach gefunden, zusammen mit einem Hinweis auf den ersten Mord. Und wieder kannte Beatrice das Opfer, diesmal ist es ihre ehemalige Hebamme - und wieder konnte sie es nicht leiden. Vor allem aber findet Beatrice eine Verbindung zum Mord an ihrer damals besten Freundin und Mitbewohnerin Evelyn, der sie seit sechzehn Jahren verfolgt.

Bald darauf geschieht ein dritter Mord, wieder gibt es Verbindungen zu den vorherigen Opfern und diesmal noch enger zu Beatrice. Sie schöpft Hoffnung, dass sie endlich nach all den Jahren Evelyns Mörder finden kann. Zugleich wird ihr klar, dass sie eine ganz besondere Rolle in dieser Mordserie spielt. Und schon bald hat der Täter es direkt auf sie abgesehen ...

Bewertung:

Mit "Schatten" liegt nach "Fünf", "Blinde Vögel" und "Stimmen" der vierte Band um die Salzburger Ermittler Beatrice Kaspary und Florin Wenninger vor, und wie schon die drei Vorgängerbände garantiert auch dieses Werk viel Spannung und beste Unterhaltung.

Aus drei Gründen ist es Beatrice' persönlichster Fall: Nie zuvor geriet sie so sehr in Gefahr und ins Visier des Täters, nie zuvor stand sie zu allen Opfern in Bezug, und sie darf endlich hoffen, den Mord an ihrer Freundin Evelyn zu lösen. Auch in den früheren Bänden wurde Evelyns Tod schon kurz angesprochen; schließlich gab jenes Erlebnis damals den Ausschlag dafür, dass Beatrice ihr Psychologiestudium abbrach und zur Polizei ging. Die lebensfrohe und temperamentvolle Evelyn wurde damals nach einer Party in der gemeinsamem Wohnung geradezu abgeschlachtet. Beatrice verbrachte die Nacht bei ihrem damaligen Freund und lehnte es ausnahmsweise ab, Evelyn mit dem Auto abzuholen. Da alles darauf hindeutete, dass Evelyn daraufhin trampte und von dem unbekannten Fahrer umgebracht wurde, machte sich Beatrice seither größte Vorwürfe. Nie konnte sie es sich verzeihen, dass Evelyn ausgerechnet in jener Nacht starb, als sie nicht für sie da war.

Für den Leser, der aus den anderen Bänden bereits Beatrice' Schuldgefühle kennt, ist es sehr reizvoll, dass dieser Fall nun wieder aufgegriffen wird. Für Spannung wird hier gleich in mehrfacher Hinsicht gesorgt: Man fragt sich, wie nah der Täter Beatrice wohl steht, denn er scheint sehr viel über sie zu wissen; ob er Evelyns Tod rächen und Beatrice bestrafen will oder ob er sie selbst umbrachte; was er mit Beatrice konkret vorhat, wie sie sich in seiner Gefangenschaft verhält. Die Täteridentität ist alles andere als offensichtlich, wird aber doch gewisserweise subtil angedeutet, so subtil, dass nicht zu viel vorweggenommen wird und dass der Täter eben rückwirkend doch genau passend gewählt ist. Schön ist außerdem, dass sich Beatrice in Gefangenschaft zwar grundsätzlich klug, sich aber nicht übermenschlich verhält, auch mal Fehler macht.

Sie und Florin sind ein sehr sympathisches Ermittlerpaar. Wie auch in den früheren Bänden spielt Beatrice' schwieriges Verhältnis mit ihrem Exmann Achim hinein. Durch ihre Arbeit kommen ihre beiden Kinder Mina und Jakob manchmal zu kurz, was Achim immer wieder dazu nutzt, gegen Beatrice zu sticheln. Florin möchte seine Beziehung zu Beatrice offiziell machen, aber gerade wegen Achims Eifersucht und ihrer Sorge, dass er die Kinder gegen Florin aufwiegelt, ist Beatrice dazu noch nicht bereit. Diese familiären Sorgen sind ebenso gut nachzuvollziehen wie ihre Schuldgefühle wegen Evelyns Tod. Als Beatrice Evelyns Tagebuch erhält, muss sie darin auch unschöne Dinge über sich selbst lesen; auch hier kann man nur zu gut nachempfinden, wie schmerzhaft diese Konfrontation mit der Vergangenheit für sie ist. Beatrice und Florin sind zwei glaubwürdige, liebenswerte Charaktere, die hoffentlich noch mehr gemeinsame Fälle erleben werden.

Zu kritisieren gibt es kaum etwas bei diesem hervorragenden Thriller. Vielleicht ist es ein bisschen konstruiert, dass der Täter ausgerechnet bei einer für ihn sehr wichtigen Sache etwas Pech hat. Und auch wenn es schön realistisch ist, dass Beatrice einmal sehr leichtsinnig handelt, ist genau diese Handlungsweise nicht unbedingt nachvollziehbar. Dieser Band ist zudem noch mehr als die anderen an die Vorgänger gebunden; gerade den dritten Band "Stimmen" sollte man gelesen haben.

Fazit:

"Schatten" von Ursula Poznanski ist wie schon die drei Vorgängerbände ein intelligenter und hochklassiger Thriller. Die Ermittler sind sympathisch, die Handlung ist durchweg spannend, die Auflösung überzeugt.

9. Mai 2017

Schlafe still - Luana Lewis

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Goldmann
Seiten: 288
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Die Autorin:

Luana Lewis ist Psychologin und verfasst regelmäßig Artikel für Zeitungen und Magazine; darüber hinaus hat sie einen Abschluss in Kreativem Schreiben. Ihr Debütroman, der Thriller "Lügenmädchen" (2014), war gleich ein großer Erfolg.

Inhalt:

Die vermögende Londonerin Vivien Kaye führt ein Luxusleben mit ihrem Ehemann Ben und der achtjährigen Tochter Lexi - bis sie eines Tages tot im Badezimmer aufgefunden wird. Am Kopf hat sie eine blutige Wunde; die Polizei schließt Fremdeinwirkung nicht aus.

Die Familie steht unter Schock, so auch Viviens Mutter Rose. Da Rose sich stets auf ihre Karriere im Krankenhaus als Stationsleiterin konzentrierte, hatten sie und Vivien ein distanziertes Verhältnis. Rose leidet darunter, so wenig Kontakt zu ihrer Enkelin Lexi zu haben. Sie hofft, dass zumindest nach Viviens Tod einen größeren Raum in Lexis Leben einnehmen darf.

Zu ihrer Verwunderung trifft Rose bei Ben seine Exfreundin Cleo. Cleo war nicht nur vor einigen Jahren mit Ben liiert, sondern auch seit Kindheitstagen Viviens Freundin - ehe sie Ben an Vivien verlor. Rose ist irritiert, dass Cleo wie selbstverständlich Viviens Stelle einnehmen will. Schließlich erfährt sie, dass Cleo Vivien lange Zeit verfolgt hat ...

Bewertung:

"Schlafe still" von Luana Lewis dreht sich einerseits um die Aufklärung von Vivien Tod, andererseits um ein komplexes Mutter-Tochter-Verhältnis. Viviens Todesursache ist lange Zeit unklar. Es könnte ein Unfall gewesen sein, es könnte sie jemand gestoßen haben, vielleicht erlitt Vivien auch auf natürliche Weise ein Herzversagen, der Sturz könnte aber auch durch eine selbst beigefügte Überdosis Medikamente geschehen sein. Rose ist überzeugt davon, dass Cleo einiges zu verbergen hat. Sie informiert die Polizei darüber, stellt aber parallel auch ihre eigenen Nachforschungen an. Fest steht, dass Cleo ungesund fixiert auf ihre einstige Freundin war und dass sie die Trennung von Ben offenbar nicht verwunden hat. Allerdings ist sie nicht die einzige Verdächtige: Es stellt sich heraus, dass es in der Ehe von Ben und Vivien anscheinend kriselte. Zudem ist Rose unsicher, welche Rolle der ältere Isaac spielt, Bens treuer Fahrer, der auch Vivien nahestand.

Zwischendurch gibt es kurze Rückblicke in die Vergangenheit. Hier erhält der Leser Einblicke in Viviens Leben und ihr Verhältnis zu Rose. Tatsächlich war Vivien längst nicht so glücklich, wie ihre Fassade ihre Umwelt glauben ließ. Deutlich wird auch, wie es zur Entfremdung zwischen Rose und ihrer Tochter kommen konnte, und man versteht Roses Wunsch, die verlorene Zeit nachzuholen und für die kleine Lexi da zu sein. Allerdings verhält sich ihr Schwiegersohn Ben sehr kühl, Rose muss um jedes Treffen mit ihrer Enkelin kämpfen.

Die Auflösung ist überzeugend und passt zum melancholischen Tonfall des Romans. Störend fällt allerdings auf, wie bereitwillig Cleo ihre Besessenheit von Vivien gegenüber Rose demonstriert. Rose muss in dieser Hinsicht keine komplizierten Recherchen anstellen. Stattdessen offenbart Cleo ihr viele Details auf dem Silbertablett, was dem kriminalistischen Teil der Handlung nicht sonderlich guttut - und was auch nicht gerade realistisch wirkt. Des Weiteren sind die Charaktere überwiegend eher uninteressant. Zwar ist Rose durchaus eine vielschichtige Figur, und ihr angespanntes Verhältnis zu Vivien hat seinen Reiz. Auch die Undurchschaubarkeit von Isaac ist gelungen. Allerdings sind dafür Ben und Cleo sehr beliebige Figuren. Verglichen mit Luana Lewis' Debütroman "Lügenmädchen", der durch eine intensive Atmosphäre besticht, fällt "Schlafe still" etwas ab.

Fazit:

"Schlafe still" von Luana Lewis ist ein solider und soweit unterhaltsamer Spannungsroman, der jedoch kein Highlight darstellt. Kann man lesen, ist aber eher durchschnittlich.

8. Mai 2017

Im Kopf des Mörders. Tiefe Narbe - Arno Strobel

Produktinfos:

Ausgabe: 2012 bei Fischer
Seiten: 368
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Der Autor:

Arno Strobel, Jahrgang 1962, studierte zunächst Informationstechnologie und arbeitete im IT-Bereich, ehe er mit dem Schreiben begann. 2010 gelang ihm mit "Der Trakt" der Durchbruch als Thrillerautor. Weitere Werke sind u. a. "Das Wesen", "Das Skript", "Das Rachespiel" und "Der Sarg". Mehr über ihn auf seiner Homepage www.arno-strobel.com

Inhalt:


Auf dem Düsseldorfer Polizeipräsidium taucht morgens ein verstörter Mann auf, dessen Kleidung von oben bis unten mit Blut getränkt ist. Es handelt sich um den Journalisten Harry Passeck, der angeblich tags zuvor in eine fremde Wohnung bestellt und dort niedergeschlagen wurde; an mehr kann er sich nicht erinnern. Das Blut stammt allerdings nicht von ihm selbst.

Der erfahrene Hauptkommissar Horst Böhmer und sein neuer Partner, der junge Oberkommissar Max Bischoff, übernehmen den Fall. Die Blutuntersuchung gibt neue Rätsel auf: Das Blut stammt von einer Frau, die bereits vor zwei Jahren spurlos verschwand und die eigentlich schon lange als tot gilt.

Passeck beteuert, die vermisste Miriam Winkel nicht zu kennen und nichts über ihr Verschwinden zu wissen. Max und Böhmer zweifeln allerdings, ob sie ihm glauben können. Haben die aktuellen Recherchen des Journalisten über eine Steueraffäre etwas mit dem Vorfall zu tun? Will sich jemand rächen und hat ihn in eine Falle gelockt - oder ist er doch in das Verschwinden und den Tod von Miriam Winkel verwickelt? Bald darauf taucht tatsächlich eine Leiche auf, die in Verbindung zum Fall steht. Aber es ist nicht die vermisste Miriam Winkel ...

Bewertung:

"Im Kopf des Mörders - Tiefe Narbe" von Arno Strobel ist der Auftakt einer Trilogie um den Düsseldorfer Oberkommissar Max Bischoff. Max und sein Partner Horst Böhmer bekommen es in ihrem ersten gemeinsamen Fall gleich mit einem besonders grausamen Serienmörder zu tun, der seine weiblichen Opfer zu Tode quält.

Max und Böhmer sind ein recht ungleiches Paar, das sich als Ermittlungspartner erst noch richtig finden muss. Max ist der Jungspund, noch unerfahren, aber hoch motiviert. Er hält viel von modernen Ermittlungsmethoden, etwa von der operativen Fallanalyse (oder "Profiling", wie es hier gern heißt). Auch ist er gut über die technischen Möglichkeiten informiert, die sich Ermittlern im 21. Jahrhundert bieten. Sein älterer Partner Horst Böhmer ist dagegen der konservative Typ, der sich mit diesen Methoden erst noch anfreunden muss. Er begegnet Max zwar freundlich, tritt aber auch immer wieder etwas herablassend auf und macht spitze Bemerkungen. Der personale Erzähler fokussiert sich auf Max, der eine sympathische Hauptfigur ist. Am Rande wird sein enges Verhältnis zu seiner Schwester Kirsten thematisiert. Seit einem Unfall mit acht Jahren sitzt sie im Rollstuhl. Gerade hat sich ihr Freund von ihr getrennt, und obwohl Kirsten eine beeindruckende Stärke zeigt, spürt Max ihren Kummer. Generell bilden Max und Böhmer ein vielversprechendes Ermittlerduo, auf deren Entwicklung man gespannt sein darf.

Der Roman ist ein solider, aber nicht überragender Serienmörderthriller. Hauptverdächtiger ist natürlich der Journalist Harry Passeck, der wiederum seine Unschuld beteuert. Max und Böhmer sind unsicher, ob er glaubwürdig ist oder nicht. Einerseits ertappen sie ihn bald darauf bei Lügen, andererseits ist es zwar nicht klug, aber doch nachvollziehbar, dass man kompromittierende Dinge aus Angst der Polizei verschweigt. Harry Passeck erscheint nicht gerade als Sympathieträger, allerdings versuchen die Ermittler dennoch, unvoreingenommen zu sein und nach weiteren Verdächtigen zu suchen.

"Im Kopf des Mörders - Tiefe Narbe" reicht allerdings nicht an die besten Werke von Arno Strobel heran. Wer etwa bei "Der Trakt", "Das Skript" und "Das Wesen" mitgefiebert hat, wird hier eher nicht die gleiche Begeisterung empfinden. Obwohl der Täter sehr grausam vorgeht und sich beim Töten seiner Opfer immer mehr Zeit lässt, stellt sich keine Höchstspannung ein. Das liegt auch daran, dass die Opfer jeweils kaum mehr als Namen für den Leser sind. Auch Harry Passeck ist keine so interessante Figur, als dass man inständig auf seine Unschuld hoffen würde. Zwar will man erfahren, ob er nun in die Morde verwickelt ist oder nicht, aber man wird davon nicht intensiv gefesselt. Überdies klingen die kurzen Passagen zwischendurch, die aus Tätersicht geschrieben sind, recht klischeehaft.

Fazit:

"Im Kopf des Mörders - Tiefe Narbe" von Arno Strobel ist ein solider, durchaus lesenswerter Thriller, der allerdings keine Höchstspannung garantiert. Man wird neugierig auf die beiden nächsten Bände mit dem sympathischen Ermittler Max Bischoff; Arno Strobel hat jedoch schon einige bessere Werke verfasst.

5. Mai 2017

AchtNacht - Sebastian Fitzek

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Knaur
Seiten: 416
* * * * *
Der Autor:

Sebastian Fitzek, Jahrgang 1971, zählt zu Deutschlands erfolgreichsten Thrillerautoren. Gleich mit seinem Erstling "Die Therapie" gelang ihm 2006 der Durchbruch. Weitere Werke sind u.a. "Der Seelenbrecher", "Der Augensammler", "Splitter", "Noah", "Passagier 23" und "Das Paket".

Inhalt:

Im Internet sorgt die mysteriöse Todeslotterie "AchtNacht" für Furore. Ein Unbekannter hat die Website vor einem Jahr veröffentlicht und zu Nominierungen für potenzielle Opfer aufgerufen. Angeblich sei die Regierung mit dieser Todeslotterie einverstanden, dem Mörder des Opfers drohe keine Strafverfolgung. Stattdessen winken dem erfolgreichen Jäger zehn Millionen Euro. Am 8.8. ist es soweit, und die Opfernamen werden bekanntgegeben: Es trifft den Berliner Musiker Ben und die Berliner Studentin Arezu.

Bens Leben ist ohnehin gerade an einem Tiefpunkt angekommen. Er verliert sein Engagement, seine neunzehnjährige Tochter Jule liegt nach einem Suizidversuch im Koma. Und plötzlich erfährt er, dass er im Mittelpunkt der "AchtNacht" steht. Hals über Kopf muss er vor AchtNacht-Jägern fliehen, die ihn töten wollen, und weiß nicht mehr, wem er trauen kann.

Auf der Flucht trifft er auf Arezu. Gemeinsam versuchen die beiden, bis zum Morgen irgendwie zu überleben. Und zu allem Überfluss droht ein unbekannter Anrufer, Bens Tochter zu töten ...

Bewertung:

Vor allem Shirley Jacksons düstere Kurzgeschichte "Die Lotterie" und der Zukunftshorrorfilm "The Purge" kommen einem bei Sebastian Fitzeks Thriller "AchtNacht" in den Sinn. "The Purge" hat den Autor auch tatsächlich zu der Geschichte inspiriert, allerdings spielt "AchtNacht" nicht in einer fernen Zukunft, sondern im gegenwärtigen Berlin. Die Todeslotterie ist auch nicht staatlich gebilligt, aber das hindert unzählige blutdürstige Menschen nicht daran, Jagd auf Benjamin Rühmann und Arezu Herzsprung zu machen.

Die Handlung spielt sich beinah in Echtzeit ab, ist dementsprechend rasant und frei von Längen. Für Spannung ist auch gleich in mehrfacher Hinsicht gesorgt: Vordergründig geht es natürlich um die Frage, ob Ben und Arezu die Nacht überleben und wie ihnen das gegebenenfalls gelingt. Zum einen droht ihnen der geldhungrige Mob auf der Straße, zum anderen wird Ben immer wieder von einem Unbekannten angerufen, der ihm spezielle Aufgaben zuteilt. Angeblich hat der Unbekannte Bens Tochter heimlich ein Gift injiziert, das sie in einigen Stunden sterben lässt, wenn Ben die Aufgaben nicht befolgt. Dazu kommt Bens Verdacht, dass Jule mit ihrem Sprung vom Dach gar keinen Suizidversuch begangen hat, sondern dass sie jemand umbringen wollte. Zudem stellt der Unbekannte böse Gerüchte über Ben ins Internet - die wütenden AchtNacht-Jäger sollen glauben, dass er ein Pädophiler ist, der seine eigene Tochter missbraucht hat. Somit stellt sich die Frage, wer es gerade auf Ben abgesehen hat, warum seine Tochter sterben soll und wer hinter der ganzen AchtNacht steckt. Ben weiß nicht, wem er noch trauen kann, fast jeder in seinem Umfeld könnte in die Verschwörung gegen ihn involviert sein. Auch Arezu ist zunächst eine unbekannte Größe für ihn. Allerdings sind sie Leidensgenossen und schließen sich zwangsläufig zusammen.

Ben ist ein recht sympathischer Protagonist, obgleich er sich gerade auf der Verliererstraße zu befinden scheint. Vor vier Jahren verursachte sein Autounfall schwerste Verletzungen bei seiner Tochter Jule, der daraufhin beide Beine amputiert werden mussten. Auch wenn sie ihr Leben daraufhin tapfer gemeistert hat, kann sich Ben dieses Ereignis nicht verzeihen. Seine Ehe ist gescheitert, und er steht bis auf Weiteres ohne Arbeit da. Man kann kaum anders, als mit ihm zu leiden, erst recht nachdem nahezu jeder glaubt, er habe seine Tochter missbraucht. Um jeden Preis will Ben das Leben seiner Tochter retten, dafür nimmt er bereitwillig in Kauf, sein eigenes zu riskieren. Grundsätzlich ist "AchtNacht" also ein kurzweiliges Katz-und-Maus-Spiel, eine spannende Reise durch die Nacht mit ungewissem Ausgang.

Am Ende werden die vielen Fragen, die im Handlungsverlauf aufkommen, beantwortet. Allerdings ist die Auflösung in manchen Belangen etwas weit hergeholt. Sie ist zwar nicht ganz so hanebüchen wie etwa in Fitzeks Thriller "Das Paket", aber dennoch gewöhnungsbedürftig. Die ganze Idee der AchtNacht ist bereits so außergewöhnlich und dramatisch, dass eine solche Auflösung, die dies noch scheinbar steigern will, zu übertrieben anmutet. Des Weiteren erscheint konstruiert, dass Ben gerade in sehr brenzligen Stresssituationen noch zu Geistesblitzen fähig ist. Überhaupt liest sich die Flucht der beiden phasenweise wie das Drehbuch eines ausgeklügelten Hollywoodfilms, in dem sich alles im rechten Moment zusammenfügt.

Fazit:


"AchtNacht" von Sebastian Fitzek ist ein dynamischer und kurzweiliger Thriller mit einer zwar nicht wirklich neuen, aber dennoch reizvollen Grundidee. Gegen Ende hin wird die Handlung etwas zu sehr übertrieben, inklusive der Auflösung.

30. April 2017

Die drei Fragezeichen und die flüsternden Puppen

Hörspiel.de
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Inhalt:

Peter findet vor einem neu eröffneten Fitnessstudio einen Walkman und hört sich aus Neugierde die Kassette an. Die Musik auf dem Band wird aber kurzzeitig durch eine dramatische Aufnahme unterbrochen - man hört die Schreie eines Mädchens oder einer jungen Frau, die offenbar entführt wurde.

Justus, Peter und Bob erfahren im Fitnessstudio, dass der Walkman einer jungen Frau namens Bianca gehört, und erhalten ihre Handynummer. Am Handy meldet sich ein Mann in Mexiko, der das Gerät in einer Straße in Tijuana gefunden hat. Kurzerhand fahren die drei Fragezeichen nach Mexiko, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Biancas Spur führt sie zu einer alten Hütte, die den Freunden alles andere als geheuer ist. Hier stoßen sie auch auf seltsame Puppen, die einige Sätze sprechen. Und schon bald schweben die drei auf der Suche nach Bianca in großer Gefahr ...

Bewertung:


Titel und Cover dieser Folge sind zwar ungewöhnlich harmlos, aber gerade das kann neugierig darauf machen, wie sich aus "flüsternden Puppen" ein dramatischer Fall zimmern lässt - und man darf nicht vergessen, dass spätestens seit Mörderpuppe "Chucky" auch Puppen durchaus etwas Unheimliches anhaftet. Und anfangs wirkt tatsächlich alles spannend und vielversprechend in dieser Hinsicht, schließlich wurde offenbar ein Teenager nach Mexiko entführt. Die Handlung kommt schnell zum Punkt, die Grundthematik ist reizvoll, es ergeben sich rasch drängende Fragen: Warum wurde Bianca entführt, wer sind die Entführer, kann das Mädchen gerettet werden, wie werden die drei Fragezeichen sie finden?

Erste Längen stellen sich dann ein, als die Freunde in Mexiko gezwungenermaßen aufgrund einer Autopanne die Nacht in der Hütte verbringen müssen. Hier kommt zwar eine gewisse gruselige Atmosphäre auf, aber es wird doch etwas viel Zeit auf diese Situation verschwendet. Und leider muss man schon zu diesem Zeitpunkt die Logik der Handlung etwas in Frage stellen - denn wie realistisch ist es wohl, dass die Freunde einfach auf gut Glück nach Mexiko düsen, statt in einem Entführungsfall lieber direkt Inspector Cotta zu verständigen? Natürlich hat Justus den Ehrgeiz, Fälle ohne die Polizei zu klären und will sie nicht so schnell herbeirufen wie der ängstliche Peter, doch wenn offenbar ein Mädchen von Gangstern entführt und in ein anderes Land verschleppt wurde, ist diese Reaktion mehr als unpassend. Apropos ängstlicher Peter: In der Hütte gibt es eine Szene, in der er seinen Ängsten mal freien Lauf lässt. Die Szene dürfte die Zuhörer spalten: Einerseits ist sie ausgesprochen witzig, andererseits auch reichlich überzogen. Aber bei aller verständlichen Kritik wäre es schade gewesen, sie herauszulassen, weil sie so schön absurd ist.

Am Ende wird alles lückenlos aufgeklärt, und es gibt einen gewissen Überraschungseffekt, den der Hörer kaum vorherahnen kann. Allerdings ist es sehr konstruiert, dass jemand einen so fehleranfälligen und aufwändigen Plan austüftelt, der insgesamt einfach hanebüchen ist. Die Auflösung ist reichlich abstrus und verärgert eher, als dass sie durch ihre Unvorhersehbarkeit begeistert. Zudem agiert Justus selbst für seine Verhältnisse zu sehr im Alleingang. Es ist zwar eines der Markenzeichen der drei Fragezeichen, dass Justus eben der Anführer und besonders clever ist. Dennoch wird diese Eigenschaft in dieser Folge übertrieben. Zu Recht sind Peter und Bob schließlich genervt von der Geheimniskrämerei ihres "ersten Detektivs", der sie wie Handlanger dastehen lässt.

Fazit:

"Die drei ??? und die flüsternden Puppen" ist eine zunächst reizvolle, teils atmosphärische und teils witzige Folge, die gegen Ende hin aber mehr und mehr abflacht und enttäuscht. Okay zum einmaligen Hören, ansonsten sind viele Folgen besser.

Sprechernamen:

Erzähler - Thomas Fritsch
Justus Jonas - Oliver Rohrbeck
Peter Shaw - Jens Wawrczeck
Bob Andrews - Andreas Fröhlich
Michael Rompa - Mario Ramos
Afton - Julia Fölster
Inspektor Cotta - Holger Mahlich
Goodween - André Minninger

27. April 2017

Perfect Girl (Nur du kennst die Wahrheit) - Gilly Macmillan

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Droemer Knaur
Seiten: 464
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Die Autorin:

Gilly Macmillan aus Großbritannien studierte zunächst Kunst und Kunstgeschichte und arbeitete als Dozentin und für Kunstgalerien. Ihr Debütroman "Toter Himmel" erschien 2015 und war gleich ein großer Erfolg.

Inhalt:

Die vierzehnjährige Zoe ist eine hochbegabte Pianistin, die vor einer glänzenden Karriere steht. Doch alles ändert sich schlagartig, als Zoe nach einer Party einen Autounfall verursacht, bei dem alle drei Mitfahrer sterben, darunter ihre beste Freundin. Zoe kommt für einige Monate in Jugendhaft, ihre Eltern trennen sich unter der Belastung.

Drei Jahre später: Zoe wurde mittlerweile entlassen. Ihre Mutter Maria hat den reichen Unternehmer Chris geheiratet und noch ein Baby bekommen. Sowohl Zoe als auch ihre Mutter haben seinen Namen angenommen und hoffen auf einen schönen Neuanfang in einer neuen Stadt. Allerdings weiß Chris nichts von Zoes Vergangenheit - und Maria hat ihrer Tochter eingeschärft, dass er es auch niemals erfahren darf.

Als Zoe gemeinsam mit Stiefbruder Lucas ihr erstes Konzert nach ihrer Entlassung gibt, stürmt ein Mann auf sie zu und beschimpft sie als Mörderin - es ist der Vater eines der Opfer. Zoes Mutter bekommt Panik, dass ihre Zukunft zusammenbricht; die furchtbare Vergangenheit holt die Familie ein. Und um Mitternacht ist Zoes Mutter tot - was ist geschehen ...?

Bewertung:

In Gilly Macmillans "Perfect Girl - Nur du kennst die Wahrheit" trifft Familientragödie auf Thriller, wobei der Thrilleranteil erst später ins Spiel kommt. Die Hauptfigur ist Zoe, aber die Handlung wird aus verschiedenen Sichtweisen erzählt. Mal spricht Zoe, dann ihre Tante Tessa, Zoes ehemaliger Anwalt Sam und Tessas Eheman Richard. Man erfährt nach und nach Details zu Zoes Unfall; zunehmend dreht sich dann aber die Thematik um Marias Tod. War es ein Unfall oder hat sie jemand bewusst getötet? Zoe trauert nicht nur um ihre Mutter, sie hat auch - nicht unberechtigt - Angst, dass sie erneut ins Visier der Polizei gerät. Es herrscht Misstrauen unter den Familienmitgliedern, und sie haben jeweils ihre Geheimnisse. So hat beispielsweise Tessa ein Verhältnis mit Zoes Anwalt Sam, wovon ihr alkoholabhängiger Ehemann Richard natürlich nichts erfahren soll. Im Zuge der Ermittlungen um Marias Tod werden jedoch die Alibis aller Angehörigen überprüft, und Tessa gerät dadurch in Bedrängnis.

Spannend sind einerseits die Enthüllungen aus der Vergangenheit. Allmählich klärt sich für den Leser auf, was in jener Nacht genau geschah. Das hilft, sich in Zoe einzufühlen. Sie hat damals sehr dumm gehandelt, allerdings erfährt man in den Rückblicken auch, dass einige Dinge anders waren, als sie sich für die Ermittler darstellten. Zoe ist gewiss nicht nur ein Opfer, aber man kann mit ihr fühlen, und man spürt, wie sehr sie den Fehler in ihrer Vergangenheit bereut. Zugleich kann man aber auch sehr gut den Kummer der Hinterbliebenen der Opfer verstehen, die nicht akzeptieren wollen, dass die "Täterin" jetzt unbehelligt ein schönes Leben führt. Zoes Rehabilitation ist in emotionaler Hinsicht ein zweischneidiges Schwert, das zum Nachdenken anregt.

Andererseits ist auch nicht sofort zu durchschauen, wer für Marias Tod verantwortlich ist. Zoes Mutter hinterlässt eine zerrissene Familie, in der gegenseitiges Misstrauen herrscht. Gerade Zoe weiß nicht, wem sie trauen kann und wie ihr Leben nun weitergeht - wird sie zu ihrem leiblichen Vater zurückkehren, will der diese Verantwortung überhaupt? Oder bleibt sie bei Stiefvater Chris und Stiefbruder Lucas. Und was ist mit Baby Grace - muss sich Zoe von ihrer Schwester trennen? Eine undurchsichtige Rolle nimmt ihr Stiefbruder ein. Der stille Lucas steckt Zoe ein selbst verfasstes Drehbuch zu, das aus der Sicht seiner verstorbenen Mutter geschrieben ist, eine zunächst vor allem verwirrende und beklemmende Lektüre.

Das Ende ist zwar keine große Überraschung, aber zufriedenstellend. Mit den vielen Erzählperspektiven wurde vielleicht etwas übertrieben; ob es nötig ist, dass etwa Zoes Onkel Richard eigene Kapitel erhält, kann man diskutieren. Dazu nimmt die private Situation von Anwalt Sam ein bisschen zu viel Raum ein und lenkt von den Geschehnissen um Zoe ab.

Fazit:


Gilly Macmillans "Perfect Girl" ist ein unterhaltsamer Mix aus Familiendrama und Thriller. Sofern einen die vielen unterschiedlichen Erzählperspektiven nicht stören oder verwirren, ergibt sich daraus eine kurzweilige Lektüre.

26. April 2017

Good as gone - Amy Gentry

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei C. Bertelsmann
Seiten: 320
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Die Autorin:

Amy Gentry schloss ihr Studium in Chicago mit einem PhD ab und unterrichtet derzeit in Texas englische Literatur an einer High School. Parallel dazu arbeitet sie als freie Literaturkritikerin. "Good as gone" ist ihr erster Roman, der sofort zum Bestseller wurde.

Inhalt:

Die dreizehnjährige Julie wird mitten in der Nacht von einem Mann aus ihrem Zimmer entführt. Die einzige Zeugin ist ihre jüngere Schwester Jane, die alles heimlich und verängstigt beobachtet. Trotz der polizeilichen Ermittlungen und familiärer Suchaktionen bleibt Julie unauffindbar.

Acht Jahre später steht eine abgemagerte und verwahrloste junge Frau vor der Tür der Familie und gibt sich als Julie aus. Ihre Familie ist überwältigt vor Glück. Julie erzählt, dass sie all die Jahre gefangen gehalten und regelmäßig vergewaltigt wurde. Kurz bevor sie umgebracht werden sollte, gelang ihr die Flucht. Während die Polizei versucht, die Täter zu finden, bemühen sich Tom, Anna und Jane um ein halbwegs normales Familienleben.

Doch Julies Mutter Anna ertappt ihre Tochter nach einiger Zeit bei diversen Lügen. Sie ist unsicher, was sie davon zu halten hat. Schließlich kommt Anna der Verdacht, dass es sich vielleicht gar nicht um Julie handelt. Doch was sollte eine Fremde damit bezwecken wollen ...?

Bewertung:


Amy Gentrys "Good as gone" ist ein Verwirrspiel um eine verlorene und möglicherweise zurückgekehrte Tochter. Die Handlung nimmt abwechselnd Anna und Julie in den Fokus. Anna ist zunächst überglücklich über Julies Rückkehr und möchte ihrer Tochter das neue Leben so angenehm wie möglich gestalten. Aber gewisse Unstimmigkeiten in Julies Aussagen machen sie unsicher, und sie engagiert schließlich einen Privatdetektiv, der Licht in Julies Vergangenheit bringen soll. Parallel dazu erhält der Leser immer wieder kurze Einblicke in Julies früheres Leben. Schnell ist klar, dass sie tatsächlich einiges vor Anna, Tom und Jane verbirgt und dass sie einige Lügen aufgetischt hat. Doch welche Gründe sie dafür hat, bleibt lange Zeit offen. Der Leser darf hier rätseln, ob Julie die echte Julie ist oder eine Betrügerin, und daran knüpfen automatisch die Fragen an, wer hinter der Entführung damals steckte und ob diese Tat aufgeklärt wird.

Die Ermittlungsarbeiten nehmen einen verschwindend kleinen Raum ein, stattdessen steht die familiäre Dynamik im Vordergrund. Für Julies Angehörige ist es schwer, mit der neuen Situation umzugehen. Jane fühlt sich immer mehr zurückgesetzt, sie rebelliert. Anna ist hin- und hergerissen zwischen Fürsorge, Neugierde und Misstrauen gegenüber Julie. Die meisten Entführungsthriller enden mit dem Auffinden des Opfers, tot oder lebend, und im lebenden Fall ist es gewöhnlich ein glückliches Ende. "Good as gone" beleuchtet die Probleme, die sich gerade aus dem Auftauchen des Opfers ergeben können. Die Sorgen, Ängste und Verzweiflungen der vergangenen Jahre werden durch neue Schwierigkeiten ersetzt, es ist mitnichten plötzlich alles heil für die Familie. Während Tom eher außen vor bleibt, kann man sowohl Annas als auch Janes Gefühle grundsätzlich gut nachvollziehen. Am Ende werden alle wichtigen Fragen beantwortet, und es stellt sich ein gewisser Überraschungseffekt ein.

Störend fällt aber beispielsweise auf, dass kein DNA-Test nach Julies Rückkehr durchgeführt wird. Man sollte doch annehmen, dass sich die Polizei nicht einfach mit der Aussage des angeblichen Entführungsopfers zufriedengibt, nachdem immerhin acht Jahre vergangen sind und Julie natürlich nicht mehr genauso aussieht wie als Dreizehnjährige. Natürlich hätte ein schneller DNA-Test die Handlung erheblich abgekürzt, was ein Problem für die Geschichte wäre. So wirkt es recht konstruiert, wie ein billiger Trick, um eben die Frage bezüglich Julies Identität lange offenzulassen. Überhaupt bleiben die Ermittlungen nach Julies Rückkehr sehr außen vor. Nicht so überzeugend ist auch die sehr geraffte Darstellung der ersten Wochen. Gerade die allererste Zeit nach Julies Rückkehr wäre interessant, aber davon wird kaum etwas gezeigt, was für den Leser unbefriedigend ist. Zu guter Letzt wäre schön gewesen, wenn man sich noch besser in Anna, Tom und Jane einfühlen könnte; sie sind für ein so hochemotionales Thema ein wenig zu blass geraten.

Fazit:

"Good as gone" von Amy Gentry ist ein anfangs sehr reizvoller, dann aber doch nur solider Roman mit Thrillerelementen. Die Idee ist interessant, und es kommt eine gewisse Spannung auf, sodass man neugierig auf die Auflösung wird; rundum kann das Buch aber nicht überzeugen.

24. April 2017

Kirsty McKay - play2live

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Chicken House (Carlsen)
Seiten: 384
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Die Autorin:

Kirsty McKay aus Großbritannien war Schauspielerin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Sie schrieb zunächst Texte für Theater und gewann dann 2008 den Schreibwettbewerb der Society of Children's Book Writers and Illustrators. Bekannt sind vor allem ihre beiden "Untot"-Romane.

Inhalt:

Die sechzehnjährige Cate besucht das abgelegene Elite-Internat Umfraville vor der walisischen Küste. Da es in dieser Gegend nicht viel zu erleben gibt und die Lehrer ein strenges Auge auf ihre Schützlinge haben, zelebrieren die Schüler seit Generationen ein Rollenspiel namens "Killer". Cate ist aufgeregt, denn zum ersten Mal gehört sie zu den Ausgewählten, die mitmachen dürfen.

Unter zwölf Schülern wird ein "Mörder" ausgelost, seine Identität bleibt geheim. In der nächsten Zeit versucht der Mörder, seine Mitspieler nach und nach auf spielerische Art zu "töten", natürlich ohne echte Verletzungen. Die Mitspieler müssen ihrerseits versuchen, den Mörder zu erraten; liegen sie falsch, scheiden sie jedoch aus.

Doch dieses Mal läuft einiges anders. Der Killer scheint es diesmal ernst zu meinen, und Cate fühlt sich zunehmend verunsichert. Ist es noch ein Spiel, oder wird hier wirklich bald jemand zum Mörder? Und warum taucht plötzlich ihr alter Kindheitsfreund Vaughan im Internat auf und möchte unbedingt mitspielen ...?

Bewertung:

Kirsty McKays Jugendthriller "play2live" bringt gute Voraussetzungen mit, ergibt letztlich dann aber doch eher nur solide Unterhaltung. Dabei ist gerade das Setting zunächst vielversprechend. Das Internat steht nicht nur abgelegen auf einer Insel, sondern diente zudem in früheren Zeiten als Nervenheilanstalt, was beim Leser leicht gruselige Bilder hervorruft. Dazu gibt es in der Nähe nicht nur die raue Küste, sondern auch unheimliche Höhlen. Auch das Mörderspiel hat seinen Reiz und sorgt für Spannung. Ebenso wie Hauptfigur Cate darf man rätseln, wer der ausgeloste "Killer" ist und was es mit den bedrohlichen Vorfällen auf sich hat - nimmt der Killer seine Aufgabe diesmal zu ernst? Oder gibt es einen zweiten Killer, der das Ganze nicht als Spiel betrachtet? Und welches Motiv könnte dahinterstecken? Trauen kann Cate eigentlich niemandem. Und schließlich deutet sich an, dass der Killer es nicht wahllos auf seine Opfer abgesehen hat, sondern ganz gezielt Cate schaden will. Perfide ist dabei, dass die Jugendlichen nicht gleich beim ersten Zwischenfall die Lehrer verständigen sollen - denn das beliebte Spiel wird an der Schule nur solange geduldet, wie es eben keine Negativfolgen gibt. So ist nachvollziehbar, dass die Clique zunächst unter such versuchen möchte, den Killer alleine auszumachen und keinen Erwachsenen vorschnell einzubinden.

Der mit Abstand interessanteste Charakter ist Vaughan, Cates ehemaliger Kindheitsfreund. Die beiden verloren sich nach Cates Umzug aus den Augen, und plötzlich taucht er in Umfraville auf. Er ist ein Informatikgenie, das gerade die Universität von Cambridge hinter sich gelassen hat und unbedingt in den elitären Kreis der Gildenmiglieder aufgenommen werden möchte, die am Killerspiel teilnehmen. Seine Eintrittskarte in die Gilde ist sein selbst kreiertes Online-Netzwerk "Crypt", das dank geschickter Verschlüsselung den Lehrern verborgen bleibt. Auf der Crypt-Website können sich die Mitglieder über das Spiel austauschen und Theorien aufstellen - mit anonymen Nicknames, um den Rätselspaß zu erhöhen. Vaughan ist aber nicht nur sehr clever, sondern auch witzig, hat immer wieder eine trockene Replik parat und bringt Farbe in das Geschehen. Cate ist anfangs nur verblüfft, dass er so plötzlich wieder in ihrem Leben auftaucht, freut sich zunehmend immer mehr, weiß aber dennoch lange Zeit nicht recht einzuschätzen, wie sie und Vaughan nun zueinander stehen.

Allerdings ist Vaughan auch der einzige interessante Charakter. Ob nun der Cliquen- und Spielanführer Alex, sein bester Freund Rick, der Musiker Daniel oder Cates beste Freundin Marcia, niemand sticht sonderlich hervor, sie sind kaum mehr als Namen mit ein, zwei Eigenschaften. Auch Cate selbst ist für eine Ich-Erzählerin reichlich unspektakulär. Entsprechendes gilt zudem für die Lehrer. Sie bleiben ziemlich weit außen vor und sind keine markanten Gestalten. Das gilt auch für den Kunstlehrer Mr. Flynn, zu dem Cate eigentlich eine besondere Beziehung hat, die aber letztlich kaum eine Rolle spielt. Der Humor ist an manchen Stellen zwar gelungen, an anderen allerdings auch albern und zu slapstickartig. Schließlich ist auch das Motiv nur mäßig überzeugend.

Fazit:


"play2live" von Kirsty McKay ist ein teils humorvoller, teils spannender Jugendthriller für Leser ab etwa vierzehn Jahren. Er bietet recht unterhaltsame Lektüre, allerdings gibt es Schwächen, etwa bei der Charakterzeichnung.

22. April 2017

The Couple Next Door - Shari Lapena

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Lübbe
Seiten: 350
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Die Autorin:

Shari Lapena arbeitete als Rechtsanwältin und Englischlehrerin, bevor sie mit "The Couple Next Door" ihren ersten Roman vorlegte. Das Thrillerdebüt wurde sogleich ein internationaler Erfolg mit Übersetzungen in 28 Sprachen.

Inhalt:


Anne und ihr Ehemann Marco sind bei ihren Freunden Cynthia und Graham, die im Nachbarhaus wohnen, eingeladen. Die Paare wollen in gemütlicher Cocktailstimmung Grahams Geburtstag feiern. Kurz vorher sagt die Babysitterin ab, die auf Annes und Marcos sechsmonatige Tochter Cora aufpassen soll.

Anne will zunächst zuhause bleiben, da Cynthia das Baby nicht dabeihaben will. Doch Marco überredet sie, Cora allein zu lassen. Sie nehmen das Babyfon mit und schauen alle halbe Stunde nach ihrer Tochter. Den ganzen Abend über fließt reichlich Alkohol, Anne ärgert sich über Cynthias Flirtereien mit Marco. Als Anne und Marco nach ein Uhr schließlich nach Hause kommen, ist Cora verschwunden.

Panisch verständigen sie die Polizei, die sofort mit Hochdruck ermittelt. Detective Rasbach ist sich uneins, was er von dem Fall halten kann. Eine Entführung ist denkbar, zumal Annes Eltern Millionen besitzen. Doch warum wurde dann keine Nachricht hinterlassen? Vielleicht aber haben Anne und Marco etwas zu verbergen. Marcos Verhalten macht den Ermittler misstrauisch, ebenso wie Anne, die seit der Geburt unter Depressionen leidet ...

Bewertung:


Ein verschwundenes Baby sorgt in Shari Lapenas "The Couple Next Door" für spannende Unterhaltung. Die Ausgangslage erinnert ein wenig an den realen Fall der vermissten Madeleine McCann - die Eltern lassen ihr(e) Kind(der) allein, während sie unweit davon - aber außerhalb der Wohnung - mit Freunden feiern, sie schauen regelmäßig ins Kinderzimmer, und irgendwann ist das Kind verschwunden.

Für den Leser ergibt sich daraus ein vielschichtiges Verwirrspiel, in dem fast jeder etwas zu verbergen hat. Anne scheint eine liebende und fürsorgliche Mutter, ihre Verzweiflung nach Coras Verschwinden spricht Bände und berührt den Leser. Und doch gibt es bei ihr auch eine andere Seite: Sie hat sich nach Coras Geburt stark verändert, wird medikamentös wegen Depressionen behandelt, ist häufig überfordert und hat zugleich viel von ihrer früheren vitalen, fröhlichen Art verloren. Dazu kommt, dass sie früher schon mal in Ausnahmesituationen zu Gewalt neigte - für Detective Rasbach also nicht ausgeschlossen, dass sie in Umnachtung ihrer Tochter etwas angetan hat. Marco wiederum steckt in finanziellen Schwierigkeiten und entfernt sich zunehmend von seiner Frau, während er mit der Nachbarin flirtet. Auch er ist daher jemand, den die Ermittler sehr genau unter die Lupe nehmen. Und schließlich erfährt man, dass auch Cynthia und Graham pikante Geheimnisse haben. Der Reiz des Romans ergibt sich aus dieser Vielzahl an Enthüllungen, die nach und nach an die Oberfläche gelangen. Immer wieder gibt es eine neue Entwicklung, eine weitere brisante Info, die die Dinge in ein anderes Licht rückt. Der Leser weiß zwar mehr als die Ermittler, erfährt die kompletten Zusammenhänge aber auch erst ganz am Schluss.

"The Couple Next Door" ist ein kurzweiliger Thriller in einem einfachen, aber sehr flüssigen Schreibstil. Er ist eine sehr solide Lektüre für Leser, die ihren Spaß an Geschichten mit immer neuen Enthüllungen haben, die den Leser zudem ein wenig in die Irre führen. Man kann gut miträtseln und leidet mit Anne und Marco, auch wenn man im weiteren Verlauf auch unangenehme Dinge über sie erfährt. Definitiv möchte man wissen, die das Ganze endet und welche Intrigen und Heimlichkeiten sich noch offenbaren.

Allerdings wird mit den Wendungen zunehmend auch übertrieben. Es ist nicht realistisch, wie viele Menschen im Umfeld dieses Ereignisses in irgendeiner Form darin verstrickt sind. Sicher überrascht man den Leser damit, läuft aber auch Gefahr, ihn auf Dauer zu entnerven. Das Ende will dann spektakulär sein, schießt aber übers Ziel hinaus. Das Buch könnte auch ohne Weiteres ein paar Seiten eher schließen, ohne diesen letzten Clou, und hätte immer noch genug Überraschungen geboten. Als dritten Kritikpunkt kann man ins Feld führen, dass Detective Rasbach ein ziemlich unscheinbarer Ermittler ist, der eigentlich zu keiner Zeit ein wirkliches Profil erlangt.

Fazit:

"The Couple Next Door" von Shari Lapena ist ein kurzweiliger Thriller mit reizvoller Grundthematik, der viele Wendungen bietet. Jedoch wird mit diesen Wendungen auch übertrieben, was die Glaubwürdigkeit leiden lässt. Das gilt auch für das aufgesetzt wirkende Ende.

21. April 2017

Das Gesicht meines Mörders - Sophie Kendrick

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Rowohlt
Seiten: 320
* * * * *
Die Autorin:

Sophie Kendrick studierte englische Literatur und arbeitete als Ghostwriterin und in einer Buchagentur. "Das Gesicht meines Mörders" ist ihr erster eigener Roman.

Inhalt:

Als Clara Winter im Krankenhaus aus dem Koma erwacht, bemerkt sie mit Entsetzen, dass sie ihr Gedächtnis verloren hat. Sie weiß nicht, wer sie ist oder was geschehen ist - und sie erkennt auch ihren besorgten Ehemann Roland nicht wieder. Sie erfährt, dass offenbar ein Einbrecher sie niederschlug und anschließend das Haus in Brand setzte. Die Ärzte können ihr nicht sagen, wann sie ihr Gedächtnis zurückerlangen wird.

Bald darauf wird Clara mitgeteilt, dass sie kurz vor dem Angriff Anzeige wegen Stalking gegen unbekannt gestellt hat. Immer wieder fühlte sich Clara in den vergangenen Wochen verfolgt und belästigt, sodass die Polizei in Betracht zieht, dass kein Einbrecher, sondern ihr anonymer Stalker sie niederschlug.

Schließlich erfährt Clara aber noch beunruhigende Dinge von ihrem Ehemann: Anscheinend litt sie schon seit Längerem unter Wahnvorstellungen und war daher auch nicht arbeitsfähig. Hat sie sich auch das Stalking möglicherweise nur eingebildet? Zudem ertappt sie Roland mehrmals beim Lügen. Clara weiß nicht, wem sie trauen kann. Und schließlich fühlt sie sich erneut verfolgt und bedroht ...

Bewertung:

Mit "Das Gesicht meines Mörders" ist Sophie Kendrick gleich mit ihrem ersten Roman ein sehr überzeugender Thriller geglückt, der den Leser von Anfang bis Ende in Atem hält.

Freilich begegnet man der Ausgangslage öfter in diesem Genre: Ein Protagonist mit Amnesie bietet sich natürlich von vornherein an, um Spannung zu erzeugen. So auch in diesem Fall, wo man nicht mehr weiß als Clara Winter. Im Laufe der Handlung ergeben sich viele Fragen, die man unbedingt beantwortet sehen möchte: Zentral ist vor allem natürlich die Frage, wer Clara niedergeschlagen hat - war sie ein Zufallsopfer oder hat es tatsächlich jemand gezielt auf ihr Leben abgesehen? Wie viel stimmt von dem, was ihr Mann Roland ihr erzählt: Sie leide unter Wahnvorstellungen, sie sei eine Einzelgängerin ohne Freunde, ihre Familie sei tot. Durch den Brand sind auch alle weiteren potenziellen Informationsquellen wie Fotos, Tagebücher oder Briefe vernichtet. Clara hat im Grunde nur Roland, um mehr über ihr Leben zu erfahren - doch kann sie ihm wirklich trauen? Ist er tatsächlich der liebende Ehemann, für den er sich ausgibt - obwohl ihm als attraktiven Bestsellerautor die Frauen nachlaufen und obwohl Clara doch anscheinend so viele psychische Probleme hat? Auch fühlt sich Clara bald schon eingeengt und überwacht von Roland; doch es ist unklar, ob er einfach sehr besorgt ist oder ob er andere Gründe dafür hat.

Clara weiß nicht einmal, ob sie sich selbst und ihren bisweilen aufblitzenden Erinnerungsfetzen trauen darf. Ab und zu meint sie, sich an etwas zu erinnern, und sie träumt von dem Angriff auf sie. Doch sie kann nicht einschätzen, ob Phantasie oder Wirklichkeit dahintersteckt. Claras Hilflosigkeit, ihre Unsicherheit, wem sie trauen kann und wer sie überhaupt ist, wird sehr überzeugend eingefangen. Man sympathisiert und leidet mit ihr, kann ihre Gedanken und Ängste nachvollziehen, und man hofft auf ein gutes Ende. Claras Nachforschungen ergeben einige interessante Anhaltspunkte, die für neue Spannung sorgen. So findet sie auf ihrem Handy eine Nachricht mit der Bitte um ein Treffen von einer "Isabel". Aber ist "Isabel" nun eine Freundin oder ist sie ihre Feindin? Des Weiteren stößt Clara auf brisante Familienereignisse in ihre Vergangenheit; auch hier darf man lange miträtseln, inwiefern sie eine Bedeutung für die aktuellen Geschehnisse haben.

Längen kommen bei all diesen Anknüpfungspunkten nicht auf; vielmehr gelingt es der Autorin, den Leser durchgängig bei der Stange zu halten. "Das Gesicht meines Mörders" ist einer jener Thriller, die man möglichst ohne Unterbrechungen verschlingen möchte. Man fiebert dem Ende entgegen und wird nicht enttäuscht. Die Auflösung ist nicht zu vorhersehbar und wird überzeugend präsentiert. Schwächen gibt es im Grunde kaum. Sicher sind die Charaktere nicht außergewöhnlich einprägsam, was aber dank der unterhaltsamen Handlung nicht weiter ins Gewicht fällt. Nicht wirklich realistisch ist die Darstellung, wie Clara an eine bestimmte Waffe kommt - das wirkt doch recht konstruiert. Und generell haben die meisten Thriller mit Amnesiethematik den kleinen Haken, dass der Zeitpunkt, an dem das Gedächtnis zurückkommt, natürlich an einer besonders passenden Stelle eintrifft, um die Spannung nicht vorzeitig abzubrechen. Das ist auch hier der Fall, aber zumindest wird der Moment der Gedächtnisrückkehr nicht zu plakativ in Szene gesetzt.

Fazit:

"Das Gesicht meines Mörders" von Sophie Kendrick ist ein sehr überzeugender Debütroman und ein fesselnder und kurzweiliger Thriller. Wer Spannungsromame mag, die sich um einen Gedächtnisverlust der Protagonistin drehen, der darf beherzt zugreifen.

14. April 2017

Das Gift der Seele - Michelle Frances

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Goldmann
Seiten: 448
* * * * *
Die Autorin:

Michelle Frances arbeitet hauptberuflich als Fernsehproduzentin für BBC Wales. "Das Gift der Seele" ist ihr erster Roman.

Inhalt:

Laura Cavendish ist eine glückliche Frau: Sie produziert sehr erfolgreich Fernsehserien, ihr Sohn Daniel, Medizinstudent, ist ihr ganzer Stolz, und mit ihrem wohlhabenden Ehemann Howard führt sie eine solide Ehe. Doch dann verliebt sich Daniel in die junge Immobilienmaklerin Cherry. Cherry stammt im Gegensatz zu Daniel aus sehr armen Verhältnissen. Das allein stört Laura nicht, aber sie empfindet ihre Schwiegertochter in spe schnell als besitzergreifend und manipulativ.

Schon kurz nach dem Kennenlernen verbringt Daniel sehr viel Zeit mit Cherry. Laura hat zunehmend das Gefühl, dass Cherry gegen sie stichelt, und versucht, sie von Daniel fernzuhalten. Schließlich kommt Laura auch noch der Verdacht, dass Cherry in erster Linie hinter Daniels Geld her ist.

Dieser Verdacht erhärtet sich während eines gemeinsamen Urlaubs in Frankreich. Cherry ist Laura zunehmend ein Dorn im Auge, und Laura versucht, Daniel von ihr abzubringen. Doch sie hat nicht mit Cherrys Raffinesse und Durchhaltevermögen gerechnet. Die junge Frau setzt alles daran, dass Daniel sie heiratet - und greift zu drastischen Mitteln, um Laura zu ruinieren ...  

Bewertung:

Michelle Frances' Debütroman ist eine Mischung aus Psychothriller und Familiendrama, ein Duell zweier Frauen, die beide um den gleichen Mann kämpfen - allerdings die eine als Partnerin, die andere als Mutter. Die Handlung fokussiert sich abwechselnd auf Cherry und Laura, der Leser wird über beide Frauen und ihre Gedankengänge gleichermaßen informiert.

Grundsätzlich ist Cherry die "Böse" und Laura die "Gute"; die Rollen sind jedoch nicht ganz so eindeutig verteilt, wie es anfangs den Anschein haben mag. Cherry wird nie zur Sympathiefigur, sie ist aber auch nicht von Beginn an ein Biest. Daniels monetärer Hintergrund ist definitiv wichtig für ihr Interesse, doch sie hat auch unabhängig davon Gefühle für ihn. Zudem möchte Cherry gern mit Laura befreundet sein und intrigiert erst, als dies aussichtslos ist. Laura wiederum neigt zur Überfürsorglichkeit bei Daniel, ihrem einzigen Kind. Sie reagiert teilweise übertrieben kritisch auf Cherry und leistet sich mindestens einen schwerwiegenden Fehltritt, bei dem sie kaum auf das Verständnis des Lesers zählen kann. Daniels Gedanken und Handlungen sind nachvollziehbar, und er ist eine sympathische Figur. Es ist kein Wunder, dass er von der schönen Cherry fasziniert ist, und es spricht für ihn, dass ihn ihre niedere Herkunft nicht stört. Dank seiner engen Beziehung zu seiner Mutter fühlt er sich bald hin- und hergerissen, und es ist nicht absehbar, wie es mit seiner Loyalität auf Dauer bestellt sein wird.

Spannend ist der Roman allemal. Es ist unterhaltsam zu verfolgen, was sich Cherry alles einfallen lässt, um Lauras Leben zu ruinieren. Es ist unklar, wie weit sie dabei letztendlich gehen wird. Aber auch Laura bleibt nicht untätig, sie stellt Recherchen zu Cherry an und bemüht sich nach allen Kräften, ihrem Umfeld zu beweisen, dass ihre Schwiegertochter in spe ein falsches Spiel treibt. Das ist alles andere als leicht, denn Cherry ist sehr intelligent und zugleich skrupellos. Man kann gut Lauras Hilflosigkeit angesichts dieser Intrigen nachempfinden. Zunehmend rücken Lauras Sohn, ihr Ehemann, ihre beste Freundin und ihre Arbeitskollegen von ihr ab, halten sie für hysterisch und zeigen immer weniger Verständnis für ihre Antipathie gegenüber Cherry. Die Situation spitzt sich immer weiter zu, und man möchte unbedingt erfahren, wie das Duell der Rivalinnen endet.

Die Handlung entwickelt sich allerdings sehr gemächlich. Zwar deuten sich die Spannungen zwischen Cherry und Laura schon bald an, aber man braucht einiges an Geduld, ehe es wirklich brisant wird. Anfangs verhält sich Cherry noch sehr zahm, und Lauras Gedanken wirken übertrieben. Sie bemuttert Daniel sehr, reagiert mehrmals übersensibel, und man kann nicht immer nachvollziehen, warum sie sich angegriffen fühlt. Folglich dauert es eine Weile, bis der Roman seinen Thrill entwickelt. Er ist zu Beginn zwar nicht uninteressant, aber gerade für Thrillerfreunde schleppt er sich doch ein wenig hin.

Des Weiteren ist Lauras Verhalten nicht immer nachvollziehbar. Sie fordert durch manche Handlungen Probleme geradezu heraus und macht es vor allem in der zweiten Buchhälfte Cherry leicht, gegen sie zu intrigieren. Es hat zwar seinen Reiz, dass Laura ihre Ecken und Kanten hat, doch ihr Vorgehen irritiert bisweilen. Letztlich hat es auch seine Nachteile, dass der Leser so detailliert Cherrys Pläne und Gedanken erfährt. Man rätselt nicht über ihre Motive, man braucht nicht zu spekulieren, wie viel sich Laura vielleicht einbildet und hinter welchen Vorkommnissen Cherry tatsächlich steckt, man wird direkt darüber informiert - was der Spannung mitunter etwas abträglich ist.

 Fazit: 

 "Das Gift der Seele" von Michelle Frances ist ein unterhaltsamer und solider Thriller. Höchstspannung gibt es zwar nicht unbedingt, zumal der Anfang etwas gemächlich ist. Aber wenn man keine allzu hohen Ansprüche stellt und einfach eine kurzweilige Lektüre sucht, ist der Roman grundsätzlich empfehlenswert.

2. April 2017

Es beginnt am siebten Tag - Alex Lake

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei HarperCollins
Seiten: 472
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Der Autor:

Alex Lake ist das Pseudonym eines Autors, der ursprünglich aus England stammt und jetzt in den USA lebt. "Es beginnt am siebten Tag" ist sein Debütroman, der gleich ein großer Erfolg wurde. Für Ende 2017 ist mit "Jeden Tag gehörst du mir" der zweite Thriller angekündigt.

Inhalt:


Rechtsanwältin Julia steckt mitten in der Trennung von ihrem Nochehemann Brian und hat ein stressiges Berufsleben. Ihr Lichtblick ist ihre fünfjährige Tochter Anna. Aufgrund ihres Jobs passiert es allerdings öfter, dass Julia Anna nicht pünktlich von der Schule abholen kann. So auch dieses Mal, als sie zwanzig Minuten später zum Schulgebäude kommt. Dort erlebt sie einen Schock: Anna ist nicht mehr in der Schule, sondern spurlos verschwunden.

Panisch suchen Julia und Brian gemeinsam mit der Polizei die Straßen ab. Zunächst hat Julia die Hoffnung, dass Anna sich in der Umgebung aufhält, vielleicht in einem Geschäft oder auf einem Spielplatz. Doch sie ist nirgends zu finden, und niemand scheint sie gesehen zu haben. Sechs Tage lang leidet Julia unter Angst und Selbstvorwürfen und rechnet mit dem Schlimmsten.

Am siebten Tag taucht Anna plötzlich wieder auf. Sie scheint unverletzt und hat keine Erinnerung daran, was mit ihr passiert ist. Julia und Brian sind überglücklich und glauben, den Alptraum überstanden zu haben. Sie ahnen noch nicht, dass Annas Wiederauftauchen zu einem größeren Plan gehört. Und dass der Alptraum für Julia gerade erst beginnt ...

Bewertung:

Etwa die erste Buchhälfte lang verläuft "Es beginnt am siebten Tag" von Alex Lake so, wie es man es von vielen Thrillern kennt: Ein Kind verschwindet, man vermutet eine Entführung, die Polizei sucht und die Eltern schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Auch wenn man durch den Rückseitentext weiß, dass Anna vorerst zurückkehren wird, liest sich das Geschehen fesselnd, und man fühlt mit der Protagonistin. Julia leidet neben der Angst um Anna unter schweren Selbstvorwürfen: Wäre sie sie pünktlich bei der Schule gewesen, hätte sie Anna in Empfang genommen und ihre Tochter hätte nicht unbemerkt verschwinden können. Dazu kommt, dass Julia nicht zum ersten Mal unpünktlich war, was ihr Nochehemann Brian nur zu gut weiß. Julia wünscht sich, dass sie in dieser schweren Zeit sich gegenseitig Halt geben, doch Brian ist dazu nicht in der Lage, er macht ihr unverhohlen Vorwürfe. Dann ist da auch noch Brians resolute Mutter Edna, die ihren Sohn fest im Griff hat und mit der Julia nie warm geworden ist. Genau wie Brian gibt auch Edna Julia das Gefühl, als Mutter versagt zu haben. Und schließlich kommen noch die Medien ins Spiel. Irgendwie haben sie von Julias Versäumnis erfahren, und schon bald wird fleißig in Foren und sozialen Netzwerken über die "Rabenmutter" gelästert. Dabei wird ihr Versäumnis noch schlimmer dargestellt, als es war, und Julia sieht sich hilflos Anfeindungen ausgesetzt.

Genau die enden auch nicht nach Annas Rückkehr. Brian ist zwar unendlich erleichtert, dass seine Tochter wieder da ist, aber das macht ihn um keinen Deut nachsichtiger gegenüber Julia. Die Medien bringen neue ungeheuerliche Vorwürfe gegenüber Julia aus und verdrehen die Wahrheit. Julia ist trotz ihres Versäumnisses eine sympathische Figur, man kann ihre Gedanken und Ängste gut nachvollziehen. Das Buch ist einerseits ein spannender Thriller mit einem ungewöhnlichen Verlauf, andererseits auch - sogar eher noch als ein Thriller - ein bewegendes Familiendrama. Die polizeilichen Ermittlungen werden nur am Rand thematisiert; der Fokus liegt auf Julias Ängsten um Anna, ihren Schuldgefühlen, ihren Konflikten mit Brian und Edna und auf den Vorwürfen der Medien und Bürger. Wer also erhofft, viel über die Tätersuche und die Vorgehensweise der Polizei zu erfahren, könnte enttäuscht werden.

Die Auflösung, was hinter Annas Verschwinden steckt, ist jedoch nicht erst ganz zum Schluss offensichtlich, sondern deutet sich dem Leser schon zu einem Zeitpunkt an, an dem Julia noch ahnungslos ist. Des Weiteren ist der Hintergrund für die Tat zwar raffiniert und recht originell, aber nicht gerade sehr realistisch, der Täter selbst wirkt übertrieben und konstruiert, nicht wie eine reale Person. Zwischendurch gibt es immer wieder kurze Kapitel, die aus Tätersicht erzählt werden - diese verraten vielleicht schon ein bisschen zu viel und hätten auch ersatzlos gestrichen werden können.

Fazit:

"Es beginnt am siebten Tag" von Alex Lake ist eine kurzweilige Mischung aus Thriller und Familiendrama mit einer ungewöhnlichen Auflösung, die allerdings auch ein bisschen konstruiert ist. Insbesondere für Thrillerfans liegt der Fokus eventuell auch zu sehr auf dem Familiendrama; grundsätzlich aber bleibt eine empfehlenswerte Lektüre mit hohem Unterhaltungswert.